Kleidung als Wohnung des Leibes

Ergreifende Mächte als räumlich ergossene Atmosphären

Was dem Menschen in der Auseinandersetzung mit seiner Umgebung widerfährt, drängt ihn zur Darstellung, Kommunikation und Überlieferung des Erlebten. Die Gestaltung des Verzierungssystems der Kleidung der Atoin Meto ist Ergebnis einer solchen Darstellung, nämlich die Visualisierung von Atmosphären und Gefühlen. Ergreifende, besessenmachende Mächte beziehungsweise abgründige Gefühle, die das Individuum erfährt als seien sie handelnde Subjekte, wurden in der Ethnologie von Godfrey Lienhardt und Fritz Kramer als Erfahrungen von passiones beschrieben.5 Den passiones analoge Phänomene hat Hermann Schmitz bei den frühen Griechen nachgewiesen: Häufig sind in der Ilias die Bekundungen der Ergriffenheit dadurch, daß Gefühle als ergreifende Mächte hingestellt werden, die den Menschen halten, packen, ergreifen, über ihn kommen, in ihn eintauchen oder hineinfallen, ihn treffen und vergewaltigen, denen er weicht, die ihm die Zwerchfellgegend zuschnüren. Die Gefühle, um die es sich dabei handelt, sind in der Ilias Leid, beklommener Kummer, Zorn, Furcht, Panik, Wut, Staunen, Ehrfurcht, Scheu, Überdruß, Streitlust; in der Odyssee kommen Entzücken, Sehnsucht, Wohlbehagen, Übermut, Erbarmen hinzu.6 Der Mensch der Ilias ist ergreifenden Mächten auf eine merkwürdige Weise gegenüber durchlässig und preisgegeben. Die Ähnlichkeit eines Konzepts wie das der passiones im vorsokratischen Griechenland und in außereuropäischen Kulturen ist auffällig. Dieser Sachverhalt, den Kramer mit Bezug auf Lucien Lévy-Bruhl als archaische Mentalität kennzeichnet,7 weist auf die Universalität dieses Phänomens als gemeinsame Schnittstelle aller Kulturen hin. Die Europäische Ethnologie hat mit Untersuchungen über Heiligenverehrung und -kult, Wallfahrten, Aberglauben in ländlichen Gemeinschaften etc. darauf hingewiesen, daß Materialien über Magie, Besessenheit oder Hexerei auch in unserer eigenen Kultur gesammelt werden können.8
Wovor sich der Mensch fürchtet, das bildet er ab! So versucht er, die ihn ängstigenden Mächte zu bannen und zu kontrollieren. Die Mächte, die der Mensch in seiner Umgebung wahrnimmt, und die ihn durch ihre Unergründlichkeit und Abgründigkeit sowohl entzücken als auch schrecken und entsetzen, betreffen ihn leiblich. Im menschlichen Erleben, Wahrnehmen und Verstehen der Umgebung mischen sich leiblicher Raum und Gefühlsraum in kaum kontrollierbarer Weise. Eigene oder kollektive Gefühle werden als ergreifende Mächte erfahren, die ortlos in räumliche Weite ergossen sind. In dem Bemühen, diese Durchmischung von Gefühlsraum und leiblichem Raum zu meistern und sich weitgehend von diesen Atmosphären zu emanzipieren, sind Kleidung und Wohnung die engsten Verbündeten des Menschen. Um diesen Mächten nicht hilflos zum Opfer zu fallen, um sie nach Bedarf auszugrenzen, umkreisen die Atoin Meto ihren Leib mit Kleidung als portativer Umfriedung. Die Verzierung ihrer Tracht stellt genau diejenigen Mächte dar, vor deren Einflußnahme sie sich fürchten.
Einerseits bildet die Verzierung der Gewebe eine undurchdringliche Umfriedung, welche die leibliche Unversehrtheit der Träger verzierter Textilien garantiert. Den ergreifenden Mächten, die in der Abgründigkeit des Draußen lauern, wird so Einhalt geboten.
Andererseits dokumentieren die Motive der Kleidung seine Kenntnisse in der Meisterung der ihn bedrängenden Mächte und seinen Willen, aus der relativen Sicherheit einer Umfriedung heraus einen harmonischen Kontakt mit diesen Mächten zu pflegen. Kleidung und ihr Design mildern zwar nicht die Unwägbarkeit und Abgründigkeit dieser Atmosphären, sie verhelfen aber dazu, sie außerhalb einer begrenzten Nische zu sammeln und zu selektieren. Durch den Versuch, sich mit Gefühlen als ergreifenden Atmosphären auseinanderzusetzen und zu arrangieren, gelingt es dem Menschen, mit den von außen einbrechenden Gefühlen kontrolliert umzugehen: er kann auf diese Weise bewußt über sie verfügen.

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