Die Weltanschauung der Atoin Meto

Die Polarität feto-mone als Regulativ sozialer Systeme

Ausgesprochen dominant scheint die Polarität feto-mone (weiblich-männlich) dominiert das soziale Leben der Atoin Meto. Diese geschlechtliche Differenzierung einerseits, und andererseits die Altershierarchie olif-tataf (älterer und jüngerer Bruder), sind die wichtigsten Prinzipien mit deren Hilfe die Atoin Meto Gruppeninteraktionen auf privater und öffentlicher Ebene regulieren.
Schulte Nordholt (1971) sieht in dieser Klassifikation eine der wichtigsten Unterteilungen, durch die die Beziehungen zwischen Kosmos und Gesellschaft ausgedrückt werden können. Dabei agiert diese Polarität als wichtigster Bezugsrahmen für die unterschiedlichsten Arten von sozialen Beziehungen. Es ist sehr verführerisch in dem Paar feto-mone die grundlegende Kategorie zu sehen, auf die sich alle anderen polaren Beziehungen zurückführen lassen Durkheim und Mauss (1963:40) gehen bei ihrer Untersuchung des australischen Klassifikationssystems davon aus, daß there is …a close link, and not an accidental relation, between the social system and this logical system. Sie verfallen aber einseitig einem sozialen Determinismus, wenn sie davon ausgehen, daß das Modell einer Klassifikation die Gesellschaft selbst ist, denn sie behaupten, daß die ersten logischen Kategorien soziale Kategorien, und die ersten Klassen von Dingen Klassen von Menschen waren.

In ihrer Studie gehen Durkheim und Mauss von vorne herein von der Annahme, die sie beweisen wollen, aus. Zuletzt griff Douglas (1981:2) auf diese Hypothese zurück (für eine ausführliche Kritik an Durkheim und Mauss vgl.Needham, 1979:25-7).
Allein bei näherem Hinsehen fällt dann auch auf, daß sich die geschlechtliche Polarität der Atoin Meto nicht scharf bestimmen läßt, sondern entsprechend der verschiedenen Kontexte relativiert benutzt wird. So ist in den sozialen Beziehungen der weibliche Pol dem männlichen Pol untergeordnet, gewinnt jedoch in der politischen Beziehung nanas-mone (innen-außen) die parallel zu der feto-mone-Klassifikation verläuft, eine Hegemonie über den als mone klassifizierten Bereich (z.B. besitzt das weibliche Zentrum jedes Territorium die rituelle Vormachtstellung über die männlich-politisch ausgerichtete Peripherie). In der politischen Organisation der Atoin Meto umgeben mindestens zwei politische Einheiten ein Zentrum und sind diesem polar gegenübergestellt (2+1, 4+1, 8+1): we shall encounter all these patterns in the political structures (schreibt Schulte Nordholt, 1971:189). Die räumliche Gliederung des traditionellen Atoin Meto-Territoriums in nanan-mone und die Gleichsetzung dieser Räume mit passiv-weiblich (nanan) und aktiv-männlich (mone) wird durch die Person des atupas (als sakraler Herrscher) und seiner vier Fetoren (als weltliche Herrscher) repräsentiert (zu den Bezeichnungen sacral and secular lord s. den konträren Standpunkt von Cunningham, 1965:371 und Schulte Nordholt, 1971:200-7).

Die feto-mone-Klassifikation reguliert in der Gesellschaft der Atoin Meto drei Bereiche des Zusammenlebens, in denen sie rigide Verhaltensmuster definiert, die sich an der Achse des sozialen Status orientieren:

  • Der Bereich der religiösen Vorstellungen (kosmische Ebene)
  • Die religiösen Vorstellungen der Atoin Meto, die die Kommunikation der Welt des Menschen mit den übernatürlichen Wesen und dem Kosmos betreffen, werden weitgehend von der Polarität weiblich-männlich bestimmt. Das weibliche Prinzip uis pah (Erde), deren wesentliche Attribute ebenfalls weiblich klassifiziert sind, wird dabei dem männlichen uis neno (Himmel) mit seinen männlichen Eigenschaften gegenübergestellt. Das Zusammenwirken dieser beiden Prinzipien kommt besonders in der Landwirtschaft zum Ausdruck, deren Produkte im Denken des Atoin Meto von der Befruchtung der passiven empfangenden Erde durch den Samen (Regen) eines aktiven, spendenden Himmels abhängig sind.
  • Der Bereich der sozialen Organisation (verwandtschaftliche Ebene)
  • Entsprechend dem beschriebenen Prinzip sozialer Statusbezogenheit findet sich die feto-mone-Beziehung auf der Ebene der Beziehungen unter Agnaten, wo sie sich im Verhältnis von Ehemann und Ehefrau, Vater und Sohn und Bruder und Schwester nachweisen lässt (sehr ausführlich diskutiert Cunningham, 1967a, die Interaktionen zwischen Agnaten und Agnaten sowie zwischen Agnaten und Affinen). Auf dieser Ebene bezieht sich feto-mone auf den Umgang der Mitglieder hinsichtlich eines über- bzw. untergeordneten Status einer ume untereinander (Intra-Ume-Beziehung). Sie findet sich aber auch in den Beziehungen zwischen Affinen, wo sie das Verhältnis von Frauengebern und Frauennehmern bestimmt. Die feto-mone– Beziehung bezieht sich hier auf den Umgang einer ume mit einer anderen
    (Inter-Ume-Beziehung). Feto-mone drückt, um mit Schulte Nordholt zu sprechen, eine relationship of subordination unter der gleichzeitigen Voraussetzung aus, daß ein Pol ohne den anderen den Lebensfluß, den die ausheiratenden Frauen repräsentieren, nicht gewährleisten kann. Ohne diesen Zyklus bliebe die Atoin Meto-Gesellschaft unfruchtbar.
  • Der Bereich der politischen Organisation (territoriale Ebene)
  • Nicht zuletzt gliedert die feto-mone-Beziehung die innere Struktur der politischen Einheiten eines Atoin Meto-Territoriums sowie die die Beziehungen, die einzelne Territorien aufgrund von Heiratsallianzen eingehen. Die politische Organisation der Atoin Meto gliederte sich einst in zehn Territorien (swapraja), die wiederum in mehrere Sub-Territorien (kefetoran) unterteilt waren. Sowohl swapraja, als auch kefetoran waren semi-autonome politische Einheiten, die entsprechend dem System der symbolischen Klassifikation gegliedert waren.
    Auch hier ist es möglich die intra-territoriale von einer inter-territorialen Ebene zu unterschieden:
    Eine intra-territoriale feto-mone-Beziehung entsteht durch die Gliederung des Territoriums in nanan-mone (innen-außen). Auch nanan-mone wird gemäß der polaren Beziehung weiblich-männlich geordnet, und verläuft dann parallel zu den bekannten Kriterien, die besagen, daß feto der Kategorie mone unterlegen ist. Der im Zentrum lebende rituelle Funktionsträger (atupas) ist weiblich und übergeordnet. Die an der Peripherie der Territorien lebenden, weltlichen Herrscher (Politik) sind männlich und dem rituellen Zentrum im Inneren untergeordnet, solange es um die Durchführung der gemeinschafterhaltenden Rituale der Fruchtbarkeit geht (le`u nono). Die Atoin Meto begründen diese Umkehrung der feto-mone-Beziehung damit, das the centre links the parts together, and is symbolic of the totality which it itself effects. That is why the interior is superior to the exterior (Schulte Nordholt, 1971:412-3). Die intra-territoriale Gliederung und die Beziehungen der einzelnen Teile zueinander korrespondieren mit den Allianzbeziehungen zwischen affinal vaerwandten Gruppen.
    Die feto-mone-Beziehung ähnelnde Beziehungen bestehen auch zwischen einzelnen Sub-Territorien und können durch die Polarität olif-tataf (älterer / jüngerer Bruder) charakterisiert werden; auch hier werden die Verhaltensweisen zwischen Verwandten (hier Agnaten) auf größere soziale Einheiten projiziert.
    Die Identifizierung von Sub-Territorien mit Himmelsrichtungen beschreibt Schulte Nordholt für das Territorium Insana (Nordzentraltimor): the relationship between the two halves of the realm of Insana is also a ‚fetomone‘ one, the half living in the eastern and southern part being ‚mone‘ and superior, the half living in the west and the north, which is ‚feto‘ (1971:187- 231).
    Verschiedene Sub-Territorien, die durch Heiratsallianzen miteinander verbunden sind, regeln ihre gegenseitigen Beziehungen ebenfalls durch eine feto-mone– Beziehung.
  • Die Polarität mainikin-menas als Indikator sozialer und politischer Harmonie und gesellschaftlicher Integration
  • Von gleicher Wichtigkeit für die symbolische Klassifikation der Atoin Meto ist die Polarität das Konzept mainikin-menas (kühl-heiß). Entsprechend dieser Paarbildung gliedern die Atoin Meto ihre Wirklichkeit in zwei aufeinander bezogene (sich ergänzende) Sphären: Der Begriff mainikin bildet die Schablone, mit der die Atoin Meto ihre idealen Vorstellungen von Gemeinschaft und Harmonie zum Ausdruck bringen. In den Vordergrund werden dabei Qualitäten wie Harmonie, Sicherheit, Frieden, Gesundheit und Fruchtbarkeit von Individuum, Gemeinschaft und Boden gestellt.
    Um diese Qualitäten für die Gesellschaft zu erhalten ist es notwendig, fremden (äußeren) Einflüßen entweder auszuweichen oder sie rituell dem nono (dieser Begriff bezieht sich auf die lebensspendende Kraft Fruchtbarkeit einer kanaf (Klan) und die mit ihr verbundenen Rituale (s. 1.1.4). einzugliedern und sie so zu einem integralen Bestandteil des ununterschiedenen Raums zu machen. Diese rituelle Eingliederung von als menas gedachten Personen, Gegenständen und Ereignissen in die Gemeinschaft erreichen die Atoin Meto durch Abkühlen in der entsprechenden Situation mit Wasser (Blut ?).
    Die Abkühlung der Erde im sifo nopo-Ritual, im Anschluß an die Brandrodung hat die Funktion, die überhitzte Erde vor der Aufnahme der Samen abzukühlen und die schädlichen Kräfte der Feuers (Hitze) zu vertreiben.
    Ebenso werden gerade vermählte Paare und die Mitglieder der Frauennehmer mit geweihtem Wasser besprenkelt bevor sie beim Hochzeitsfest das Haus der Frauengeber betreten dürfen (Middelkoop, 1931:244 und 251). Stirn und Halskuhle des jungen Ehepaars werden zum gleichen Zweck bei einer Opferzeremonie, welche den nitu (zum Begriff nitu, Totengeist siehe oben) ihren neuen Status mitteilen soll, mit dem Blut des Opfertiers bestrichen (Middelkoop, 1931:274).
    Nach der Geburt müssen Mutter und Neugeborenes aufgeheizt werden, damit die Fruchtbarkeit der Frau, die durch die Geburt beeinträchtigt ist, wiederhergestellt wird (s.a. Friedberg, 1980:281 für die benachbarten Bunaq). So wie in den Vorstellungen der Atoin Meto die Sonne den Boden überhitzt, bevor er durch den Regen befruchtet werden kann, so muß auch die Wöchnerin rituell erhitzt werden, um erneut fruchtbar sein zu können. Beim anschließenden feierlichen Heraustragen des Säuglings aus dem Haus stößt eine Frau (die Vater-Schwester; FZ) den Topf mit heißer Asche um, d.h. sie stößt symbolisch alles Heiße von sich und erwirbt so die für erneute Schwangerschaft notwendige Kühle zurück (Heijmering, 1845; Kruyt, 1923; Fiedler, 1929).
    Auch der Sarg des Verstorbenen sowie die Teilnehmer an Begräbnis und Totenritual werden mit geweihtem Wasser abgekühlt, um sie dadurch aus der Sphäre des Heißen (und Unreinen) zu befreien.
    Die Hitze des meo (des Krieger-Kopfjägers) und die Hitze von uis neno in seiner Erscheinungsform als Sonne beeinträchtigen die Fruchtbarkeit der Frau (Erde) und die Atoin Meto gehen davon aus, daß es notwendig ist to throw away the hotness of the sphere of warfare (Middelkoop, 1963,16). Aus diesem Grund müssen Schwert und meo in einer Zeremonie abgekühlt werden, in der der erbeutete Kopf, wie der Topf mit heißer Asche, der dem Kind den Zugang zur Gemeinschaft versperrt, weggeschleudert werden muß. Abkühlen und wegschleudern der Hitze machen das Individuum zu dem vertrauten ungefährlichen Mitglied einer Gemeinschaft, die die ambivalenten Sphären von mainikin-menas rituell regulieren muß um ihre Existenz nicht zu gefährden. Die Atoin Meto beachten durch die Prozedur des Abkühlens sorgfältig den ergänzenden (und entsprechenden) Pol der mainikin- Konzeption, der, obwohl gefährlich, trotzdem als sinnvolle Entsprechung akzeptiert und reguliert werden muß. Dieser Pol ist menas und gleichzeitig faszinierend und angsteinflößend. In der Literatur wird dieser Pol häufig mit der le`u genannten Sphäre (wird in der Regel mit heilig übersetzt) in
    Verbindung gebracht. Durch kenntnisreiche Verwendung von kühlendem Wasser (Blut) ist es für die Atoin Meto möglich, zur Sicherung des Allgemeinwohls zu bestimmten Zeiten und für bestimmte Zwecke, die unaufhebbare Verbindung der beiden Sphären ins Bewußtsein zu heben. Allerdings beeinträchtig die Aktivierung einer Sphäre gleichzeitig die andere und in Zeiten kriegerischer Verwicklungen it appears that the fertility magic (le’u nono) was believed to be sleeping, i.e. Could function, during the head-hunters enterprise (Middelkoop, 1963:21).

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