Parallelismus in der Dichtung der Chinesen

Literatur

  • CHEN, M.Y.:1979,371-420, Metrical structure: Evidence from Chinese poetry, Linguistic Inquiry 10.
  • DAVIES, J.F.:1830,393-461, On the poetry of the Chinese, Transactions of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland, Vol.2, London.
  • HIGHTOWER, J.R.:1971,5-27, Allusion in the poetry of T` ao Ch` ien, Harvard Journal of Asiatic Studies, Vol.31.
  • REVIEW Hightower ebenda, s.313-319.
  • LIU, J.J.Y.:1962, The art of Chinese poetry, London.
  • T` SOU, B.K.:1968,318-328, Some aspects of linguistic parallelism and Chinese versification, in: GRIBBLE, C.E., Studies presented to Roman Jakobson, Cambridge, Mass.
  • YU-KUNG KAO und TSU-LIN MEI:1971,49-136, Sytax, diction, and imagery in T` ang poetry, Harvard Journal of Asiatic Studies, Vol.31.

Anmerkungen zu Besonderheiten der chinesischen Sprache

Die chinesische Sprache wird im allgemeinen als monosyllabische Sprache betrachtet, da einsilbige Grundwörter für diese Sprache charakteristisch sind. Ein weiteres auffälliges Kriterium des Chinesischen besteht darin, dass sie ein phonetisch äußerst armes und morphologisch sehr sparsames Ausdrucksmedium ist. Die morphologisch dürftigen Wörter, die sich wegen der Lautarmut der Sprache häufig nur schlecht voneinander abheben, wurden meist indifferent als Substantive, Adjektive oder Verben gebraucht, ohne dass sie dabei ihre Form wesentlich veränderten. Einige wenige Partikeln trugen wesentlich zur Verdeutlichung des Sinns eines Satzes bei. Davon abgesehen war dem Ausdruck eines Gedankens nur durch strenge Stellungsregeln Klarheit zu verschaffen.
Die einfachsten Zeichen der chinesischen Schrift sind Piktogramme – Zeichnungen, die auf das Wesentliche einer Sache reduziert, konventionalisiert und somit in höchstem Grade stilisiert sind. Solche Piktogramme funktionieren als indirekte Symbole und assoziative Verbindungen, die sich gegenseitig interpretieren, das heißt, die Bedeutung der chinesischen Schriftzeichen ist hochgradig von dem Kontext abhängig, in welchem sie auftreten. Aus diesem Grund ist das chinesische Wort mehr als ein bloßes Zeichen, mit dessen Hilfe ein abstrakter Begriff ausgedrückt werden kann. Es entspricht nicht nur einer fest umschriebenen Bedeutung, sondern hebt der Kommunikation einen Komplex bildhafter Vorstellungen ins Bewusstsein, wobei jeweils die aktivste zuerst in Erscheinung tritt.
Das Chinesische ist darüber hinaus reich an Homophonen – das sind Wörter, die Verschiedenes bedeuten, aber die gleiche Aussprache haben, wie im Deutschen beispielsweise Leere und Lehre.

DAVIES Definition des chinesischen Parallelismus

DAVIES gliedert seine linguistische Untersuchung zur Form der chinesischen Dichtung in zwei Teile:

  • Im ersten Teil kommentiert er die Versbildung, das heißt er gibt die Regeln an, die zur dichterischen Komposition von Zeilen (lines), Strophen (couplet) und Stanzen (stanza) verwendet werden.
  • Im zweiten Teil eines Aufsatzes geht DAVIES dann näher auf Stil und Charakter der chinesischen Dichtung ein.

Definition VERS:

Ein Vers ist eine metrisch gegliederte, und durch den Rhythmus zur in sich geschlossenen Einheit durchgeformte Wortreihe als Ordnungseinheit innerhalb des Gedichts, die nach korrespondierender Fortsetzung verlangt. Die einzelne, gleich- oder andersartig wiederholte Zeile der gebundenen Rede (…) Als nur klanglich (metrisch-rhythmisch), nicht inhaltlich geformter Teil der gebundenen Rede braucht der Vers keine Rücksicht auf Gliederung und Sinn des Satzes zu nehmen, der auch von einem Vers auf den folgenden übergehen kann. Man spricht in diesem Fall von Versbrechung oder -sprung (…) Der einzelne Vers wurde vom Dichter ursprünglich als rhythmisches Erlebnis konzipiert, als Ganzheit, nicht als Zusammengesetztes (…) (nach: WILPET, G. von, Sachwörterbuch der Literatur, Stuttgart, 1979).

Oder:

(…) eine Gedichtzeile, eine rhythmisch, durch eine Taktregel geformte Einheit – der Vers ist eine gebundene Rede, die durch eine regelmäßige Betonungsverteilung charakterisiert ist. (zitiert nach „Poetik in Stichworten“, Hirths Stichwörtertaschenbuch)

Hinsichtlich der Versbildung, also der formalen Dimension der chinesischen Dichtung, berücksichtigt DAVIES sechs unterschiedliche Merkmale, auf die ich in diesem Rahmen allerdings nur sehr kursorisch hinweisen möchte:

  • die phonetische Dimension der Dichtung, das heißt, die Art der Laute der gesprochenen Sprache;
  • die regelmäßig vorgeschriebene Variation bestimmter Töne;
  • die Verwendung eines poetischen Versmaßes, das heißt die regelmäßige Tonfolge, die Zahl und den Abstand der betonten Silben;
  • es gibt keine versüberschreitende Unterbrechung der Aussage eines Verses (Enjambement) – ein Vers = eine Botschaft / ein Inhalt -, allerdings eine kurze Sprechpause in Form einer Zäsur, das heißt ein Einschnitt in der Mitte eines jeden Verse;
  • die Verwendung des Endreims.

Falls Sie die Kriterien, die DAVIES hinsichtlich Versbildung und Metrik in der chinesischen Dichtung näher interessieren, bitte ich Sie, dies auf den Seiten 394 bis 419 selbst nachzulesen. Im Rahmen dieses Seminars interessiert uns vor allem DAVIES letztes Kriterium, von welchem er selbst meint, es sei perhaps the most interesting of all, as it presents a striking coincidence with what has been remarked of all poetry of another Asiatic nation. (S.410). Das interessanteste Merkmal chinesischer Dichtung, auf welches DAVIES mit dieser Bewertung abhebt, Sie können es sich schon vorstellen, ist der

  • rhythmische Effekt, der durch einen Parallelismus der couplets, wie DAVIES die Verse der chinesischen Dichtung bezeichnet, verursacht wird.

Die Dichtung der anderen Asiatic nation von der DAVIES hier spricht, ist die alttestamentliche Poesie der Israeliten, die, wie schon besprochen, im Jahre 1778 von LOWTH in der Prophetie des Jesaja entdeckt, definiert und begründet wurde.

Zur Erinnerung noch einmal die klassische Definition von LOWTH:

Die Entsprechung eines Verses oder einer Zeile mit einer anderen nenne ich Parallelismus. Wenn eine Aussage gemacht wird und eine zweite mit ihr verknüpft oder ihr untergeordnet wird und sich dabei bedeutungsgemäß gleichwertig verhält oder mit ihr kontrastiert oder bezüglich der grammatischen Konstruktion mit ihr verwandt ist, so spreche ich von parallelen Zeilen; und die Wörter oder Wortgruppen, die in den entsprechenden Zeilen aufeinander bezogen werden, nenne ich parallele Ausdrücke.

Wie ebenfalls besprochen, unterschied LOWTH zu analytischen Zwecken damals drei Arten des grammatischen Parallelismus: einen synonymen, einen antithetischen und einen synthetischen oder konstruktiven Parallelismus.
Im folgenden werden wir überprüfen, wie sich die theoretischen und methodischen Vorgaben von LOWTH bei der Untersuchung der chinesischen Dichtung durch DAVIES ausgewirkt haben.
DAVIES behauptet berechtigterweise eine strukturale Identität des hebräischen und des chinesischen Parallelismus, mit der einen Einschränkung allerdings: In der chinesischen Dichtung tritt der Parallelismus der Form im allgemeinen regelmäßiger auf und ist vor allem präziser ausgebildet, da es sich hier zumeist um einen Wort-Wort-Parallelimus handelt.

  • LOWTHs synonymer Parallelismus: Die Inhalte der Halbverse entsprechen sich, der poetische Vers entsteht durch Variation desselben Gedankens – dieselbe Aussage wird mit verschiedenen, aber äquivalenten Lexemen ausgedrückt:

Der weiße Stein, unzerbrochen, gilt als äußert wertvoll;
Die blaue Lilie, makellos, verströmt den wohlriechendsten Duft
.

Das Herz, wenn belästigt, finde keine Ruhe mehr;
Der Verstand, umgeben von Verbitterung, denkt nur an Kummer
.

Sei nicht unzufrieden, obwohl dein Land klein ist, und dein Garten schmal;
Sei nicht beunruhigt, obwohl deine Familie arm ist und deine Mittel be- schränkt
.

  • LOWTHs antithetischer Parallelismus: Die zweite Zeile vertieft den Gedanken durch eine gegenteilige Aussage, eine Opposition, manchmal auf der Ausdrucksebene, ein anderes Mal auf der semantischen Ebene:

Wenig Begierden des Herzen, eine blühende Gesundheit;
Vielen ängstliche Gedanken, eine verfallende Verfassung
.

Nehme das Leben für einen ungewissen Gast, einen, der nicht bleibt;
Halte den Tod für bestimmt, dem niemand entkommt
.

Wenn die Gegend der Brust ruht, erfreut sich auch der Körper der Muße;
Wenn aber Leidenschaften sich regen, entsteht Unordnung des Körpers
.

Betrachte nicht jedes Laster als trivial, besser ist, es auszuüben;
Halte nicht jede Tugend für unbedeutend, besser ist, sie zu vernachlässigen
.

DAVIES gelingt es in seiner Untersuchung zu zeigen, dass die bei weitem verbreitetste Art paralleler Dichtung in China der von LOWTH als synthetisch oder konstruktiv bezeichnete Parallelismus ist.

  • LOWTHs synthetischer oder konstruktiver Parallelismus: Ein Gedanke wird nicht wiederholt und auch nicht weitergeführt, sondern verdeutlicht – der Inhalt eines Verses wird nicht variiert, sondern durch Auffüllung der Aussage präzisiert. Charakteristisch ist ebenfalls die korrespondierende Parallelstellung von Nomen mit Nomen, Verb mit Verb, ganz allgemein grammatisches Element mit grammatischem Element etc.
    Als Beispiel führt DAVIES ein Textsegment aus der Erzählung Glückliche Vereinigung (Haoukewchuen) an. Den ersten der beiden folgenden Vierzeiler zitiert DAVIES mit der Absicht den Helden der Erzählung einzuführen, der zweite Vierzeiler soll dagegen das Prinzip der Versbildung demonstrieren:

So, allein und unerschrocken, ging er dahin – all sein Vertrauen in seinem Mut;
So, stolz und vorbehaltlos – muß er wohl großes Talent sein eigen nennen:
Mut – so wie Tszeloong, der Held, ist er in dieser Welt erneut erschienen;
Talent – so wie Lepih, der Dichter, wurde er erneut geboren
.

Hunderte – Tausende – Zehntausende Projekte sind schwierig zu vollenden;
Fünfmal – sechsmal – zehn Jahre kommen schnell:
Hast du einen Tag gefunden um müßig zu sein – sei müßig für einen Tag;
Hast du drei Tassen zum Trinken gefunden – dann trinke deine drei Tassen
.

Wie die ausgewählten Beispiele gezeigt haben, wird ein synonymer oder antithetischer Parallelismus in der chinesischen Dichtung im allgemeinen durch die syntaktische Anordnung der Elemente eines Verses nach der Art des synthetischen Parallelismus erweitert. Die semantische Übereinstimmung der beiden Halbverse oder der entsprechenden, korrespondierenden Lexeme wird bei der Versbildung genauestens berücksichtigt. Während die semantische Korrespondenz der beiden Halbverse eine unverzichtbare Forderung der Versbildung darstellt, ist die syntaktische Übereinstimmung nicht immer und nicht unbedingt obligatorisch.

Das Beispiel, welches DAVIES für den konstruktiven Parallelismus der chinesischen Dichtung zitiert hat, nähert sich einer prosaischen Dichtung an. Es handelt sich um Verse, die weniger metrisch durchgeformt sind, als um freie Rhythmen. Solche Rhythmen sind reimlose, metrisch ungebundene, doch stark rhythmisch bewegte Verszeilen von beliebiger Länge.
Beispiele für die Anwendung des grammatischen Parallelismus in chinesischer Prosa (= wun-chang, das heißt schönes Schreiben) zitiert DAVIES auf Seite 416 und 417.

Zusammenfassung

DAVIES, der 1830 die Hypothesen von LOWTH auf die Untersuchung chinesischer Quellen ausweitete, stellte fest, dass der synthetische Parallelismus von LOWTH die bei weitem häufigste Art des Parallelismus in der chinesischen Dichtung ist. Einem Parallelismus der Bedeutung begleitet in den meisten Fällen immer eine parallele Entsprechung der grammatischen Konstruktion, und nie umgekehrt.

Wie am Beispiel von DAVIES gezeigt wurde, beruht die Form der chinesischen Dichtung auf zwei Grundlagen:

  • einer strengen Anwendung von Regeln des taktmäßig-rhythmischen Baus der gebundenen dichterischen Sprache (Prosodie = Silbenmaß- oder Verslehre)
  • einer durchgehenden Orientierung der Versbildung an der Struktur des grammatischen Parallelismus.

In seinem Essay vertritt DAVIES ebenfalls die Auffassung von der bemerkenswerten Übereinstimmung der Verse chinesischer Dichtung mit denen des Alten Testaments. Im Unterschied ist der Parallelismus der chinesischen Dichtung wegen der schriftlichen Fixierung der Dichtungen, weitaus präziser ausgestaltet ist, als derjenige des Alten Testaments. Parallelismus in chinesischer Literatur, so DAVIES, (…) pervades their poetry universally, forms its chief characteristic feature, and is the source of a great deal of its artificial beauty, und zwar nicht nur in der Poesie, sondern ebenfalls in der Prosadichtung (S.416).

Die neueren Untersuchungen von LIU, T` SOU, KAO und MEI sowie und CHEN belegen prinzipiell die hochgradig parallele Versbildung der chinesischen Dichtung als einen streng angewandten, synthetisch-konstruktiven Parallelismus gebundener Verse. Die beiden folgenden Beispiele von KAO und MEI sind charakteristisch:

Beispiel (1)

Schönes Gras, zierlicher Wind-Damm
Steiler Mast, einsames Nacht-Boot.
Sterne hängen (herab), wilde Ebene (ist) ausgedehnt
Mond-Strahl, großer Strom fließt
.

Beispiel (2)

Sonnen-Untergang Fluß-See weiß
Gezeiten kommen Himmel-Erde blau
.

Wie diese beiden Beispiele betonen werden die Verse chinesischer Poesie als Verspaare konstruiert, deren beide Zeilen aus Halbpaarversen bestehen. Der Parallelismus dieser Verspaare ist sowohl synthetisch als auch semantisch angelegt, einem Gebot, welches durch die Betonung der chinesischen Wörter ebenfalls silben- und zeilenentsprechend kontrastiert werden muss. Die jeweils paarig angeordneten Zeilen eines Verses besitzen eine identische syntaktische Struktur, in welcher sich die verwendeten Lexeme konträr gegenüberstehen. Die zweite Zeile darf die Lexeme der ersten Zeile nicht wiederholen, sondern darauf achten, dass vorwiegend antithetische Paare entstehen.
LIU bemerkt: there is a natural tendency in Chinese towards antithesis. Er fährt fort: Jemand sagt nicht Umfang, sondern große Kleinheit; nicht Landschaft, sondern Berg-Wasser. LIU führt diesen Hang zur Antithese auf die oben erwähnten Besonderheiten der chinesischen Sprache zurück, die nur einsilbige Grundwörter oder zweisilbige Wortkombinationen kennt. Konventionalisierte Wortkombinationen wie Fluß-Berg oder Blume-Vogel bilden einerseits feststehende Semene. Andererseits können diese Bedeutungseinheiten selbst wiederum in antithetische Relationen gesetzt werden, wie zum Beispiel Fluß und Berg als Kontrast zu Blume und Vogel. Auch die Bildung dreisilbiger Kombinationen ist in der chinesischen Dichtung durchaus üblich, wie beispielsweise: rote Blume und grünes Gras oder blauer Himmel und weiße Sonne.

Als Beleg zitiert LIU mehrere Segmente chinesischer Gedichte, die analog-parallel (antithetische) Verspaare bilden:

Am Morgen trank ich die Tautropfen von der Magnolie,
Am Abend aß ich die herabfallenden Blütenblätter der Herbstchrysanteme
.

Der gelbe Fluß fließt zum östlichen Festland,
Der weiße Sonnenuntergang über dem westlichen Meer
.

LIU befindet sich allerdings in Widerspruch zu DAVIES, da er bezweifelt, dass der Parallelismus in der chinesischen Dichtung mit derjenigen im Alten Testament gleichgesetzt werden darf, da die chinesische Variante analog-parallele Paare (von der Art antithetisch-parallel), die hebräische Dichtung dagegen synonym-parallele Paare bevorzugt.

Die soziale Dimension chinesischer Dichtungen hat GRANET, in der Nachfolge von DURKHEIM, in seinen Forschungen diskutiert. Er war davon überzeugt, dass der Parallelismus in der chinesischen Dichtung direktes Ergebnis einer archaischen Weltanschauung ist, die eine duale Ordnung des Kosmos entsprechend der Kategorien Yin und Yang propagiert. Nicht nur in Ritualen, sondern ebenfalls in dichterischen Rezitationen und Liedern findet diese Dualität ihren ausgeprägesten Ausdruck. In seinen Fetes et chansons anciennes de la Chine behandelt GRANET chinesisches Liedgut, welches eine ähnliche Struktur aufweist, wie beispielsweise die malaiischen pantun oder die bonet-Verse der Atoin Meto, die früher während der Arbeit in den Gärten oder heute noch während dieses Reigentanzes von der ersten Gruppe so lange rezitiert werden, bis die andere Gruppe die geeignete Entsprechung findet, die wiederum von der ersten Gruppe erwidert werden muss und so weiter und so fort.

Beipiel (3): eine misslungene Brautwerbung:

Kil sun bia meto up matane
ho msu on me ka mupein leok sa
ho msu on me ka mupein baen sa

Ein Kamm aus Wasserbüffelhorn ist sehr wertvoll
Was du auch unternimmst, du bekommst keine Entschädigung
Was du auch unternimmst, du bekommst den Preis nicht

Beispiel (4): ein Mensch ohne Wurzeln:

Oe nmoni neu mnela tnanan
Kaisa moin on kolo ka nmuifa ume
na ho moin on kolo ka nmuifa bale

Das Wasser fließt in der Mitte der Ebene
Sei nicht wie ein Vogel, der kein Haus besitzt
Und lebe nicht wie ein Vogel, der keinen Platz hat

Ein Vergleich chinesischer und hebräischer mündlicher Dichtung aufgrund neuerer Publikationen, als derjenigen von DAVIES, lässt sich knapp auf den folgenden Unterschied reduzieren, der DAVIES zwar im Prinzip bestätigt, ihn im Detail jedoch ergänzungsbedürftig erscheinen lässt:
Im Gegensatz zu den gebundenen Versen der chinesischen Poesie und ihrer syntaktisch weitgehend identischen Umgebung, erfordern die parallelen Paare der hebräischen Poesie im Alten Testament nicht diese Voraussetzung, sondern begnügen sich in der Hauptsache mit semantisch parallelen Wortpaaren. Vorgeschriebene, parallele Wortpaare sind zwar ebenfalls das auffälligste Kriterium der hebräischen Poesie, diese Wortpaare sind allerdings nicht strikt antithetisch-parallel, wie diejenigen der chinesischen Dichtung, sondern können sowohl synonym-parallel als auch analog-parallel (LOWTH und LIU verwenden den Begriff antithetisch) sein.
Hebräische Dichtung bildet in grammatischer Hinsicht einen extremen Gegensatz zu den gebundenen Versen chinesischer Dichtung. Während der chinesische Kanon einen durchgehend syntaktischen Parallelismus bei relativ freier Wahl der verwendeten Lexeme fordert, basiert der hebräische Kanon auf der Komposition und Kombination paralleler Paare in syntaktisch relativ ungebundener Umgebung.

NORMAN macht diesen grundlegenden Unterschied durch den Vergleich der mündlichen Dichtung der Azteken und Chinesen in dem folgenden Beispiel plausibel:
Dieses Beispiel verwendet parallele Verspaare (wie die Nomen Jade // Gold oder die Verben zertrümmern // zerkrümmeln), deren Verszeilen zwar in gewisser Weise grammatische Beziehungen aufweisen, aber dennoch nicht syntaktisch durchgehend identisch sein müssen, wie gesagt, eine der Grundvoraussetzungen für die Versbildung der chinesischen Poesie. Gegen die andere Grundvoraussetzung chinesischer Versbildung, das Verbot der Wiederholung eines Lexems in der zweiten Zeile des parallelen Verses, verstößt das folgende Beispiel ebenfalls, da es in dieser Hinsicht dem für mittelamerikanische Kulturen charakteristischen Gebot folgt, wenn möglich nur ein Lexem, eben dasjenige des final positionierten, synonym-parallelen Wortpaares, in jeder Zeile zu ändern (s.u.), ansonsten aber syntaktisch-parallel konstruiert zu sein (v.a. Vers 6):

4 Wenn es Jade ist, schimmert es,
Wenn es Gold ist, zerkrümelt es

5 Niemand in Jade, nie mehr,
In Gold wird er sich verwandeln

6 Selbst wenn du Jade bist,
Selbst wenn du Gold bist

In der Tradition von GRANET (und damit DURKHIEMs) steht ebenfalls JABLONSKIs Untersuchung volkstümlicher chinesischer Poesie wie auch NGUYEN VAN HUYENs Dissertation über die formale Struktur vietnamesischer Lieder. Der einige Jahre später erschienene Artikel von NGUYEN DINH HOA über die charakteristische Äußerungsweise in der vietnamesischen Literatur weist auf einen Parallelismus hin, der nicht nur in der Poesie, sondern ebenfalls in der Prosa auftritt. Darüber hinaus macht NGUYEN DINH HOA auch auf die engen Übereinstimmungen vietnamesischer und chinesischer Dichtung aufmerksam. Mit dem anschaulichen Bild der zwei Pferde vor einem Wagen erläutert er die auf Minimalismus bedachte Struktur paralleler Phrasen oder Sätze klassischer vietnamesischer Dichtung mit den Worten: Die parallelen Zeilen können a) die gleiche Idee in unterschiedlichen Worten enthalten, und sind so synonym oder b) gegensätzliche Ideen, so daß sie antithetisch sind (…). Damit orientiert sich auch NGUYEN DINH HOA an der Parallelismus-Doktrin von LOWTH, und verwendet die von ihm vorgegebene Terminologie synomym und antithetisch.

ÜBUNGEN ZUM PARALLELISMUS: China, Altes Testament und Ostindonesien

Übung 1:

1 Ordnen Sie die nach DAVIES, LIU und KAO und MEI zitierten Versfragmenten der entsprechenden Art des von LOWTH definierten Parallelismus zu ?
2 Aufgrund welcher Kriterien besteht zwischen den Fragmenten chinesischer Versdichtung und den Versen der Kuan Fatu Chronik eine strukturale Ähnlichkeit ?

Übung 2:

Frage: Welche wesentlichen Unterschiede können Sie zwischen den folgenden Textsegmenten beobachten ?

Beispiel 1: Altes Testament

15 Ein Tag des Zornüberströmens ist jener Tag, ein Tag der Not und der Bedrängnis,
ein Tag des Tosens und des Getöses, ein Tag der Finsternis und des Dunkels, ein Tag der Wolke und der Düsternishülle,

16 ein Tag der Posaune und des Kriegsrufs in den befestigten Städten und auf den hohen Zinnen.
17 Beklommen mach ich es der Menschheit, sie wandeln wie Blinde; denn sie haben sich gegen den Herrn versündigt.
Ausgegossen wird ihr Blut wie Staub, ihr Lebenssaft wie Jauche
(Zef 1,15-17).

Beispiel 2: Kuan-Fatu-Chronik

33 Und weiter wich er zurück, wurde immer unbedeutender und die Herren des Waldes und der Savanne trugen ihn auf ihrer Schulter und auf ihren Rücken
34 Zum Hügel Bia Moko und zur Anhöhe
35 Dort wurde der Palast neu errichtet und erhob er sich
36 Der Hahn erhob sich dort und richtete sich auf
37 Der Bia Moko erhob sich dort und
38 Der Gong besitzt einen Namen, besitzt einen Ruf, die Trommel besitzt einen Namen und
39 Der Gong, der Sprechende und der Warnende, die Trommel, die Sprechende und
40 Und dann waren wir es überdrüssig: wir trugen ihn nicht weiter auf der Schulter und auf den Rücken hoben wir ihn nicht

Beispiel 3: Chinesische Dichtung:

Sonnen-Untergang, Fluß-See weiß
Gezeiten kommen, Himmel-Erde blau
(KAO und MEI,105-106).

Beispiel 4: Mündliche Dichtung (bini) aus Rote:

1 Sa-Lepa-Lai nunun
The waringin tree of Sa Lepa-Lai
2 Ma Huak Lali-Ha kekan
And the banyan tree of Huak Lali-Ha.
3 Keka maba`e faluk
The banyan has eight branches
4 Ma nunan mandana siok
And the waringin has nine boughs:
5 De dalak ko sio boe
Nine roads indeed
6 Ma enok ko falu boe.
And eight paths as well.
7 Fo dala sodak nai ndai
The road of well-being is there
8 Ma eno mamates nai na
And the path of death is there …  (FOX:1989,40).

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