Grammatischer Parallelismus und mündliche Dichtung

Grammatischer Parallelismus in den Tonis-Dichtungen der Kuan Fatu-Chronik

Meine Zuhörer sind inzwischen Leser geworden.
Sie sitzen nicht mehr im Kreis, sondern allein, jeder für sich
.
Wim Wenders, Der Himmel über Berlin, 1987

1. Parallelismus als Mittel der grammatischen Form

Das herausragendste Mittel zur Steigerung von Konzentration und Aufmerksamkeit der Zuhörer auf Inhalt und Mitteilung der Tonis-Dichtungen ist der grammatisch-kanonischeParallelismus der Form dieser Dichtungen, der so gut wie alle Verse kennzeichnet. Grundlegend basiert die dichterische Komposition in Amanuban auf dem sogenannten durchgehend grammatischen Parallelismus, wie ihn Lowth, Steinitz, Jakobson und zuletzt Fox ausführlich analysiert und kommentiert haben. 1

Parallelismus meint dabei die Anordnung der syntaktischen und semantischen Elemente eines Verses zu parallelen Lexempaaren sowie einzelner Verse zu parallelen Verspaaren. Als besondere Nuance des Amanuban-Parallelismus tritt darüber hinaus der folgende Sachverhalt in den Vordergrund: Parallele Lexempaare sind zwei asymmetrisch und hierarchisch angeordnete und aufeinanderbezogene Lexeme synonymer, seltener analoger, Bedeutung, auf dem der semantische und / oder thematische Fokus beruht, wodurch diesem Lexem oder Lexempaar eine besondere Aufmerksamkeit und Analyse zusteht.Gegenstand der folgenden Darstellung sind ausgewählte Beispiele des Phänomens der in ritueller Rede vorgetragenen mündlichen Dichtung. Absicht ist es, den vorliegenden Forschungsstand zu diesem Phänomen zu skizzieren. Ausführlicher beleuchtet werden dabei die formale Struktur mündlicher Dichtungen, das heißt: die syntaktischen und semantischen Besonderheiten eines grammatischen Parallelismus, den die angeführten Deispiele spiegeln. Um entsprechende Schlussfolgerungen und Kriterien für die Analyse der Texte der Kuan Fatu-Chronik zu erhalten sowie für die Einordnung meines Online-Forschungsgegenstandes in den generellen Rahmen der Forschung, sind diese Ausführungen erforderlich. Trotz des Umfangs dieses Abschnitts können ist es nur möglich, ausgewählte Beispiele zu zitieren, da die Publikationen zu diesem Gegenstand ausgesprochen zahlreich sind, und die Kulturen aller Kontinente und Zeiten einbeziehen und einen Zeitraum einbeziehen. Die in diesem Aufsatz vorgestellten Beispiele der einschlägigen Forschung umfassen die Jahre 1697 bis 1993. Forschungsgeschichtliche Theorien und Resultate, denen die vorliegende Untersuchung wesentliche Impulse verdankt, beziehen sich auf drei verschiedene Ansätze zur Untersuchung mündlicher Dichtung beziehungsweise ritueller Rede, die sich allerdings gegenseitig nur marginal zur Kenntnis genommen haben, obwohl ihre Forschungsergebnisse sich ergänzen und bereichern können:

  • die Theorie der Mündlichkeit, die Milman Parry in der Auseinandersetzung mit homerischen und serbokroatischen Quellen entwickelte, und die nach Parrys frühem Tod von Albert Lord präzisiert und bekannt gemacht wurde;
  • die von Hymes in den USA begründete ethnography of speaking;
  • die von J.P.B. de Josselin de Jong inspirierte, und danach zuerst von James J. Fox konsequent durchgeführte, Untersuchung des Phänoems einer sogenannten ritual language in Ostindonesien.

Heute geht man generell davon aus, dass zuerst in der Geschichte der sprachwissenschaftlichen Forschung Lowth in seiner 1753 erschienenen De sacra poesia hebraeorum praelectiones academicae 2 den Begriff Parallelismus bei der Untersuchung der formalen Dimension der hebräischen Poesie, wie sie das Alte Testament verwendet, als Forschungsgegenstand eingeführt hat. 3 In seiner 1778 erschienenen Isaias-Übersetzung 4 definiert Lowth den von ihm sogenannten parallelismus membrorum dann noch weit ausführlicher.
Wenn auch die Ergebnisse der Untersuchungen von Lowth, sowie die seiner Nachfolger, 5 später durch Jakobson weiter präzisiert, und sprachwissenschaftlich systematischer formuliert wurden, ist doch die folgende Definition des Begriffs Parallelismus, die wir Lowth verdanken, wegweisend für unser Verständnis dieses Phänomens geworden:

Die Entsprechung eines Verses oder einer Zeile mit einer anderen nenne ich Parallelismus. Wenn eine Aussage gemacht wird und eine zweite mit ihr verknüpft oder ihr untergeordnet wird und sich dabei bedeutungsgemäß gleichwertig verhält oder mit ihr kontrastiert oder bezüglich der grammatischen Konstruktion mit ihr verwandt ist, so spreche ich von parallelen Zeilen; und die Wörter oder Wortgruppen, die in den entsprechenden Zeilen aufeinander bezogen werden, nenne ich parallele Ausdrücke. 6 Zu analytischen Zwecken unterscheidet Lowth im weiteren drei Arten des alttestamentlichen Parallelismus. 7

Davies, der 1830 die Hypothesen von Lowth auf die Untersuchung chinesischer Quellen ausweitete, stellte ergänzend fest, dass der synthetische Parallelismus, wie er von Lowth definiert wurde, die bei weitem häufigste Art des Parallelismus der chinesischen Dichtung ist. Sie begleitet den semantischen Parallelismus, sodass neben einem Parallelismus der Bedeutung immer die Entsprechung der syntaktischen Konstruktion steht, nie umgekehrt. 8
In seinem Essay vertritt Davies ebenfalls die Auffassung von der formalen Übereinstimmung der Verse chinesischer Dichtung mit denen des Alten Testaments, obwohl der Parallelismus der chinesischen Dichtung, wegen der schriftlichen Fixierung der Dichtungen, weitaus präziser ausgestaltet ist, als derjenige des Alten Testaments. Parallelismus in chinesischer Literatur, so Davies,

pervades their poetry universally, forms its chief characteristic feature, and is the source of a great deal of its artificial beauty, 9

und zwar nicht nur in der Poesie, sondern ebenfalls in der Prosadichtung. 10
Ein Vergleich der chinesischen und der hebräischen mündlichen Dichtung aufgrund neuerer Publikationen, 10 als derjenigen von Davies, lässt sich knapp auf den folgenden Unterschied reduzieren, der Davies zwar im Prinzip bestätigt, ihn im Detail jedoch ergänzungsbedürftig erscheinen lässt: Im Gegensatz zu den gebundenen Versen der chinesischen Poesie und ihrer syntaktisch identischen Umgebung, erfordern die parallelen Lexempaare der hebräischen Poesie des Alten Testaments nicht diese Voraussetzung, sondern begnügen sich in der Hauptsache mit semantisch parallelen Lexempaaren. Vorgeschriebene, parallele Lexempaare sind zwar ebenfalls das auffälligste Kriterium der hebräischen Poesie, diese Paare sind allerdings nicht strikt analog-parallel, wie diejengen der chinesischen Dichtung, sondern können sowohl synonym-parallel als auch analogparallel sein (Lowth und Liu verwenden den Begriff antithetisch). Hebräische Dichtung bildet in grammatischer Hinsicht einen extremen Gegensatz zu den gebundenen Versen chinesischer Dichtung. Während der chinesische Kanon einen durchgehend syntaktischen Parallelismus bei relativ freier Wahl der verwendeten Lexeme fordert, basiert der hebräische Kanon auf der Komposition und Kombination paralleler Lexempaare in syntaktisch relativ ungebundener Umgebung. 12 Die von mir bearbeiteten Quellen zeigen im weiteren diesen Unterschied zwischen der Form chinesischer und hebräischer Dichtung, wobei der strikte grammatische Parallelismus in der chinesischen Dichtung auffällig von einer universellen Norm abweicht, die dem Dichter einen größeren Spielraum hinsichtlich der Versbildung einräumt. Die Vermutung, dass diese Besonderheit der chinesischen Dichtung auf ihre frühe Verschriftung zurückgeführt werden muss, ist sicherlich plausibel.

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