Die metaphorische Rede vom Herzen

5. Nekan, tainan, nopan, nanan: anatomisches Organ oder Leibesinsel?

Mit dem ganzheitlichen Begriff nanan als einziger Ausnahme ist jedes der hier untersuchten Ausgangslexeme polysemantisch. In Alltagssprache und Dichtung weisen sie auf eine undifferenzierte, leibliche Region sowie auf den konkreten Ort eines Organs hin. Die Wortfelder und die indigene Exegese von nekan, tainan, nopan und nanan verdeutlichen jedoch, daß mit diesen Lexemen, zumindest in den mündlichen Dichtungen, keine anatomischen Organe bezeichnet werden. Vielmehr beziehen sie sich dort auf die umfassendere Region der menschlichen Brust und des Bauches sowie auf die leiblichen Regungen, die dort spürbar sind.

In den letzten Jahrzehnten ist Hermann Schmitz die Wiederentdeckung und Rehabilitation des Leibes gelungen. 50 Leibliche Phänomene wie diejenigen, auf die ich gerade aufmerksam gemacht habe, hat H. Schmitz mit Begriffen wie leibliches Spüren, Regungsherd und Leibesinsel ausführlich in seiner Neuen Phänomenologie beschrieben und begründet. Dort gliedert und entfaltet er basale Phänomene des Menschseins im Rahmen einer ganzheitlichen Theorie als begriffliche Präzisierung und Eigenart dessen, was jeder Mensch am eigenen Leibe spürt: seine eigenen, leiblichen Regungen. 51 Besonders aufdringlich ist dieses Spüren in der Brust-Bauch-Region gegeben, dort, wo sich die anatomischen Organe Herz und Leber befinden. H. Schmitz zeigt weiter, daß es neben den Regungen, die den Leib als Ganzheit präsentieren auch solche gibt, die dem spürenden Empfinden nur Teile des Leibes darbieten. Für die Wahrnehmung dieser leiblichen Regungen verwendet er den Terminus der Leibesinsel. 52 Leibesinseln, wie H. Schmitz sie vielfältig im Zusammenhang mit medizinischer und psychologischer Literatur, mit Berichten von Patienten oder mystischen und anderen extremen Erfahrungen beschreibt, bilden ein unbeständiges Gewoge verschwommen und unscharf sich aufdrängender, strahlender Herde, die trotzdem im Ganzen des Leibes aufgehoben bleiben.53

H. Schmitz wehrt sich gleichzeitig gegen die Verwechselung von gespürter Regung und anatomischem Substrat sowie der damit zusammenhängenden These der Organempfindungen. Leibesinsel und Organ sind keinesfalls miteinander identisch. Ihr Ort kann allenfalls mit dem relativen Ort eines Organs zusammenfallen. 54

An dieses eigenleibliche Spüren knüpft der Sprachgebrauch der Atoin Meto in Alltag und mündlicher Dichtung an: Indem sie vom Herzen, vom Magen / Darm etc. sprechen, verwenden sie die in der Brust-Bauch-Region vorgefundenen Organe als Metapher. Das Ergebnis der Analyse alltagssprachlicher Wendungen und formelhafter Metaphern der Kuan Fatu-Verse kann mit H. Schmitz in der folgenden These zusammengefaßt werden: Die metaphorische Rede vom Herzen etc. ist das Resultat des eigenleiblichen Spürens in der Brust-Bauch-Region. Sie dient der Verbalisierung der Wahrnehmung leiblicher Regungsherde oder Leibesinseln. Diese Änderung der Perspektive ist deshalb angeraten, weil die Atoin Meto die Brust-Bauch-Region als leibliches Zentrum auffassen. Für sie ist diese Region einem Konzert leiblicher Regungsherde oder dem verschwommenen Gewoge von Leibesinseln vergleichbar, in dem jeweils einzelne Inseln in unterschiedlicher Intensität spürbar vorliegen. Mit der metaphorischen Bezeichnung nekan (Herz) ist die Gegend des Herzens als zentrale Leibesinsel unscharf umrissen: das Innere des Menschen im Gegensatz zu seinem Äußeren wie nanan (Inneres) im Variationsvers verbürgt. Obwohl die Wahrnehmung des Leibes das Spüren eines unbestimmten, absolut-örtlichen Gewoges von Leibesinseln ist, treten bestimmte Leibesinseln in ihren wechselseitigen Beziehungen deutlicher in den Vordergrund. 55 Aufgrund der Vielzahl sprachlicher Wendungen und Metaphern, die sich auf das Herz beziehen, scheinen die Atoin Meto dem Herzen beziehungsweise der Brust, und nicht der Leber und dem Bauch, eine Sonderstellung als leibliches Zentrum der Brust-Bauch-Region einzuräumen. 56

Für die Vorstellung des Herzens als Repräsentant des leiblichen Zentrums der Brust-Bauch-Region sprechen nanan und usan. Das Lexem nanan, das Innere des Menschen repräsentierend, ist im Variationsvers dem Herzen zugeordnet. usan, das Parallelwort von nanan, erweitert das Gespür für dieses Lexems, das bisher durch ein allzu knappes, semantisches Feld erschwert wurde. In den Kuan Fatu-Dichtungen steht die Metapher usan ma nanan im Kontext der Herkunft politischer Gruppierungen:

Wir sind zusammengetroffen und sitzen zusammen, in Nai Lete, AM ZENTRUM UND IM MITTELPUNKT, besitzen einen Anfang und ein Ende, einenStiel und einen Sproß. 57

Nai Lete ist der Ort, der in den historischen Überlieferungen der Kuan Fatu-Chronik den Ausgangspunkt der ursprünglichen Besiedlung des Territoriums vergegenwärtigt. Hier siedelten einst die Ahnen der heutigen Bevölkerung, von hier aus erfolgte die Landnahme und die Verwaltung des feudalen Reichs von Kuan Fatu. Nai Lete repräsentiert nicht nur das politische Zentrum des Territoriums, sondern ist als rituelles Zentrum der Gemeinschaft Ort wichtiger Rituale zur alljährlichen Wiedereröffnung der Landwirtschaft. Nai Lete ist ein Omphalos-Ort (usan) im Inneren (nanan) des Territoriums (bi baki in nanan, bi ni` in nanan, wörtl. am inneren Zaun, am inneren Pfosten), ein Ort des Baums und des Steins (des Altars), ein Ort der politischen und rituellen Versammlung, mit einem Wort: ein Brennpunkt der kosmischen Gemeinschaft.

Für nekan als zentrale Leibesinsel der Brust-Bauch-Region spricht auch seine Verwendung in der Bedeutung von Kettbaum (des Gurtwebgeräts). Der Kettbaum (nekan) des Atoin Meto-Gurtwebgeräts ist ein dicker, runder Bambusstab, der in zwei in den Boden eingetiefte Astgabeln eingehängt wird. Der Grund, warum die Atoin Meto nekan in der Bedeutung von Herz und Kettbaum verwenden können, hängt wiederum mit der Auffassung zusammen, daß die Gegend des Herzens eine zentrale leibliche Region darstellt. Im Kontext dieser Überzeugung bildet der Kettbaum (nekan) das Herz beziehungsweise das Zentrum der endlosen, im Gurtwebgerät ausgespannten Kette. Er befindet sich genau an der Stelle, an der die Kettfäden die Richtung ändern um zum Ausgangspunkt zurückzukehren (Jardner / Jardner, 1993, S.33).

Die Vorstellung vom Herzen als Mittelpunkt, Zentrum und Sitz der Gemütsbewegungen sowie als Zentralorgan, das den Mittelpunkt der Person bildet, war auch im Alten Ägypten geläufig. 58

In China kam dem Herzen als Zentrum des Leibes ebenfalls eine besondere Bedeutung zu wie G. Rappe und G. Link gezeigt haben. 59 Der Autor des Buches Zhuangzi geht der Frage nach, ob das Herz unter anderen Leibesinseln nicht eine Führer- oder Herrscherrolle einnimmt. Wie G. Rappe zeigt, beantwortet das Zhuangzi diese Frage nicht eindeutig. Auch die Dichter-Sprecher der Atoin Meto würden, trotz der prominenten Position des Herzens im Grundvers, eher dem Konzert leiblicher Regungen in kontextuell unterschiedlich spürbarer Intensität zustimmen. Möglicherweise, so vermutet G. Rappe, ging es den chinesischen Denkern primär um die Frage nach den Zusammenhängen zwischen den einzelnen Regungsherden innerhalb des Leibes, wobei das Herz kein Herrscher, sondern ein Lehrer ist; es spielte in China eine Rolle, die bei uns dem Gewissens zufällt.

Jeder Mensch, so sagt das Buch Zhuangzi, hat das vollendete Herz als sicheren Ratgeber und Lehrer, doch es bleibt die Aufgabe jedes einzelnen, ein kooperatives Verhältnis zu ihm zu gewinnen; sich auch wirklich von ihm leiten zu lassen (Rappe, 1994, S.378).

Bedenkt man die Bedeutung, die Alunpah und Boimau ihrer Brust-Bauch-Region bei der wichtigen Entscheidung Lobis Nope anzugreifen, einräumten, so liegt der Vergleich von nekan mit dem Ratgeber Gewissen nicht fern. Erneut ist die Parallele zum Herzen als dem diskursiven Partner des Menschen, wie im Zusammenhang mit Vers-Version 4 der tonis-Dichtungen erläutert, exorbitant. Unübersehbar ist in beiden Kulturen eine Vorstellung vom Herzen als einer handelnden Person. Die Leser des Zhuangzi und die Zuhörer in Kuan Fatu stimmen darin überein, wichtigen Entscheidungen und Handlungen erst nach einer eingehenden Befragung ihres Herzen zuzustimmen. Das gleiche metaphorische Verständnis vom Herzen und von der Region der Brust äußern chinesische Dichter in ihren Versen. In synonymparalleler Diktion suggeriert ihre Dichtung Übereinstimmungen wie sie den tonis-Dichtungen der Atoin Meto geläufig sind: heart = mind, cravings of the heart = thoughts oder region of the heart (morally speaking, and meaning the mind) = passions. 60

Auf die prominente Position von nekan vor tainan weist die Position dieses Lexems in den Grundversen der Kuan Fatu-Dichtungen hin, die die Brust vor dem Bauch nennen. Wie erwähnt intensiviert die Plazierung der Termini des Variationsverses (nopan und nanan) die Aussage des Grundverses (nekan und tainan). Entweder ist der Bauch ein sekundär spürbarer, leiblicher Ort oder die Lexeme nopan und tainan fassen Brust und Bauch ganz undifferenziert als Bauch-Region zusammen. Das folgende Beispiel verdeutlicht diese Beziehung:

Version 5: nekan mese tainan mese

98 Ni Ome, Ni Banu sind auch wie ein Denken und wie ein Fühlen.
99 So daß man sagt: feto le`u mone le`u.
100 Ni Sole, Ni Banu sind wie ein Denken und wie ein Fühlen.
101 Ein Essen und ein Trinken.61

Die Verse 98 bis 101 gehen auf die gegenseitigen Beziehungen der rituellen Funktionsträger Ome und Banu (Vers 98 und 99) sowie auf die Beziehungen zwischen den Territorien Kuan Fatu, Kakan und Oe Bo in Südamanuban ein (Vers 100 und 101). Für Kuan Fatu, eins der rituellen und politischen Zentren in der Feudalzeit Amanubans, fungieren Ome und Banu als ana`amnes (wörtl. der, der den Reis in Händen hält). Nur sie besitzen das rituelle Wissen und die Kenntnisse zur Durchführung der Rituale. Ome und Banu repräsentieren autochthone Bevölkerungsteile, die einst ihre politische Macht an den Usurpator Sole verloren, ohne jedoch gleichzeitig ihre rituelle Kompetenz zu einzubüßen. Sole, Neuankömmling in Kuan Fatu, verfügt über keine historisch oder mythisch legitimierbaren Rechte und über kein rituelles (esoterisches) Wissen in bezug auf die Fruchtbarkeit und die jährliche Regeneration des Boden im Rahmen der landwirtschaftlichen Rituale und Produktion. Politisch ein mächtiger Herrscher bleibt Sole hinsichtlich der Nahrungsproduktion von Ome und Banu, den Herren des Bodens, abhängig. Im Sprachgebrauch der rituellen Rede sind sie jedoch nekan mese / tainan mese, ihre Gedanken und ihr Empfinden sind identisch. Die Dichter-Sprecher des Usurpators Sole legitimierten und sichern mit diesem metaphorischen Sprachgebrauch seine im Ritual schwache Position gegenüber den autochthonen Funktionsträgern Ome und Banu. Diese Ausdrucksweise ist der deutschen Redewendung ein Herz und eine Seele eng verwandt. Die beiden Metaphern feot le`u und moen le`u (wörtl. die Frau mit numinoser Macht und der Mann mit numinoser Macht) sowie das eine Essen und das eine Trinken beschwören diese Beziehung mit Worten, die auf die polare Entsprechung und Ergänzung der weiblichen und männlichen Tätigkeiten bei der Sicherung und Erneuerung der Reproduktionsfähigkeit der Erde (Nahrung) und der Frau (Nachkommen) hinweisen.

Mit nekan (Denken) und tainan (Fühlen), mit Herz (nekan) und Magen / Darm (tainan), bezeichnet der Autor dieses Textsegments einerseits die Region der Brust, andererseits die des Bauches. Wiederum erscheint nekan in der ersten Position des synonymparallelen Verses, so daß die Voraussetzung des leiblich intensiveren Spürens in der Gegend der Brust erneut aufdringlich ist. Wie ausführlich belegt, besitzt nur nekaneindeutige Beziehungen zum Denken und zum Spüren (Fühlen). Die Symbolik der leiblich spürbaren Einheit der Brust-Bauch-Region unter dem Primat des Herzens dient dem Dichter-Sprecher als metaphorischer Vergleich für die rituelle und politische Einheit der Funktionsträger Sole, Ome und Banu. Der Appell an das Ideal politischer Gewaltenteilung sowie ritueller und politischer Kooperation gelingt dem Dichter-Sprecher im Bild der notwendigen Harmonie von Denken und Fühlen für das menschliche Wohlergehen.

Durch vorherrschende, christliche Überzeugungen wurde das Herz in Amanuban inzwischen zum Ort der Seele beziehungsweise des Gemüts. Das Denken (der Verstand) stieg im Sinne der platonischen Anthropologie in den Kopf (das Gehirn) auf. Im modernen, christlichen Amanuban, vor allem im Umfeld der Städte und der Kirche, werden leibliche Komponenten häufig mit anatomischen Organen gleichgestellt. Aus indigener Perspektive betrachtet muß von einer Verwechselung gesprochen werden. Ein Beispiel für diesen rezenten Wandel in der Auffassung von der Brust-Bauch-Region, der Übergang von kontextuell unterschiedlich intensiv gespürten Leibesinseln mit intellektuell-emotioneller Qualität zur Organvorstellung oder zum platonisch-christlichen Seelenbegriff, ist das in Amanuban beliebte Kirchenlied Lais Manekat (eine Sache des Herzens):

1 Lais Manekat, lo mas le`uf!
Lais Manekat, schönste Pracht!
Le` natonon bi hit monik.
Sei deutlich sichtbar in unserem Leben.
Nekun halan manek mese
Gib uns Frieden und Eintracht (nek mese)
Bi hit monik, manas fai.
In unserem Leben, Tag und Nacht.

2 Yesus Kristus anba`an kit,
Jesus Christus hat es uns aufgetragen,
He alkit manek es nok es.
Damit wir uns gegenseitig lieben / bemitleiden (manek).
Nane lasi knino in un,
Denn dies ist eine heilige Sache (lasi),
Nes na`ko ale lasi.
Mehr als alle anderen Dinge (lasi).
Ref. Alekot kun neu sekau?
Glück und Wohlergehen für wen?
Le` naton Lais Manekat
Für die, die Lais Malekat bezeugen.
Bi in monin piut,
In ihrem Leben,
Fun sin es napen tetus,
Denn sie sind es, die den Segen erhalten,
Le Yesus anfe neu sin.
Welchen ihnen Jesus gibt.
Bi in sonaf honis
In seinem heiligen Palast
Nati al-alakit
Mögen wir alle
Manek es nok es.
Einer den anderen lieben / bemitleiden (manek). 62

Das Verb manekat wurde schon im Rahmen des alltagssprachlichen, semantischen Feldes erläutert und als ein Begriff gekennzeichnet, dessen Sinngehalt zwischen Liebe, Zuneigung, Mitleid und Erbarmen oszilliert. Dieses Bedeutungsspektrum machte manekat nach Meinung der protestantischen Missionare für die Identifizierung mit der hingebungsvoll-christlichen (Nächsten-)Liebe (agape) geeignet. Vor allem dieser Sachverhalt tritt in diesem Kirchenlied deutlich hervor.

Die Verbindung von lasi und nekan (als Lais Manekat) bildet einen weitreichenden Eingriff in die überlieferten Überzeugungen der Atoin Meto. Gerade wegen seiner Beliebtheit besitzt dieses Lied einen großen, propagandistischen Nutzen bei der Umwertung der ursprünglichen Leibesinsel Herz zum Herzen als Ort der Seele. Via lasi 63 wird die christliche Nächstenliebe als ethische Handlungsorientierung in den Umfang der traditionellen Adat hineingenommen. Niemand, der ein moralisch untadeliges Leben führen will, kann sich den Forderungen der Adat an Recht, Sitte und Anstand widersetzen. Überschreitungen der von diesem Recht gesetzten Grenze resultierten in der Vergangenheit in Sanktionen der Ahnen, die diesen ungeschriebenen Kodex gestiftet haben und die heute deren Bewahrung überwachen. Überschreitungen des moralisch und ethisch Gebotenen im Umfeld christlicher Überzeugungen werden als Sünde aufgefaßt, deren Bewertung Gottes Gnade überlassen wird.

Beharrlich hält sich dagegen in den tonis-Dichtungen die ursprüngliche, noch nicht vom westlichen Körpermodell verdrängte Auffassung des leiblichen Spürens und des menschlichen Leibes. Die Beantwortung der Frage nach der Bedeutung von nekan (Herz) etc. muß deshalb eine primäre, indigene Bedeutung (tonis-Verse) und eine sekundäre, rezente Bedeutung (Alltagssprache und kirchliches Umfeld) unterscheiden. Der Unterschied zwischen der alltagssprachlichen und poetischen Verwendung dieser Lexeme legt ein beredtes Zeugnis von dem Wandel ab, dem Semantik und Sprachgebrauch unterworfen wurden. Während die zitierten, alltagssprachlichen Formulierungen diesen Wandel widerspiegeln, zeichnen die Verse der mündlichen Dichtung ein völlig anderes Bild vom Herzen (der Brust-Bauch-Region). Was den poetischen Kompositionen fehlt, sind fundierte Hinweise auf das Herz als anatomisches Substrat. Das Lexem Herz (nekan) besitzt in der Dichtung der Atoin Meto nichts organisch Vitales.

Die Bedeutung von nekan, tainan, nopan und nanan, so wie die Dichter-Sprecher sie in den zitierten Textsegmenten auffassen, läßt den Zusammenhang dieser Lexeme mit den anatomischen Organen der Brust-Bauch-Region nur als konventionelle Metapher gelten. In den mündlichen Dichtungen, ursprünglich vielleicht auch im alltäglichen Sprachgebrauch, ergibt ein Organbezug dieser Lexeme keinen Sinn. Mißversteht man nekan als das anatomische Herz des Menschen und tainan als seinen Magen, so kann niemand mehr verstehen, warum das Herz schlecht und bedauerlich ist, der Magen verdorben und zu bedauern. Es sei denn, man würde im Ernst annehmen, der Dichter-Sprecher schildert hier die Symptome des durch Überanstrengung dysfunktionalen Herzbeutels oder des nach reichlichem Essen verdorbenen Magens (Version 1, Vers 56). Falsch ausgelegt wirkt Vers 57 erst recht unverständlich und kurios. Nur durch den Gedanken an einen ärztlichen Eingriff, etwa eine Organtransplantation, würde er ein Mindestmaß an Plausibilität gewinnen. Auch Ni Sole und Ni Banu besitzen kein gemeinsames Herz oder einen gemeinsamen Magen im Sinne siamesischer Zwillinge (Vers-Version 5, Vers 100). Wie die anderen Verse der zitierten Textsegmente zeigen, berichten die Dichter-Sprecher nicht von kranken oder ungewöhnlich beschaffenen Organen, sondern von leiblichen Zuständen. In ihren Kompositionen verwenden sie nekan, tainan, nopan und nanan nicht im Sinne anatomischer Organe, sondern für die leiblich spürbaren Regungen in der Brust-Bauch-Region. Der Vers in nekan in tainan in nopan in nanan ist erst dann intelligibel, wenn er als eine der zentralen, formelhaften Metaphern der tonis-Dichtung dekodiert wird, die moralische und ethische Entscheidungen und Handlungen der Protagonisten einleitet. Sie steht in diesen Dichtungen immer im Zusammenhang mit wichtigen historischen Begebenheiten oder kündet solche Ereignisse an. Nicht zuletzt übernehmen diese Metaphern die Funktion, die Aufmerksamkeit der Zuhörer aufbestimmte Situationen zu konzentrieren. Der metaphorische Vers in nekan in tainan in nopan in nanan weist den Hörer auf die Aufrichtigkeit, die Ehrlichkeit und die Rechtschaffenheit der handelnden Protagonisten hin oder entlarvt ihre nicht im Einklang mit der Adat stehenden Absichten und Handlungen. In allen Fällen sind die Personen, auf die die Dichter-Sprecher diesen Vers beziehen, mit ihrer ganzen Brust (Verstand) und ihrem ganzen Bauch (Empfinden), das heißt mit ihrer ganzen Person, in einer speziellen Angelegenheit engagiert. Für ihr Anliegen stehen sie mit ihrer ganzen Persönlichkeit und Autorität, kurz mit ihrem ganzen Wissen und Spüren, ein. Die persönliche Verfassung, die momentane, leibliche Disposition eines Menschen, ist von seinem Willen, seiner Begierde oder seinem ausdrücklichen Wunsch gekennzeichnet. Er äußert seine momentane Befindlichkeit in einer derart heftig wollenden Weise, daß seine Belange sich in der von ihm gewünschten Weise erfüllen. In China ist das feste Herz die Voraussetzung für den wahren Menschen. In Übereinstimmung mit Richard Wilhelm 64 spricht G. Rappe von der Fülle der Erkenntnis, die ein Mensch erst erreicht, wenn sein Herz fest geworden ist. Inhalt und Bedeutung der abschließend zitierten tonis-Verse können präziser kaum wiedergegeben werden. Das folgende Textsegment berichtet über die Berufung von Ni Mnanu Sole zum obersten Heerführer Amanubans (Meo Nae Banam) durch den absolutistischen Regenten der Nope-Dynastie. Nope entscheidet sich mit seinem ganzen Leib für Ni Sole. Er überreicht ihm, und niemand anderem, die bis heute mit dem Amt des Meo Nae Banam verbundenen Insignien:

73 Unser Herr, unser Herrscher, unsere Mutter und unser Vater.
74 Verkündete seine Gedanken und seinen Willen, äußerte seine Gefühle und seine Empfindungen.
75 Nahm die Fahne mit dem Namen und dem Titel, und das Pferd mit dem Namen und
mit dem Titel,
76 Nahm rote Fahne und den Hengst den roten.
77 Hielt beides in den geschlossenen Händen und hielt beides fest,
78 Für Ni Mnanu Sole hier, damit er es in den geschlossenen Händen hält, es an nimmt
und damit er es besitzt und mitnimmt. 65

Copyright 1995 und 2013. All Rights Reserved (Texte und Fotografien)

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