Kleidung als Wohnung des Leibes

Kleidung und Wohnung als Umfriedung

Im Rahmen der Neuen Phänomenologie hat Hermann Schmitz sich auch mit dem Wohnen als Grundzug menschlichen Weltverhältnisses beschäftigt.9 In der Absicht, diesem Phänomen auf die Spur zu kommen, legt er folgende Definition vor, die so auch für die Kleidung der Atoin Meto formuliert werden könnte: Wohnen wird unter diesem Gesichtspunkt zu einer Weise, sich leiblich mit räumlich ergossenen Atmosphären Auseinanderzusetzen, um der bloß passiven Ergriffenheit durch sie zu entgehen, indem der Mensch sie sich nahe bringt, vertraut und gewissermaßen gefügig macht.10 Außerhalb der Geborgenheit der Wohnung befindet sich die Sphäre des faszinierend Unheimlichen, des mysterium tremendum et fascinans, wie Rudolf Otto es nannte.11 Dort ist die Quelle der passiones zu finden. Ungemindert in ihrer Heftigkeit treiben die Kräfte und Mächte dort ihr Wesen. Diese unheimlichen Gefühle im Bereich des Draußen fassen die Atoin Meto als unpersönliche, stoffartige Atmosphären auf. Das symbolische Klassifikationssystem der Atoin Meto formuliert die Beziehung zwischen der geordneten Welt des Dorfes, des Gehöftes oder der Wohnung, und der chaotischen, von zumeist unpersönlichen Mächten (nu`uf) und personifizierten Ahnengeistern (nitu) belebten Welt außerhalb der Umzäunung des Gehöftes mit Hilfe der polaren Paare weiblichmännlich (feto-mone), kalt-heiß (manikin-maputu), und innen-außen (nanan-mone`).
Innen ist dabei der innere, weibliche Teil des Hauses, der wohltuende Kühle und Gesundheit verheißende Schutz der Familie und des Haushaltes. Aber unmittelbar jenseits des vegetationsfrei gehaltenen Siedlungsplatzes beginnt das heiße (maputu) und gefährliche Draußen (mone`), die grenzenlose Weite der Welt des Mannes (mone).
Die Atoin Meto thematisieren diese Auffassung auch in der Analogie von Kleidung und Wohnhaus. Die beiden Gebäude eines Atoin Meto Gehöftes besitzen eine runde Grundfläche. Die kreisförmigen Wohnungen sind oft durch Steinsetzungen gegen die übrige Siedlungsfläche abgegrenzt ist. Das weibliche, fensterlose Rundhaus (ume kbubu), dessen Dach bis auf den Erdboden hinabreicht, ist abgeschlossener und abweisender kaum denkbar. Dieses runde Wohnhaus ist der primäre Wohn- und Arbeitsbereich der Frau. Es symbolisiert die Frau und ist im Geburtsritual der Uterus des Haushalts.12 Und ebenso wie das Dach des Wohnhauses bis auf den Boden reicht, bedeckt die Kleidung der Frau (tais13) ihren Körper von der Taille bis hinab auf die Füße. Wie fremde Blicke den Weg nicht ins Innere des Hauses finden, so ist auch die Wade der Frau vor diesen Blicken verborgen. Dieser Vergleich besteht auch zwischen dem als männlich klassifizierten Speicher-, Gäste- und Versammlungshaus (lopo) und der Männerkleidung (mau).14 Wie das Dach dieses Gebäudes nicht bis auf den Erdboden hinabreicht, so bedeckt auch das Männerkleid nur die halbe Wade des Beins und ermöglicht ihm, sich im Rahmen seiner Aktivitäten im heißen Draußen schneller und leichter zu bewegen. Während die Kleiderordnung der Atoin Meto-Tracht dem Mann im allgemeinen vorschreibt, sein Umschlagtuch bis auf die Waden hinabzutragen, erkannte man einst den Krieger-Kopfjäger (meo; Katze), den männlichsten Mann, der sich als Wohltäter seiner Gemeinschaft der heißen und todbringenden Kopfjagd außerhalb des umfriedeten Siedlungsplatzes widmete, daran, daß ihm seine Kleidung nur bis an die Knie reichte.
Auch Gegenstände, die von außen ins Innere des Gehöftes oder der Wohnung kommen, insgesamt alle Neuerwerbungen, werden als heiß (maputu) bezeichnet, und müssen durch Rituale der Abkühlung (hainik) gefahrlos verwendbar gemacht werden. Diese Vorschrift betrifft auch das neue Haus, und selbst die einheiratende Frau. Diese muß rituell in den Lebenszyklus (nono) der Abstammungsgruppe (ume) integriert werden, damit die Interaktion der Agnaten mit ihr gefahrlos bleibt. Andere, Gemeinschaft stiftende Reinigungsrituale sind das Essen von Betel als ritualisierter Gruß beim Betreten der Umfriedung oder die Gastfreundschaft.

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