Kleidung als Wohnung des Leibes

Der Haken als dominantes Symbol der Atoin Meto-Ikonographie

Es gibt zahlreiche Variationen desjenigen Motivs, welches die Atoin Meto unter dem Gattungsbegriff `kaif, das heißt wie ein Haken, zusammenfassen. Die formale Gestalt der `kaif-Symbolik wird durch ein immer wiederkehrendes Element gekennzeichnet,
welches jedoch nur im Ornat des meo ein selbständiges Motiv darstellt. Vielfältig variiert
ist es integrierter Bestandteil aller textilen Motive der Atoin Meto. Die Weberinnen kombinieren
dieses Verzierungselement zu unterschiedlichen Motiven, wie beispielsweise dem `kai naek, dem `kai mnutu oder dem `kaif tola 15. Alle diese Motive lassen ich auf die Basisgestalt eines Hakens reduzieren, mit der auch die unterschiedlichsten Krokodilmotive (kauna) entworfen werden.

4.1 `Kaif: Etymologie eines Begriffs

Die Funktion des f-Suffixes des Lexems `kaif besteht darin, einen Wortstamm in seiner
Bedeutung so zu erweitern, daß etwas so ist wie der Wortstamm oder ähnlich / identisch ist mit dem Wortstamm 16. Deshalb lautet auch die grammatisch korrekte Übertragung des Lexems `kaif: ähnlich/identisch mit einem `kai. Und alles, was so ist wie ein `kai besitzt auch dessen Funktion.

Um deutlich zu machen, welche Überzeugungen und Absichten die Atoin Meto mit diesem Motivelement verbinden, ist die Rekonstruktion des semantischen Feldes hilfreich, dem der Wortstamm `kai (Haken) angehört. Einige Derivate dieses Wortstamms weisen auf die basale Bedeutung des Lexems hin: nakai bedeutet etwas näher an jemanden heranbringen oder etwas beziehungsweise jemanden in der Nähe haben; nakai nan kit meint: Beziehungen zu uns unterhalten, uns nahestehen. Dabei unterliegt der Wendung nakai nan kit die Vorstellung, daß jemand aufgrund spezieller, zum Beispiel verwandtschaftlicher Beziehungen eng mit uns verbunden ist. makai` schließlich bedeutet, daß jemand oder etwas Haken besitzt 17. Soweit die vordergründige Bedeutung der hakenförmigen Motive, die jeder Atoin Meto kennt 18. Es ist aber noch ein anderes Verständnis des Lexems `kaif möglich, das nicht so einfach zu dekodieren ist, und nicht jeder ist sich dieser Bedeutung seines Textildesigns bewußt. Victor Turner nennt diese Dimension die latente Bedeutung eines dominanten Symbols, und Dan Sperber hat in diesem Zusammenhang von stummem Wissen gesprochen. Auch K.M. Endicott ist dieser Sachverhalt bei seinen Untersuchungen aufgefallen: If, for example, one accepts the proposition that only ritual specialists are qualified to expound fully the meanings of certain symbols, it is impossible to escape the conclusion that there is no one in the society capable of explaining the underlying assumptions on which those specialists base their interpretations. It is almost a matter of definition that a peoples basic assumptions are ones which they are unaware, things they take for granted, having never considered that alternatives were possible 19.

Die Atoin Meto verwenden im Alltag ein hölzernes Gerät, welches sie `kai nennen. Ein `kai ist ein langer und dünner Holzstab, der am oberen Ende einen rückwärts weisenden Haken besitzt, ähnlich dem Haken von Harpunen. Im Alltag wird dieses Werkzeug verwendet, um die unterschiedlichsten Dinge zu erreichen, die sich ansonsten außerhalb der Reichweite der Hände befinden. Dabei kann es sich um Dinge auf der gegenüberliegenden Seite eines Lochs, einer Schlucht, eines Baches oder auf hochgelegenen Plätzen handeln, wie beispielsweise Früchte von einem Baum, Baumblätter, die zu Gemüse verarbeitet werden oder in Astgabeln gespeicherter Mais. In all diesen Fällen ist ein `kai ein sehr nützliches und hilfreiches Gerät. Der Name `kai ist allerdings nicht der einzige Name für dieses Werkzeug. Eine andere Bezeichnung ist metaphorischer Natur. Der parallele Name des `kai ist nisif, eine Bezeichnung, die interessante Einblicke in die Gefühle gibt, welche die Atoin Meto diesem Haken entgegenbringen. Darüber hinaus ist der Name nisif der erste Hinweis, daß wir es mit einem Symbol zu tun haben. In der Regionalsprache Amanubans bedeutet nisin Zahn, und zusammen mit dem f-Suffix liest man nisif, und das heißt wie ein Zahn. Wenn die Atoin Meto diese beiden Bezeichnungen alternativ für das gleiche Gerät verwenden, so tun sie dies aufgrund einer analogischen Assoziation. Das Element, welches diese Assoziation ermöglicht, ist ein formales, nämlich die rückwärts weisende Gestalt von (Wider)Haken, wie derjenigen, welche die Motive ihrer Kleidung aufweisen.

In ihrer Umgebung finden die Atoin Meto ein weiteres Beispiel für diese Art des Hakens beziehungsweise Zahns. In Amanuban unterscheidet man drei verschiedene Arten einer Pflanze, die ekam genannt wird. Ekam heißt diese Pflanze aufgrund ihrer Gestalt, da sie die Atoin Meto an die Zunge eines Krokodils erinnert, die ebenfalls ekam heißt 20. Und in der Tat ähneln die schmalen und fleischigen Blätter der ekam-Pflanze einer Krokodilzunge. Die Blattränder dieser Pflanze besitzen die rückwärts weisenden Dornen, die man aufgrund der erwähnten Analogie zwischen `kaif und nisif erwarten darf. In der Vorstellung der Atoin Meto, die Krokodilzunge und ekamBlatt in Beziehung setzt, sind diese Dornen die Zähne eines Krokodils, und aufgrund einer metonymischen Relation symbolisiert das zungenförmige ekam-Blatt als Teil das Krokodil als Ganzes. Diese formale Übereinstimmung rückwärts weisender Haken ist der Grund für die analogische Assoziation von `kaif und nisif 21.

4.2 Die partielle Synonymie von `kaif- und kauna

Die textile Motivik der Atoin Meto verwendet das `kaif-Element nicht nur für die Darstellung abstrakter, geometrischer Motive, sondern dieses Verzierungselement taucht ebenfalls in der zweiten großen Motivgruppe der Atoin Meto Kleidung auf, welche die Gestalt des Krokodils (kauna unterschiedlich variiert darstellt. Als kauna bezeichnet das Uab Meto all die Tiere, die nur kurze Beine zur Fortbewegung benutzen oder auf dem Bauch kriechen. Vertreter dieser Gattung sind das Krokodil, der Gecko (teke) und andere Eidechsen, Schlangen, der Aal, alle Fische, Würmer und Raupen etc. Ein zusätzliches Kriterium, welches die kauna-Gattung um den Skorpion (kbiti) und verschiedene Giftspinnen erweitert, ist die relative Gefährlichkeit und Bösartigkeit, die diesen Tieren zugeschrieben wird. Undifferenziert bezeichnen die Atoin Meto auch die zoomorphen Motive auf ihren Textilien als kauna. Gelegentlich fällt in diesem Zusammenhang auch der Name des Geckos (teke), dessen Ruf die Anwesenheit der Ahnen ankündigt. Erst weitere Fragen entlarven das Pseudonym und den eigentlichen Namen der abgebildeten Motive als Nai Besi oder besimnasi. Früher waren diese beiden Namen für das Krokodil im alltäglichen Sprachgebrauch tabuisiert und dem Spezialvokabular mündlicher Dichtungen (tonis) vorbehalten 22. Eine detaillierte Analyse der Beziehungen, die zwischen den beiden Motivgruppen `kaif und kauna bestehen, weist nicht nur auf die formal und inhaltlich ähnliche Gestalt und Semantik der Motive, sondern auch auf die identische Funktion so verzierter Kleidung hin. Obwohl sich weitere, bedeutsame Korrelationen zwischen den beiden Motivgruppen nachweisen lassen, stelle ich in diesem Zusammenhang nur eine Frage: Worin bestehen die Beziehungen zwischen der abstrakten Gruppe der `kaif-Motive und den stilisierten kauna-Darstellungen, so daß das Verzierungselement des Hakens in beiden Gruppen die angestrebte Funktion garantieren und die intendierte Botschaft kommunizieren kann?

In Amanuban lauten die häufigsten indigenen Bezeichnungen für das Krokodil Nai Besi, das heißt Fürst Besi beziehungsweise besimnasi, was soviel wie Besi der Alte, bedeutet 23. Der heute im Vordergrund stehende Sinngehalt von besi ist Messer beziehungsweise ganz allgemein Eisen. Da in Amanuban niemand mehr in der Lage ist zu erklären, warum das Krokodil als Fürst Eisen oder als Altes Eisen angesprochen wird, hilft nur eine These weiter, die Pieter Middelkoop vertritt, wenn er dem Verb besi die ursprünglichere Bedeutung bannen, anziehen zurückgibt. Diese Bedeutung wurde, so Middelkoop, durch den Import von eisernen Geräten und Waffen sowie der Kopfjagd vom 14.Jahrhundert an durch das malaiische Nomen besi (Eisen) überlagert 24. Obwohl nicht mehr verifizierbar, ist Middelkoops Rekonstruktion eines ursprünglichen Verbs besi in Bezug auf die Beziehung zwischen den Motiven der `kaif– und kauna-Gruppe relevant. Er nennt als Derivat des Verbs besi die Redewendung nasmanan ma anbesi was sinngemäß soviel heißt wie: eine Art leichter Verzückung, die den Betroffenen fortträgt, zu einer Person, die sich nach ihm sehnt. Dieser Aufbruch ist jedoch kein freiwilliger. Obwohl der Fortgezogene physisch anwesend ist, weilen seine Gedanken und sein Bewußtsein an einem anderen Ort. Abweichendes Verhalten, Neurose oder psychotische Verwirrung sind die entsprechenden Kategorien westlicher Wissenschaft für diesen Zustand. Metaphysisch und christlich orientiert, wie viele Atoin Meto heute, spricht man in Amanuban auch von der Abwesenheit der Seele (smanaf). Als ein weiteres Beispiel führt Middelkoop mate lan besi (Weg des besi-Todes) an, den gefürchteten, schlimmen beziehungsweise unreifen Tod (mate`) als Konsequenz passiver Betroffenheit durch fremde, nichtmenschliche Handlungen. Eine andere Ableitung, die in Middelkoops Publikation genannt wird, ist meo ao besi, der Krieger-Kopfjäger mit dem besi-Körper. Während eines Kopfjagdunternehmens schützte dieser sich mit kontrollierter besi-Qualität vor feindlichen Ein- und Übergriffen auf seine Person. Das Bedeutungsspektrum dieser drei Formulierungen weist auf die Existenz atmosphärischer Mächte hin, die den involvierten Menschen willenlos und manipulierbar machen. Die Bedeutung der beiden Krokodilnamen erscheinen in diesem Kontext plausibel: Nai Besi ist der bannende Fürst, der den Menschen allein durch seine respekt- und furchteinflößende Erscheinung als numinose Gestalt und als Quelle von passiones in seinen Bann zieht, und besimnasi, so übersetzt auch Middelkoop, ist the old spell-binding one 25.

Wie das Bild des rückwärts weisenden Hakens, so verfügt auch das Krokodil, davon sind die Atoin Meto überzeugt, über die Macht, etwas oder jemanden in seinen Bann zu ziehen, um es zu manipulieren. Diese Einstellung dem Krokodil gegenüber beruht in Amanuban auf lebensweltlicher Erfahrung. Auch in einer Zeit, in der Krokodile auf Timor selten geworden sind, macht sich niemand Illusionen über die Gefährlichkeit und den besi-Charakter dieses Tieres. Die Atoin Meto haben eine durchaus ambivalente Einstellung zu dieser Echse, welche ihnen in Mythen und Fabeln als dema-Gottheit, Wohltäter und affinaler Verwandter entgegentritt, die ihnen in ihrem Alltag jedoch als tückischer Feind auflauert. Als reale Bedrohung besteht die eigentliche Gefährlichkeit des Krokodils in der eisenharten Haut (besi; Eisen) dieses Reptils, die es beinahe unverwundbar macht, sowie in der Schlagkraft seines Schwanzes mit den dornartigen Fortsätzen (nisif; Zähne). Mit dieser Waffe greift das Krokodil seinen Gegner an, schlägt blitzschnell zu, bringt ihn zu Fall und zieht ihn verletzt oder bewußtlos (besi; bannen, verzaubern) in sein aquatisches Reich 26. Der symbolische Ausdruck em><bian naboni neo besimnasi klul nima (andere bleiben am fünffingrigen Krokodil hängen) bezeichnet verharmlosend die ehemalige rituelle Opferung einer Tochter aus adeligem Hause an das Krokodil. Vor dem Hintergrund solcher, nur unzulänglich bekannten, Erzählungen der Atoin Meto, dient dieser metaphorische Ausdruck zur Bezeichnung einer Heirat (Allianz) zwischen Krokodil und Mensch zur Erneuerung totemistischer Beziehungen 27. Warum in diesem Zusammenhang das Verb naboni, also hängen, aufhängen verwendet wird, ist nicht weiter erstaunlich. Aufgrund der Eigenschaft, Widerhaken zu sein, sei es Haken, sei es Schwanz, sei es Zahn, an denen man im wahrsten Sinne des Wortes hängenbleiben kann, stellen auch die Krokodilabbildungen auf der Kleidung der Atoin Meto den Sachverhalt dar, jemanden durch die Manipulation mit Haken zu bannen oder jemanden in die eigene Sphäre hineinzuziehen. Die beiden Motivnamen `kaif und kauna beziehen sich demnach auf ein Bedeutungsspektrum, das als etwas oder jemanden in die eigene Einflußsphäre ziehen aufgefaßt werden kann. Beide Namen weisen auf die Möglichkeit hin, einen angezogenen Gegenstand zu manipulieren beziehungsweise eine Person zu bannen und willenlos zu machen. Überträgt man die Bedeutung des `kaif– und kauna-Motivs auf menschliches Handeln, so stellt sich dieses als (Heran)Ziehen oder (Ein)Fangen dar. Der rückwärts weisende Haken (`kaif) repräsentiert somit pars pro toto auch die bannende, anziehende Fähigkeit der Kauna Nai Besi. Diese anziehende Macht ist es auch, die es dem Krieger-Kopfjäger ermöglicht, erfolgreich zu sein, und die magischen Angriffe seiner Feinde und Widersacher auf seine Person zu meistern, und diese seinem Willen zu unterwerfen, sie letztlich zu enthaupten.

Nicht nur die Atoin Meto, sondern auch die mit ihnen kulturell verwandten Iban in Sarawak (Ost Malaysia), kennen und fürchten die ziehende Macht des Hakens. Traude Gavin berichtet von einem Motiv auf den Ritualtextilien (pua kumbu) der Iban mit Namen Fischhaken (ginti besi rantong). Diesem Motiv wird nachgesagt, es bewege in Form eines Fluches Männer zur Kopfjagd. Die Iban bezeichnen die Motive der pua kumbu mit einem Namen und einem poetisch formulierten Titel (julok), der aus mehreren Zeilen besteht. In Form einer Lobeshymne feiern diese Titel die magische Macht der Motive. Der poetische Titel des Fischhaken-Motivs lautet:

(Das Motiv des)
Fischhakens schreit, weint und heult, es verlangt die Innereien von Badang als Köder.
(Das Motiv des)
eisernen Hakens schreit, weint und schluchzt leise, es fordert Rippen und Lenden als
Köder.

Die Verben schreien, weilen, schluchzen und heulen verursachen eine rhythmische, klangliche und semantische Fülle, deren fordernder Dichte sich der Betrachter dieses pua-Motivs nicht verweigern kann. Das Verlangen und der Bedarf nach menschlichen Kopftrophäen ist in der Klage des Angelhakens, mit einem Köder versehen und ausgeworfen zu werden, paraphrasiert 28.

Das Atoin Meto-Konzept des Krieger-Kopfjägers mit dem besi-Körper (meo ao besi) klärt die hier angewandte Magie der Anziehung aus der Perspektive des aktiv Handelnden her auf. Die Konzeption des besi-Körpers gründet auf einer Kombination des Sinngehalts eines indigenen Verbs besi (in den Bann ziehen) und des entlehnten malaiischen besi in der Bedeutung von Eisen. Es bezieht sich auf die körperlichen Qualitäten, über die der Krieger-Kopfjäger bei seinen Kopfjagden verfügen möchte, nämlich über die für Haken undurchdringliche beziehungsweise unverwundbare, eiserne Haut und über die Furcht und Schrecken einflössende Wirksamkeit einer Magie (le`u), die ihm seinen Feind willenlos und passiv ausliefert.

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