Kleidung als Wohnung des Leibes

Die Hakensymbolik als Darstellung ergreifender Atmosphären

Im Zusammenhang mit der vorgetragenen Analyse des Basiselements der textilen Verzierung der Atoin Meto tritt eine Funktion von Kleidung und Motivik in den Vordergrund, deren Aufgabe darin besteht, die leibliche Unversehrtheit des Benutzers dieser Kleidung aufrechtzuerhalten. Qua Motivik grenzt er eine bestimmte Kategorie ergreifender Mächte aus, die versuchen, sich unkontrolliert seiner zu bemächtigen. Die Existenz unergründlich-abgründiger Mächte formuliert die Weltanschauung der Atoin Meto im besi– und le`u-Konzept. Die Allgegenwart von Hakenmotiven verarbeitet diese kulturspezifische Erfahrung und garantiert dem Einzelnen die Verfügungsgewalt über seinen Leib.
Diese Mächte sind außerhalb der ehemals befestigten Siedlungsplätze der Atoin Meto räumlich ausgedehnt, aber ortlos anzutreffen. Sie können zu Bildern und handelnden Subjekten gerinnen. Dann befinden sie sich für den Atoin Meto in eigenartig geformten Steinen und Felsen, in Bäumen mit mächtigen Kronen, in tiefen, von Krokodilen bewohnten Gewässern, an Orten mit unheimlicher Ausstrahlung und in Bezug auf Menschen mit Fähigkeiten, die das normal menschliche Maß übersteigen (nesi). In der Konfrontation und Auseinandersetzung des Menschen mit diesen Gefühlen entsteht eine gegenseitige Beziehung, die einmal als leiblich wohltuend, das andere Mal als gefährlich und leiblich dissoziierend aufgefaßt wird. Die Spekulationen über den Ursprung ergreifender Mächte führt zu Bildern und zur Darstellung dieser Mächte in textilen Motiven. Die ausgewählten Beispiele bezogen sich auf eine Ergriffenheit, aus der für den Atoin Meto einst katastrophale Folgen resultierten. Die ergreifenden Mächte werden als feindlicher Kopfjäger, als ein Schadenzauber aktivierender Widersacher, als Krokodil oder Python, die einzigen, dem Menschen gefährlich werdenden Tiere Timors vorgestellt. Sie können aber auch als unpersönliche, an bestimmten Orten in der Luft liegende Atmosphäre, Ausdünstung, floureszierendes Schimmern oder Leuchten auftreten. Insgesamt handelt es sich um Gefühle der Angst und des (Er)Schreckens, der Furcht und der Unbehaglichkeit, der Unsicherheit und der Unerklärbarkeit von Phänomenen der Umgebung. Die nu`uf genannten Steine als Repräsentanten unsichtbarer Mächte, welche die Atoin Meto gelegentlich in ihren Gärten finden, und von denen ein leuchtender Schimmer ausgeht, gehören genausogut in diesen Kontext 44 wie die tödlich giftige koko-Schlange, von der erzählt wird, sie trage einen leuchtenden, Glück und Reichtum gewährenden Zauberstein auf dem Kopfe. Wer kennt nicht diese Betroffenheit durch unabwägbare Wahrnehmungen und eigenartige Vorfälle, die uns in bestimmten Situationen oder an bestimmten Orten mit Plötzlichkeit zugemutet werden und ergreifen.

Diese, zumeist unbestimmbaren Gefühle, die den Betroffenen angesichts solcher Erscheinungen überkommen, sind weder auf eine personale Innenwelt noch auf ortsgebundene Wesenheiten zurückzuführen. Es handelt sich vielmehr um ortlose, in räumlicher Weite ergossene Gefühle, die zum Gegenstand der Wahrnehmung und zum handelnden Subjekt werden können. Und es ist weitgehend gleichgültig, ob sie den Menschen in seiner Umgebung erst erreichen oder ob er diese Umgebung in Vorahnung und Vorgefühl kommender Ereignisse betritt. Immer, und charakteristischerweise, werden diese Gefühle als unpersönliche, gleichsam räumlich ausgedehnte Mächte aufgefaßt. Auf der Kleidung der Atoin Meto erscheinen sie als abstraktes, hakentragendes Rautenmotiv oder als stilisierte Abbildung eines Krokodils mit hakenbewehrtem Schwanz. In all diesen textilen Motiven repräsentiert das Symbol des Hakens auf metonymische Weise Gefühle der Angst und des Schreckens vor anziehenden, bannenden Mächten, die im ungeschützten Draußen der Welt als schlimmer Tod, als lauerndes Krokodil oder als gegen ihn gerichtete Magie gegenwärtig sind. Das Bewußtsein dieser Gefahren führt zu der Annahme von der Existenz ergreifender und ziehender Mächte, die ihn zum Spielball ihres Willens machen.

Die Atoin Meto bezeichnen dieses Phänomen mit dem Terminus le`u, der sich bisher erfolgreich der Übersetzung und Erklärung entzogen hat. Wie erwähnt lehnte sich Middelkoop an Ottos Begriff des Numinosen an. Er beschreibt mit diesem Begriff aber eher die Umgebung, in welcher dieses Konzept angesiedelt werden muß, als daß er erklärt, was le`u bedeutet und bewirkt.
Da die Atoin Meto-Ethnographie seit Middelkoop die Doktrin des Numinosen für das le`u-Konzept akzeptiert hat, weiß man eigentlich nur, daß le`u einen Raum in der Wahrnehmung der Atoin Meto besetzt, den sie selbst als heiß, außergewöhnlich, tabu oder magisch aktiviert beschreiben. Schulte Nordholt erkennt zwar die zwingende Realität des le`u genannten Phänomens, ordnet es aufgrund dieser Daten aber der abendländischen Kategorie des Heiligen zu: (…) because to the Atoni it is a very real world, which surrounds him while at the same time it is hidden in the sense that it is mysterious and therefore sacred (le`u) 45. Bezieht man die Theorie der Räumlichkeit der Gefühle, wie sie von Schmitz formuliert wurde, auf die Bedeutung der le`u-Sphäre, so werden die bisher angewendeten Bezeichnungen und Beschreibungen in ihrer Bedeutung plausibel. Die Heiligkeit, die Außerordentlichkeit oder die Hitze, die dieser Sphäre in den ethnographischen Untersuchungen zugeschrieben wurde, resultiert in einer leiblichen Ergriffenheit durch atmosphärische Gefühle. Man muß sich berechtigterweise fragen, ob es sich bei der empfundenen Hitze, welche die Atoin Meto als Qualität der le`u-Sphäre angeben, nicht um eine leiblich spürbare Erregung handelt, um leiblich spürbare Hitze im Zustand der Ergriffenheit.

Wie die Wohnung ermöglicht auch die Kleidung einen geschützten Raum, und diese Umfriedung wirkt wie ein Filter, der dem betroffenen Menschen einen Kompromiß mit den ihn bedrängenden Erregungen anbietet. Selbst Gottheiten können auf diesen Schutz nicht verzichten. Die mündliche Dichtung der Sa`dan Toraja (Sulawesi) enthält eine Passage, in welcher der Hochgott Puang Matua (der alte Fürst) hinter einem schützenden Vorhang aus maa`-Textilien wohnt:

God who dwells in his abode high,
lord who is seated behind his curtain.
God who is enfolded within a wall of the
(maa`)
short wide cloth,
lord who is enclosed inside a curtain
of an old short wide fabric with a cross
motif on it
46.

Indem er die unmittelbare Grenze seines Leibes als künstlich geschaffene Umfriedung weiter nach außen verlagert, entwirft sich der Mensch ein für ihn erträgliches, nuancenreiches Klima der Gefühle 47. Das Einkreisen des Körpers durch Kleidung (aba, abatai) nutzt diese von der Umfriedung dargebotene Chance, die ortlos im Raum ergossenen Atmosphären und anstürmenden Gefühle selektiv zu dämpfen und zu manipulieren. Die indigene Kleidung und die Hakenmotivik der Atoin Meto wird diesem Sachverhalt gerecht. Indem sie einen magischen Schutzschild errichtet, bannt sie die bedrängenden Mächte in den Raum jenseits einer Umfriedung aus Geweben, die den Körper des Menschen schützend umgeben 48. Die Konzentration der Darstellung dieser Mächte im Rahmen der textilen Musterung auf ihr Wesentliches, nämlich auf ihren (heran)ziehenden Charakter, dargestellt im Bild des Hakens, ahmt diese Mächte nach. Die textiltechnische Gestaltung dieser Überzeugung im Rahmen der `kaif-Motivik ist ein Exorzismus, welcher der ziehenden Kraft der Mächte des Draußen die bannende Macht dieser Motive entgegenhält.
Paul Wirz hat schon 1932 auf magische Gewebe in Indonesien hingewiesen. In einem kurzen Artikel über Textilien aus Bali und Lombok schrieb er damals:

(…) ist die Faser, die Schnur verknüpft, verschlungen oder zu einem Gewebe verflochten, so sind die Kräfte gebunden und werden erst wieder frei, wenn der Knoten oder das Gewebe durchschnitten wird. Am stärksten gebannt sind die Kräfte selbstredend im Gewebe 49.

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