Archiv für die Kategorie Literatur

Kanon und Zensur in Amanuban

Der Kanon der Tonis-Dichtungen als Idealnorm historischer Überlieferung

Die Tonis-Dichtungen der Kuan Fatu-Chronik sind nicht nur grammatisch parallel, sie sind auch kanonisch.

Als auffälligstes Merkmal tritt bei der Durchsicht von Quellen, deren Gegenstand mündliche Dichtungen sind, weltweit die Vorschrift in den Vordergrund, dass diese Dichtungen nach einem bestimmten formalen Prinzip gestaltet werden müssen. Vorgeschrieben ist in allen untersuchten Dichtungen die Verwendung metaphorisch kodierter, syntaktisch- und semantisch paralleler Lexempaare sowie der Umfang der Möglichkeiten und der internen Beziehungen, nach denen diese Paare miteinander kombiniert werden dürfen. Botschaften und Bedeutungen können in den meisten der herangezogenen Beispiele nur dann richtig und vollständig geäußert werden, wenn sie als paralleles Lexempaar in einer parallelen Phrase (Verssegment) oder in einem parallelen Vers arrangiert waren. Emeneau bringt die Vorschrift vom zwingend formalen Chrarakter der mündlichen Dichtungen in formellen Situation auf die kurze Formel, diese Verse seien: fixed by convention for particular contexts. Wie auch anders könnte eine ancestral language als wahr gelten, wenn nicht qua Konvention?
Diese Konventionalität, die kollektive dichterische Tradition, verleiht auch den Dichtungen der Kuan Fatu-Chronik in den Augen der ihnen zuhörenden Atoin Meto in den rituellen Situationen ihre Wirksamkeit und Autorität, deren Ursprung Du Bois mit Formulierungen wie self-evident und voice from nowhere umschrieben hat.

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Die Studie Kanon und Zensur ist urheberrechtlich geschützt. Die Seiten und deren Inhalt dürfen nicht kopiert und nur zum privaten Gebrauch verwendet werden. Dieser Text wurde erstmals auf meiner inzwischen eingestellten Website Vingilot – Beiträge zur Anthropologie veröffentlicht. Jegliche unautorisierte gewerbliche Nutzung ist untersagt.

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Die metaphorische Rede vom Herzen

Damit Dein Herz versteht und Dein Bauch begreift! Die Bedeutung von nekan (Herz) in Amanuban

Und nun unser letztes Wort, ihr Männer und ihr Frauen mit dem
weissen Leibesbild! Wir Menschen der Indonesischen Erde haben
euch die Töne unseres Herzens vernehmen lassen. Belauscht nun
vergleichend euer Herz, und ihr werdet die gleichen Töne hören.

Ja, sie sind gleichen Wesens, gleicher Würde,
unser Herz und das eurige
. (R. Brandstetter 1927, 30)

1. Vorbemerkung

Gegenstand dieser Untersuchung ist die Erörterung der semantischen Tragweite von nekan (Herz) in Alltagssprache und mündlicher Dichtung der Atoin Meto in Amanuban. 1 Amanuban, heute ein Landkreis (kecamatan) im indonesischen Südwesttimor, hat bis auf seinen Namen viel von seinem früheren Glanz verloren. Ehemals ein politisch autonomes Territorium des Atoin-MetoAdels, über 300 Jahre unter der Hegemonie der Nope-Dynastie, war Amanuban einer der zehn kleinen, feudal-monarchischen Staaten Westtimors.

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Grammatischer Parallelismus und mündliche Dichtung

Grammatischer Parallelismus in den Tonis-Dichtungen der Kuan Fatu-Chronik

Meine Zuhörer sind inzwischen Leser geworden.
Sie sitzen nicht mehr im Kreis, sondern allein, jeder für sich
.
Wim Wenders, Der Himmel über Berlin, 1987

1. Parallelismus als Mittel der grammatischen Form

Das herausragendste Mittel zur Steigerung von Konzentration und Aufmerksamkeit der Zuhörer auf Inhalt und Mitteilung der Tonis-Dichtungen ist der grammatisch-kanonischeParallelismus der Form dieser Dichtungen, der so gut wie alle Verse kennzeichnet. Grundlegend basiert die dichterische Komposition in Amanuban auf dem sogenannten durchgehend grammatischen Parallelismus, wie ihn Lowth, Steinitz, Jakobson und zuletzt Fox ausführlich analysiert und kommentiert haben. 1

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Kaib amtekes nane 4

Empfang und offizielle Begrüßung in Amanuban

Das Historiker-Seminar im Februar 1992 in Kuan Fatu, Südamauban, diente der intensiven Zusammenarbeit von Ethnologe und Informant. Es orientierte sich an den Bedürfnissen der Atoin-Meto-Informanten, die im Rahmen dieses Seminars ihre kanafzentische Version regionaler Geschichte diskutieren und in ritueller Rede produzieren wollten.
Für die Durchführung des Seminars wählten Y.K. Sapay und Musa Seo einen der drei großen Lopo in Nai Lete, im Zentrum von Kuan Fatu, aus. In drei Nächten entstand ein Entwurf der Geschichte der Namengruppen-Konförderation Ton, Finit, Babis und Sapai, die ich als Kuan-Fatu-Chronik publiziert habe.

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Kaib amtekes nane 3

Empfang und offizielle Begrüßung in Amanuban

In den Wochen zwischen Dezember 1991 und Januar 1992 entstand die Idee, die Lebenszyklusrituale, wie sie einst, in vorchristlicher Zeit, durchgeführt wurden, dramatisch zu inszenieren und auf der Bühne aufzuführen. Januar 1992 war diese Idee allgemein akzeptiert. Um die kommende Zusammenarbeit offiziell zu eröffnen und zu legitimieren, hielt Lukas Banamtuan eine Rede, die mich, erneut, offiziell einführte. Dieser Empfang, und verschiedene Gespräche, fand im Haus des Kepala Desa von Niki Niki Un, Karel Na`at, statt.

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Kaib amtekes nane 2

Empfang und offizielle Begrüßung in Amanuban 1

Der etwas verspätete, offizielle Empfang und die Begrüßung durch Lukas Banamtuan war sicherlich dessen anfänglicher Unsicherheit geschuldet. Obwohl wir uns bereits flüchtig während des Totenrituals für Felipus Lanu` begegnet waren, konnte er mein Anliegen an ihn nicht einschätzen. Letztlich entschloss er sich aber, mein Oko Mama von vor einer Woche entsprechend zu würdigen und mit einem offiziellen Empfang zu erwidern und unsere Zusammenarbeit, die er letztlich auch wünschte, zu legitimieren. Mit seiner Rede bestätigte er öffentlich diese Zusammenarbeit und gab dazu sein Einverständnis.

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Kaib amtekes nane 1

Empfang und offizielle Begrüßung in Amanuban 1

In Amanuban ist es üblich, Gäste, die an Festen, offiziellen Zeremonien oder traditionellen Ritualen teilnehmen, zu ehren, indem sie mit einer formellen Rede begrüßt und empfangen werden. Besonders begrüßt und empfangen werden bedeutet auch, in den Kreis der Teilnehmer einer formellen Situation integriert, an der Interaktion beteiligt zu werden.

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