Die Weltanschauung der Atoin Meto

Dema-Gottheiten und die Herkunft der Nahrungspflanzen

Den Terminus dema schlägt A. Jensen (1966) für die Urzeit-Wesen vor, die durch ihre Tötung und Zerstückelung Nahrung und Kulturpflanzen in die Welt brachten.
H.G. Schulte Nordholt, ein Experte in bezug auf die Kultur der Atoin Meto, vertritt die Meinung, dass es keine verifizierbare Kosmogonie in dieser Kultur gibt. Vielmehr, so formuliert er, tritt uns bei den Atoin Meto der Mythos als esoterisches mit Kraft geladenes Wissen lediglich in Form der Herkunftsmythen einzelner Namen-Gruppen gegenüber. Mythen als esoterische und kraftgeladene Kenntnisse vom Ursprung bestimmer Dinge, Ereignisse und Personen liefern kulturrelevantes Wissen, verschlüsselt in einer formalen rituellen Sprache, das für Außenstehende nicht leicht zugänglich ist. Mythen befassen sich mit der Schilderung von Ereignissen deren Wirksamkeit Gegenwart und Vergangenheit so miteinander verbindet, dass beiden Zeitphasen Gleichzeitigkeit zuteil wird.
Auch in den Mythen der Atoin Meto sind Kenntnisse vom Ursprung bestimmter Dinge, Ereignisse und Personen verschlüsselt zusammengefasst. Jede kanaf, so erfuhr Schulte Nordholt von seinen Informanten, tradiert ihre eigene Mythen hinsichtlich ihrer Herkunft, Mythen, in denen gelegentlich Informationen über den Ursprung des Menschen und des Universums mitgeliefert werden (vgl. vor allem die Forschungen von P. Middelkoop seit 1939). Die Interaktionen zwischen den Menschen des Mythos und anderen Kräften des Universums beschränken sich weitgehend darauf, dass die Menschheit auf diese Weise ihre wichtigsten Kulturgüter erhält. Die Herkunftsmythen der Namen-Gruppen der Atoin Meto verleugnen den
mannigfaltigen Einfluss einer vierhundertjährigen christlichen Missionierung kaum, wenn sie verschiedentlich, in beinahe sinngetreuer Übernahme, alttestamentarische Erzählungen kolportieren wie zum Beispiel der Geschichte des Erbfolgestreits zwischen Esau und Jakob (siehe Middelkoop, 1939:89- 93).
Ganz im Gegensatz zu dem Standpunkt, den H.G. Schulte Nordholt hier vertritt, hat M.S. Laubscher für Westtimor Texte mit kosmogonischen Splittern zusammengetragen, die deutlich eine starke Regionalisierung im mythischen Material zeigen (1971:26-28). Weit verbreitetes Thema in diesen Abbrevationen von Schöpfungsmythen der Atoin Meto ist die am Anfang mitWasser bedeckte Erde (= Timor), aus der nur ein (oder wenige) Berggipfel aufragten. Solche Berggipfel bildeten den Wohnort eines apical ancestors, auf den sich einzelne Namen-Gruppen herrschender Kreise der Atoin Meto-Gesellschaft genealogisch zurückführen. Darüber hinaus ist diesem Urahn die heutige (trockene) Gestalt der Erde zu danken sowie diverse spirituelle und materielle Kennzeichnen ihrer Kultur. Ob die beiden Gottheiten uis neno (der personifizierte Himmel) und uis pah (die personifizierte Erde) Schöpfergottheiten, sind oder nur als Verwalter der Schöpfung angesehen werden können, ist aufgrund der Quellenlage unentscheidbar. Auch über den Ursprung bzw. die Art und Weise des anfänglich vorhandenen Wassers (des chaotisch mannigfaltigen Ur-Zustands), aus dem ein Berggipfel herausragt, schweigen die Quellen. Nur soviel: Bei den Schöpfungsvorstellungen der Atoin Meto handelt es sich nicht um eine creatio ex nihilo. Die Weltschöpfung wird nicht als eine Erschaffung aus dem Nichts dargestellt, sondern als Hervorgang der Welt aus einem chaotischen Urzustand. Die Symbolik des Urchaos als Wasserfläche, aus der sich anfänglich ein Berg erhebt, weist auf eine Vorstellung von der Schöpfung als Individuation hin. Das Wassersymbol stellt ein geradezu ideales Bild für das undifferenzierte, ungeordnete Durcheinander des Urchaos dar. P. Middelkoop (1949:8) berichtet von den Vorfahren der Namengruppe Albano, die aus dem Boden hervorwuchsen. Inwieweit die Atoin Meto Vorstellungen tradieren nach denen eine personifizierte Erde (Erd-Mutter) den Schöpfungsprozess durch ihren eigenen Tod einleitete, dem Erde und Menschen ihre heutige Gestalt verdanken, ist nicht zu beurteilen.
Die Verehrung von uis pah als Fürst Erde und bestimmte Phänomene des Totenrituals, lassen sich ohne weiteres durch Vergleiche mit anderen ethnolinguistischen Gruppen Timors, deren orale Tradition christlicher Überfremdung entgangen ist, in diese Richtung interpretieren (siehe Traube, 1980a; 1980b).

In bezug auf die dominierende Nutzung von Pflanzen in einer Kultur zur Existenzsicherung lassen sich drei Methoden unterscheiden:

  • die Ernte von wildwachsenden Pflanzen beziehungsweise deren Früchten oder Körnern;
  • der Knollen- und Staudenanbau, sowie die Nutzung von Fruchtbäumen;
  • der Körneranbau (Getreide, Mais, Reis in groß angelegten Feldern, eventuell mit künstlicher Bewässerung).

Die Atoin Meto erwirtschaften ihre Existenzgrundlage bis heute zum größten Teil durch den Körneranbau im Brandrodungsfeld (ladang). Als zusätzliche Nahrungsquelle, und in Zeiten extremer Not, wenn die Regenfälle zu lange ausbleiben, greifen sie auf die früher verwendete Hauptnahrung zurück, auf Knollen, Stauden- und Baumfrüchte. Mythologisch spiegelt sich dieser ältere Nahrungserwerb im Motiv der zerstückelten Gottheit wider. Entsprechende Mythen berichten von der Entstehung der Nahrung (das heißt hier der Knollen- und diverser Baumfrüchte) aus den Leichenteilen eines zerstückelten Gottes oder Kulturheros. Die so erworbene Nahrung wird nicht in großangelegten Feldbauprojekten mit Monokulturen, sondern als Mischkultur in Gärten angebaut. Kulturen mit dieser Wirtschaftsweise bezeichnet die Ethnologie als Pflanzerkulturen. Aufgrund ihrer Wirtschaftweise bildet die Kultur der Atoin Meto einen Übergangstypus, da sie ihre Existenzgrundlage durch Knollen- und Staudenanbau sowie auch durch Körneranbau sichert. In den religiösen Vorstellungen von Pflanzerkulturen, deren Wirtschaftsweise der Knollenanbau charakterisiert, spielen Schöpferwesen eine Rolle, die für die Ausgestaltung der Welt und die bestehende Ordnung verantwortlich sind. Meistens handelt es sich um Urzeit-Wesen, die nach ihrer schöpferischen Tätigkeit aus der Realität der Menschen verschwanden, oder um ein otioses Himmelswesen, das sich um die Alltagsprobleme der Menschen nur sehr wenig kümmert. Pflanzerkulturen zeichnen sich ebenfalls durch eine starke Betonung des Weiblichen aus, die sich einerseits in ihrer Sozialstruktur ausdrückt und andererseits den mythisch-kultischen Bereich charakterisiert. Dabei wird die weibliche Erde gerne als ein Pendant zu einem männlichen Himmel gesehen, beide im Hieros Gomos miteinander verbunden sind.

Die orale Tradition der Atoin Meto kennt Dema-Gottheiten, vor allem in der Person der Schwester des mythisch-legendären Herrschers in Zentraltimor, des Sonba`i, im Krokodil und in der Schlange (insbesondere der Python, die darüber hinaus in einigen Mythen mit der Schwester des Sonba`i identisch zu sein scheint). Diese Dema-Gottheiten sind nicht allgegenwärtig oder leben etwa in einem räumlich vorgestellten Himmel. Ihre einzige aktive Wirksamkeit liegt in der längst vergangenen Urzeit – oder besser am Ende der Urzeit. Durch ihr schöpferisches Wirken beschließen die dema die Urzeit, nicht durch handwerkliche Arbeit, sondern durch Tötung einer Dema-Gottheit durch andere Dema. Das wichtigste Mythologem dieses Zyklus stellt den Kreislauf vom Sterben und der Auferstehung des Lebens beziehungsweise der Fruchtbarkeit dar. Der eigentliche Grund dafür, dass ein Dema in den Rang von Gottheiten erhoben wird, liegt in der Tatsache begründet, dass aus seinem Tod Leben entsteht. Dieser Aspekt ist die grundlegende Idee der pflanzerischen Weltanschauung. Sehr deutlich wird die Dema-Vorstellung in der oralen Tradition und in den Lebenszyklusritualen der Mambai in Osttimor zum Ausdruck gebracht. Die Mambai sind eine ethnolinguistische Gruppe, die in den Gebirgstälern Zentralosttimors siedelt, und deren austronesische Sprache eng verwandt ist mit dem Ema`- und Tetun-Idiom. In ihren schwarzen und weißen Ritualen nehmen die Mambai ständig Bezug auf den Ursprung des Universums durch den Dema-Tod der Mutter-Erde: our Mother´s flesh finally decompses – but not completely. Half of her – her outer, or upper half – rots and became the ´dead half/black half´ (baiseri maten / baiseri metan). Her inner, or lower half, is untouched and becomes the ´live half/white half´ (baiseri morin / baiseri butin). This undecayed interior enters the pure white waters of the underground, the ´white wetness / oozing earth´ (tit buita / rai rin), the milk into which all things anchor their roots to nurse (Traube, 1980:302).

P. Middelkoop (1936:411) weist auf einen Mythos der Atoin Meto hin, der davon berichtet, dass die Nahrungspflanzen aus dem in kleine Stücke geschnittenen und ausgesäten Körper der Tochter einer Frau entstanden seien, die den Menschen auf ihre Bitte um Saatgut von uis neno gegeben wurde. Auch A. Kruyt (1923:473-474) erfuhr davon, dass die Atoin Meto den Ursprung von Reis und Mais mit Wesen verbinden, die aus dem Himmel stammen und deren Körper die Quelle der Nahrung für die Menschen wurde. Auf Seite 474 erwähnt er, dass seine Informanten in Amarasi das Krokodil für ihren Wohltäter halten, da sie ihm den Reis verdanken. Die Überzeugung der Atoin Meto, das Krokodil sei der Ursprung der Nahrungspflanzen, findet sich in der Literatur an mehreren Stellen. Dort wird in der Regel davon berichtet, wie Fürst Skorpionfisch (uis ika kabiti), voll Mitleid mit seinen hungernden Kindern war und er ihnen den Befehl erteilte, ihren Vater und Großvater zu töten und zu begraben (Kruyt, 1923:474): der Ur-Urahn seinen Kindern den Auftrag gab, seinen Kopf abzuhacken … zum Vorschein kamen die Nahrungspflanzen (Middelkoop, 1971:437-41). A. Kruyt berichtet weiter, dass aus den Körperteilen des Getöteten die Nahrungspflanzen gewachsen seien. Nun ist aber uis ika kabiti (auch: oe kbiti, der im Wasser lebende Skorpion) eine Parallelbezeichnung für das Krokodil, dessen wirklicher Name viel zu heilig ist (mit gefährlicher Energie geladen), um ausgesprochen zu werden. Auch die Tilan (eine Namen-Gruppe in Südwesttimor) halten das Krokodil für pemali (tabu) und bitten es im Gebet um Nahrung und Vieh (Büffel). Auf die Rolle, die das Krokodil im Denken der Atoin Meto spielt, werde ich unten ausführlicher eingehen.

Bei der Betrachtung solcher Mythenabbrevationen, deren Überlieferung wir der Aufmerksamkeit von A. Kruyt und P. Middelkoop verdanken, fällt ein Widerspruch auf, der sich nicht direkt mit dem Dema-Mythologem vereinbaren läßt. Dieser Widerspruch bezieht sich auf die Nahrungspflanzen, die die Atoin Meto dem zerstückelten Krokodilahn verdanken. Reis und Mais, also Körnerfrüchte, gehen streng genommen nicht auf Dema-Gottheiten zurück. Für die Atoin Meto bietet sich jedoch eine naheliegende Erklärung für diesen Widerspruch an, eine Erklärung, die gleichzeitig die Dema-Vorstellung, die das Mythologem vom Sterben und der Auferstehung des Lebens oder Fruchtbarkeit ist, für Timor-Kulturen als autochthon beanspruchen will. Die Invasion der Tetun irgendwann im 14.Jahrhundert, die aus ihrer Heimat Sina Muti Malaka (= Malaya) den Anbau von Reis und die damit verbundenen Technologien und Vorstellungen (Kopfjagd und Menschenopfer zur Sicherung der Fruchtbarkeit; für die Kopfjagd in Westtimor vgl. Middelkoop, 1963) auf Timor einführten, haben die autochthonen Kulturen nachhaltig beeinflußt. Ihre expansive Politik der Landnahme und der Heiratsallianzen, die der von Middelkoop bearbeitete Sonba`i-Mythenkreis reflektiert (siehe auch van Wouden, 1968), hat im Denken der Atoin Meto eine Vermischung verschiedener Vorstellungen (Dema- und Saatraubmythologem) bewirkt (die Atoin Meto-Tradition vermischt Mythologeme, die die ethnologische Theorie verschiedenen Wirtschaftsweisen zuordnet: das sogenannte Saatraubmotiv gehört in das Inventar von Ackerbaugesellschaften mit Körnerfruchtbau, großen Feldern und Speicherhaltung). In diesem Zusammenhang darf man nicht übersehen, dass authochthone Vorstellungen von den neuen Machthabern mit Sicherheit für ihre politischen Zwecke transformiert wurden, die neben den Heiratsallianzen (deren Niederschlag ebenfalls in den Mythen zu finden ist) der religiösen Legitimation von politischer Macht und der Inanspruchnahme von politischen Funktionen dient: der himmlischen Abstammung des Sonba`i (als ana uis neno, Gott-Kind) und die Verkörperung einer dema-Gottheit durch seine Schwester.

Copyright 1992 – 1995. All Rights Reserved (Texte und Fotografien)

Die Texte der Atoin Meto-Forschungen, Ein quellenkritischer Überblick über die ethnographische Literatur, sind urheberrechtlich geschützt. Die Seiten (Websites) dürfen nicht kopiert und die Inhalte nur zum privaten Gebrauch verwendet werden.
Jegliche unautorisierte gewerbliche Nutzung ist untersagt.

Advertisements

Pages: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12

  1. Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: