Die Weltanschauung der Atoin Meto

Die ehemalige Bedeutung des Krokodils in Westtimor

In den religiösen Überzeugungen der Atoin Meto spielt das Krokodil eine ganz besondere Rolle. Ganz allgemein verehren sie das Krokodil mit dem sie sich innig verbunden fühlen: Many clans believe in the crocodile being their ancestor schreibt P. Middelkoop (1958:385).
In Westtimor leben zwei verschiedene Krokodilarten. Das kleinere von ihnen ist von hellroter Farbe und wegen seiner Aggressivität sehr gefürchtet. Es wird das dreifingerige Krokodil genannt, weil es an jedem Fuß es nur drei Klauen besitzt. Das andere Krokodil nennen die Atoin Meto Krokodil mit den fünf Fingern. Es ist grün und sehr viel größer, als die erste Spezies. Es ist dieses fünffingerige Krokodil, das in vielen Namen-Gruppen der Atoin Meto als apical ancestor verehrt wird (Middelkoop, 1958:385 und 1971:436).
Der Name des Krokodils in der Ritualsprache lautet besimnasi und ist wohl kaum die alltagssprachliche Bezeichnung dieser Riesenechse. Zusammen mit Schlangen, Spinnen, giftigen Raupen, Eidechsen, Schnecken oder Fröschen bezeichnet man das Krokodil mit dem undifferenzierten Sammelnamen kauna. Respektvoller ist der Titel uis oe (Herr des Wassers) für das Krokdil und in der alltäglichen Rede üblich. Die Verwendung besimnasi als Anrede des Krokodils ist im Alltag tabuisiert, da er viel zu gefährlich und mit gefährlich heißer Energie (menas) aufgeladen ist. Pieter Middelkoop (1963:14-16) geht von einem Zusammenhang der Lexeme besi (Eisen), schädlicher Hitze (menas) und Unverwundbarkeit aus, der im Denken der Atoin Meto verbunden und im Krokodil realisiert ist. Er begründet dies mit Bezug auf ein Ritual (nai napit), dessen Funktion darin besteht, einen Feind magisch zu beeinflussen um ihm seine Widerstandskraft zu rauben. Die synonymen Termini mate lan besi (d.h. der schlimme Tod; mate bedeutet sterben) und mate nai napit beziehen sich auf die Vorstellung, daß dieser schlimme Tod, die Atoin Meto sprechen von einem unreifen (mate) Tod, durch die Einflussnahme eines unsichtbaren Feinds verursacht wird, der dem Opfer magisch seinen Einfluss aufzwingt. P. Middelkoop (1963) interpretiert diese Bezeichnung des Krokodils, besimnasi, auf diesem sprachlichen Fundament: Die außergewöhnlichen Fähigkeit dieser Echse beruht auf dem Glauben, daß das Krokodil Menschen in einen unwiderstehlichen Bann zu ziehen vermag, ihnen ihre Widerstandkraft und damit ihre Entscheidungsfreiheit raubt. Das Krokodil ist in den Worten von P. Middelkoop the old spell-binding one (1963:15): besi=mnasi, magisch-bannend; mnasi, alt (auch als respektvolle Anrede alter Menschen, insbesondere Funktionsträger, wie Seo mnasi, Soe, der Alte).

Es ist die eisenharte, für unverwundbar gehaltene Haut des Reptils, die dieser Überzeugung zugrunde liegt und die zu allen Zeiten faszinierend auf Menschen gewirkt hat. Middelkoop liefert einen kaum zu widersprechenden Beleg für seine These: den Ausdruck meo ao besi, mit dem die Atoin Meto den von ihnen ebenfalls als Wohltäter verehrten und als meuchelnden Attentäter gefürchteten Krieger-Kopfjäger bezeichnen. Ein meo ao besi ist der Krieger-Kopfjäger mit dem eisernen Körper (ao, Körper; besi, Eisen). Dessen Körper ist durch seinen besonderen Status, zeitweise Krieger-Kopfjäger und aktiviert für die Gemeinschaft gefährlich beziehungsweise heiß (menas) zu sein, dem Eisen (besi) ähnlich, daß ihm die erforderliche Unverwundbarkeit garantiert (Middelkoop, 1963:15). Aufgrund seiner Rolle verfügt der meo ao besi selbst über magische Qualitäten und Fähigkeiten.

Der Feind, dessen Kopf sein Interesse gilt, wird durch seine magische Energie (spell-binding) machtlos, erstarrt vor Furcht. Diese Vorstellung, daß ein Krieger-Kopfjäger besi und gleichzeitig menas ist, macht ihn für eine Gesellschaft, die ihr Ideal in einem Zustand des mainikin (kühl) sieht, äußerst gefährlich. Dafür spricht einerseits die zeitweise Absonderung eines meo nach seiner Heimkehr von einem erfolgreichen Kopfjagdunternehmen, andererseits die rituelle Erhitzung zu Beginn von Krieg und Kopfjagd: how being hot and invulnerable are closely connected. That is why the headhunter was not allowed to enter into his house and have sexual intercourse with his wife until he had been made ´cold´ or as we should say ´profane´ (…) they said that to be necessary to throw the ´hotness´ of the sphere of warfare (Middelkoop, 1963:16). Diese fragmentarischen Hinweise, die Eisen, Kopfjagd und Krokodil aufgrund gemeinsamer Attribute miteinander verbinden und sie, zumindest zeitweise, einer gemeinsamen Sphäre zuweisen (menas), die unkontrolliert der Gemeinschaft schadet, deuten an, daß die heiße (schädliche, krankmachende) Sphäre der alltäglichen Lebenswelt auf polare Weise entspricht und sie ergänzt. Die Polarität von Kühle (Frieden) und Hitze (Krieg) sowie deren rituelles Management durch die Gemeinschaft, beinhaltet die ganze Welt. Pieter Middelkoop (1963:17-18) kommentiert diesen Sachverhalt mit folgen Worten: in various tribes the enmity-magic (´le`u musu´) seems to be closly connected with the crocodile as a totem of the ancestors. Middelkoop (1963:15) und Schulte Nordholt (1971:39) weisen noch auf eine andere Interpretationsmöglichkeit hin, die auf klanglicher Assoziation beruht und die besimnasi, den Namen des Krokodils, als be`i mnasi eine ganz andere Bedeutung gibt. Aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit von besimnasi und be`i mnasi eignen sich beide Lexeme gut für analogische und sympathische Spekulationen und Wortspielereien, ein Mechanismus, der derrituellen Rede der Atoin Meto ohnehin vertraut ist. Gleichzeitig tragen solche Theorien, die auf sprachlichen Assoziationen beruhen, das Krokodil in den Raum verwandtschaftlicher Beziehungen, wo es dann auch als apical ancestor einzelner Namen-Gruppen auftaucht: be`i is the same word as that used for genetrix, grandmother (…) ´she´ is, for instance, the great ancestress (be`i) of the house of Senak, the lineage of the most important chief of Bikomi in Miomafo. A daughter of the first Senak was named Bikomi, and she was turned into a crocodile, thereby giving her name to the area. Killing crocodiles is taboo for the Atoin Meto, and if one is killed in selfdefence, for example, Senak has to bury ´her´ as though it were a human being. All over the island the crocodile is considered a holy animal, and is frequently depicted in weaving pattern (Schulte Nordholt, 1971:39).

Übereinstimmend berichten die vorhandenen Quellen über die besondere Bedeutung, die die Atoin Meto dem Krokodil zugestehen. Die Beziehung, die dieses Reptils als apical ancestor zu einzelnen Abstammungsgruppen unterhält beziehungsweise die Identität von uis neno und uis oe bilden nur die eine Seite. Berichtet wird auch von jährlich zu Ehren des Krokodils stattfindenden Festen, die früher in Menschenopfern kulminieren konnten (Fiedler, 1929:62; Bruijnis, 1929:171; Middelkoop, 1971:440). Von den Frauen, die anlässlich dieser Feste dem Krokodil geopfert wurden, sagten die Atoin Meto in bian naboni neo besimnasi klul nima (einige bleiben an dem fünffingerigen Krokodil hängen). Die Bedeutung dieser Redewendung liegt in der oben erwähnten Verbundenheit der herrschenden Adelsklasse mit dem Krokodil, die bei der Inthronisation eines neuen Herrschers die Opferung einer Frau erforderte. Diese Frau, so hieß es „heiratet das Krokodil“ (Middelkoop, 1971:436-437), eine synonyme Redewendung für das rituelle Menschenopfer.

Weitere Quellen berichten von der Herkunft der Büffel als Geschenk des Krokodils (Fiedler, 1929:62; Kruyt, 1921:787; Middelkoop, 1971:449), vom Ursprung der Nahrungspflanzen aus dem verwesenden Körper des Krokodils (Kruyt, 1923:474; Middelkoop, 1971:437 und 441), und von Zeremonien, in denen Krokodile erscheinen, sich in Menschen verwandeln und an Ritual und Tanz teilnehmen (Krayer van Aalst, 1920-1921; Middelkoop, 1963:17 und 1971:442). Middelkoop (1963:18) überliefert eine mythische Erzählung von einem außergewöhnlichen Ereignis, das sich einst im Territorium Fatu Le`u (Nordwest-Timor), in der Umgebung des Dorfes Bikmela, zugetragen haben soll. In einer Vollmondnacht erschienen dort einmal Krokodile, die ihre Haut ablegten um in menschlicher Erscheinung an einem Tanz teilzunehmen. Bei Tagesanbruch legten sie ihre Krokodilhaut wieder an, griffen die Einwohner des Dorfes an und verschlangen sie. Middelkoop, der diese Erzählung mit dem letzten Sonba`i-Raja diskutieren wollte, bekam von diesem zur Antwort: diese Dinge gehören zu den Geheimnissen meines nono; über die zu sprechen mir nicht erlaubt ist (der Raja bezog sich in diesem Zusammenhang auf den geheimnisvollen Kreislauf des Lebens, der die Ahnen mit den Lebenden zu einer mystischen Einheit verbindet). Auch Schärer (1946:20) weist darauf hin, daß die Untertanen der djata (der personifizierten Unterwelt) Krokodile sind, die nur auf der Erde die Gestalt eines Krokodils annehmen, in der Unterwelt jedoch ihre wahre menschliche Erscheinung besitzen. Und Cornelissen (1929:341-44) steuert vergleichbare Erzählungen von den Tetun und einigen Flores-Ethnien bei.

Wenn ein Priester in einer geheimen Beziehung zu einem Krokodil steht, so hat er seinen Kopf beim Krokodil (in mamak nok besi; das heißt: das Krokodil vermittelt ihm Visionen und Träume). Wenn das der Fall ist, berichtet Middelkoop (1949:43), sagt man von solch einem Priester (mnane) auch: sein Ehepartner ist das Krokodil (in aun bian es besimnasi). Die untrennbare Verbindung von textiler Ornamentik und Kopfjagd für den jungen Krieger bei den Iban ist C. Vogelsänger aufgefallen: Der junge Mann, who is eager to excel in a headhunting expedition may cover himself with a ´pua´ having designs representing the ´nabau´: this mythical serpent or water dragon who is believed to accompany the headhunter and to aid him in his heroic task. The young warrior hopes to attract the ’nabau‘ to himself via the ´pua´. If the ´nabau´ subsequently appears to the warrior in a dream (1985:120).
Ein pua kombu ist ein Ritualtextil der Iban von höchsten sozialen und religiösen Prestige. Wie Vogelsänger (1985) nachweisen konnte, besteht zwichen diesem Textil und der Kopfjagd ein unauflösbarer Zusammenhang. Die Herstellung eines pua kombu und die erfolgreiche Kopfjagd sind zwei parallel verlaufende Prestigesysteme bei den Iban: wird die Hand des erfolgreichen Kopfjägers tätowiert um seinen Status anzuzeigen, so erhält die Weberin, die einen pua fertiggestellt hat, eine Tätowierung an ihrem Daumen.

Ein weiteres anschauliches Beispiel für die Art von psychischer Beziehung, die zwischen Mensch und Krokodil bestehen kann, schildert wiederum P. Middelkoop: Ein Mann, der einen in einem Fluß trinkenden wilden Büffel erschießen will, trifft versehentlich ein auf einer Sandbank liegendes Krokodil und verletzt es am rechten Auge. Seit diesem Ereignis besitzt der Mann selbst ein vorstehendes rechtes Auge wie es Krokodile haben. Weiter heißt es bei Middelkoop: The belief in these kinds of reptiles is still alive up to the present day (1958:386-88).
Die Fähigkeit des Gestaltwandels ermöglicht es dem Krokodil menschliche Gestalt anzunehmen, kein exklusives Attribut dieses Tiers, sondern ebenfalls der Schlange möglich (Krayer van Aalst, 1920 und 1921; Kruyt, 1921:798 und 1923:435-436; Middelkoop, 1938:464-469). Wie wir von Cornelissen erfahren können, finden sich Erzählungen über die Metamorphe Mensch, Krokodil / Schlange (der Python) sowie Erzählungen über Menschen und Krokodile (Schlangen), die sich gegenseitig unterstützten, auch bei den Tetun (1929:341-344).

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