Die Weltanschauung der Atoin Meto

Die symbolische Klassifikation der Atoin Meto als Konsequenz ihrer Weltanschauung

Die symbolische Basis, die der Kultur der Atoin Meto und ihren sozialen Ordnungsvorstellungen zu Grunde liegt, findet vor allem im Verwandtschaftssystem, in der politischen Organisation und in den religiösen Vorstellungen ihre Anwendung als kosmisches Ordnungsprinzip. Aufgrund dieses Sachverhalts ist es durchaus legitim, von einer kosmomorphen Weltanschauung der Atoin Meto zu reden.

Diese kosmomorphe Basis besitzt die selben psychologischen und logischen Wurzeln, wie alle jene skizzenhaften oder partiellen Formen, zuweilen bloße Andeutungen, die aus dem gleichen Grunde wie die duale Organisation selbst (obwohl nicht immer so systematisch) Formulierungen des Prinzips der Gegenseitigkeit sind (Lévi-Strauss, 1981:136). Im Rahmen ihrer symbolischen Klassifikation fassen die Atoin Meto systematisierte Klassen von Konzeptionen, Ideen und Objekten zusammen, die aufgrund von besonderen Eigenschaften bzw. Ähnlichkeiten auf diese Weise gruppiert werden können. Kanon ihrer Klassifikation sind Analogie und Sympathie.

Der Grund solche Klassifikationen vorzunehmen besteht darin, daß über die Welt und die menschliche Gesellschaft nicht sinnvoll nachgedacht und in ihr kommuniziert werden kann, ohne sie in Klassen einzuteilen. Ohne eine solche Einteilung, sind weder Individuum noch Gesellschaft handlungsfähig.
Symbolische Klassifikationen entstehen aus dem Bedürfnis der Menschen heraus, über metaphysische Vorstellungen zu theoretisieren (Durkheim und Mauss, 1968; Needham, 1979; Douglas, 1981). Wesentliches Merkmal innerhalb einer symbolischen Klassifikation ist, daß die Gegenstände des symbolischen Systems in ihrer Bedeutung verstärkt werden und somit in den Blickpunkt des öffentlichen Lebens geraten. Dadurch erreicht eine Gesellschaft, daß die Normen, von denen ihre Existenz abhängig ist, von ihren Mitgliedern allgemein akzeptiert werden können ein allgemeinverbindlicher Konsensus ist entstanden.

Needham, (1979) unterscheidet zwei Arten symbolischer Klassifikation:

  • hierarchische Klassifikationen, in der Ausdehnung und Bedeutung vonKlassen auf eine vertikale Differenzierung von Rang bezogen ist;
  • egalitäre Klassifikationen, in der eine Gliederung in eine Anzahl von symbolischen Klassen vorliegt, die untereinander mehr oder weniger ebenbürtig sind (es ist jedoch möglich, daß eine Kategorie eine gewisse Hegemonie innerhalb einer Klasse ausübt).

Eine egalitäre Klassifikation (mit geschlechtlicher Hegemonie) entspricht dem symbolischen System der Atoin Meto, wo sie eine Konsensualisierung ihrer Wirklichkeit erzeugt, die respektiert werden muß wenn man miteinander kommunizieren will. In diesem Kontext besteht ein symbolisches System aus einer zusammenhängenden strukturierten Entität von Zeichen, die einen anonymen Kode hervorbringt, der im Bewußtsein der Menschen, die in einer gemeinsamen Kultur sozialisiert wurden, verankert ist. Einem solchen symbolischen System kommt die solidaritätsstiftende Funktion eines restringierten Codes zu.
In der Atoin Meto-Kultur lassen sich zwei voneinander abhängige Ebenen einer symbolischen Klassifikation nachweisen. Fundamental ist die Klassifikationebene, die in der Literatur meistens als Dualismus bezeichnet wird (vgl. oben de Josselin de Jong: sociaal-kosmische dualisme) und deren charakteristisches Merkmal es ist, zwei Hauptkategorien zu verwenden unter die alles klassifiziert werden kann. Den Begriff Dualismus (oder sociaalkosmische dualisme) aber in einen Zusammenhang mit der symbolischen Klassifikation der Atoin Meto zu stellen, verhindert ein wirkliches Verständnis ihrer Denkweise. Die Klassifikation der Atoin Meto besteht nämlich nicht darin, zwei große antagonistische Klassen zu bilden, sondern in einer symbolischen Verbindung von komplementären Kategorien zu Paaren. Um der Denkweise, und damit der symbolischen Klassifikation der Atoin Meto gerecht zu werden, ist es notwendig, den Begriff Dualismus, der allzu sehr dem in Gegensätzen befangenen abendländischen Denken entspricht, durch den Begriff der Polarität wie er von Gebser (1973 bzw. 1974) definiert wurde zu ersetzen.

In seinen kulturphilosophischen Studien verwendet Gebser (1974) den Terminus Komplementarität als Synomym für Ergänzung, um den Aspekt einer Sowohl-als-auch-Konstellation zum Ausdruck zu bringen. Von dieser Sowohl-als-auch-Struktur ausgehend beschreibt Gebser die heute noch in asiatischen Kulturen bewußtseinsmäßig stärker betonte polare Denkweise. Dieser (asiatischen) Denkweise stellt er die mental-rationale Denkweise des Abendländers gegenüber, die er konsequenterweise als Entweder-oder- Konstellation charakterisiert. Gebsers Untersuchungen zur Geschichte der Bewußtwerdung (1973) zeigen, daß die abendländischen Kulturen, die in der Nachfolge der griechischen Antike stehen, um 500 bis 300 v.Chr. aus dem Traum in die Tagwachheit, aus dem Bildmäßigen ins Begriffliche gehoben wurden. Mit Platon und Aristoteles verließen die Griechen endgültig das bildhafte Kreisdenken des Mythischen und traten in das zielgerichtete logisch-kausale Denken mental-rationaler Art ein. Die aristotelische Hauptmaxime des tertium non datur (ein Drittes gibt es nicht) verweist darauf, daß etwas entweder ist oder nicht ist und bringt so das alternative Entweder-oder-Denken in die Welt, das einen ausgesprochen mentalrationalen Charakter trägt. Eine verwandte Entwicklung läßt sich um 500 v.Chr. für China mit Kungfutse und für Indien mit dem Begründer des Jainismus Mahavira und durch Gautama Buddha belegen. Polarität ist das Hauptcharakteristikum von Gebsers mythischer Bewußtseinsstruktur, die er als von ausgesprochen psychischer Natur beschreibt: von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, frönen alle Wissenschaftler, wenn es sich um das Polaritätsphänomen handelt, dem Laster der terminologischen Vermengung, indem sie dieses Phänomen Polarität und den Begriff Gegensatz auf eine höchst ungeklärte Art als Synomyma gebrauchen (Gebser, 1974:25).
Der Terminus Gegensatz ist jedoch ein mental-rationaler Begriff und steht in einem krassen Widerspruch zu dem Begriff Polarität, der nach Gebser eine mythisch-psychische und keine mental rationale Konstellation umschreibt. Die Anerkennung dessen, was durch das Phänomen Polarität impliziert wird, umfaßt gleichzeitig die den Menschen ebenfalls inhärenten magisch-vitalen
und mythisch-psychischen Bewußtseinsstrukturen.
Die magische Bewußtseinsstruktur kennzeichnet Gebser (1973) als eindimensional, als raum-/zeitlos, als eine richtungslose einheitliche Verflochtenheit, deren Akzentuierung von ihm außerhalb des Menschen als Natur, innerpsychische als Emotionalität beschrieben wird. Die Grundhaltung des magischen Menschen ist im Wesentlichen vital und durch Instinkt, Trieb und Gefühl bestimmt. Der dem Magischen zugehörige Denkstil ist durch assoziatives, analogisierendes sympathisierendes Verflechten charakterisierbar.
Die mythische Bewusstseinstruktur, die nach ihm mutierend aus der magischen entsteht, charakterisiert er als zweidimensional, raumlos/ naturzeithaft und in einer kreishaften polaren Ergänzung befangen. Die Akzentuierung im Außen geschieht in der Entdeckung der Seele, die im Inneren als Imagination. Die mythische Grundhaltung ist psychisch fixiert und durch Imagination, Empfinden und Gemüt gekennzeichnet. Den dem Mythischen zugeordnete Denkstil umschreibt von Gebser als erinnerndes Schauen – entäußerndes Sagen. Das Ergebnis dieser begrifflichen Vermengung, auf das von Gebser hinweist äußert sich darin, daß häufig fluktuierende Zustände wie Wissen und Glauben, Unbewußtes und Bewußtes, Qualität und Quantität nicht als verschiedene Zustände des Gleichen aufgefaßt werden, sondern als einander ausschließend, eben als Gegensätze: daß das Ganze durch das Dualitätsprinzip (These und Antithese) auseinandergerissen wird, und die rational postulierte Synthese keine erhöhte Einigung bewirkt; denn jede Synthese wird, kaum daß sie formuliert ist, zur These, die den zerreißenden Gegensatz der Antithese fordert (1974:27). Polarität meint also die lebendige Konstellation des Sich-Ergänzenden, des Sich-Entsprechenden, des Einander-Bedingenden. Ihre von einander abhängigen und aufeinander bezogenen Pole bilden eine Ganzheit und bewirken die das Leben ermöglichende Spannung, die auch Vorausetzung des Schöpferischen ist. Dualismus ist hingegen die Lehre von der Zweiteilung und Gegensätzlichung. Gegensätze sind unvereinbar und einander bekämpfende Größen; sie spalten die Wirklichkeit wie es durch das Entweder-Oder des aristotelischen tertium non datur geschieht. Aus den gerade dargestellten Gründen eignet sich ein Terminus wie Polarität weitaus besser, das System der symbolischen Klassifikation der Atoin Meto zu beschreiben.

Wie bei den von Needham (1972) beschriebenen indo-burmanischen Purum findet sich auch bei den Atoin Meto ein auf Polarität basierendes Klassifikationssystem, das durch unscharfe Trennungslinien gekennzeichnet ist. Diese Art der Gliederung bedeutet nicht, daß jede individuelle Kategorie in einem absoluten Sinn entweder vom einen oder vom anderen Typ ist, sondern ein solches System ist größtenteils relativer Art, seine symbolischen Attribute besitzen eine gewisse Flexibilität. Jedes polare Paar bildet eine Art Gattung in sich selbst, in der nach Art der Entsprechung und Ergänzung zwei Kategorien aufeinander bezogen werden.
Hertz (1909) beantwortet die Frage nach dem Warum? polarer Systeme (er spricht von binären Polaritäten), indem er solche Klassifikationssysteme als ein elementares und universelles Modell symbolischer Klassifikation interpretiert. Grundlegend, so vermutet er, lassen sich alle Paarbildungen auf die Polarität zwischen sakral und profan zurückführen. Die Gegenüberstellung dieser beiden Begriffe, die Hertz vornimmt, widerspricht aber seinem Terminus Polarität, der ja gerade auf Entsprechung und Ergänzung hinweist. Inwieweit die Gegenüberstellung sakral / profan nicht ohnehin abendländschem Denken entspricht, sei dahingestellt.
Ob der gesamte Kosmos sich zwischen diesen beiden Polen oder zwischen anderen bewegt, diese Frage hat in Zukunft eine symbolische Ethnologie zu klären, die inzwischen mit Hilfe der Methoden der strukturalen Linguistik und der Semiologie schon ein Stück weitergekommen ist (Ansätze dazu finden sich bei Leach, 1976; Tennekes, 1980).
Besitzt dieses System der Klassifikation, das unter dem Aspekt der Zwei-Einheit zusammengefaßt werden kann, grundsätzlich in der gesamten Atoin Meto-Kultur Gültigkeit, fällt bei der Betrachtung der Verwandtschaftssysteme eine zweite Ebene symbolischer Klassifikation auf, die sich aus der beschriebenen Basis ableiten läßt. Die verwandtschaftlichen Beziehungen unterliegen ebenfalls dem Einfluß des polaren Denkens (hier durch die Polarität weiblich-männlich ausgedrückt). Gerade im Hinblick auf bestimmte Rituale (Heirat- und Totenritual) im sozialen und religiösen Leben einzelner Gruppen findet sich eine Erweiterung des Prinzips der grundlegenden Einteilung in Zwei. Über das Prinzip einer Polarität, die mit zwei einander entsprechenden Kategorien auskommt, hinaus, bestehen bestimmte Vorstellungen einer Dreier-Gruppierung: zwischen die sich entsprechenden und sich ergänzenden Pole ist eine zwischen den Paaren vermittelnde dritte Kategorie eingeschaltet. Konkret äußert sich diese Dreier-Gruppierung bei den Heiratsgruppen der Atoin Meto, in denen eine ume standardisierte Beziehungen zu ihren Frauengebern und deren Frauennehmern unterhält. Diese Beziehungen, die durch die Heirat zweier Individuen begründet werden, implizieren lebenslange Rechte und Verpflichtungen gegeneinander, die im Totenritual einen abschließenden Höhepunkt finden wo sie in großangelegten Tauschtransaktionen kulminieren wie sie auf Timor nicht nur der Atoin Meto-Kultur eigen sind (s. Traube und Forman in Fox, 1980). Ist das Verhältnis einer ume zu einer anderen in diesem Rahmen durch die oben beschriebenen Polaritäten (v.a. weiblich-männlich; älter-jünger) bestimmt, so agiert eine bestimmte ume in der Dreier-Gruppierung als das verbindende Elememt einer sozialen Lebens- und Ritualeinheit (s.a. Tauchmann, 1968, der für soziale Gruppen dieser Art den Begriff der kosmischen Kultgemeinschaft verwendet). Diese Dreier-Beziehung fungiert insbesondere in den Ritualen des Lebenszyklus, in denen Egos ume die Güter der Tauschtransaktionen von ihren Frauennehmern (deren Frauengeber sie sind) empfängt und sie an ihre eigenen Frauengeber weiterleitet. Ist die grundlegende Beziehung zwischen den beteiligten ume eine polare (Frauengeber :: Frauennehmer) wird sie während der Rituale um eine Einheit erweitert.

Die Ordnungsprinzipien der Zwei- und Dreiteilung sind für die Kultur der Atoin Meto von Schulte Nordholt (1971:428-32) von Cunninghamm (1964:34) und zuletzt von Tennekes (1980:8-34) ausführlich analysiert worden: we discovered that the Atoni fitted his outlook on the world in which he lives and the relations which are important in this world into set frameworks, or fixed categories within which he arranged his world and assigned everything its proper place… bipartion is the dominat principle (Schulte Nordholt, 1971:407-8).
Diese Prinzipien erscheinen jetzt als diejenigen, die die Raumvorstellungen und die sozialen Beziehungen der Atoin Meto organisieren: die Zwei- und Dreiteilung sind die wesentlichen Ordnungsprinzipien der Atoin Meto-Kultur, die von ihr auf eine Weise in Verbindung gebracht werden, die die geschlechtliche Polarisierung (feto-mone) ständig in den Vordergrund stellt.
Die oben erwähnten drei Autoren belegen deutlich, daß auch das Haus der Atoin Meto mehr ist, als ein Haus um darin zu wohnen. Aufgrund der Symbolik, die mit seinen verschiedenen Konstruktionselementen verbunden ist, stellt das Haus, wie die Ritualtextilien (zur Symbolik der Ritualtextilien, Jardner, 1988:245-67), eine Konkretisierung der Begriffe des Klassifikationssystems dar. Haus und Textilien der Atoin Meto erscheinen in diesem Blickwinkel als eine Kombination von Zeichen, als erstarrte Syntagma in einem semiologischen Sinn (Tennekes, 1980:24-5). Die Ritualtextilien der Atoin Meto, ebenso wie ihre Häuser und Rituale, bilden wirkungsvolle Mittel, um Ideen zwischen den Mitgliedern einer schriftlosen Gesellschaft kommunikabel zu gestalten. Schon Schulte Nordholt vertritt diese Meinung, wenn er Textilien, Haus und Ritual als ein Buch ansieht, in which the order of the world is recorded. They are reflec-tion and embodiment of the categories of this thinking (1971:432). So bieten die Ritualtextilien der Atoin Meto ihnen nicht nur ein Symbol für eine zyklisch verlaufende Zeit (Jardner, 1988,58-72), sondern ebenfalls ein Symbol für die Ordnungsprinzipien des Raumes (Kosmos).

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