Archiv für die Kategorie Kuan-Fatu-Chronik

Kanon und Zensur in Amanuban

Der Kanon der Tonis-Dichtungen als Idealnorm historischer Überlieferung

Die Tonis-Dichtungen der Kuan Fatu-Chronik sind nicht nur grammatisch parallel, sie sind auch kanonisch.

Als auffälligstes Merkmal tritt bei der Durchsicht von Quellen, deren Gegenstand mündliche Dichtungen sind, weltweit die Vorschrift in den Vordergrund, dass diese Dichtungen nach einem bestimmten formalen Prinzip gestaltet werden müssen. Vorgeschrieben ist in allen untersuchten Dichtungen die Verwendung metaphorisch kodierter, syntaktisch- und semantisch paralleler Lexempaare sowie der Umfang der Möglichkeiten und der internen Beziehungen, nach denen diese Paare miteinander kombiniert werden dürfen. Botschaften und Bedeutungen können in den meisten der herangezogenen Beispiele nur dann richtig und vollständig geäußert werden, wenn sie als paralleles Lexempaar in einer parallelen Phrase (Verssegment) oder in einem parallelen Vers arrangiert waren. Emeneau bringt die Vorschrift vom zwingend formalen Chrarakter der mündlichen Dichtungen in formellen Situation auf die kurze Formel, diese Verse seien: fixed by convention for particular contexts. Wie auch anders könnte eine ancestral language als wahr gelten, wenn nicht qua Konvention?
Diese Konventionalität, die kollektive dichterische Tradition, verleiht auch den Dichtungen der Kuan Fatu-Chronik in den Augen der ihnen zuhörenden Atoin Meto in den rituellen Situationen ihre Wirksamkeit und Autorität, deren Ursprung Du Bois mit Formulierungen wie self-evident und voice from nowhere umschrieben hat.

Copyright 2015. All Rights Reserved (Texte und Fotografien)

Die Studie Kanon und Zensur ist urheberrechtlich geschützt. Die Seiten und deren Inhalt dürfen nicht kopiert und nur zum privaten Gebrauch verwendet werden. Dieser Text wurde erstmals auf meiner inzwischen eingestellten Website Vingilot – Beiträge zur Anthropologie veröffentlicht. Jegliche unautorisierte gewerbliche Nutzung ist untersagt.

Hinterlasse einen Kommentar

Neon Apinat, Neon Aklahat

Die Zeugenformel in der rituellen Rede

Das parallele Lexempaar Neno Pinat, Neon Aklahat oder korrekter Neon Apinat, Neon Aklahat bezeichnet den Uis Banam der Nope-Dynastie und ruft diesen als Zeugen für die Richtigkeit des im folgenden Text gesagten. Uis Banam ist der Titel des höchsten politischen Regenten (usi) des feudalen Amanuban, der Herr von Banam. Das Substantiv usi beziehungsweise usi=f (metathesiert uis) ist die Titulatur, mit der ranghohe politische Funktionsträger innerhalb der Aristokratie des feudalen Amanubans angeredet wurden.
Das Uab Meto kennt aber das Verb na=uis, das im Kontext der christlichen Liturgie in der Bedeutung von verehren, huldigen, Gott Ehre und Respekt bezeugen verwendet wird. Während der Titel usi allein für den obersten Regenten des feudalen Gesellschaftsystems reserviert war, redete man die Repräsentanten der exekutiven Funktionen der feudalen Bürokratie mit usif an. Das Verb nauis drückt nun genau die Empfindungen aus, die die Bevölkerung des feudalen Amanuban einst ihren Herren und Herrschern (tuan / usi) bis heute entgegenbringen.

Den Rest des Beitrags lesen »

Hinterlasse einen Kommentar