Archiv für die Kategorie Studien

Das Eigene und das Fremde

Meto und Kase im Klassifikationssystem der Atoin Meto

Vorbemerkung

Der folgende Text äußerst sich unbefriedigend zu einem interessanten und für die Kultur der Atoin Meto grundlegendem Phänomen: dem der ethnischen Identität, die in Amanuban, so wie ich es erlebt habe, zugleich immer auch eine personale ist. Ich möchte mit den folgenden Hypothesen und Beispielen ein Studienfeld skizzieren, das eine intensivere Untersuchung lohnt.

Die Atoin Meto verwenden zwei Begriffe, die ihnen dazu dienen, die Erfahrungen in und mit ihrer Umgebung in Vertrautes, Einheimisches, schon immer da Gewesenes und Bekanntes sowie neu Erworbenes, Fremdes und Unbekanntes zu ordnen. Es ist eine interessante Beobachtung, dass die Atoin Meto ihre meto-Nahrung idealisieren; während sie gleichzeitig von deren kase-Variation leben.

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Kanon und Zensur in Amanuban

Der Kanon der Tonis-Dichtungen als Idealnorm historischer Überlieferung

Die Tonis-Dichtungen der Kuan Fatu-Chronik sind nicht nur grammatisch parallel, sie sind auch kanonisch.

Als auffälligstes Merkmal tritt bei der Durchsicht von Quellen, deren Gegenstand mündliche Dichtungen sind, weltweit die Vorschrift in den Vordergrund, dass diese Dichtungen nach einem bestimmten formalen Prinzip gestaltet werden müssen. Vorgeschrieben ist in allen untersuchten Dichtungen die Verwendung metaphorisch kodierter, syntaktisch- und semantisch paralleler Lexempaare sowie der Umfang der Möglichkeiten und der internen Beziehungen, nach denen diese Paare miteinander kombiniert werden dürfen. Botschaften und Bedeutungen können in den meisten der herangezogenen Beispiele nur dann richtig und vollständig geäußert werden, wenn sie als paralleles Lexempaar in einer parallelen Phrase (Verssegment) oder in einem parallelen Vers arrangiert waren. Emeneau bringt die Vorschrift vom zwingend formalen Chrarakter der mündlichen Dichtungen in formellen Situation auf die kurze Formel, diese Verse seien: fixed by convention for particular contexts. Wie auch anders könnte eine ancestral language als wahr gelten, wenn nicht qua Konvention?
Diese Konventionalität, die kollektive dichterische Tradition, verleiht auch den Dichtungen der Kuan Fatu-Chronik in den Augen der ihnen zuhörenden Atoin Meto in den rituellen Situationen ihre Wirksamkeit und Autorität, deren Ursprung Du Bois mit Formulierungen wie self-evident und voice from nowhere umschrieben hat.

Copyright 2015. All Rights Reserved (Texte und Fotografien)

Die Studie Kanon und Zensur ist urheberrechtlich geschützt. Die Seiten und deren Inhalt dürfen nicht kopiert und nur zum privaten Gebrauch verwendet werden. Dieser Text wurde erstmals auf meiner inzwischen eingestellten Website Vingilot – Beiträge zur Anthropologie veröffentlicht. Jegliche unautorisierte gewerbliche Nutzung ist untersagt.

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Kleidung als Wohnung des Leibes

Ikonographische Betrachtungen zur textilen Motivik der Atoin Meto in West-Timor1

Gegenstand dieser Betrachtung ist ein Aspekt der traditionellen Motivik der Atoin Meto im Territorium Amanuban (Westtimor, Indonesien), welche die Bedeutung eines textilen Verzierungselements dieser Ethnie klären soll. Paradigmatisch sollen kulturspezifische Überzeugungen verdeutlicht werden, welche die Bevölkerung Amanubans mit der Musterung ihrer Kleidung verbindet. Die Anwendung von zwei Konzepten der Neuen Phänomenologie kann der ethnologischen Forschung den Weg weisen und die Bedeutung dieses Verzierungselements und generell die Funktion verzierter Kleidung in Amanuban besser zu verstehen. Bei diesen beiden Konzepten handelt es sich zum einen um die Räumlichkeit der Gefühle, zum anderen, damit verbunden, um die Theorie der Wohnung als Umfriedung. Die Auffassung, daß in Bezug auf die Bedeutung der Motivik indonesischer Textilien allenfalls geschulte Vermutungen (educated guesses) angestellt werden können, teile ich nicht,2 vor allem, da Janet Hoskins und Danielle Geirnaert inzwischen die gewebten Botschaften der Kodi-Textilien (Westsumba) teilweise entschlüsselt haben.3

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Die Weltanschauung der Atoin Meto

Die Kultur der Atoin Meto in Westtimor
Ein quellenkritischer Überblick über die ethnographische Literatur

Einleitung

Gegenstand dieses kommentierten Literaturüberblicks sind die symbolischen Klassifikationen und die religiösen Überzeugungen der Atoin Meto in Westtimor wie sie die verfügbaren ethnographischen und ethnologischen Quellen dargestellen. Die Qualität eines solchen Überblicks hängt immer von Zustand der vorhandenen Artikel, der Buchbeiträge und der wenigen Monographien ab. Diese Synopsis der Quellen greift auf Untersuchungen zurück, die zwischen 1830 und 1980 publiziert wurden.

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Grammatischer Parallelismus und mündliche Dichtung

Grammatischer Parallelismus in den Tonis-Dichtungen der Kuan Fatu-Chronik

Meine Zuhörer sind inzwischen Leser geworden.
Sie sitzen nicht mehr im Kreis, sondern allein, jeder für sich
.
Wim Wenders, Der Himmel über Berlin, 1987

1. Parallelismus als Mittel der grammatischen Form

Das herausragendste Mittel zur Steigerung von Konzentration und Aufmerksamkeit der Zuhörer auf Inhalt und Mitteilung der Tonis-Dichtungen ist der grammatisch-kanonischeParallelismus der Form dieser Dichtungen, der so gut wie alle Verse kennzeichnet. Grundlegend basiert die dichterische Komposition in Amanuban auf dem sogenannten durchgehend grammatischen Parallelismus, wie ihn Lowth, Steinitz, Jakobson und zuletzt Fox ausführlich analysiert und kommentiert haben. 1

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Homophile Weber in Westtimor

Non Bife: Männer in Frauenrollen

Der kurze Text über die Existenz webender Männer in Amanuban ist, bezogen auf die Bedeutung dieses Themas, äußerst fragmentarisch und inhaltlich unbefriedigend. Erforderlich ist meines Erachtens unbedingt

  • die Erhebung biographischer Daten der wahrscheinlich letzten webenden Männer in Westtimor sowie
  • weitere ethnologisch-historische Forschungen zur sozialen Stellung, zur kulturellen Bedeutung und historischen Entwicklung sowie zum kulturellen Wandel angesichts zunehmender Globalisierungstendenzen auch in Ostindonesien.

Die einzige Rechtfertigung, meine dünne Datenlage in diesem Rahmen zu publizieren, besteht darin, auf diesen Gegenstand aufmerksam zu machen, und dazu zu motivieren, weitere Forschung zu leisten.

Otniel Be`is traf ich an einem Nachmittag im Mai 1990. In einem kleinen Handwerkbetrieb in Niki Niki, der Atoin-Meto-Textilien für den Verkauf in Amanuban oder den touristischen Bedarf in Ostindonesien produzierte. Jerimia Mellu, der Besitzer dieser Kerajinan, stellte mir Otniel vor. Om Nelis, wie ihn alle nennen. Er sei ein webender Mann, so Mellu, und wies mich damit auf eine Kuriosität hin. Er präsentierte mir Otniel als Exoten in der modernen Atoin-Meto-Kultur. Cornelis Talan, den zweiten webenden Mann, traf ich Monate später, im August in seinem Haus, in Oepuah. Erst in dieser Begegnung begriff ich, was ich damals in Niki Niki nicht verstanden hatte: Männer in Frauenrollen besaßen in der Kultur der Atoin Meto eine lange zurückreichende Tradition.

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Kaib amtekes nane 4

Empfang und offizielle Begrüßung in Amanuban

Das Historiker-Seminar im Februar 1992 in Kuan Fatu, Südamauban, diente der intensiven Zusammenarbeit von Ethnologe und Informant. Es orientierte sich an den Bedürfnissen der Atoin-Meto-Informanten, die im Rahmen dieses Seminars ihre kanafzentische Version regionaler Geschichte diskutieren und in ritueller Rede produzieren wollten.
Für die Durchführung des Seminars wählten Y.K. Sapay und Musa Seo einen der drei großen Lopo in Nai Lete, im Zentrum von Kuan Fatu, aus. In drei Nächten entstand ein Entwurf der Geschichte der Namengruppen-Konförderation Ton, Finit, Babis und Sapai, die ich als Kuan-Fatu-Chronik publiziert habe.

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