Die metaphorische Rede vom Herzen

3. Das Wortfeld nekan (Herz) in Alltagssprache und mündlicher Dichtung

Ausgangspunkt dieser Untersuchung sind zwei tonis-Verse sowie mehrere Derivate dieser Verse, deren Gemeinsamkeit in der Verwendung von Begriffen und Redewendungen besteht, die Komponenten des menschlichen Leibes bezeichnen.

Diese beiden Verse gehören zu den formelhaften Metaphern (Braak, 1990, S.45) innerhalb der mündlichen Dichtung der Atoin Meto. Formelhafte Metaphern, wie die hier analysierte Rede vom Herzen, sind charakteristischer Bestandteil einer jeden tonis-Dichtung. Sie zählen, im Gegensatz zu den vitalen und dynamischen Versen dieser Dichtung, zu dem Repertoire eines Dichter-Sprechers, das er während der dichterischen Performance im Verlauf eines Rituals nie verändert.

In interlinearer Übersetzung lauten diese Verse in ihrer Basisgestalt folgendermaßen:

tonis-Vers 1
in nekan in tainan in nopan in nanan
sein Herz sein Magen-Darm sein Bauch sein Inneres
tonis-Vers 1
henati nekan neno nahin ma tem neno nahin
damit Herz Dein verstehe und Magen Dein begreife

Eine solche Übersetzung orientiert sich noch einseitig an Lexemen für die Bezeichnung anatomischer Organe des menschlichen Körpers. Unberücksichtigt bleibt vorerst, daß die Bedeutung dieser Begriffe in Amanuban nicht unbedingt und ausschließlich mit anatomischen Organen zusammenfallen muß.

In den elf tonis-Dichtungen der Kuan Fatu-Chronik, 5 die mir für diese Analyse zur Verfügung stehen, kommt Vers 1 in seiner Basisgestalt 30 mal vor (s.u. Vers-Version 1). Basisgestalt des Verses bedeutet, daß dieser keine die Bedeutung näher qualifizierenden, sprachlichen Elemente verwendet. Die Bedeutungsanalyse bleibt also vollständig auf den Kontext angewiesen, in den der Dichter-Sprecher seinen Vers gestellt hat. In der durch Verb oder Adjektiv erweiterten Gestalt kommt Vers 1 weitere 28 mal vor, so daß zur Beurteilung der Bedeutung der Kontext und die Handlung herangezogen werden können, in der die im Vers verwendeten Substantive auftreten (s.u. Vers-Version 2). Kontext und qualifizierende Verben ermöglichen eine unmißverständliche Bedeutungsanalyse dieses Verses. Vers 2, da in der dichterischen Komposition weniger zentral, findet sich in den Kuan Fatu-Dichtungen 17 mal (s.u. Vers-Versionen 3 und 4). Weitere 17 Verse der Dichtungen entstehen als Ableitungen der Basisgestalt des ersten Verses (s.u. Vers-Version 5). In diesem Fall kann die Mitteilung der Verse durch qualifizierende Verben oder charakterisierende Adjektive, die die Handlung und den Kontext näher erläutern, erweitert werden. Von den 1670 Versen, die diese erste schriftliche Version der Kuan Fatu-Chronik bilden, verwenden insgesamt 92 Verse die metaphorische Rede vom Herzen (6 %). Diese kurze Aufstellung genügt, um einen Eindruck vom Rechnung für andere formelhafte Metaphern der tonis-Dichtungen aufgestellt, so tritt nur noch ein formelhaft erstarrter Vers häufiger auf.

In den zitierten Versen 1 und 2 basiert die metaphorische Rede vom Herzen auf den vier folgenden Nomen: nekan (Herz), tainan (Magen / Darm), nopan (Bauch) und nanan (Inneres). 6 Das Substantiv te(m) ist ein Synonym von tain(-an) 7 und somit bedeutungsgleich.

Die Form der dichterischen Rede der Kuan Fatu-Chronik folgt dem Prinzip eines grammatischen und kanonischen Parallelismus. Die meisten Verse gestalten ihre Mitteilungen als parallele Lexempaare. Auch bei den beiden, gerade zitierten Versen geht der Dichter-Sprecher auf diese Weise vor: Er dichtet in nekan in tainan // in nopan in nanan bzw. nekan neno nahin // tem neno nahin, wobei – // – die teilweise Synonymie von Grund- und Variationsvers markiert. Gemäß der Konvention des Kanons der tonis-Dichtung, sowie der Text- und Sinnpflege als weiterer Aufgabe des Dichter-Sprechers, ist der Inhalt der beiden Halbverse fast identisch. Voraussetzung ist allerdings, daß zwischen dem ersten und dem zweiten Halbvers keine semantische Nullwertigkeit besteht, sondern daß der Variationsvers die Mitteilung des Grundverses semantisch verstärkt und intensiviert.

Diese Konvention des Sprachgebrauchs ist bei der folgenden Analyse der metaphorischen Rede vom Herzen insofern wichtig, da nur die Lexeme des Grundverses (nekan und tainan) einen leiblichen Ort präzise angeben. Die Lexeme des Variationsverses (nopan und nanan) bezeichnen dagegen keinen Ort, sondern eine unscharf umrissene leibliche Region. Eine weitere, wesentliche Beziehung zwischen dem ersten und dem zweiten Halbvers in Vers 1 bezieht sich auf den Sachverhalt, daß die Lexeme nekan und tainan auch dem Vokabular der Alltags- oder Regionalsprache Amanubans (Uab Banamas, die Sprache der Menschen aus Amanuban) angehören. Die beiden anderen Lexeme, nopan und nanan, müssen ausschließlich dem reservierten Repertoire der rituellen Rede (tonis) zugerechnet werden. Als Lexeme des rituellen Registers sind sie von der alltäglichen Verwendung ausgeschlossen. 8 Mit anderen Worten: Im Kontext der rituellen Rede ist tainan das Parallelwort von nekan und nanan dasjenige von nopan. Im Zusammenhang mit der anschließend präsentierten Bedeutungsanalyse der für die Komposition von Vers 1 und Vers 2 verwendeten Lexeme sowie ihrer gegenseitigen Beziehungen, ist dieser Sachverhalt besonders wichtig.

Die Frage nach der Aufklärung des Sinngehalts der beiden zugrunde liegenden tonis-Verse führt über mehrere semantische Felder, die zu Beginn der Argumentation vorgeführt werden müssen. Während das erste dieser semantischen Felder der Aussage der Lexeme nekan, tainan, nopan und nanan in der Alltagssprache (Uab Banamas) nachspürt, geht das folgende Feld auf die Verwendung dieser vier Lexeme in den mündlichen Dichtungen (tonis) näher ein. Die Aussage der Verse mit Herzmetaphorik im kontextuellen Zusammenhang dieser Dichtungen läßt sich erst dann präzisieren, wenn mit diesen semantischen Feldern die Grundbedeutung der zu analysierenden Lexeme herausgestellt wurde. Der Vergleich der Bedeutungen dieser vier Ausgangsbegriffe klärt abschließend die Frage nach dem eigentlichen Sinngehalt dieser Lexeme, sowie der Verse mit Herzmetaphorik, im Rahmen des poetischen Sprachgebrauchs.

Um die Bedeutung der Rede vom Herzen in Amanuban aufzuklären, greift diese Untersuchung auf zwei theoretische Ansätze zurück, die der methodischen Vorgehensweise den Weg weisen. John Sawyer untersucht in seiner Monographie alttestamentliche Lexeme vor dem Hintergrund semantischer Felder (semantic field), indem er innerhalb des semantischen Feldes ein associative field und ein lexical field (bzw. eine lexical group) unterscheidet. Unter einem assoziativen Feld versteht er all diejenigen Ausdrücke einer Sprache, die in irgendeiner Beziehung zum Ausgangswort stehen wie zum Beispiel Synonym, Opposition, Reim etc. Lexikalische Felder dagegen bestehen nur aus Lexemen, die bedeutungsgemäß eng miteinander verwandt sind (Sawyer, 1972, S.29).

In seinen Untersuchungen der Ndembu-Rituale empfiehlt Victor Turner die Interpretation der Bedeutung von Symbolen, die er als molecules of ritual versteht, auf drei Ebenen vorzunehmen. Turner bezeichnet diese Ebenen als exegetic dimension, operational dimension und positional dimension (Turner, 1971). 9 Die exegetic dimension bezieht sich auf die indigene Interpretation derjenigen, die als Teilnehmer an einem kulturspezifischen, symbolischen System zu bezeichnen sind. Die Analyse der exegetischen Bedeutung ist aus dieser Sicht ganzheitlich auslegend und erklärend: Sie gibt den Bedeutungsumfang eines Symbols in indigener Perspektive wider. Die operational dimension eines Symbols bezeichnet den Gebrauch von Symbolen durch eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe, die soziale Zusammensetzung der Gruppe, die ein Ritual durchführt und dazu bestimmte Symbole verwendet, die ergreifende Qualität eines Rituals etc. Mit anderen Worten: Es handelt sich hier um die aufeinander bezogene Betrachtung von Bedeutung und Verwendung eines Symbols. Die positional dimension ist der Analyse der Position gewidmet, die ein Symbol hinsichtlich anderer Symbole eines total ritual systems einnimmt, da immer nur einige der Bedeutungen polysemantischer Symbole ineinem gegebenen Ritual in den Vordergrund treten. 10

Der Zweck der Rekonstruktion semantischer Felder besteht einerseits darin, einen ersten Eindruck von dem Bedeutungsumfang der in Vers 1 und 2 verwendeten Lexeme zu geben. Andererseits verleiht das Bedeutungsspektrum der Schlüsselbegriffe dieser Untersuchung, das in der Rekonstruktion semantischer Felder gefunden wurde, der nachfolgenden Analyse eine konkrete Basis. Eine Beschränkung liegt allerdings darin, daß nicht für alle Lexeme gleichmäßig umfangreiches Datenmaterial zur Verfügung steht. Diese Einschränkung betrifft in besonderem Umfang die Lexeme des Variationsverses (nopan und nanan), die im Umfeld christlicher Werte und westlich geprägter Überzeugungen in einem ungewöhnlichen Maße tabuisiert werden. Dank der Vorarbeiten von Andrew McWilliam 11 ist es möglich, für das Lexem nekan eine umfangreiche Wörterliste zusammenzustellen, deren Einträge konsequent in eine Richtung weisen. Im folgenden übertrage ich die einzelnen Lexeme der durch McWilliams und meine eigenen Forschungen entstandenen nekan-Liste (McWilliams o.J.) wörtlich aus dem Uab Meto in Deutsche. Wo erforderlich notiere ich zusätzlich die konnotative Bedeutung: 12

  • nekak = Charakter, Persönlichkeit;
  • nekan alekot = das gute Herz, d.h. Güte, die gute Tat, sich verdient machen; aber auch: Verstand, Einsicht, Vernunft, Besonnenheit;
  • nekan aiti = das Herz erheben, d.h. sich stolz aufrichten (den Kopf hoch tragen wie wir es ausdrücken würden);
  • nekamneku = den Verstand verlieren, benebelt sein in Folge eines Zaubers;
  • neka / tem helan = ein (an-)gezogenes Herz (Magen), d.h. jmd. in Erstaunen, Verwunderung setzen; 13
  • nek besi / pai besi = ein eisernes Herz / ein eiserner Bauch, d.h. ein Wille oder Standpunkt, dessen Verwirklichung mit der Härte von Eisen gleichgesetzt wird; 14
  • in nekan muit leko = ein reinweißes Herz, d.h. ein vorbildlich lebender Mensch (muti, weiß; assoziiert mit rein, heilig);
  • manekat = Liebe, Gefühl (auch Mitgefühl) haben für etwas … ;
  • maneka = ein Herz besitzen, d.h. ehrlich, redlich, anständig (in bezug auf Moral und Brauch – Adat ); auch: mitfühlend, teilnahmsvoll, verständnisvoll, wohlwollend, wohlgesonnen;
  • nek = unglücklich;
  • nek baun = ein kleines Herz, d.h. deprimiert sein;
  • nek mese = ein Herz, d.h. vereint sein mit jemandem;
  • nek namen = ein krankes Herz, d.h. traurig sein;
  • nekan anle`uk = ein schlechtes Herz, d.h. ein unangenehmes Gefühl haben;
  • nek namneku = ein verlorenes Herz, d.h. nicht länger besorgt sein;
  • nekak namle`u = ein gebrochenes Herz, d.h. bewegt, ergriffen, gerührt, aber auch: traurig, betrübt;
  • in nekan naki` nok au = sein Herz klebt an mir, d.h. er ist mir treu (loyal) ergeben; oder: er mag mich;
  • nekan natem = ein verschlossenes Herz, d.h. unbarmherzig, mitleidlos (das versteinerte, kalte Herz); 15
  • nekan oder nekat = metaph. Herz, Leber (Herz als Organ = tekan oder ansaon; Leber als Organ = atef);
  • nekan = Kettbaum des Gurtwebgeräts oder Querscheitel eines Ikatgewebes. 16

Für die alltagssprachliche Bedeutung aller anderen Lexeme der Verse 1 und 2 ist die Ausgangslage in Bezug auf eine semantische Analyse sowie die Datenlage hinsichtlich eines semantischen Feldes weniger günstig, da sie weitgehend auf den Kontext der Lexeme innerhalb der Verse und den Kontext der Verse innerhalb der Dichtung angewiesen ist. Dennoch sind m Vorfeld der Analyse einige aufschlußreiche Anmerkungen hinsichtlich der drei verbleibenden Lexeme möglich.

Die eruierbare Bedeutung von tain(-an) und verwandter Derivate bezieht sich, im Gegensatz zum Lexem nekan, auf den Bereich anatomischer Organe:

  • taif = Magen, Darm, Eingeweide; tai mnutuf = Dünndarm;
  • tai pake = ein während der Eingeweideschau wichtiger Teil (?) des Dünndarms;
  • neka / tem helan = ein (an-)gezogenes Herz (Magen), d.h. in Erstaunen, Verwunderung setzen;
  • nek besi / pai besi = ein eisernes Herz / ein eiserner Bauch, d.h. ein Wille oder Standpunkt, dessen Verwirklichung mit der Härte von Eisen gleichgesetzt wird. 17

Einen deutlichen Beleg für eine ursprüngliche Form tain bildet das finale [-f], das den Lexikon-Eintrag taif von tain bzw. tainan der mündlichen Dichtung unterscheidet. 18 Die Bedeutungsverschiebung, die im Uab Meto durch diese Suffigierung ([-f] impliziert Ähnlichkeit, Identität) entsteht, nämlich die von tain(-an) zu taif</em (so wie ein Magen bzw. so wie ein Darm), kann nur folgendermaßen erklärt werden. Da die Form tain zweifellos den Wortstamm bildet, belegt die Erweiterung des Stammes zu so wie ein… den Entwicklungsprozeß dieses Lexems von der Bedeutung einer diffusen leiblichen Region (tain) zur Bezeichnung eines konkreten Ortes, das anatomische Organ (taif) wie es im europäischen, naturwissenschaftlichen Körpermodell üblich ist. Die gegenüber dem rezenten Sprachgebrauch und Lexikoneintrag in jedem Fall ursprünglichere mündliche Dichtung belegt diesen Entwicklungsprozeß. 19

Bei der Bedeutungsanalyse der beiden Lexeme (nopan und nanan), die den Variationsvers von Vers 1 bilden, darf nicht vergessen werden, daß es sich hier um Spezialbegriffe der rituellen Rede handelt. Wie gesagt besteht ihre Funktion darin, die Bedeutung des Grundverses zu intensivieren. Sie sollen die Rezeption der Mitteilung des ersten Halbverses nicht weiterführen, sondern vertiefen. Während die in der Umgangssprache ebenfalls verwendeten Lexeme nekan und tainan die von Sprecher intendierte Mitteilung unmißverständlich ausdrücken, fassen nopan und nanan diese Botschaft in einem weiteren Sinne zusammen. Die Lexeme von Vers 1 bezeichnen einmal den konkreten Ort (im Grundvers), das andere Mal eine diffuse, relativ undifferenzierte Region (im Variationsvers).

Die Bedeutung des dritten Lexems von Vers 1 (nopan) kann aus den erwähnten Gründen im Moment nicht durch ein erläuterndes semantisches Feld beschrieben werden. Mein eigenes Feldforschungsmaterial enthält keine weiteren Derivate oder Hinweise in bezug auf dieses Substantiv. Mit anderen Worten: Die alltagssprachliche Bedeutung von nopan ist noch nicht belegbar. Auch die vorhandenen Wörterlisten oder Lexika des Uab Meto führen auf der Suche nach dem Sinngehalt dieses Lexems nicht weiter. Ungeklärt ist ebenfalls, ob nopan ein zur Kodierung der Rede entlehnter Begriff ist oder zu dem irrtümlich archaisch genannten Vokabular gehört.

Auch der Bedeutungsumfang des vierten Lexems (nanan</em) läßt sich wegen der gerade angegebenen Gründe nur annähernd bestimmen:

  • nanan = innen;
  • tnanan = die Mitte, der mittlere Teil von etwas.

Im Gegensatz zu nopan hilft hinsichtlich nanan ein Parallelwort der rituellen Rede weiter. Für die Rekonstruktion der Bedeutung von nanan wird so ein erhellendes Detail beigesteuert. Dieses Parallelwort ist usan, ein Begriff, der mit einem Seitenblick auf nanan das folgende semantische Feld ermöglicht:

  • usan = Nabel, Nabelschnur; aber auch: Zentrum;
  • usan ta`un = der Teil der Nabelschnur, der noch mit der Plazenta verbunden ist (ta`un, d.h. Stengel, Stiel; un, Baumstamm; ta`, der gerade Teil eines Baumstammes);
  • ta`ub / ta`un = mit etwas beginnen, anfangen … ;
  • hit ta`un = unser Anfang, d.h. unsere Herkunft, Abstammung.

Verbindet man das semantische Spektrum von nanan und usan und vergleicht den gefundenen Gehalt mit der Exegese des Lexems nanan durch die Dichter-Sprecher, so tritt eine Bedeutung in den Vordergrund, die auf eine innere leibliche Gegend hinweist. Da usan primär den Bauchnabel bezeichnet, ist die Lage der mit nanan angesprochenen Region unzweifelhaft. Die Rekonstruktion semantischer Felder vermittelt einen ersten Eindruck von dem die weitere Analyse der Herzmetaphorik in der mündlichen Dichtung der Atoin Meto ausgehen kann. Der Gegenstand dieser Untersuchung läßt sich nun erheblich präzisieren.

Die weitere Aufgabe der Untersuchung der vier Lexeme nekan, tainan, nopan und nanan besteht im folgenden darin, deren Aussage im Umfeld der mündlichen Dichtung (tonis) aufzusuchen. Um der Bedeutung der Rede vom Herzen in diesen Dichtungen auf die Spur zu kommen, sind zwei analytische Schritte erforderlich:

  • die Gliederung der Verse mit Herzmetaphorik entsprechend ihres Vorkommens in fünf Versionen sowie
  • die Untersuchung des Kontextes, in dem die Dichter-Sprecher poetisch vom Herzen reden.

In interlinearer Übersetzung lauten die fünf isolierbaren Vers-Versionen folgendermaßen:

Version 1: in nekan in tainan in nopan in nanan
Bei Version 1 handelt es sich um einen Vers OHNE qualifizierendes Verb oder Adjektiv; die Bedeutung dieser Vers-Version ist nur mit Hilfe des Kontextes zu ermitteln.

Version 2: (VERB) in nekan in tainan (VERB) in nopan in nanan
Diese Version faßt Verse der Version 1 MIT qualifizierendem Verb bzw. Adjektiv zusammen wie beispielsweise:

  • nabela in nekan …
  • = verkünden sein Herz …
  • = äußern, mitteilen, ausschütten sein Herz …
  • = fassen sich ein Herz …
  • = öffnen sein Herz …
  • mimnau minek-nekahat
  • = erinnert sich dein Herz … erwartet (es)
  • mipan-panah nek mese …
  • = erinnert sich dein Herz … bewahrt (es)
  • lelan nek kenu …
  • = (ver-)sammeln ihre Herzen …
  • natenab nekan …
  • = nachdenklich (gestimmt) sein, betrübt sein im Herzen …
  • natenab-natenab in nekan …
  • = (ein) ernsthaft bedenkendes (ist) sein Herz …

Version 3: nekan neno tem neno
Wieder handelt es sich um einen Vers OHNE qualifizierendes Verb oder Adjektiv; die Bedeutung dieser Vers-Version ist nur mit Hilfe des Kontextes zu ermitteln.

Version 4: nekan neno (VERB) tem neno (VERB)
Vers-Version 3 kommt auch als Vers MIT qualifizierendem Verb vor wie beispielsweise:

  • auban … nekan / tem
  • = darbieten dem Herzen / dem Bauch
  • nekan / tem nahin …
  • = (so daß) verstehen, begreifen, erfassen (kann) das Herz / der Bauch
  • noina … nekan / tem
  • = belehren das Herz / den Bauch
  • batan … nekan / tem
  • = versprechen dem Herzen / dem Bauch

Version 5
Verse mit abweichend gebildeten Formulierungen verwenden das Lexem nekan (bzw. die Derivate nek, maneka etc.) in der folgenden Bedeutung:

  • in nek
  • = etwas lieben
  • maneka
  • = Erbarmen besitzen
  • nekan naleko
  • = (das) Herz leicht und gut
  • nek non
  • = sich selbst mitbringen;
  • in nek in kun
  • = jmd. bedient sich in einer offiziellen Situation nicht etwa eines Vertreters, sondern erscheint in eigener Person: Er nimmt die Angelegenheit in seine eigenen Hände
  • nekan ka leko
  • = (das) Herz nicht gut (d.h. falsch, schlecht, verwerflich)
  • lisan in nekan …
  • = schlecht, charakterlos (ist) sein Herz
  • nekan naloit nonan
  • = (das) Herz erneuern; (das Herz) in Ordnung bringen
  • poh neku
  • = verbessern, erneuern (das) Herz
  • nek mese …
  • = (das) Herz, daß wie eines ist (d.h. vereint sein mit; eins sein mit)
  • nekan le`um natsana …
  • = (das) Herz schlecht und verdorben (bedauernswert)
  • nasneku
  • = bestürzt, verwirrt sein; die Fassung verlieren; aus dem Konzept geraten
  • nekan le`um mate
  • = (das) Herz zerstört und gestorben (d.h. traurig, bedauernswert)
  • nekan le`um mate / natsana mate …
  • = das Herz todesschwer und zu Tode bedrückt

Auf der Suche nach der Bedeutung der Rede vom Herzen lautet die nächste Frage: Mit welcher Absicht und in welchem dichterischen Kontext redet der Dichter-Sprecher vom Herzen, vom Magen / Darm, vom Bauch und vom Inneren? Im Zusammenhang mit den gerade dargestellten Wortfeldern sowie den fünf tonis-Vers-Versionen mit Herzmetaphorik, lassen sich Sinngehalt und Kontext herausstellen, in dem diese Lexeme ihre semantische Funktion erfüllen.

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