Die Weltanschauung der Atoin Meto

Himmelsgott und Erdgöttin

Bei H.G. Schulte Nordholt heißt es in bezug auf die Religiosität des Atoin Meto er sei ein homo religiosus: The hidden world is not supernatural in the sense that it acts counter to the normal order of human existence. On the contrary, the order of the Atoin Meto´s world has its very roots in hidden world. That is why a correct performance of the ritual is of such great importance (1971:151).

Unter den Bezeichnungen uis neno und uis pah personifizieren und verehren die Atoin Meto Himmel und Erde als Voraussetzung und Grundlage ihrer landwirtschaftlichen Aktivitäten. Uis pah (Fürst Erde; weibliches Prinzip) und uis neno (Fürst Himmel; männliches Prinzip) werden von den Atoin Meto als eine Polarität verstanden; sie entsprechen und ergänzen einander als Polarität und bilden gemeinsam eine asymmetrische göttliche Zwei-Einheit, in der uis neno eine gewisse Hegemonie ausübt (aus den Quellen geht nicht deutlich hervor, ob diese Hegemonie, die von uis neno ausgeübt wird, auf den Einfluss der christlichen Mission zurückgeht. Diese glaubte in uis neno das höchste Wesen der Atoin Meto zu erkennen und verwendete dessen Namen als Schablone für den christlichen Gott. Diese Hegemonie bedeutet nun nicht, uis pah sei lediglich eine Emanation von uis neno. Beide bilden zwei unterscheidbare Einheiten, die allerdings nicht voneinander zu trennen sind. Die eine kann ohne die andere nicht existieren: die trockene Erde (uis pah) wird nur durch den lebenspendenden Regen / Samen des Himmels (uis neno) fruchtbar; s.a. Traube, 1980; Friedberg, 1980).

Darüber hinaus enthält die Literatur über die Atoin Meto Hinweise, die trotz der isolierbaren Dema-Vorstellungen darauf schließen lassen, dass die geschlechtliche Beziehung zwischen Himmel und Erde alles hervorgebracht hat: die Menschen, das trockene Land (die Atoin Meto nennen sich selbst atoin pah meto (Menschen des trockenen Landes.), das Vieh und alle anderen Tiere und die Pflanzen (Schulte Nordholt, 1971:144). Aber auch E. Traube (1980a und 1980b) beschreibt, wie in der oralen Tradition der Mambai (Osttimor) die Erde erst unter Mitwirkung des himmlischen Regens selbst zur schöpferischen Dema-Gottheit wird. Überlieferungen dieser Art scheinen nur oberflächlich in einem Gegensatz zu den überlieferten Namen uis pah und uis neno zu geraten zu sein. Uis beziehungsweise usif bedeutet Herr, Herrscher (im Sinne von Regent) und bildet den Titel den adelige Männer tragen. Geht man von der Annahme aus, dass Vorstellungen, die Himmel und Erde als männlich und weiblich polar ergänzen, der ursprünglichen Weltanschauung der Atoin Meto vertraut sind, dann muss entweder angenommen werden, dass der Titel uis für beide Geschlechter verwendet werden kann (in der oralen Tradition der Atoin Meto scheint der Titel uis auch für adelige Frauen belegt) oder dass er im Namen von uis pah späteren Datums ist, und dass die ursprüngliche Polarität ursprünglich pah-neno gewesen ist. Bei einem Mythos, der mit dem Herrscherhaus Sonba`i verbunden ist, erzählt von einer Schwester des Sonba`i, die mit dem Ursprung der Nahrungspflanzen, die ihrem Körper entspringen, verbunden ist. Bei den Überlieferungen um das (halb-?)mythische Herrscherhaus des Sonba`i, das häufig in den Mythen personifiziert wird, handelt es sich um Berichte aus der Zeit als der Vorfahr dieses Herrscherhauses zusammen mit seinen Geschwistern zur Landnahme nach Westtimor aufbrach. Als Ergebnis dieser Landnahme beschreibt der Mythenzyklus die politische Gliederung der Kultur der Atoin Meto in drei Regionen. Als Herkunftsregion des Sonba`i nennt der Mythos Waiwiku-Waihale, die politisch-rituelle Konförderation im Zentrum der Tetun im heutigen Südbelu. Sonba`i, der sakrale Herrscher in Zentral- und Nordtimor tritt in der oralen Tradition der Atoin Meto durchgehend als der jüngere Bruder des Liurai, des sakraken Herrschers in Südbelu, auf (s. Middelkoop, 1938). Dieser Mythos erhebt den Sonba`i und seine Schwester in einen göttlichen Rang, und bezeichnet sie als Kinder von Uis neno: Sonba`i the man, is the son of the Lord of Heaven (uis neno ana), while his sister, also addressed as uis neno ana, is clearly associated with the earth … she is even calls ruler of the earth, probably a translation of ana`plenat (= he or she who has authority (Schulte Nordholt, 1971:271-272). Der Sonba`i und seine Schwester verkörpern eine Polarität, weiblich-männlich, die die kosmische Einheit von Himmel und Erde repräsentiert. Dieser Mythos bestätigt aber auch die einstige Verwendung des Titels uis für (bestimmte ?) adelige Frauen.

Die geschlechtliche Gegenüberstellung von Himmel und Erde (aus deren geschlechtlicher Vereinigung auch bei den Atoin Meto die Schöpfung im Hieros-Gamos entsteht) ist auf Timor, und darüber hinaus in ganz Ostindonesien ein weit verbreitetes Gedankengut (Laubscher, 1971:199-202). Aufgrund unten noch zu erörternden Symbolik der Opferpfähle (tola), kann diese Vorstellung auch für die Atoin Meto in Anspruch genommen werden. Im Gegensatz zu dem inzwischen durch die christliche Missionstätigkeit modern erscheinenden monotheistische Hochgott uis neno ist der Grad an Individualität von uis pah begrenzt. Hinweise, die Charakter und Funktion von uis pah näher beleuchten können fehlen in den Quellen beinahe völlig. Es ist deshalb wohl nicht falsch anzunehmen, dass die detailierten Kenntnisse über Charakter und Funktion des uis neno dem intensiven Bemühen christlischer Missionare und Ethnologen zu danken sind, einen Hochgott zu konstruieren, der im Himmel residiert. Die dunkle, weibliche und verschlingende Erd-Gottheit uis pah muss den christlichen Missionaren suspekt geblieben sein, vor allem wohl deshalb, weíl sie sich weder als christlicher Lichtgott noch als dessen Mutter eignet. Der ostindonesischen Mentalität entspricht die oben angedeutete geschlechtliche Polarität dagegen eher. H.G. Schulte Nordholt gibt diesem Gedanken Ausdruck wenn er uis neno als high up in the sky and far away beschreibt: He is the elevated one, the high one (afinit, amnanut) – the supreme being. He is le`u, which is perhaps best translated with holy, awe-inspiring, deus tremendus. He is nuni, taboo, in the sense that he stands aloof and is unapproachable (1971:144).
Etymologisch bedeutet neno Tag und Himmel. Im Gegensatz zum Mond (funan) bezeichnet neno die Sonne als Tagesgestirn. Die Entsprechung Mond-Erde und Sonne Himmel ist in den Mythen der ostindonesischen Ethnien nichts Außergewöhnliches (s. Schmidt, 1910). Uis neno ist strahlend und feurig wie die Sonne, er ist aber auch das Dach, das sich schützend über die ganze Menschheit ausbreitet. Auf der einen Seite ermöglicht er den Menschen die Nahrungsgewinnung, da er den befruchtenden Regen (Samen) sendet, auf der anderen Seite ist er aber auch für die langen Trockenperioden der Insel verantwortlich, da er als Sonne die Erde verbrennt. Aus diesem Grund beschreiben die älteren Quellen uis neno auch als eine Art Naturgottheit, als den Ursprung allen Seins, dessen greifbarste Manifestation die Sonne ist (Riedel, 1887:278; Bruijnis, 1919:171; Gramberg, 1872:206-7).

Eine andere weniger erwartbare Manifestation von uis neno ist das ebenfalls männlich klassifizierte Wasser, das Element, das im Regen mit dem Samen von uis neno gleichgesetzt wird. Als Gott des Wassers ist er identisch mit uis oe, dem Krokodil, dessen Aufenthaltsorte die Flüsse und Seen Timors sind. Parallel dazu identifizieren die Atoin Meto auch uis pah mit einem Tier, nämlich der Python (uis meto, Herr des trockenen Landes). In seiner Identifikation mit dem Wasser ist uis neno der wohltuende Kühle, Erfrischung und Gesundheit (mainikin) spendende Wohltäter im Sinne von Wohlergehen, Reichtum und Frieden (wie in Abschnitt 2.2. noch beschrieben wird, dient das Element Wasser im Ritual zur Reinigung der Gemeinschaft und zur Abkühlung der mit menas (heiß-gefährlich-todbringend) infizierten Menschen, Objekte und Ereignisse). In seiner Erscheinung als uis oe garantiert der Himmel Fruchtbarkeit, Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit zwischen den Menschen (Schulte Nordholt, 1971:142-143; Middelkoop, 1960:24). Die an anderer Stelle ausführlicher dargestellte Bedeutung des Krokodils für die Atoin Meto- Kultur (siehe Kapitel 1.1.6.) hängt mit der Beziehung zusammen, die dieses Tier zu uis neno (dem himmlichen im Gegensatz zu dem irdischen Wasser) unterhält. Aufgrund der spärlichen Quellenlage ist letztlich nicht zu entscheiden, ob das Krokodil in Westtimor als erdgebundene Verkörperung himmlischer Kräfte aufgefasst wird, die die mit dem Begriff mainikin verbundenen Qualitäten garantiert. Im kosmischen Weltbild der Atoin Meto berührt die See am Horizont den Himmel, womit sie in die überirdische Einflusssphäre von uis neno gehört. Betrachtet man nun Stellung und Bedeutung des Krokodils in anderen alt-indonesischen Kulturen erscheint das Krokodil als eine Verkörperung der weiblichen Erdgottin (siehe zum Beispiel Schärer für Südwestkalimantan, Borneo, 1946:19-20). Diese Auffassung wird auch der symbolischen Klassifikation der Atoin Meto gerecht, die einerseits sympathetische Beziehungen zwischen dem männlichen uis neno, dem Himmel sowie der Luft und dem Vogel herstellt (zur Symbolik des Vogel siehe Kapitel 2.3.2, Bedeutung der Ornamentik) und andererseits einer weiblichen Gottheit uis pah, der Erde, dem Wasser und dem Korokodil beziehungsweise Schlange (als erdhaftes Wesen).

Copyright 1992 – 1995. All Rights Reserved (Texte und Fotografien)

Die Texte der Atoin Meto-Forschungen, Ein quellenkritischer Überblick über die ethnographische Literatur, sind urheberrechtlich geschützt. Die Seiten (Websites) dürfen nicht kopiert und die Inhalte nur zum privaten Gebrauch verwendet werden.
Jegliche unautorisierte gewerbliche Nutzung ist untersagt.

Pages: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12

  1. Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: