Homophile Weber in Westtimor

Non Bife: Männer in Frauenrollen

Der kurze Text über die Existenz webender Männer in Amanuban ist, bezogen auf die Bedeutung dieses Themas, äußerst fragmentarisch und inhaltlich unbefriedigend. Erforderlich ist meines Erachtens unbedingt

  • die Erhebung biographischer Daten der wahrscheinlich letzten webenden Männer in Westtimor sowie
  • weitere ethnologisch-historische Forschungen zur sozialen Stellung, zur kulturellen Bedeutung und historischen Entwicklung sowie zum kulturellen Wandel angesichts zunehmender Globalisierungstendenzen auch in Ostindonesien.

Die einzige Rechtfertigung, meine dünne Datenlage in diesem Rahmen zu publizieren, besteht darin, auf diesen Gegenstand aufmerksam zu machen, und dazu zu motivieren, weitere Forschung zu leisten.

Otniel Be`is traf ich an einem Nachmittag im Mai 1990. In einem kleinen Handwerkbetrieb in Niki Niki, der Atoin-Meto-Textilien für den Verkauf in Amanuban oder den touristischen Bedarf in Ostindonesien produzierte. Jerimia Mellu, der Besitzer dieser Kerajinan, stellte mir Otniel vor. Om Nelis, wie ihn alle nennen. Er sei ein webender Mann, so Mellu, und wies mich damit auf eine Kuriosität hin. Er präsentierte mir Otniel als Exoten in der modernen Atoin-Meto-Kultur. Cornelis Talan, den zweiten webenden Mann, traf ich Monate später, im August in seinem Haus, in Oepuah. Erst in dieser Begegnung begriff ich, was ich damals in Niki Niki nicht verstanden hatte: Männer in Frauenrollen besaßen in der Kultur der Atoin Meto eine lange zurückreichende Tradition.

In der Vergangenheit ordneten die Atoin Meto männliche und weibliche Eigenschaften und Bereiche polar. Die Überschneidung der Gendergrenzen war per kultureller Definition eigentlich dem Ritual vorbehalten. Doch diese Konvention ist nur die Oberfläche kultureller Wirklichkeit. Es gibt natürlich Ausnahmen. Wie immer!

Ich trug die Scheuklappen wissenschaftlicher Fixierung, eine negative Begleiterscheinung der Konzentration auf einen Gegenstand. Ich war mit der Lösung einiger Rätsel der Ikonographie der textilen Ikonographie der Atoin Meto viel zu beschäftigt. Meine Faszination band meine Aufmerksamkeit. Ich hatte die Hersteller der Motive völlig aus den Augen verloren. Die interessante Gelegenheit, die die Begegnung mit Otniel Be`is bot, erkannte ich erst viel später.
Einige Tage später sprach ich mit Naomi Ladda Ton über den webenden Mann aus Niki Niki. Der sei keine Ausnahme, erzählte sie lachend. Sie selbst kenne zwei Männer, die weben könnten. Non Bife sei ihr Name. Diese Männer, fährt sie fort, kennen sich in allen Arbeiten aus, die Frauensache seien. Besonders in der Weberei.
Ihr Kichern, ihre vor den Mund gehaltene Hand, verunsichern mich. Unsere Unterhaltung ist ihr anscheinend peinlich. Was sie verlegen macht, was sie aber nicht benennen kann, ist die Überschreitung der Grenze zwischen den Geschlechtern. Sie nennt mir trotzdem Name und Adresse der beiden Männer. Cornelis Talan aus Oepuah, So`e, und Yehuda Tuke aus Hane, einem Dorf in Westamanuban.

Non Bife. Ein neuer Terminus. Das neue kulturelle Konzept erfordert eine etymologische Exegese. Ich besuche Yohanis Nahak, der mir schon öfter geholfen hat. Nahak ist Rektor der Grundschule in So`e und Mitglied der Volksvertretung (Anggota DPR).
Non Bife. Der Name für Männer, deren Identität, Lebensweise, Verhalten und Persönlichkeit in Amanuban weiblich konnotiert werden. Männer mit dem Selbstverständnis einer Frau.
Non Bife. Die Exegese beginnt mit einem Missverständnis. Wenigsten glaubte ich das. Auch Yohanis Nahak ist das Gespräch peinlich. Er tut so, als habe er sich verhört. Lenkt ab. Lenkt meine Aufmerksamkeit auf das ähnlich klingende Noen Bife. Eine Frau rufen. Ich bin unzufrieden. Seine Erklärung passt nicht in den Kontext, den ich inzwischen vermute. Ich frage nach und Nahak kommt dann doch noch auf den Punkt. Zögernd, einen angewiderten Ausdruck im Gesicht. Er erklärt mir den Sachverhalt.

Non Bife. Ein Mann, der das Leben der Frau kennt. Es ohne wenn und aber lebt. Nonot, Gewohnheit, Tradition und Vorstellung. Non ist die Kurzform. Bife heißt einfach nur Frau.
Naomi Ton und Nahak finden das anormal. Die Idee des Transgender.
Für ältere Atoin Meto schwingt im Namen Non Bife eine abwertende Bedeutung mit. Sie sei unhöflich, werde ich belehrt. Respektlos. Das Spiel mit Nuancen, das auf Höflichkeit und gegenseitigen Respekt größsten Wert legt. Ein Non Bife sei impotent. Schwul. Später lerne ich Eli kennen: Ein Transvestit. Er passt mit seiner Lebensweise ins Bild. Ein moderner Mann, nur weben kann er nicht. Für Christen wie Naomi Ton und Yonais Nahak ein schwieriges Thema. Schwierig nicht nur in Amanuban.

Non Fenai. Höflicher und besser. Nicht abwertend. Keine Diffamierung des anderen. Akzeptanz.
Fenai ist auch eine Kurzform. Feotnai, die einst respektvolle Anrede für die Töchter des Atoin-Meto-Adels. Feotnai ist zusammengesetztes Substantiv. Aus feto, weiblich, und nain, die Erde. Nain ist der landschaftlich nutzbare Boden. Eine Feotnai die Tochter eines Herrn des Bodens. Sagt man Non Feotnai, sagt man die Gewohnheit der Frau des Bodens. Das ist wörtlich gemeint. In den Überlieferungen der Atoin Meto ist die Erde der weibliche Pol des Kosmos und der Ursprung allen Lebens. In der Umgangssprache und im alltäglichen Gebrauch ist Non Bife üblich und gleichzeitig verpönt. Traditon und Moderne, welche Distanz.

Tage später treffe ich Andrew McWilliam im Bahagia am Pasar Lama in So`e. Wir trinken Tee und plaudern. Andrew ist Australier und Anthropüologe. Er arbeitet in der indonesischen Dorfentwicklung. Entwicklungsberater im Kantor Bangdes in So`e. Und forscht in Lasi. Mündliche Dichtung der Atoin Meto.
Ich erzähle ihm von Otniel. Er sagt cross-over und berichtet von flüchtigen Bekanntschaften. Mit diesen Männern in Nordzentraltimor.
Einer seiner Kollegen, der sich inzwischen zu uns gesellt hat, sagt banci. Das ist Indonesisch und bedeutet homosexuell. Und transsexuell.
Damit ist endgültig klar, wie die webenden Männer heute angesehen werden. Homophile Weber. Das sind sie.

Cross-over. Eigenartig. Erst mit diesem Begriff erwacht mein Interesse wirklich. Indonesische Textilien waren für mich bisher weiblich. Da bestand kein Zweifel. Weder in der Literatur noch bei meinen Informanten in Amanuban hatte ich anderes erfahren. Formal, funktional und symbolisch. Alles weiblich durchdrungen. Handwerklich. Die Männer kommen erst später. Sie sind Nutznießer weiblicher Kreativität und Produktivität. In den Lebenszyklusritualen sind Textilien weiblich. Ohne Ausnahme. Wie kommen Männer zur Weberei? Und all den anderen Frauensachen?

In seiner bahnbrechenden Studie hat der Niederländer Jager Gerlings es beschrieben und analysiert. Die Weiblichkeit indonesischer Textilien. Indonesische Ritualtextilien sind weiblich. Frauen sind Urheberinnen. Epigonen haben es unkritisch hingenommen. Trotz der Non Feotnai ist es richtig. Monate habe ich bei den Frauen gesessen und mit ihnen über Weberei geredet. Zum Missfallen der Männer. Skeptischen Blicken ausgesetzt. Letztlich haben sie es geschafft. Die Männer. Haben mich aus der Sphäre der Frauen befreit. Mich für ihre Themen interessiert. Rede und Dichtung.
Es sind strenge Verbote bekannt. Berührungsverbote. Tabus. Die Geräte der Weberei dürfen Männer nicht berühren. Oft nicht einmal in deren Nähe kommen. Befürchtete Verunreinigung. Die Berührung des Webgeräts ist eine sexuelle Geste. Die Berührung der Vagina. Die Toraja sagen dies. Bei den Atoin Meto drohte einst der maet mone`, der schlimme Tod im feindlichen Draußen. Wer der Weberei zu nahe kommt, nimmt Schaden. Stirbt alleine außerhalb der vertrauten Heimat.
Sind die homophilen Weber mutige Männer? Oder aufgeklärte Rationalisten, westlich gedacht?
Die Atoin Meto implizieren mit Weiblichkeit Passivität. Die Verbundenheit mit der inneren Sphäre der Gehöfts. Mit dem ume kbubu, dem Rundhaus, der Gebärmutter des Hofes. Weil im runden Haus die Kinder geboren werden. Die biologische Geburt. Das Heraustragen aus dem Haus markiert ihre soziale Geburt.
Männlichkeit impliziert Aktivität. Mobilität in der Welt außerhalb von Familie und Gehöft. Das männliche Ideal.
Frau-Sein bedeutet Gebundenheit. An Familie, Kinder, Haus und Hof und Siedlung.
Homophile Weber verlieren ihre Mobilität. Sind an das Haus gebunden. Wie Otniel, der kundige Weber. Wenige Frauen schaffen heute noch seine handwerkliche Qualität. Erreichen seine Kunstfertigkeit.
Ein Mann, der Gewebe herstellt, verliert die Möglichkeit, umherzuschweifens. In der äußeren Welt, die jenseits der Umzäunung seines Hofes beginnt. Er wird impotrent. Kein Krieger-Kopfjäger mehr, der für seinen Fürsten das Land ausdehnt. Es breit macht. Die Übernahme der weiblichen Rolle bedeutet den schlimmen Tod. Für den Krieger. Thetis verbarg einst Achilleus in Frauenkleidern. Erzwungene Weiblichkeit, der er sich verweigerte. Trotzdem fand er den Tod. Auf dem Schlachtfeld. Ein guter Tod. Für den Krieger.
Die Non Feotnai entziehen sich dem schlimmen Tod. Sie schlüpfen in die Identität einer Frau. Übernehmen deren Rolle. Und sind für die Männerwelt verloren. Vereindeutlichung. Die Vermischung männlicher und weiblicher Rolle. Genderidentität scheint aufgehoben.
Die Non Bife sind impotent. Nicht sexuell. Sie verlieren die den Mann charakterisierende Mobilität. Darum sind sie bis heute Non Bife. Stehen im Ruf der Anomalität. Sind peinlich im christlichen Amanuban.

Die im modernen Alltag unzulässige Vermischung des Weiblichen mit dem Männlichen, die den homophilen Weber definiert, wird mir zu spät bewusst. Dieses Lebens gegen den Strich, die freiwillige oder erzwungene Umkehrung kultureller Konzepte und Ideale ermöglicht eine besondere Perspektive. Die Perspektive eines Außenseiter auf seine Kultur.
Der androgyne Mensch, der der homophile Weber ist, wurde als Mann in eine Kultur geboren, in der Männlichkeit definierendes Privileg ist. Heute. Früher war das einmal anders. In dieser Kultur sozial zur Frau geworden, nimmt er an beiden Perspektiven des Menschseins teil. Der weiblichem und der männlichen gesellschaftlichen Rolle verbunden. Non Feotnai, oder Non Bife, wie sie heute hinter vorgehaltener Hand genannt werden, leben ihre weibliche Rolle, da sie ihrer geschlechtlichen Identität entspricht. In einer modernen, sozialen Umgebung, die versucht, ihn / sie auf eine männliche Rolle auszurichten. Dies scheint in Timor nicht immer so gewesen zu sein. Das wissen die Alten und berichten von prächtig herausgeputzten Männern, die sich öffentlich als Frau präsentieren.

Wissenschaftliche Relevanz

Informationen oder monografisch-ethnographische Texte zur Situation homophiler Weber in Amanuban oder Westtimor lagen damals nicht vor. Ich konnte diese Chance also nicht ungenutzt lassen. Ich wollte aber auch mein Forschungsprojekt über die textile Ikonographie nicht vernachlässigen. Ein Konflikt zwischen zwei kulturell benachbarten Phänomenen.
Ich war gezwungen, mich zu beschränken. Ich entschied mich für einen Fokus, der es mir ermöglichte, beide Themen zu verfolgen, ohne mein Studienfeld zu weit zu spannen. Für eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema Transgender, Homosexualität, Transsexualität oder gar Androgynität, war ich nicht gut vorbereitet. Mein wachsendes Interesse an diesen Männern motivierte mich, nicht mein Kenntnisstand. Besonders das eher undeutliche Gefühl mit Wesentlichem konfrontiert zu sein.

Ich entschloß mich, mir bekannte homophile Weber zu bitten, biographische Texte zu produzieren. Von diesen Interviews versprach ich mir Einsicht in für diese Männer relevante Bereiche ihrer Lebensweise und ihrer gesellschaftliche Rolle. Ein fest umrissenes Ziel, eine exakte wissenschaftliche Systematik strebte ich nicht an. Die Produktion subjektiver Daten schwebte mir vor.
Ohne konkretere Vorstellungen davon zu besitzen, was an homophilen Webern interessant und für die ethnologische Forschung wichtig ist, überließ ich mich zu Beginn meinem Gefühl. Und der vagen Hoffnung, die geplanten Gespräche würden schon zu einem roten Faden führen. Meine einzige theoretische Orientierung lag in der Überzeugung, dass Persönlichkeit und Kultur interdependent sind. Die Stimulation biographischer Texte, wie ich sie inszenieren wollte, sollte vorwiegend subjektive Aussagen über erlebte Wirklichkeit thematisieren. Die Spiegelung des jeweiligen kulturellen Kontextes war mein Ziel.

Biographische Texte sind für mich subjektive Konstrukte. Sie enthalten grundsätzliche Überzeugungen über das Wesen der kulturellen Wirklichkeit. Die Trennung des subjektiven Erlebens des Erzählenden von seinen kulturellen Überzeugungen, die Interpretation der Lebensverhältnisse des Erzählers und der Offenlegung der Interdependenz beider Aspekte verschob ich auf später. Mit ging es in erster Linie um die biographische Textproduktion an sich. Was ich mit diesen Texten später analytisch anfangen wollte, interessierte mich nicht. Mehr Möglichkeiten ließ mein eigentliches Forschungsprojekt ohnehin nicht zu.

Methodisch entschied ich mich für themenzentrierte Interviews mit offenen Fragen. Anknüpfungspunkt dafür war die Herstellung von Textilien. Der Dialog des Erzählers mit einem Zuhörer, der nur verbal in die Textproduktion eingreift, war mein bevorzugtes Instrument, das mir Detaillierung, Kondensierung sowie Gestaltschließung garantieren sollte.
Die mir gelieferten Erzählungen über markante biographische Ereignisse habe ich auf Band aufgenommen. Später wollte ich die Ausdrucksmodalitäten der Stimme des Erzählers auswerten und mit den notierten Besonderheiten des non-verbalen Ausdrucksverhaltens korrellieren.

Es stellte sich aber heraus, dass dieser Plan in der Praxis schwer zu verwirklichen war. Von Interview zu Interview optimierte ich die Interviewmethodik. Es kam, wie es kommen musste: Thema und Inhalt jedes Interviews wurden in situ immer wieder neu ausgehandelt. Das Ergebnis der biographischen Textproduktionen musste ich in mühsamer Schreibtischarbeit, durch die Transkription von oft nur lose verbundener Textfragmente
herausgearbeiten. Durch die Reflexion jedes Interviews sowie durch Analyse und abschließende Interpretation.
Was entstand war keine Wirklichkeit im Sinne objektivierbarer Sachverhalte. Ich erhielt eine dialogisch ausgehandelte und produzierte biographische Wirklichkeit. Eine einmalige Interaktion zwischen Erzähler und Zuhörer, die beide ihrem unterschiedlichen kulturellen Kontext verbunden sind. Die in den Söhnen Timors in Sphärenraum publizierten Texte sind Ergebnis dieses biographischen Schwerpunkts.

Abschließend halte ich erneut fest: Die Arbeit mit homophilen Webern in Amanuban, und darüber hinaus in Westtimor, steht weiter aus. Sie muss im Rahmen intensiver Feldforschung umfassender dokumentiert werden.

Copyright 2011. All Rights Reserved (Texte und Fotografien)

Die Texte der Atoin Meto-Forschungen sind urheberrechtlich geschützt. Die Seiten (Websites) Homophile Weber in Westtimor dürfen nicht kopiert und die Inhalte nur zum privaten Gebrauch verwendet werden.
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