Kleidung als Wohnung des Leibes

5. Feindschaftsmagie (le`u musu) und Kopfjagd

In der Vergangenheit kannten die Atoin Meto noch eine andere Weise des Heranziehens von Gegenständen oder Personen, mit welcher diese der Kontrolle des eigenen Willens unterworfen werden konnten. In diesem Fall war man nicht auf Werkzeuge wie `kaif und nisif angewiesen. Als Ursprung magisch wirksamer Macht und Mittel (le`u) spielen mineralische, tierische und pflanzliche Gegenstände, unerklärbare Situationen oder Sachverhalte, charismatische Personen und besonders das Krokodil eine bedeutende Rolle in den Überzeugungen der Atoin Meto. Middelkoop und H.G. Schulte Nordholt, die beide ausführlich über die Kultur der Atoin Meto berichtet haben, gehen auf diese Vorstellungen nur marginal ein. Middelkoop erläutert das Konzept le`u in den Kategorien von Ottos Numinosen, und weist diesem Begriff die Qualitäten des mysterium, tremendum und sacer zu (vor allem des Faszinierenden und zugleich Erschreckenden)29. Schulte Nordholt, der nicht über Middelkoops Anschauung hinausgeht, definiert le`u entsprechend: Le`u means `holy`, `sacred`, `awe-inspiring`. The sacredness denoted by this word is objective, that is, uninfluenced by man. It is a force which can be dangerous on the one hand, or beneficial on the other 30.

In einem allgemeinen Sinn bezeichnet das Wort le`u das Besondere, das Außergewöhnliche, das über das alltägliche Hinausreichende. Um diese Besonderheit anzudeuten, verwenden die Atoin Meto das Adjektiv `uf, das auf eine immense Konzentration von unpersönlicher, nicht örtlich gebundener Macht hinweist. Eine auf den ersten Blick pragmatischere Bedeutung des Lexems le`u ist Medizin oder Medikament, hauptsächlich im Sinne der Phytotherapie. Für den Atoin Meto in Amanuban ist das Wort le`u ambivalent. Das hängt damit zusammen, daß die gesamte le`u genannte Medizin magisch zur Heilung oder zur Zerstörung eingesetzt werden kann, immer in Abhängigkeit vom Willen desjenigen, der sie anwendet. Im christlichen Amanuban beharrt man auf dem negativen Aspekt von le`u. Beide christlichen Religionen rekurrieren auf den Begriff le` um den Teufel und seine Macht zu benennen. Namle`u ist sprachlich das Äquivalent für das Böse, das Häßliche, das Zerstörerische geworden (in moet amle`ut; sein Handeln ist schlecht). Ein atoin ale`uf ist in diesem modernen Sinne ein Adept des dunklen Weges. Aber man darf nicht vergessen, daß er ein kulturelles Wissen bewahrt und anwendet, welches erst qua Intention Gutes oder Böses bewirkt 31.

In seinem Buch Head-hunting in Timor beschreibt Middelkoop Komposition und Funktion eines magisch wirksamen Talisman als Schutz im Falle kriegerischer Auseinandersetzungen. Diese magisch wirksamen Mittel, welche die Atoin Meto bis heute verwenden, heißen in Amanuban le`u musu und dienen dazu, dem Feind (musu) Tod und Krankheit zu bringen. Middelkoop spricht aus diesem Grund generalisierend von enemy magic oder enmity magic als einem umfangreichen Komplex von Einstellungen und Überzeugungen, die mit a strong belief in transcendental justice zusammenhängen, to be called in action by ritual performances and offerings and by means of the war-cry, to be dealt with in connection with the belief in curse-power 32. Jede le`u besitzt ihren eigenen Namen. Middelkoop präsentiert eine ausführliche Beschreibung der Feindschafts-le`u Nai Humusu 33 oder Nai Nesi 34 und ihrer symbolischen Bedeutung. Die von ihm beschriebene le`u musu Nai Nesi setzt sich aus verschiedenen Pflanzenteilen zusammen, jedes davon mit einer besonderen Fähigkeit ausgestattet, die ihnen qua analogische Assoziation zugewiesen wurde. Besonders die magische Wirkung der hau boka 35 und hau helat 36 genannten Pflanzenteile interessieren uns in diesem Zusammenhang, da ihre Fähigkeit in besonders enger Beziehung zur `kaif-Motivik steht. hau boka ist nach Middelkoops Informationen die mitreißende Pflanze, von der angenommen wird, sie könne Menschen oder Vieh veranlassen, sich zu erheben und herbeizukommen. Allerdings ist Middelkoops hau boka kein real existierender Baum, sondern es handelt sich um verschiedene Teile einer maus boko genannten, holzigen Schlingpflanze. Wiederum wird eine klangliche Affinität, jetzt zwischen boko und boka, zum Anlaß analogischer Assoziation (siehe Anm.33). Mausak ist der Gattungsbegriff für all die Schlingpflanzen, die kriechend auf dem Waldboden wachsen. Die Spezies em><maus boko ist eine sehr lang wachsende und kräftige Schlingpflanze, welche die Atoin Meto gerne für die Befestigung der Dachkonstruktion ihrer Wohnhäuser verwenden. Die Art und Weise, wie diese Schlingpflanze aus dem Wald geholt wird, ist interessant: Da sie weder Äste noch Wurzeln besitzt, läßt sie sich an jeder beliebigen Stelle durchtrennen, und sehr lange Teile kann man einfach zu sich heranziehen, ohne daß diese sich irgendwo im Unterholz verhaken. In anderem Zusammenhang wird hau boka auch zur Herstellung eines Liebeszaubers verwendet, der die Gefühle einer Frau auf die eigene Person zu lenken soll. Die eigentlich ziehende Pflanze ist jedoch hau helat, welche die von der hau boka aktivierten Menschen oder Tiere unweigerlich anzieht. Zusammen mit anderen pflanzlichen, tierischen oder mineralischen Ingredienzen werden diese Pflanzenteile in einem aus Lontarblättern geflochtenen Beutel (oko snipi) im uem le`u (dem Le`u-Haus) aufbewahrt und bei Bedarf rituell aktiviert 37.

Es ist wichtig, daß alle diese Pflanzen, welche die Nai Nesi genannte le`u musu wirksam machen, Teile von Schlingpflanzen sind, einer Pflanzenart, die in anderen Kontexten metaphorisch das Konzept des Lebenskreises (nono/em><) einer Namen-Gruppe ausdrücken kann. Mit Hilfe dieser le`u-Pflanzen gelingt es, einen Menschen aus seinem nono-Verband herauszulösen, um seinen Willen zu beherrschen, ihn zu vereinzeln und in eine fremde Einflußsphäre zu zwingen. Es bleibt allerdings spekulativ, warum gerade das Symbol des nono-Konzepts, das ja Leben und Gesundheit schlechthin repräsentiert, auch für negative Zwecke eingesetzt werden kann. Früher waren für die Atoin Meto der Frieden und die Inversion des Friedens, der Krieg, lediglich zwei extreme Zustände der gleichen Welt. Schulte Nordholt beschreibt die zwischen le`u nono und le`u musu oszillierende Weltanschauung der Atoin Meto mit folgenden Worten: Le`u nono is used in parallelism with le`u musu (hostility le`u), the former being the secret power of fertility and le`u musu the secret power by means of which one´s enemies may be conquered. Together they made up the two complementary spheres in which the Atoni´s life is set, namely fertility and defence, life and death, peace and war, or, in the Atoni´s own words: `manikin ma menas` (coolness and heat) 38. Dasselbe Symbol kann deshalb als Leben erhaltend, in Krieg und Hitze allerdings als Leben zerstörend auftreten. Für die Atoin Meto bildeten, zumindest in der Vergangenheit, Frieden und Krieg eine sich entsprechende und ergänzende Polarität. In Zeiten des Krieges schläft die Magie der Fruchtbarkeit und des Lebens (le`u nono), das heißt sie ist deaktiviert.

In Zeiten des Krieges werden le`u-Medizinen nach wie vor dazu eingesetzt, die eigene Person und Gemeinschaft sowie die territorialen Grenzen der Siedlung zu schützen, das Vieh des Feindes zu rauben und diesen selbst magisch in die eigene Sphäre zu ziehen. Von einem meiner Informanten erfuhr ich, dass dieser seinem Sohn seine schützende le`u mit nach Osttimor gegeben hat, als er für das indonesische Heer rekrutiert wurde. Der gleiche Informant, mit dem ich diese magischen Prozesse diskutierte, sagte mir auch, er könne mir nicht alles darüber sagen, da dies Geheimwissen seiner Namen-Gruppe sei. Er werde mir aber bei meiner Abreise aus Amanuban eine le`u mit nach Hause geben. Dann würde ich schon verstehen, was es damit auf sich habe 39.
Diese ziehenden Fähigkeiten werden im Ritual verbalisiert, wenn der le`u-Medizin mit Worten wie den folgenden ihr Auftrag erteilt wird:

Nai Humusu heißt du, du bist der Ziehende, der Bindende, ziehe den Mann mit der schönen Gestalt, die Frau mit der schönen Gestalt herbei, den Büffel mit der schönen Gestalt, das Pferd mit der schönen Gestalt, so daß, wenn ich nach links gehe, sie dort treffe und auf sie stoße, wenn ich nach rechts gehe, sie dort treffe und auf sie stoße, möge ich sie fassen und in meiner Hand halten, so daß sie mir zum Wohnplatz und Stall von Nai Humusu folgen, so daß sie zum Pfosten und zum Seil Nai Humusus folgen (an welchem gewöhnlich das Opfertier angebunden wird; Anm.d.Verf.), so daß sie zum Haus und zum Speicher Nai Humusus folgen, dort ist es, wo deine le` u Nahrung erhält, deine Opfer und dein Vorrat sind 40.

.Die Bitte um die Fruchtbarkeit von Frauen, Vieh und Gärten ist das gemeinsame Merkmal solcher Anrufungen und der erklärte Zweck der Kopfjagd, welche die Atoin Meto auch Ernte der Köpfe nennen.

Der mit le`u-Medizin eingeriebene Körper des Krieger-Kopfjägers ist nach dieser Behandlung unsichtbar und deshalb unverwundbar, mit anderen Worten: ein besi-Körper. Die Fähigkeit der Nai Nesi-Magie wird mit dem metaphorischen Ausdruck Nai Nesi anaot ahel oni apao sisi 41 (das heißt: Nai Nesi, der Wandernde, der Honig-Ziehende, der Fleisch-Bewachende) umschrieben, wiederum in der Absicht, die anziehende Fähigkeit dieser personifizierten le` u musu anzugeben. Diese Formulierung entlarvt in fast brutaler Nüchternheit, welchen Gegenstand ein so zusammengesetzter, magisch wirksamer Talisman magnetisch anziehen soll. Der Honig, den Nai Nesi anzieht, das Fleisch, welches er bewacht, ist das sis makuke oin makuke 42 (das heißt: das junge Fleisch, der junge Honig), ein symbolischer Ausdruck für die während einer Kopfjagd erbeuteten Köpfe. Das Ritual, welches der Integration des erbeuteten Kopfes (nakaf ) in die Gemeinschaft dient, beschreibt Middelkoop:

Plötzlich trugen sie von außerhalb des Dorfes den Schädel in das Dorf hinein, und der, der die ursprüngliche le`u besaß – die große le`u – hielt in all seiner Macht einen hölzernen Haken, den er in den Schädel hakte (a` nale`u ufa na` akai, kai nan anakaf); der, der den Schädel noch immer in der Hand hielt, folgte dem Herrn der le`u; sie gingen viermal um den steinernen Altar herum, und legten dann den Schädel auf einem flachen Stein an der Basis des Altars nieder 43.

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