Das Eigene und das Fremde

Meto und Kase im Klassifikationssystem der Atoin Meto

Vorbemerkung

Der folgende Text äußerst sich unbefriedigend zu einem interessanten und für die Kultur der Atoin Meto grundlegendem Phänomen: dem der ethnischen Identität, die in Amanuban, so wie ich es erlebt habe, zugleich immer auch eine personale ist. Ich möchte mit den folgenden Hypothesen und Beispielen ein Studienfeld skizzieren, das eine intensivere Untersuchung lohnt.

Die Atoin Meto verwenden zwei Begriffe, die ihnen dazu dienen, die Erfahrungen in und mit ihrer Umgebung in Vertrautes, Einheimisches, schon immer da Gewesenes und Bekanntes sowie neu Erworbenes, Fremdes und Unbekanntes zu ordnen. Es ist eine interessante Beobachtung, dass die Atoin Meto ihre meto-Nahrung idealisieren; während sie gleichzeitig von deren kase-Variation leben.

meto
  • indigen; trocken (der Klima- und Landschaftstyp Amanubans)
  • die überlieferte, durch die Adat (lasi) legitimierte Kategorie
  • die für die Atoin Meto wesentlichen meto-Sachen und meto-Angelegenheiten sind durch Rituale, die mit ihrem Gebrauch zusammenhängen, markiert
    meto-Sachen und meto-Angelegenheiten sind keine Marktware
kase
  • fremd; von außen; importiert
  • kase-Sachen und kase-Angelegenheiten erwarben die Atoin Meto im Verlauf ihrer Geschichte durch Kontakte mit mehreren östlichen und westlichen Kulturen
  • kase-Sachen und kase-Angelegenheiten werden integriert und ihre Verwendung ist verbreitet; sie zeichnen sich dadurch aus, frei verwendbar zu sein; ihre Verwendung wird durch keine Rituale reglementiert
  • kase-Sachen werden auf den Märkten gehandelt und verkauft

Die Grundnahrungsmittel der Atoin Meto – Mais und Reis – demonstrieren beispielhaft dieses Klassifikationssystem:

pen meto und pen kase

Pena oder pen mate ist der Maiskolben am Halm. Wenn er pen pao heißt, ist er bereits geerntet und zum Kochen vorbereitet. Gegessen wird der Mais mit kleinen, braunen Bohnen vermischt. Dann heißt er bose.

Pen meto ist die Maissorte, die die Atoin Meto seit altersher anbauen.
Im Gegensatz zum pen kase, der in die Hausgärten gepflanzt wird, wächst pen meto in den Feldgärten außerhalb der Siedlung. Die Reifezeit dieser Maissorte beträgt vier bis fünf Monate und bringt, im Vergleich zum pen kase, einen höheren Ernteertrag; durchschnittlich gewinnt der Pflanzer von vier Maiskolben ein Kilogramm Maiskörner. Sind die Anbauflächen der len meto, der Feldgärten, vor der Aussaat abgebrannt, so reicht die zurückbleibende Pflanzenasche als einziger Dünger. Eine weitere Düngung ist nicht mehr erforderlich.
Die Ernte des pen meto ist von Ritualen umgeben. Fua naek telen, sagen die Atoin Meto: Das große (Mais-)Korn ist angekommen! Fua naek ist eine Parallelbezeichung des Maiskolbens.

Pen kase nennen die Atoin Meto die Maissorte, den sie seit Mitte der 70er in ihren Hausgärten (lene) anbauen, die sie um ihre Wohnhäuser herum anlegen. Die Reifezeit dieser Maissorte beträgt durchschnittlich zwei Monate, kann viel früher geerntet werden. Schnelle Ernten sind in Amanuban wichtig, da die Ankunft des Monsoons mit seinem Regen und die dadurch unterschiedlich lange Trockenzeit nur unzuverlässig vorausgesagt werden kann. Aufgrund des gleichen Phänomens ermöglicht es die schnelle Ernte des fremden Saatguts Nahrungsengpässe am Ende der Trockenzeit zu überbrücken.
Allerdings hat pen kase viel kleinere Kolben als pen meto mit vergleichsweise kleineren Körnern. Um ein Kilogramm Körner zu gewinnen, werden zwanzig Maiskolben und mehr benötigt. Und: Die Pflanze ist abhängig davon, künstlich gedüngt zu werden.
Pen meto wird in Amanuban besonders von der indonesischen Regierung propagiert, um die periodische Nahrunsmittelkappheit der Monate Januar bis April zu kompensieren. Da pen kase die rituallose Maissorte ist, verschmäht der erwachsene Atoin Meto sie. Sie warten, bis die Ernte des pen meto eingebracht ist. Pen kase ist der Mais, den Kinder und Halbwüchsige essen, und der auf den Märkten der Städte verkauft wird.
In einem guten Erntejahr (ton makuke) wird pen kase schon ab Anfang Februar auf den Märkten Amanuban angeboten.

aen meto und aen kase

Padi heißt der Reis am Halm. Wenn er mnes heißt, ist er bereits enthülst und zum Kochen vorbereitet. Wenn er gekocht ist, heißt er maka.

Aen meto ist der im Monat Dezember in den Hausgärten (len meto) angebaute Trockenreis, der unmittelbar nach der Maisernte – im April und Mai – aus den Gärten geholt wird. Früher, so heißt es, aßen die Atoin Meto nur diesen Reis. Nassreis stellt eine Innovation dar. Effektive Sawah-Pflanzungen, wie in Westindonesien, ist der langen Trockenzeit wegen in Westtimor nur in einigen Flussmündungen möglich.
Nach der Ernte werden die Reisähren in die Weiler (kuan) gebracht, wo die Körner aus den Hülsen gedrescht und zu großen Hügeln gehäufelt werden. Sechs Frauen sitzen im Kreis um den aufgehäuften Reis herum, jede mit einer Worfenschale (tupa). Im Kreis der Frauen und auf dem Reishügel sitzt eine alte Frau mit gespreizten Beinen, eine Geburt simulierend. Die Reiskörner werden von der alten Frau in einen großen, aus Bambus geflochtenem Korb mit enger Halsöffnung (poni) gefüllt.
Die Parallelbezeichnung für den aen meto lautet fua ana, der im Vergleich zu den Maiskörnern kleineren Reiskörner wegen.

Aen kase, der Nassreis, wurde erst viel später in Westtimor eingeführt und in Sawah-Wirtschaft (aen oek; oe, Wasser) gepflanzt. Die bevorzugten Regionen für den Nassreis ist die Umgebung von Kupang, das östliche Ufer des Noel Mina und das Benain-Plateau im südlichen Zentraltimor.
Die Kultivierung von Nassreis ermöglicht heute die Selbstversorgung der Stadtbevölkerung Westtimors.

Auch andere Nutzpflanzen liegen im modernen Amanuban in zwei konkurrierenden Sorten vor:

  • Baumwolle (abas) – ab meto und ab kase
  • Indigo (taum) – taum meto und taum kase
  • kalk (ao) – ao meto und ao kase

Dies ist nicht nur in der Landwirtschaft so. Die grundlegende Klassifikation ihrer Grundnahrungsmittel offenbart eine Gliederung der beiden Kategorien durch eine strikt differenzierende Benennung, die auf den ersten Blick unversöhnlich wirkt. Diese nur scheinbar antagonistische, in Wirklichkeit aber polare Beziehung der Ergängzung und Entsprechung, garantiert die Homöostase der beiden Energien, die sich letztlich auf die basalen Paare weiblich-männlich, innen-außen und kühl-heiß reduzieren lassen. Oder in sozialen Kategorien: WIR, ich und die Meinen, DIE ANDEREN und die Ihren.
Das Eigene vom Fremden unterscheiden können ist zentral in der Kultur der Atoin Meto. Schließlich muss man wissen, wer man ist! Das Bewusstsein von der eigenen und die ethnischen Identität verleiht Orientierung und Sicherheit. Die Kultur der Atoin Meto ist eine nach innen gerichtete, zentripetale Gesellschaft.

Eine andere Perspektive wäre möglich gewesen: Beispielsweise die ethnische Eigenbezeichung, die die Mitglieder dieser Kultur sich und den Fremden gegeben haben: Atoin Meto oder wie Clarke Cunningham sie genannt hat, Atoni Pah Meto, die Menschen des trockenen Lands. Die schmückenden Epitheta Atoni und Pah Meto sind überflüssig. Meto so heißen sie, weil sie die Einheimischen sind. Zu betonen, dass sie Menschen sind, empfinden sie als redundant.
Atoin Kase, allerdings ungebräuchlich, sind dann die anderen. Aber auch Kase reicht, mit abwertendem Unterton geäußert. Kase ist grundsätzlich alles, was aus Richtung Kupang kam und kommt, da dort die Engländer ihr Fort hatten, die Niederländer später ihre Militär- und Handelsniederlassungen im Ostindienhandel. Die in den Überlieferungen der Atoin Meto prominentesten Fremden, in den Texten der mündlichen Dichtungen (tonis) metaphorisch beul fui, die wilden Freunde genannt, in dem Bewusstsein, dass sie der eigenen Kultur, obwohl sie ihr nicht angehörten, näher standen, als die beul kase, die fremden Freunde, die Portugiesen, Engländer und Niederländer, die aus einer anderen Welt nach Timor kamen, am bekanntesten die legendären, politisch einflussreichen Kase Metan, die schwarzen Fremden, Nachkommen gemischter Ehen zwischen Atoin Meto und portugiesischen Besatzern, die im modernen Nordzentraltimor lebten, und mit denen die Atoin Meto meist in Krieg und Handel kommunizierten.

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