Die metaphorische Rede vom Herzen

4. Die Brust-Bauch-Region als leiblicher Ort der Vernunft und des Willens sowie des affektiven Betroffenseins und der Gefühle

Die Rekonstruktion semantischer Felder der alltagssprachlichen und der poetischen Rede vom Herzen ermöglicht die Reduzierung der vier Schlüsselbegriffe (nekan, tainan, nopan, nanan) auf eine Grundbedeutung, die auf den leiblichen Ort intellektueller und emotionaler Qualitäten des Menschen hinweist. In der Mehrzahl der angeführten Beispiele ist nicht von anatomischen Organen die Rede. Die deutschen Lexeme, die provisorisch für eine erste Übersetzung herangezogen wurden, unterstellten bislang stillschweigend diesen Sachverhalt. Der moderne Sprachgebrauch in Amanuban ist inzwischen durch christliche Überzeugungen verformt und weist eine Tendenz auf, traditionelle anthropologische Entwürfe von der leiblichen Komposition des Menschen durch entlehnte Konzepte zu ersetzen.

Die Bedeutungsanalyse des vorausgegangenen Kapitels hinsichtlich der Verwendung von nekan in der Alltagssprache weist auf drei teilweise widersprüchliche Bedeutungen hin:

    Der Sinngehalt von nekan (Herz) sowie eines Teils der angeführten Derivate betrifft zunächst Zustände der Sensibilität und der Emotionalität des Menschen. In dieser Bedeutung entspricht er in etwa dem, was wir als Empfindung und Gefühl, als Seele oder Gemüt auffassen. 20 Zur Benennung von emotionalen Zuständen liefert das entsprechende semantische Feld elf Beispiele, die ein großes Spektrum gefühlsbetonter Situationen umfassen wie Liebe, Mitgefühl, Teilnahme aber auch Traurigkeit, Depression oder Gefühlskälte.

    In geringerem Maße (sechs Mal) enthält das semantische Feld für alltagssprachlich nekan Bedeutungen, die das Herz mit der Persönlichkeit, dem Verstand, der Vernunft oder dem Willen, insgesamt intellektuellen Qualitäten, in Verbindung bringen.

    Alltagssprachlich kann nekan aber auch im Sinne eines anatomischen Organs aufgefaßt werden. Auf ambivalente und vage Weise bezeichnet nekan dann das Herz und /oder die Leber. Wie erwähnt gibt es im Uab Meto mit den Lexemen tekan / und konkurrierende Begriffe für das entsprechende anatomische Organ. 21 Für das zweite Lexem des Grundverses (tainan) trifft dies ebenfalls zu. In diesem Fall markiert [-f] jedoch einen deutlichen Unterschied zum poetischen Sprachgebrauch (taif).

    Die alltagssprachlichen Wortfelder der Lexeme tainan (tem), nopan und nanan, ergaben bei der Prüfung ihrer semantischen Tragweite nicht den Bedeutungsumfang von nekan. Während die Aussage von nekan und tainan (tem) auf die anatomischen Organe Herz und Magen / Darm bezogen werden kann, besitzen und nanan in der Alltagssprache kein direktes, leibliches oder organisches Äquivalent. Lediglich nanan ließ sich über den Umweg des zugehörigen Parallelwortes des rituellen Registers (usan) auf den Leib des Menschen beziehen.

    Nur nekan weist in der Alltagssprache ein Bedeutungsspektrum auf, das antagonistischen Qualitäten und Zuständen den gleichen leiblichen Ort zuweist. Die drei verbleibenden Lexeme, insbesondere diejenigen, die die rituelle Rede im Variationsvers verwendet (nopan und nanan), sind hier so gut wie nicht vertreten.

    Die Bedeutung, die die Dichter-Sprecher den Schlüsselbegriffen dieser Untersuchung in ihren Versen geben, zeigt im Vergleich mit ihrem alltagssprachlichen Inhalt auffällige Unterschiede. Da die Aussage der Vers-Versionen 1 und 3 nur im kontextuellen Zusammenhang verständlich ist, gehe ich nur auf diejenigen Versionen ein, die durch die Verwendung von Verben oder Adjektiven ein kulturspezifisches Verständnis von nekan, tainan, nopan und nanan ermöglichen. Da die Dichter-Sprecher in ihren Kompositionen nicht allein vom Herzen reden, sondern die Anordung dieser Lexeme im Vers als Einheit auffassen, verlasse ich die Ebene der Interlinearübersetzung und wende mich der sinngemäßen, freien Übersetzung zu. Die eigentliche Mitteilung, die diese Verse kommunizieren, ist anderenfalls nicht faßbar. Anstatt im weiteren von Herz, Magen / Darm, Bauch und Innerem zu sprechen, bevorzuge ich den Terminus Brust-Bauch-Region. Dieser gibt die in den Versen gemeinte leibliche Einheit am Besten wieder.

    Die hier vorgetragene Hypothese bedarf einer Verifizierung nach zwei Seiten hin: einerseits hinsichtlich der Brust-Bauch-Region als leiblichem Ort der Vernunft und des Willens, andererseits hinsichtlich der Brust-Bauch-Region als leiblichem Ort affektiven Betroffenseins und als Einfallstor der Gefühle als ergreifender, räumlich ergossener Atmosphären. 22

    In den Versen, die oben als Vers-Version 2 bezeichnet wurden, will die Brust-Bauch-Region etwas verkünden, sie will etwas äußern bzw. mitteilen. Die Protagonisten der Dichtung schütten ihre Brust-Bauch-Region aus oder öffnen diese ihrem Partner (nabela). Manchmal sammelt sich ihre Brust-Bauch-Region in sich (lelan), möchte etwas bedenken, entscheiden oder veranlassen. An anderen Stellen ist sie nachdenklich gestimmt, sie ist betrübt (natenab) oder bedenkt auf seltsam eigenständige Weise, in gedankenvoller Stimmung (natenab-natenab), eine Situation, eine Handlung, eine Ursache oder ein Ergebnis der Wahrnehmung und des Verhaltens.

    Die poetischen Ableitungen der Vers-Versionen 1 und 2, die als Version 5 zusammengestellt wurden, weisen der Brust-Bauch-Region Eigenschaften zu, die nichts mehr mit einem Organ in unserem Sinne zu tun haben. In diesen Versen ist die Brust-Bauch-Region in der Lage zu lieben (nek), sie erbarmt sich (maneka), kann gut oder schlecht (leko / ka lekof), charakterlos oder verwerflich (lisan) sein. Die Brust-Bauch-Region zeigt sich in diesen Versen auch als Partner, der erreichbar, manipulierbar und dessen Verhalten korrigierbar ist. Sie läßt sich erneuern, ihre gestörte Ordnung ist wieder herstellbar (naloit nonan). Die eigene Brust-Bauch-Region kann sich auch mit der eines Partners vereinen und mit diesem zu gemeinsamem Denken und Fühlen verschmelzen (nek mese … ). Sie reagiert außerdem zu Tode betrübt und ist nach traurigen, verletzenden und unglücklichen Ereignissen zum Sterben bereit (le`u mate natsana mate).

    Noch deutlicher tritt die Brust-Bauch-Region in Vers-Version 3 und 4 dem handelnden Menschen als Partner gegenüber. Dieser bietet seiner sowie der Brust-Bauch-Region seines Mitmenschen etwas dar (auban), belehrt (noina) sie und legt ihr gegenüber Versprechen ab (batan). Die Brust-Bauch-Region ist ebenfalls dazu in der Lage, einen angebotenen Diskurs entgegenzunehmen, ihn zu erwidern; sie versteht, begreift und erfaßt (nahin) das Geschehen in ihrer Umgebung, so daß sie als leibliches Alter ego direkt ansprechbar wird.

    Um die Darstellung der für westliche Überzeugungen so eigenartigen Beschaffenheit der leiblichen Brust-Bauch-Region in den tonis-Dichtungen weiter zu präzisieren, müssen einige Verse in den Kontext zurückgeführt werden, aus dem sie zu Zwecken der Analyse herausgelöst wurden. Um zu zeigen, in welcher Absicht und mit welcher Bedeutung der Dichter-Sprecher in seinen Kompositionen von der Brust-Bauch-Region seiner Protagonisten redet, präsentiere ich im folgenden zwei Textsegmente. 23 In der Übersetzung derjenigen Verse, die auf die Zustände der Brust-Bauch-Region der handelnden Personen anspielen, orientiere ich mich an den Erläuterungen der Dichter-Sprecher. Bei der freien und sinngemäßen Übertragung der Verse ins Deutsche beziehe ich mich außerdem auf die exegetische Dimension Victor Turners. Als Essenz der Schlüssellexeme treten nun andere Bedeutungen in den Vordergrund, so daß der mögliche Organcharakter dieser Begriffe vollständig verlassen werden kann. Im weiteren übersetze ich wie folgt: nekan = Denken / Gedanken, tainan = Wille, Wunsch, nopan = Spüren, Fühlen und nanan = Empfinden.

    Version 1 und 2: in nekan in tainan in nopan in nanan

    Die umgangssprachliche Erzählung, die dem folgenden Textsegment zugrunde liegt, berichtet von einer Begebenheit, die sich im Vorfeld eines Befreiungskrieges ereignet hat. Diesen hat ein gewisser Klis Boimau aus Pana` (Südzentralamanuban) in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts gegen den sich ständig ausweitenden Hegemonieanspruch der feudalen Nope-Dynastie in Niki-Niki (Zentralamanuban) geführt. Boimaus Krieg richtete sich aber nicht unmittelbar gegen die Residenz des feudalen Herrschers Bil Nope in Niki-Niki, sondern gegen seinen Sohn Lobis und dessen Vasallen Ton, Finit, Babis und Sapai in Kuan Fatu (in Mae und Nai Lete, in Kua Muke und Bi Taek). Als loyale Vasallen unterstützten sie Lobis Nopes Anspruch.

    Der Bericht, der diese historischen Ereignisse überliefert, erscheint in der Gestalt einer mythischen, legitimierenden Erzählung vom Raub einer Frau und der folgenden Vergeltung. Alunpah, dessen Ehrenname (akun) Lui Olo ist, war einer der zahlreichen, illegitimen Nope-Söhne aus bürgerlichen Verbindungen. Da ihm aus diesem Grund weder Thronfolge, noch offizielle Ämter im Palast zu Niki-Niki zustanden, verließ er die Residenz seines Vaters und siedelte sich in Menu (heute Kusi, Südamanuban) an, wo ihm seine adelige Abstammung höheres Prestige einbrachte.

    Zu jener Zeit zeichnete sich der Nope-Sohn Lobis, der als verlängerter Arm der Nope-Dynastie in Oetbolan (Kuan Fatu) residierte, durch ein despotisches und grausames Willkürregime aus. Er unterdrückte Kreise des lokalen Adels und beutete die bäuerliche Bevölkerung maßlos aus. Als Lobis Alunpahs zweite Frau während dessen Abwesenheit entführte und nach Oetbolan verschleppte, war das Maß an Unrecht voll. Alunpah reagierte, aufs Äußerste empört, mit einer Beschwerde in Niki-Niki (Vers 26-27). Die nicht zitierten Verse 28 bis 45 berichten von Alunpahs Reise nach Niki-Niki und vom Versprechen des obersten Regenten Bil Nope, Lobis seiner Ämter und Privilegien zu entkleiden und ihn zur Rechtfertigung nach Niki-Niki zu berufen. Mit diesem Versprechen und der Botschaft des Regenten an die regierenden Kreise in Südamanuban, seinen Sohn Lobis nach Niki-Niki zurückzuschicken, machte sich Alunpah zufriedengestellt auf den Heimweg.

    Unterwegs nach Kusi war der betrogene Ehemann Gast im Haus von Telnoni (in Ofu, Zentralamanuban), einem Verbündeten des Feto Nae Klis Boimau 24 (Vers 47 bis 49).
    Boimau, ebenfalls zu Gast im Hause Telnonis, erfuhr auf diese Weise von dem Unrechtregime in Oetbolan, Kuan Fatu. In seiner Brust-Bauch-Region war er tief betroffen von den Leiden der Bevölkerung. Mit der Formulierung nekan, tainan, nopan, nanan erklärte er (nabela) spontan seine Unterstützung (Vers 54 bis 57). Als Kriegslist arrangierte Klis Boimau die Scheinhochzeit seiner Tochter mit Lobis Nope. Während die Braut und die Geschenke feierlich in den Palast von Oetbolan gebracht wurden, griffen Boimau und seine Alliierten an. Sie besiegten Lobis und seine Verbündeten und vertrieben sie aus Kuan Fatu (Vers 25; Vers 58 bis 68), so daß der Dichter-Sprecher einige Verse weiter klagt: In Mae und Nai Lete, in Kua Muke und Bi Taek hatten sie keinen Namen mehr und keinen Ruf, war ihr Name gesunken und ihr Ruf ohne Klang, waren sie ein Kopf ohne Körper, ein kopfloser Rumpf. In poetischer Rede überliefern die Dichter-Sprecher diese Begebenheit mit den folgenden Worten:

    25 Überdrüssig waren sie es, plötzlich und überraschend erschienen die Feinde, sie schlichen herein und kamen hinein, nach Mae und Nai Lete, nach Kua Muke und Bi Taek.
    26 Denn an diesem Tag spürte Ni Lui Olo seine eigenen Gedanken und seinen eigenen Willen, spürte sein eigenes Gefühl und seine eigenen Empfindungen.
    27 Alunpahs eigene Gedanken und seinen eigenen Willen, sein eigenes Gefühl und seine eigenen Empfindungen.
    [ . . . ]
    46 So kam es, daß Alunpah zurückkehrte, sich umdrehte, wendete und zurück kam.
    47 Seine Gedanken waren sehr traurig, seine Gefühle bedauerten ihn sehr.
    48 So kam er bis zur Mitte des Weges, bis zur Tür, zu deren Mitte.
    49 Dort waren Ofu und Nenuat, das Haus Bone und die Ebene von Bone waren dort.
    54 Er informierte gut und berichtete es besonders gut.
    55 Und dort verkündete Ni Boimau seine Gedanken und seinen Willen, äußerte seine Gefühle und seine Empfindungen dort.
    56 Und er sagte: Die Gedanken sind schlecht und bedauerlich, und die Gefühle sind verdorben und zu bedaueren.
    57 Deshalb muß er gut ersetzt und auf den richtigen Weg zurückgeführt werden muß er besonders gut.
    58 Und er sagte: Er will ihn auf dem Kopf tragen und auf die Schulter heben, er will ihn in der Mitte treffen und sich ihm nähern.
    59 Im Haus Oetbolan und im Palast Oetbolan,
    60 Dort sich versammeln und ihn umkreisen dort,
    61 Ihm Nahrung geben dort und ihn ernähren dort.
    63 Er will vorangehen und sich ihm nähern, um ihn auf dem Kopf zu tragen und um ihn auf die Schulter zu heben, ihm Nahrung zu geben und ihn zu ernähren.
    64 Schlecht sind seine Gedanken und seine Gefühle, verdorben sein Wille und seine Empfindungen.
    65 Sein Wille, und auch seine Gefühle und sein Empfinden.
    66 Und dann kamen die Feinde hereingeschlichen und zerstörten uns, kamen hinein und vernichteten uns.
    67 Die Feinde schlichen herein und zerstören uns, und sie kamen hinein und vernichteten uns,
    68 In Mae und Nai Lete, in Kua Muke und Bi Taek. 25

    Version 4: ekan neno nahin tem neno nahin

    Vers-Version 4 gehört zu den appellativen Versen der Kuan Fatu-Dichtungen. Dieser Vers tritt in den meisten Fällen erst am Ende einer Dichtung auf. Mit Nachdruck weisen die Dichter-Sprecher mit diesem Vers noch einmal auf ihr Amt als Bewahrer der Tradition hin. Sie teilen ihren Zuhörern mit, daß sie gerade etwas für die Gemeinschaft eminent Wichtiges vorgetragen haben. Mit dem Appell an die Brust-Bauch-Region, an Vernunft und Gefühl, fordern sie zur unbedingten Identifizierung mit der mitgeteilten Botschaft auf. Retrospektiv verlangen sie mit diesem Vers noch einmal die ganze und ungeteilte Aufmerksamkeit ihres Publikums. Vers-Version 4 ist aber mehr als nur eine Art abschließender, pädagogischer Appell. Er beinhaltet ebenfalls die Reflexion des Dichter-Sprechers auf seine gerade vorgetragene Komposition: 26

    78 Möge ich Dir so berichten, damit Dein Verstand es versteht und dein Gefühl es begreift.
    79 Oder: Laß es mich Dir ausführlich erklären, damit Dein Verstand es versteht und dein Gefühl es begreift.
    80 Damit man am Morgen und am Abend weiß was die vergangene Zeit verwirklichen konnte, die Generationen, die zurückliegenden.
    81 Um an das Vergangene anzuknüpfen, an das Zurückliegende.
    82 Und um sich immer zu erinnern, stets zu erwarten und für immer zu bewahren, so daß wir wie ein Denken und wie ein Fühlen sind.
    83 Die Nadel benutzen, um sie einzustechen, um hindurchzuziehen den Faden. 27

    Der Kontext der tonis-Verse sowie die exegetische Auslegung der zitierten Textsegmente durch die Dichter-Sprecher, offenbart die eigentliche Bedeutung der Rede von der Brust-Bauch-Region. Die leicht als Organbezeichnungen mißverständlich interpretierbaren Lexeme nekan, tainan (tem), nopan und nanan erhalten so ihren eigentlichen Sinn zurück. Die Rekonstruktion einer alltagssprachlichen und poetischen Verwendung der metaphorischen Rede von der Brust-Bauch-Region in Amanuban läßt nun plausible Schlußfolgerungen hinsichtlichder zentralen Bedeutung dieser leiblichen Region zu.

    Im Grundvers der zitierten Vers-Versionen 1 und 2 bezeichnen die Lexeme nekan und tainan die Region der Brust als leiblichen Ort intellektueller Qualitäten wie Denken (Gedanken), Verstand, Vernunft und Wille (Wunsch) sowie als Ort der Persönlichkeit und des Charakters. 28 Im Variationsvers ergänzen die Lexeme nopan und die leibliche Region des Bauches als Ort der Affekte und der Emotionen. Verwendet ein Vers (vgl. Version 3 und 4) nur zwei dieser Lexeme, nämlich nekan und te(m) = tainan, so verlagert sich die Bedeutung: nekan steht te(m), Brust / Bauch, synonymparallel gegenüber, so daß auch mit diesen Versen intellektuelle Qualitäten der Brust-, emotionale der Bauchregion zugewiesen werden. Während das erste der zitierten Textsegmente (Version 1 und 2) die intellektuelle und emotionale Verfassung der Protagonisten Alunpah und Boimau beschreibt, schildert das zweite Textsegment (Vers-Version 4) den Diskurs, den der betroffene Mensch mit leiblichen (intellektuellen und emotionalen) Regungen in seiner Brust und in seinem Bauch führt. Die nicht im dichterischen Kontext vorgeführten Formulierungen der Vers-Version 5 stellen eine Art Übergangszone dar, da die kontextuelle Bedeutung der Schlüssellexeme hier nicht eindeutig auf intellektuelle oder emotionale Qualitäten zu beziehen ist. Im weitesten Sinne entspricht die Verwendung der Schlüsselbegriffe in Vers-Version 5 derjenigen in Vers-Version 1 und 2, die die Brust-Bauch-Region als den leiblichen Ort von Verstand und Gefühl ausgeben. Ob es sich bei dem Diskurs, den der Mensch mit seiner Brust-Bauch-Region führt, um einen Zustand der Ergriffenheit durch seine Affekte bzw. durch Gefühle als räumlich ergossene Atmosphären oder um einen rational geführten, inneren Monolog handelt, ist schwierig zu entscheiden.

    Wie die leibliche Phänomene behandelnde Dissertation von Guido Rappe belegt besteht kein Grund, diesen Überzeugungen, die die Atoin Meto mit ihrer Brust-Bauch-Region verbinden, eine Sonderstellung einzuräumen. Vielmehr entsteht der Eindruck, daß es sich bei dem hervorgehobenen Phänomen um eine gemeinsame Schnittstelle aller Kulturen handeln könnte.

    Die berühmte Verstockungsvision des alttestamentlichen Propheten Jesaya (Kap.6) enthält ein Beispiel für ein Verständnis der Brust (dem Herzen) wie es den Atoin Meto-Dichtungen selbstverständlich ist. Kompatibilität zwischen alttestamentlicher und tonis-Dichtung besteht vor allem hinsichtlich Vers-Version 4, die die Brust-Bauch-Region des Menschen als Partner eines Diskurses auffaßt. In der entscheidenden dritten Szene dieser Vision heißt es:

    (8) Danach hörte ich die Stimme des Herrn, der sagte: Wen soll ich senden?
    Wer wird für uns gehen? Ich antwortete: Hier bin ich, sende mich!

    (9) Da sagte er: Geh und sag diesem Volk: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen. Sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen.
    (10) Verhärte das Herz dieses Volkes, verstopf ihm die Ohren, verkleb ihm die Augen, damit es mit seinem Augen nicht sieht und mit seinen Ohren nicht hört, damit sein Herz nicht zur Einsicht kommt und sich nicht bekehrt und nicht geheilt wird. 29

    Der zentrale Begriff dieser Jesaya-Stelle ist das Lexem leb(ab) in der Bedeutung von Herz. In der oben zitierten Stelle aus dem Alten Testament verhärtet sich das Herz der Israeliten, sagt Jesaya ihrem Herzen voraus, daß es nicht zur Einsicht kommen wird. Gerade deshalb kann es keine Heilung finden. In einer Übersetzung, die dem ursprünglichen, hebräischen Text näher steht, heißt es, daß der leb des Volkes unempfänglich ist, daß er nicht versteht und nicht umkehrt (Koch, 1978, S.124). Die Verstockung Israels betrifft nach Jesaya den leb(ab) des Volkes, sein Herz. Im Sprachgebrauch der alttestamentlichen Propheten bedeutet diese Formulierung eine Einschränkung von Verstand, Wille, Gefühl und Empfindsamkeit. In der Interpretation der zitierten Jesaya-Stelle bemerkt Koch, vielleicht etwas zu einseitig ausgerichtet: Für ihn ist leb Sitz von Denken und Willen, entspricht also dem, was wir Verstand und Vernunft nennen. leb ist das Organ der Weltorientierung und dies im Sinne von jada` und bin. Beide Verben bedeuten erkennen, aber nicht distanzierte Analyse, sondern handlungsleitendes Sich-Einlassen auf Personen und Dinge, zu Lebensgewinnung und -steigerung 30. Wie nekan und tainan in der Dichtung der Atoin Meto ist auch das alttestamentliche Herz (leb) auf Informationen angewiesen. Im Falle des Jesaya-Zitats kommen ihm diese durch Augen und Ohren zu. In Vers-Version 2 sprechen auch die Dichter-Sprecher aus Kuan Fatu das Herz (die Brust-Bauch-Region) ihrer Zuhörer direkt an, wenn sie Verben wie verkünden, mitteilen und äußern (nabela) oder verstehen und begreifen (nahin) verwenden. Wie nekan und tem in Vers-Version 4 ist altt. leb dazu fähig zu erkennen und zu verstehen (vgl. altt. jada` und bin mit Uab Meto nahin).

    Anders als Jesaya, der sich nach K. Koch in der Verstockungsvision an das Herz (die Brust) Israels als leiblichen Ort intellektueller Fähigkeiten wendet, ist in den alttestamentlichen Psalmen und Sprichwörtern unmißverständlich vom Herzen als leiblichem Ort der Sensibilität und Emotionalität die Rede:

    Befrei mein Herz von der Angst, führe mich heraus aus der Bedrängnis. 31
    Ein fröhliches Herz macht das Gesicht heiter, Kummer im Herzen bedrückt das Gemüt. 32

    Eine Stelle in Ezechiel verwendet die Herzmetaphorik im Sinne des ganzen Menschen. Im ersten Teil dieser Textstelle meinen Herz und Geist als synonymparalleles Lexempaar den menschlichen Verstand Das Herz von Stein im zweiten Teil weist auf eine emotionale Situationen im Sinne von manekat hin:

    Ich schenke ihnen ein anderes Herz und einen neuen Geist. Ich nehme das Herz von Stein aus ihrer Brust und gebe ihnen ein Herz von Fleisch, damit sie nach meinen Gesetzen leben und meine Rechtsvorschriften beachten und sie erfüllen. 33

    Auf die sehr ähnlichen Beziehungen, die nekan in bezug auf den Charakter und die Persönlichkeit des Menschen besitzt, wurde oben schon mit den Derivaten nekat, lisan in nekan sowie nekan naloit nonan hingewiesen.

    Wie im alttestamentlichen Israel war auch im pharaonischen Ägypten das Herz nicht nur Sitz der Emotionen, sondern auch des Vermögens zu erkennen und zu bedenken. Auch in dieser Kultur waren Herz und Brust, insofern sie den gleichen Ort einnahmen, identisch. Für das Alte Ägypten hat Jan Assmann das Herz (ib) und darüber hinaus die Brust als den Ort des Willens beschrieben. Im weitesten Sinne spricht er von der verinnerlichten Stimme der Gemeinschaft und von der Stimme des Herzens als eine dem Gewissen verwandte Instanz. 34

    Als selbständiges Gegenüber, ganz im Sinne des tonis-Verses nekan nahin tem nahin, erscheint das Herz (lubb) als diskursiver Partner auch im altarabischen Zusammenhang. Darüber hinaus ist es der leibliche Ort des Verstandes: … eine Steigerung ist im Motiv des als selbständiges Gegenüber angesprochenen und sprechenden Herzens zu sehen. 35

    Das menschliche Herz als Ort der Vernunft und der Emotionen war ebenfalls den alten Chinesen geläufig. Wille, Moral und Gewissen unter die Vernunft subsumiert, verfolgten den Zweck die emotionale Seite des Herzen zu kontrollieren. 36 Daneben wurde das Herz im Alten China, wie nekat in Amanuban, mit der Persönlichkeit des Menschen in Zusammenhang gebracht. Auch in China konnte es die in Vers-Version 5 genannten Zustände wie eine Person besitzen. 37

    Neben dem Uab Meto is auch anderen indonesischen Sprachen die semantische Vielfalt des Lexems Herz eigen, auf die im Zusammenhang mit den entsprechenden Wortfeldern aus Amanuban hingewiesen wurde. Die Wörterbücher der modernen indonesischen Nationalsprache Bahasa Indonesia führen Ausdrücke an, die hinsichtlich nekan relevant sind. 38 In dieser Sprache besitzen hati 39 und seine Derivate Bedeutungen, die sich nahtlos in den Kontext des für nekan diskutierten Sinngehalts einfügen lassen:

    1. Leber;
    2. Herz, Gemüt, Inneres;
    3. Aufmerksamkeit.

    Mit hati kecil (wörtl. kleines Herz) oder kata hati (wörtl. Wort des Herzens) ist ein dem Gewissen als moralischer Instanz adäquater Begriff gegeben. Komposita wie sakit hati (wörtl. krankes Herz), gekränkt, verärgert, senang hati (wörtl. fröhliches Herz), zufrieden, vergnügt, dapat hati (wörtl. Herz finden), Mut fassen, melepaskan hati (wörtl. das Herz befreien, loslassen), seinen Leidenschaften frönen, berhati rawan (wörtl. ein gerührtes Herz besitzen), melancholisch, trübsinnig, berhati berjantung (wörtl. ein Herz haben, ein anatomisches Herz haben), 40 feinfühlend oder kurang hati (wörtl. wenig Herz), gleichgültig, mutet; herzlos, mutet der moderne Indonesier dem Lexem hati ein großes Spektrum emotionaler Zustände zu.
    Andere Ableitungen von hati wie beispielsweise hati-hati, aufmerksam, vorsichtig, perhatian, Aufmerksamkeit, Interesse oder pemusatan perhatian, konzentrierte Aufmerksamkeit, beziehen die Fähigkeiten des Denkens und Verstehen ein. 41

    Zwischen Uab Meto nekan und Bahasa Indonesia hati besteht allerdings ein Unterschied, der in diesem Zusammenhang nicht unterschlagen werden darf. Während nekan bisher mit Herz übersetzt wurde, bezeichnen hati und seine Derivate in allen konsultierten Lexika in erster Linie die anatomische Leber. Die Subsumtion der Bedeutungen Leber und Herz unter einem Lexikoneintrag bedeutet aber nicht, daß indonesische Kulturen den körperlichen Ort dieser beiden Organe verwechseln oder nicht kennen. Dieser Einwand ist absurd, da Ritual, Divination und Opfergabe in indonesischen Kulturen, einst und heute, gerade auf diese Organe rekurrieren. Im Unterschied zur europäisch-analytischen Sicht differenziert der indonesische Mensch dann nicht zwischen Herz und Leber, wenn es ihm um leiblich spürbare Regungen in der Brust-Bauch-Region geht. In diesem Fall kann es vorkommen, daß er hati sagt und seine Hand bestätigend auf die Herzgegend legt. Da mit dieser Geste die Gegend des Spürens und nicht die Lage eines Organs gemeint ist, handelt es sich nicht um einen Irrtum, sondern geradezu um die Bestätigung der hier vorgetragenen These vom leiblichen Zentrum Brust-Bauch. Die Bedeutung hati (Herz) ist insofern sekundär und vor allem metaphorisch zu verstehen.

    Geht man über das von Otto Karow / Irene Hilgers-Hesse angegebene Bedeutungsspektrum für hati und seine Komposita hinaus und faßt die in den Wörterbüchern angeführten Einträge zusammen, so verbinden sich mit hati drei Grundbedeutungen. Je nach Kontext rücken Lexeme in den Vordergrund, die sich immer auf die Region von Brust und Bauch beziehen:

    1. Leber als anatomisches Organ,
    2. Herz als metaphorischer Ausdruck sowie
    3. die Gegend der Brust und der dort gespürten Gefühle. P. Salim / Y. Salim definieren unter dem Eintrag heart einerseits:
    4. jantung (das anatomische Herz; Anm.d.Verf.);
    5. hati (Leber bzw. das metaphorische Herz; Anm.d.Verf.); dada (die Brust; Anm.d.Verf.); perasaan hati (die Gefühle in der hati-Gegend); a. kemauan, b. semangat [a. Wille, Wunsch, Verlangen; b. Bewußtsein, Begeisterung, Begierde] … (Salim, 1991, S.854). Andererseits erläutern sie hati in ihrem zeitgenössischen Lexikon mit Definitionen wie: 1. perasaan yang ada di dalam (innere Gefühle; Anm.d.Verf.); 2. bahagian yang dalam sekali (der absolut innerste Teil; Anm.d.Verf.); … 6. sifat batin manusia (der im Inneren verborgene, menschliche Charakter; Anm.d.Verf.); … 42

    Wie die Beispiele zeigen ist hati im Indonesischen ein ambivalenter, vielseitiger und schillernder Begriff, dessen Bedeutung sich immer nur kontextuell, nie absolut dekodieren läßt. Die in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts aus nationalen Interessen und Bedürfnissen geschmiedete Bahasa Indonesia leistet sich in dieser Hinsicht eine Ungenauigkeit in Ausdruck und Bedeutung, die die Dialekte des Uab Meto nicht kennen. Stehen dem Sprecher des Uab Meto mit den Lexemen tekan (anatomisches Herz), atef (Leber) und nekan (metaphorisches Herz) die Brust-Bauch-Region ausreichend differenzierende Begriffe zur Verfügung, muß die Bahasa Indonesia mit nur zwei Lexemen auskommen. Die Subsumierung der Bedeutung anatomische Leber / metaphorisches Herz unter das Lexem hati bringt für den Sprecher dieser Sprache nicht nur die sorgsame Beachtung des Kontextes mit sich, sondern hält außerdem besondere Schwierigkeiten bei der Übersetzung bereit. Verwendet die Bahasa Indonesia hinsichtlich empfundener Traurigkeit patah hati (wörtl.: gebrochene Leber), so spricht der Deutsche im gleichen Fall von einem gebrochenen Herzen. Die Übersetzung von patah hati aus dem Indonesischen ins Deutsche mit gebrochene Leber zu versuchen ergibt genauso wenig Sinn wie entgegengesetzt gebrochenes Herz aus dem Deutschen ins Indonesische mit patah jantung (jantung = das anatomische Herz) zu bewerkstelligen. Die Vermischung anatomischer und metaphorischer Konnotation ist in dem Bemühen vorprogrammiert, die metaphorische Rede nicht zu verwässern oder zu verfälschen: Was den Indonesier in seiner Leber (Bauch) bewegt, trägt der Deutsche in seinem Herzen (Brust). Da Leber und Herz jedoch in einem Lokale vereint sind, nämlich in der Brust-Bauch-Region, spüren die Menschen beider Kulturen ihre Affekte und die sie ergreifenden Gefühle in derselben leiblichen Gegend. 43

    Eine Übersetzung von áte (für proto-austronesisch *`ataj, Leber, Gemüt vgl. O. Dempwolff 1938, 178) als heart wie sie Joel C. Kuipers vorschlägt, ist kritikwürdig. Sie suggeriert einem westlichen Leser Herz (Brust), während der leibliche Ort, an dem die Weyéwa Schmerz und Trauer spüren in der Gegend der Leber (Bauch) angesiedelt ist. In einer spontan vorgetragenen Trauerklage für eine Verstorbene, die J.C. Kuipers im zentralen Westsumba dokumentieren konnte, heißt es mit Bezug auf die emotionale Verfassung der Trauernden (Kuipers 1986, 458; Hervorhebung v. Verf.):

    ku lembu áre áte
    I reached the limits of my heart
    ku kalembu árekuni
    My last hope is here before …

    Poetische Klagegesänge dieser Art werden von den Teilnehmern an einem Totenritual danach beurteilt, ob sie an ihrer Leber ziehen oder von ihr essen. Sie sagen aber auch: My heart (liver) was really pulled, tears came out … I really cried when she sang (Kuipers, 1986, S.458). Die Weyéwa bewerten die Spontaneität und Emotionalität, mit der Schmerz und Trauer geäußert werden, nicht allein nach der sprachlichen Beschaffenheit einer Formulierung. Obwohl die zitierten Zeilen dichterische Qualität besitzen, bemißt sich ihr Wert nur danach, inwieweit sie die emotionale Verfassung und Ergriffenheit der Ritualteilnehmer angesichts der Leiche beeinflussen können. Das Ausmaß ausbrechender Trauer, das poetische Verse zu evozieren in der Lage sind, gilt als Kriterium ihrer Bewertung. Den leiblichen Ort dieser Ergriffenheit kennzeichnen die Weyéwa mit dem Lexem áte, das J.C. Kuipers mit dem Kompromißterminus heart (liver) wiedergibt. Da er dieses Einfallstor der Gefühle als ergreifender, räumlich ergossener Atmosphären nicht als die Brust-Bauch-Region oder die leibliche Gegend dieser Organe herausstellt wie es seine ambivalente Übersetzung von áte eigentlich nahelegt, bleibt ihm keine andere Wahl. Bei seiner Übersetzung muß er auf die primär anatomische Bezeichnung heart beziehungsweise heart (liver) zurückzugreifen. Es ist aber dennoch zu erkennen, daß die Weyéwa weder das eine noch das andere Organ meinen, sondern eine Gegend diffusen leiblichen Spürens.

    Vergleichbare Wortfelder lassen sich auch für die Muttersprachen anderer indonesischer Kulturen aufstellen. Auch in diesen Sprachen fällt der oben erwähnte Unterschied, nämlich die größere Differenzierungsmöglichkeit und Kontextunabhängigkeit der Lexeme, auf. 44 Wie die Regionalsprache Westtimors kennen auch die Sprachen der Ata Manggarai und der Tetun, neben den Lexemen für die entsprechenden anatomischen Organe, weitere Bezeichnungen, die dem semantischen Spektrum von nekan entsprechen:

    Deutsch Herz (anatom.) Leber (anatom.) Verstand, Gefühl
    Uab Meto tekan atef nekan
    Manggarai putju ati nai
    Tetun ? 45 ate(n) neon

    Die metaphorische Verwendung der Lexeme zur Bezeichnung anatomischer Organe (Herz oder Leber) in indonesischen Sprachen kann in zwei verschiedene Kategorien sprachlicher Ausdrücke unterschieden werden:

  • in Lexeme, deren Bedeutungsumfang in erster Linie auf anatomische Organe oder deren Zustand bezogen ist, die aber je nach Kontext anatomisch und / oder metaphorisch aufgefaßt werden können (Tabelle 1, Spalte 1 und 2) sowie
  • in Lexeme, deren Bedeutungsspektrum sich auf intellektuelle und emotionale Zustände des Menschen bezieht (Tabelle 1, Spalte 3). Da diese in der Gegend von Herz und Leber gespürt werden und relativ den gleichen Ort wie diese Organe einnehmen, können sie in der metaphorischen Rede auch mit Organbegriffen bezeichnet werden.

Ob die eng verwandten, ostindonesischen Sprachen entstammenden Lexeme nekan, nai und neon die gleiche proto-austronesische Wurzel besitzen ist unklar. Im interkulturellen Zusammenhang besitzen sie jedoch ein gemeinsames Bedeutungsspektrum. Wie nekan so umfaßt auch nai einen Sinngehalt, der Bewußtsein, Wille, Wunsch, Begeisterung und Temperament, aber auch Leidenschaft, Verlangen und Begierde, als innere Zustände auffaßt.46 Für neon geben die Wörterbücher von A. Mathijsen und C. Morris übereinstimmende Einträge an. Während A. Mathijsen für neon ausnahmslos Begriffe wie Herz, Gemüt, Verstand, Begriffsvermögen nennt, 47 kommt C. Morris fast ohne den Bezug zum anatomischen Substrat aus: inner nature, intelligence, conscience; judgement, understanding, reasoning, so lauten seine Übersetzungsvorschläge. Nur bei der Erläuterung von ho neon ho laran, with utmost desire and all one` s heart greift er mit Bezug auf die Bedeutungen Verlangen und Begierde auf den Begriff Herz zurück. 48 Die wörtliche Übersetzung dieser Redewendung der Tetun ist in diesem Zusammenhang vor allem deshalb interessant, da laran und nanan als Reflexe verwandter Sprachen in ihrer Bedeutung identisch sind:

ho neon ho laran
dein Herz dein Innerstes
in nekan … in nanan
sein Herz … sein Innerstes

Die synonymparallele Anordnung der grammatischen Elemente des Ausdrucks ho neon ho laran läßt darauf schließen, daß es sich hier um einen Vers der rituellen Rede der Tetun handelt. Der semantische Parallelismus von neon und nekan wird durch denjenigen von laran und nanan ergänzt. Metaphorisch fassen beide Sprachen Herz und inneres Zentrum als den Ort auf, an dem leibliche Empfindungen spürbar sind.

Von den zahlreichen Beispielen, die G. Rappe für die Bedeutung von Herz in Kulturen des malaiischen Archipels zusammengestellt hat, muß die folgende Textstelle, Nordsumatra und Malaysia betreffend, besonders hervorgehoben werden. Sie weist direkt auf die Aussage der nekan-Metapher der Atoin Meto zurück:

Die leibliche Gegend von Herz und Leber mit ihren Regungen, die sowohl bei den Batak als auch bei den Semang einem gemeinsamen Komplex zugeordnet werden, umfaßt die Bereiche von Brust, Herz, Magen, Bauch und Zwerchfell. Die Teminar lokalisieren den Regungsherd etwas höher und betonen die Verbindung Herz-Kopf, doch insgesamt gesehen handelt es sich dabei nur um Fragen des Fokus und der Differenzierung, nicht um grundsätzliche anthropologische Unterschiede (Rappe, 1994, S.290).

Der Vers der Kuan Fatu-Dichtung, der diese Untersuchung veranlaßt hat, spiegelt diese beiden Aspekte ebenfalls: Mit den Lexemen nekan und tainan verweist er auf eine obere Ebene eines leiblich spürbaren Zentrum ganz im Sinne der Überzeugung der Teminar in Malaysia. Die Verbindung von dada (wörtl. Brust) und Kopf, die die Sakai des Riau Lingga Archipels mit dem Begriff isi dada (Gedanken, wörtl. Inhalt der Brust) annehmen, weist in die gleiche Richtung und macht die zuerst etwas eigenartige Verbindung von Indon. hati und dada verständlich, die Salim im gleichen Lexikoneintrag vornimmt. 49 Dieselbe Überzeugung vertritt ein offizieller Vertreter der katholischen Kirche in Amanuban. Gemäß seiner Exegese meint nekan gleichzeitig Herz und Denken, da die Gedanken von der Brust aus in den Kopf steigen. Wie er mir erklärte, kann zwischen dem Wollen des Herzens und dem Wollen des Denkens jedoch ein Widerspruch entstehen: Das Herz stimmt zu, der Verstand findet Gründe der Ablehnung oder umgekehrt. Mit nopan und nanan spricht der Kuan Fatu-Vers anscheinend eine tiefer gelegene Ebene dieses Zentrums an. Allerdings stellt der semantisch vage Charakter dieser beiden Lexeme kontextueller Dekodierung und Interpretation einen großen Spielraum zur Verfügung.

Die alltagssprachliche und poetische Verwendung der Metaphorik der Brust-Bauch-Region der Atoin Meto ordnet sich problemlos in diesen Zusammenhang ein. Das rekonstruierte Bedeutungsspektrum dieser leiblichen Region sowie der dort gespürten Regungen läßt sich als Lexikoneintrag folgendermaßen definieren:

    NEKAN

  1. obere BRUST (Herz) als leiblicher Ort intellektueller Fähigkeiten (Denken, Vernunft und Wille) sowie als leiblicher Ort der Persönlichkeit und des Charakters; Verstandestätigkeit als Resultat von Empfindungen und Gefühlen;
  2. Herz, Leber als anatomische Organe (sehr wahrscheinlich Wandelphänomen).
  3. TAIN(AN)
  4. untere BRUST (Magen / Darm) als leiblicher Ort intellektueller Fähigkeiten (Wille, Willensentscheid, Wunsch etc.); vgl. tem als synonymer Ausdruck;
  5. Magen / Darm als anatomische Organe (Wandelphänomen; eigentlich taif).
  6. NOPAN
  7. eine undifferenzierte Region des BAUCHes, die den leiblichen Ort der Affekte und Gefühle, des Spürens und der Empfindungen bezeichnet;
  8. im weitesten Sinn kann dieser Begriff die Gesamtheit der inneren Organe des Bauches, die Eingeweide, bezeichnen.
  9. NANAN

  10. in der BAUCHregion undifferenziert lokalisiertes, inneres Zentrum leiblichen Spürens, eine Art Ursprungs- oder Quellort (usan) leiblicher Regungen; im Vergleich zu nopan ist die Bezeichnung der Bauchregion als nanan unschärfer aufzufassen;
  11. eine Identifizierung von nanan mit inneren Organen des Bauchraumes besteht nicht.

Die anatomische und metaphorische Bedeutungsebene dieser Lexikoneinträge läßt sich wie folgt in einer Tabelle zusammenfassen:

Uab Meto nekan tekan nopan nanan
Deutsch (anatomisch) Herz Magen, Darm Bauch, Eingeweide Inneres
Deutsch (metaphorisch) Verstand, Vernunft, Denken, Bewußtsein Wille, Wunsch, Verlangen Affekte, Gefühle Spüren, Empfinden

Auf der Basis des bisher erarbeiteten, semantischen Repertoires der Metaphern nekan, tainan, nopan und nanan kann im letzten Kapitel dieser Untersuchung eine generelle Bewertung der Bedeutung sowie des semantischen Wandels dieser Lexeme vorgenommen werden.

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