Parallelismus in der finnisch-karelischen Dichtung

Die Untersuchung der finnischen Volksdichtung gehört zu den klassischen Untersuchungen des grammatischen Parallelismus, der sich ausgeprägt in der Kalevala [1] zeigt, und wahrscheinlich nach dem des Alten Testaments am besten dokumentiert. [2]
Für die sprachwissenschaftliche Methode der Strukturanalyse des grammatischen Parallelismus sowie für das Phänomen Parallelismus insgesamt war die grundlegende Untersuchung von Wolfgang STEINITZ, [3] die er 1934 für die finnisch-karelische Volksdichtung vorlegte, eine Pionierleistung. Obwohl die parallelen Verspaare der finnischen mündlichen Dichtung schon in AHLQVISTs Dissertation über die Kalevala beschrieben wurden, [4] gelang es erst STEINITZ, die Bemühungen seiner Vorgänger zu vollenden.
In einer von ihm sogenannten wissenschaftlichen Grammatik des Parallelismus  schlägt STEINITZ im wesentlichen die Untersuchung von zwei Aspekten des grammatischen Parallelismus vor:

  • die gegenseitige Beziehung der Worte in den Versen paralleler Versverbindungen und
  • die gegenseitige Beziehung der Verse paralleler Versverbindungen. [5]

Für die Beziehungen der unterschiedlichen Arten des Parallelismus in den Liedern des Sängers Perttunen führt STEINITZ die Begriffe formal und inhaltlich parallel ein. Formal parallel in diesem Sinne meint die synthetisch-kontruktive Übereinstimmung, einerseits der Morphemkombinationen (paralleler Wortpaare) eines Verses, andererseits zwei zu einem Verspaar zusammengefasster Verse, deren Elemente parallel koordiniert sind, also die syntaktische Dimension der Dichtung. Die Kennzeichnung inhaltlich parallel dagegen bezieht STEINITZ auf die semantische Dimension der Dichtung, und zwar insofern, als er synonyme, analoge und variierende Parallelismen unterscheidet, die die Beziehungen zwischen parallelen Wort- oder Verspaaren regeln. [6] Wegen der engen Beziehung dieser beiden Ebenen entscheidet sich Roman JAKOBSON später für den Terminus grammatischer Parallelismus. Vehement wies er darauf hin, dass für die linguistische Untersuchung der Dichtung ein doppelter Zugang besteht, nämlich einerseits die Untersuchung der Beziehung und Funktion syntaktischer Strukturen sowie andererseits die Untersuchung dieser Strukturen als Medien kultureller Information. [7]

Im ersten Kapitel des Hauptteils seiner Untersuchung definiert STEINITZ die Nichtparallelität von Versen, die in der Folge der Verse isoliert dastehen, d.h. weder formal noch inhaltlich zu dem gleichen oder vorhergehenden Vers in irgendeiner parallelen Beziehung stehen. [8] Nichtparallele Verse oder Zeilen besitzen demzufolge keinen parallelen Partner. Zum folgenden Vers / Zeile besteht weder eine formal noch inhaltlich parallele Beziehung.

1 Der streifäugige Lappe
2 Trug einen langen Hass,
3 Dauernde Verachtung
4 Auf den alten Väin.
5 Erwartete abends, erwartete morgens
6 Die Ankunft des Väin,
7 Das Nahen des Um.

In diesem Beispiel, und entsprechend der von Roman JAKOBSON vorgeschlagenen Definition, sind die Verse (oder Zeilen) 1, 4 und 5 nichtparallel, die Verse 3 und 4 oder 6 und 7 dagegen schon; sie bilden ein Verspaar. Dieses Beispiel zeigt auch, dass der Nachbarvers (der Vor- oder Nachvers) eines nichtparallelen Verses ein paralleles Verspaar oder ein weiterer nichtparalleler Vers sein kann. Nichtparallele Verse sind allerdings nicht darauf abonniert, nur nichtparallel zu sein. Sie können ebenfalls im parallelen Zusammenhang eines Verspaares auftreten. Man muss vielmehr eine Freiheit in dem Gebrauch des Parallelismus annehmen, die sowohl bei den einzelnen Sängern wie bei dem jeweiligen Vortrag eines Liedes Schwankungen hervorruft. [9]
Außerdem können nichtparallele Verse versinternparallele Halbpaarverse sein (s.u.). Nichtparallelität tritt besonders zu Beginn von Dichtungen als Einleitung oder innerhalb der Dichtung als Überleitung zu anderen Themen auf, hängt gelegentlich aber auch mit dem Inhalt des Verses selbst zusammen (z.B. bei Eigennamen- oder Titulatur-Versen sowie bei Versen, die eine indirekte Rede enthalten). Eigennamen-Verse (1) ebenso wie Sagte-Sätze (2), die fast immer den ganzen Vers bilden und keinen parallelen Partner in der folgenden Zeile besitzen, sind in der finnisch-karelischen Volksdichtung besonders häufig vorkommende Typen des nichtparallelen Verses, werden aber gelegentlich ebenfalls als parallele Verse gestaltet.

Beispiel (1): der nichtparallele Eigennamen-Vers

Der ernste alte Väinnämöinen
Jener schöne Sohn des Kaleva
[10]

Beispiel (2): der Sagte-Vers

Selbst sprach er so die Worte (…) [11]

Sagte-Verse stehen in den Liedern Arhippa Perttunens als Einleitungszeile vor einer direkten Rede. Dies ist auch in den mündlichen Dichtungen der Kuan-Fatu-Chronik gelegentlich der Fall, und zwar immer dann, wenn der Komponist dieser Dichtung die übliche Ebene des inklusiven Wir (hit) verlässt, sich selbst mit dem Protagonisten seiner Erzählung identifiziert, wodurch er den trennenden Abschied der Vergangenheit von der Gegenwart überbrückt, in seiner Rede also die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart gleichsam aufhebt.
Nichtparallele Verse erscheinen von ihrer Form her meistens als sogenannte Halbpaarverse, dessen beide Hälften einander parallel sind.
Halbpaarverse definiert STEINITZ folgendermaßen: Die Halbpaarverse sind Verse, bei denen die beiden Hälften eines Verses die Funktionen der Verse eines Verspares übernehmen, also parallel zueinander stehen. [12] Die parallelen Wortpaare des Halbpaarverses stehen gewöhnlich in einer Wort(Satz-)reihe, deren Glieder nur gelegentlich durch Konjunktionen verbunden, also asyndetisch sind. Solche Halbpaarverse sind im folgenden Beispiel aneinandergereiht:

Beispiel (1): der Halbpaarvers

7 Sagte das Wort, so redete er
8 Sowohl lief wie kam er
9 Bald erboste er und erzürnte er sich
10 Geh bald, komm schnell
11 Wie zu sein, wie zu leben
12 So rief er, schrie er (…) [13]

In den Liedern Perttunens sind die nichtparallelen Halbpaarverse meistens aus zwei parallelen Wortpaaren aufgebaut, die entweder in synonym-, analog- oder in variierendparalleler Beziehung stehen. Meistens besteht der Anspruch, diese Beziehung semantisch annähend absolut zu konstruieren, während kleinere formale Unterschiede (besonders im Rahmen eines grammatischen oder synthetisch-konstruktiven Parallelimus) akzeptabel sind.

Im zweiten Kapitel des Hauptteils seiner Untersuchung, Parallele Verse, kennzeichnet STEINITZ Verse als parallel. Er meint damit, dass diese Verse in Arhippa Perttunens Liedern formal und inhaltlich in enger Beziehung stehen. Weiter gliedert STEINITZ die parallelen Verse in zwei Hauptgruppen, in synonym- und analogparallele. Mit der Verskategorie analogparallel geht STEINITZ einen Schritt über LOWTH´ Klassifikation der hebräisch-alttestamentlichen Dichtung hinaus, indem er dessen antithetischen Parallelismus als Variation eines analogen Parallelismus erkennt. Als weitere analogparallele Verskategorien unterscheidet STEINITZ den aufzählendparallelen und den variierendparallelen Vers.
Als synonymparallel bezeichnet er Verse in den Liedern von Arhippa Perttunen, die dieselbe Idee mit anderen Worten ausdrücken: In syn.-par. Versverbindungen drückt der eine Vers denselben Inhalt aus wie der andere, nur mit anderen Worten [14] wie z.B. in:

5 Wasser hat mich in die Unterwelt gebracht,
Wasser gebracht ins Totenheim
. [15]

Synonymparallele Wortpaare müssen nun keineswegs aus durchweg synonymen Morphemen gebildet sein, sondern der Anforderung der Synonymie ist entsprochen, wenn der Inhalt, also die semantische Dimension, der Wortpaare und Verse gewahrt ist. STEINITZ spricht hinsichtlich solcher Konstruktionen von einem synonymen Zusammenhang:

Derartige Wortpaare, die zwei verschiedene, bestimmte Begriffe in synonymem Zusammenhang einandergegen-überstellen, verleihen dem finnischen synonymen Parallelismus oft einen eigenartig unbestimmten Charakter. [16]

Als Beispiel für diesen synonymen Zusammenhang ein Vers wie

54 An die Seite des bunten Steins,
An den Rand der dicken Platte
. [17]

Die enge inhaltliche Beziehung eines Verses kann nicht dasselbe, sondern auch etwas Ähnlichen (analog) zum Ausdruck bringen: In an.-par. Versverbindungen werden Verse mit ähnlichen, analogen Inhalten nebeneinandergestellt, wobei die Ähnlichkeit oder der Analogismus verschiedener Art sein kann, entgegengesetzt, aufzählend u.a. Wesentlich ist einem analogen Parallelismus, dass ein einzelner Vers allein das Gemeinte nicht adäquat ausdrücken kann, sodass ein zweiter Vers jedesmal etwas wesentlich Neues enthalten muß, [18] wie beispielsweise in:

7 Mit dem Wipfel schlägt er nach Osten,
Mit dem Wurzelende fällt er nach Nordwesten
.
8 So wende dich mit dem Bug nach Hause,
Mit dem Heck nach anderen Häfen
. [19]

Bei der dritten analogparallelen Versart handelt es sich um Verse, die sich auf denselben Inhalt beziehen, allerdings nicht synonym sondern relational sind. STEINITZ bezeichnet solche Verse als variierendparallel, da sie Variationen eines Themas sind. Solche Verse beruhen auf einer charakteristisch polaren Sowohl-Als auch Struktur, [20] beziehen sich auf denselben Vorgang, dieselbe Erscheinung oder Tätigkeit, entsprechen und ergänzen sich allerdings, indem sie eine Aussage von zwei Seiten aus betrachten, wie beispielsweise in dem folgenden Vers,

1 Ich treibe meine Hunde an,
Mache-schnell-fertig meine Bogen
.
2 Birg die Krallen in deinen Zotteln,
Die Zähne in deinem Zahnfleisch
. [21]

Steinitz, der hinsichtlich solcher parallelen Verse von Hauptvers und Nachvers spricht, ergänzt weiter, dass variierendparallele Verse vom inhaltlichen Standpunkt aus umgestellt werden können. In den meisten variierendparallelen Versen genügt der Hauptvers zur Mitteilung des Sachverhalts, sodass die folgende Verwendung eines zweiten Verses (des Nachverses) auf die Nähe der variierendparallelen Verse zum synonymen Parallelismus hinweist. Hinsichtlich paralleler Wortpaare ist es oft schwierig zu entscheiden, welche Art des Parallelismus wirklich vorliegt. Der Nachvers variiert den Hauptvers. Zur reinen Mitteilung genügt ein Vers. [22] Auch auf die Nähe der variierendparallelen Verse zum antithetischen Parallelismus weist bereits STEINITZ kurz hin, obwohl variierendparallele Verse in der Regel keine sehr klar ausgebildete, konträre Opposition enthalten.
Die verschiedenen Arten des Parallelismus, die STEINITZ beschreibt, unterscheiden sich in formaler Beziehung nicht voneinander. Wie gezeigt wurde ist Voraussetzung jeder formalen Parallelität, daß die verglichenen Glieder gleichgeordnet sind, d.h. koordiniert sind. Im Gegensatz zu den zuerst erläuterten, nichtparallelen Versen, in denen jeder einzelne Vers in sich, als zwei parallele Halbverspaare> enthaltend, gegliedert ist, sind parallele Verse intern ungegliedert (außer natürlich in grammatischer Hinsicht), jedoch ist ein Vers als Ganzes einem anderen Vers als Ganzen formal parallel, [23] d.h. parallele Verse bilden gewöhnlich Verspaare oder Gruppen, die aus mehr als zwei Versen bestehen. Allerdings können parallele Verse auch unter Verwendung von Halbpaarversen gebildet werden, wobei verschiedene Möglichkeiten auftreten.
Für die begriffliche Bestimmung und Analyse des Wesens des Parallelismus verwendet STEINITZ weiter die Termini Kettenvers (1) und Doppelverspaar (2).

Beispiel (1): der Kettenvers

Warf die Beere auf ihren Schoß,
Von ihrem Schoß auf ihren Gürtel,
Von ihrem Gürtel auf ihre Brüste,
Von ihren Brüsten auf ihre Lippe,
Von ihrer Lippe auf ihre Zunge
. [24]

Beispiel (2): das Doppelverspaar

4 Sah nicht diesen Hof,
Wo nicht 3 Familien,
War nicht diese Familie.
Wo nicht 3 Recken,
War nicht dieser Recke,
Der nicht das Schwert geschärft
.
5 Wer mehr weiss,
Der soll auf dem Weg bleiben.
Wer weniger weiss,
Der soll vom Weg weichen
[25]

Kettenverse sind formal dadurch charakterisiert, dass der zweite Teil eines Verses im ersten Teil des folgenden Verses wieder aufgenommen wird, wobei die syntaktische Stellung der Verselemente des ersten Teil des vorhergehenden Verses erhalten bleibt. Die wiederaufgenommenen Teile des vorausgegangenen Verses sind formal gleich gebaut, inhaltlich jedoch verschieden. Die beiden benachbarten Versteile dagegen sind inhaltlich identisch.
Bei Doppelversverbindungen bestehen die parallelen Versbeziehungen nicht aus einem Verspaar, sondern aus zwei ineinander verschachtelten Verspaaren. Doppelverspaare sind Verspaarkombinationen, die pro Doppelverspaar zwei oder mehr Verspaare enthalten, wobei die Segmente eines Verspaars jeweils ein Verssegment überspringen, das schon zum nächsten Verspaar gehört. Ein Doppelverspaar, wie es STEINITZ versteht, ist also so gestaltet, dass ein Vers erst in dem übernächsten Vers einen parallelen Partner findet und so ein Verspaar bilden kann. Doppelverspaare können aber genausogut wie ein Vers geschrieben werden.

Die Beobachtung von STEINITZ, dass the second half either reiterates or restates, in slightly different words, a subject already expressed by the first half markierte Mitte der 1950ger Jahre einen weiteren Durchbruch. Es war BOODBERG, der zeigen konnte, dass die Funktion der zweiten Zeile eines Parallelismus darin besteht, den Schlüssel für den Bau der ersten zu liefern, sodass deren symbolische Bedeutung eindeutiger wird. BOODBERG wies außerdem darauf hin, dass das Phänomen Parallelismus einer binocular vision gleicht, d.h. mit der Überlagerung von zwei syntaktischen Bildern, die ihnen Festigkeit und Tiefe verleiht, wobei die Wiederholung des Musters den Zweck hat, Syntagmen zu verbinden, die auf den ersten Blick eher lose zusammenhängen. [26]

POPPE und der Parallelismus in der Versepik der Mongolen

Die theoretischen und methodischen sprachwissenschaftlichen Vorgaben von STEINITZ zogen innerhalb kurzer Zeit seine Untersuchung über die ostjakische Volksdichtung sowie die Arbeit von AUSTERLITZ über die gleiche Kultur nach sich. Die neuere Arbeit von SCHULZE steht ebenfalls in dieser Tradition. [27] Wie LOTZ generalisierend festgestellt hat, ist parallelism (…) a common phenomenon in Ural and Altaic folkpoetry. [28]
Um zu zeigen, wie bestimmend der Einfluss von STEINITZ gewesen sein muss, gehe ich kurz auf Untersuchung der epischen Tradition der Mongolen durch POPPE ein, der als das auffälligste Stilmittel dieser mündlichen Dichtungen einen Parallelismus beschreibt, der sich oft durch Wiederkehr derselben Endungen (Reim) oder derselben Worte (Refrain) kund gibt, worauf von der GABELENTZ schon 1837 in einem kurzen Artikel hingewiesen hat. [29] Wie häufig, nahm aber erst POPPE Jahrzehnte später diesen Hinweis auf. Er konnte dies, da ihm mit der Monographie von SREINITZ ein systematisch ausgearbeitetes Analyseinstrumentarium zur Verfügung stand. [30] Wie POPPE feststellte, charakterisierte ein durchgehender grammatisch-semantischer Parallelismus jede Art von mongolischer Dichtung: Lieder, Gedichte, epische Erzählungen und Schamanengesänge. Wegen einiger Besonderheiten der dichterischen Komposition sieht sich POPPE berechtigterweise gezwungen, von einem Strophenparallelismus der Lieder sowie einem Versparallelismus der Epik zu sprechen.
Die von POPPE untersuchten mongolischen Quellen bieten ein gutes Beispiel die Parallelismusdefinition von JAKOBSON sowie die Anwendung von Terminologie und Methode die STEINITZ vorgeschlagen hat, an einem anderen Beispiel zu demonstrieren. Wie die zitierten Beispiele zeigen, schließt sich POPPE in seiner Analyse eng an die Forschungen von SREINITZ und seinen Vorschlag der Verschriftung an, da in den 1950ger Jahren, trotz des deutlichen Hinweises von von der GABELENTZ, immer noch keine Spezialuntersuchungen über die mündlichen Dichtungen der Mongolen vorliegen.
POPPE greift in seinem einführenden Artikel die folgenden methodischen Schritte aus der Untersuchung von STEINITZ wieder auf und präsentiert seine Beispiele weitgehend als parallele Verspaare:

Beispiel (1): synonymer Parallelismus der Verspaare

7 In einer früheren, ruhigen Zeit,
in einer früheren, geschickten Zeit
.
8 Näh das Kaputte zusammen,
näh das Abgetrennte an.

9 Die schlimmsten Bösewichte aus den fremden Stämmen,
die größten Missetäter aus den fremden Sippen (werden kommen)
. [31]

Beispiel (2) analoger Parallelismus: antithetischparallele Verspaare (2a)

41 Ein tapferer Mann pflegt in Verwirrung zu geraten (und doch am Ziel) anzukommen,
ein feiger Mann pflegt (aber) die Sinne zu verlieren und umzukehren.
42 Unterhalb des donnernden Himmels,
oberhalb der höckrigen Erde.
43 Er ritt so durch, daß der ewige blaue Himmel zu schwellen anfing,
er sprang so, daß die rasige goldene erdoberfläche erdröhnte.
44 Oben hatte es keinen Anfang,
unten hatte es kein Ende.
45 Oben wurde die Färbung des Himmels rot,
unten (aber) setzten sich die Wurzeln der Erde in Bewegung. [32]

Beispiel (2) analoger Parallelismus: eunumerierendparallele Verspaare (2b); die Aufzählung von Handlungen)

55 Ich werde ein Sklave deiner Sklaven sein,
ich werde ein Knecht an deiner Schwelle sein,
ich werde auf dem gelben Staub deines Argal liegen,
ich werde das gelbe Wasser von deinem Artsa trinken,
ich werde ein Halfter deinem sanften Pferd sein,
ich werde eine Fußfessel deinem unbändigen Pferd sein,
ich werde ein Knecht deiner unartigen Kinder sein
. [33]

Beispiel (2) analoger Parallelismus: variierendparallele Verspaare (2c)

98 Ich habe keinen Namen, von dem man sagen könnte: Jener.
ich habe keine Heimat, von der man sagen könnte: Dort.
99 Bei ihrem Licht kann man eine Stute melken,
bei ihren Strahlen kann man Branntwein destillieren.
100 (Gelbroter Tee) (der so dick war,)
daß ein weißer Hase in ihm steckenbleiben konnte,
daß ein Schöpflöffel in ihm stehen konnte.
101 Er flimmerte wie eine Laus,
er schimmerte wie eine Nisse.
102 Ein einzig Holzscheit ergibt kein Feuer,
ein einziger Mensch wird nicht zu einer Familie. [34]

In diesem theoretischen Rahmen definiert dann POPPE erwartungsgemäß das Phänomen Parallelismus wie gerade gezeigt als das Aufeinanderfolgen von übereinstimmend gebauten Sätzen oder Gleichordnung von Sätzen oder Satzteilen ohne allerdings weiter darauf zu achten, dass diese Definition nur bedingt auf den von ihm unterschiedenen Strophenparallelismus mongolischer Lieder zutrifft. [35]
Die bedeutendsten Forschungsergebnisse hinsichtlich des Parallelismus in der türkischen Versepik verdanken wir den beiden Arbeiten von KOWALSKI und SCHIRMUNSKI. [36]

Anmerkungen

[1] (…) das finn. Nationalepos, durch Elias Lönnrot 1835 und abschließend 1849 in 22805 Versen zusammengestellte Sammlung von Helden- und Volksliedern, Legenden und Zaubersprüchen, die (wie die Edda) mehr Quelle finn. Mythologie als Religion sind (Bertholet, A., Wörterbuch der Religionen, Stuttgart,1976,293).

[2] Die frühen Untersuchungen stammen von Cajanus (1697), Juslenius (1728), Porthan (1766-68) und Marmier, X.: De la poésie finlandaise, Revue des duex mondes 32, 1842:68-96. Während Cajanus, Juslenius und Porthan lediglich auf ein gemeinsames Vorkommen des Parallelismus im Alten Testament sowie in der finnischen Volksdichtung hingewiesen haben, war Marmier der erste Wissenschaftler, der die Methode und Terminologie bei seiner Analyse finnischer Verse übernahm, die Lowth bei der Untersuchung des Parallelismus im Alten Testament entwickelt hat.

[3] Steinitz, W., Der Parallelismus in der finnisch-karelischen Volksdichtung. Untersucht an den Liedern des karelischen Sängers Arhippa Perttunen, FF Communications No.115, Helsinki, 1934.

[4] Ahlquist, A., Abschnitt IV §§ 47-60, Suomalainen runousoppi kielelliseltä kannalta (Finnische Poetik vom sprachlichen Standpunkt), Helsinki, 1863. Vgl. in Steinitz, 1934:xii sowie 17-21.

[5] Steinitz, 1934:30-35. In diesem Zusammenhang werde ich nur sehr oberflächlich auf die Ergebnisse der Untersuchungen von Steinitz eingehen und nur seine Haupttendenzen und -termini erläutern, die Untergruppen dagegen vernachlässigen. Die für eine Verdeutlichung des Gemeinten verwendeten Verse zitiere ich hier nur in der deutschen Übersetzung – die eigensprachlichen Texte finden sich in den zitierten Quellen. An dieser Stelle möchte ich noch darauf aufmerksam machen, dass die Verschriftung der finnisch-karelischen Lieder durch Steinitz einen Vers in einer Zeile wiedergibt. Demgemäß handelt es sich bei zwei untereinander geschriebenen Zeilen (Versen) um ein Verspaar.

[6] Auf die genaue begriffliche Bestimmung dieser Parallelismusarten gehe ich erst weiter unten im Zusammenhang mit der Erläuterung der parallelen Verse nach Steinitz ein.

[7] Jakobson, R., Questions de Poétique, Paris, 1973:485.

[8] Steinitz, 1934:36 (ebenfalls die anschließend zitierten Verse).

[9] Steinitz,1934:38-39. Diese Beobachtung von Steinitz wird generell von Wissenschaftlern, die diesen Gegenstand untersuchen bestätigt. Es empfiehlt sich gerade deshalb, definitorische Bestimmungen und Kategorisierungen der Form mündlicher Dichtungen mit Vorbehalt zu verwenden.

[10] Zitiert nach Steinitz, 1934:41-47. Zu den parallelen Eigennamen-Versen. s.a. 47-50.

[11] zitiert nach Steinitz,1934:37. Zu den nichtparallelen und parallelen Sagte-Versen. auch 53-64.

[12] Steinitz, 1934:75. Vgl. auch 172 Halbpaarverspaare.

[13] Steinitz, 1934:76.

[14] Steinitz, 1934:92, siehe. Ebenfalls 129-131. Wesentlich ist der Hinweis auf Seite 129: Eine Wiederholung mit denselben Worten, wenn auch in anderer Anordnung, also eine inhaltliche Identität der Verse, ist natürlich kein synonymer Parallelismus. Als Beispiel zitiert er den Vers: Seine Decke wickelte er / er wickelte seine Decke. In Anlehnung an R.M. Meyer bezeichnet Steinitz solche Konstruktionen als chiastischen Doppelvers.

[15] Steinitz, 1934:130.

[16] Steinitz, 1934:131.

[17] Steinitz, 1934:131. (…) will das attributive Paar ´bunt / dick´ verschiedene Eigenschaften des Bezugswortes ausmalen. Der synonyme Parallelismus liebt öfters eine gewisse Freiheit in der Schilderung von Einzelheiten, ohne dadurch die Synonymität des Ganzen zu beeinträchtigen (131).

[18] Steinitz, 1934:93; s.a. 99-125.

[19] Steinitz, 1934:102-103.

[20] Gebser, J., Verfall und Teilhabe. Über Polarität, Dualität, Identität und deren Ursprung Salzburg, 1974:49. Auch J.J. Fox bezieht sich auf genau diese Struktur, bezeichnet sie jedoch zu vage als rekursiv complementarity.

[21] Verse, in denen der Jäger den Bären auffordert, ihn während der Jagd nicht anzugreifen ((Steinitz, 1934:111)).

[22] Steinitz, 1934:112.

[23] Steinitz, 1934:96-97.

[24] Steinitz, 1934:120.

[25] Steinitz, 1934:124.

[26] Boodberg, P.A.:, Syntactical metaplasia in stereoscopic parallelism, Cedules from a Berkeley Workshop in Asiatic Philology, #017-541210, Berkeley, 1954-55; zitiert in: Jakobson, 268.

[27] Steinitz, W., Ostjakische Volksdichtung und Erzählungen in zwei Dialekten, Stockholm, 1939-1941; Austerlitz, R., Ob-Ugric metrics, FF Communication 174, 1958; Schulze, B., Der Wortparallelismus als Stilmittel der ostjakischen Volksdichtung, Akademie der Wissenschaften der DDR, Berlin, 1982.

[28] Lotz, J., Kamassian verse, Journal American Folklore 67, 1954:374.

[29] von der Gabelentz, H.C., Einiges über mongolische Poesie, Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes 1, 1837,20-37. S.a. Auf Seite 22 den Hinweis über die Besonderheit der Sprache in der mongolischen Dichtung, die jedoch damals in der Fachliteratur kaum beachtet wurde.

[30] Poppe, N., Der Parallelismus in der epischen Volksdichtung, Ural-Altaiische Jahrbücher 30, 1958:195-208 sowie ders., Mongolische Volksdichtung: Sprüche, Lieder, Märchen und Heldensagen, Wiesbaden, 1955.

[31] Synomymparallel sind solche Verspaare, deren Glieder dieselbe Idee, jedoch mit verschiedenen gleichbedeutenden Wörtern ausdrücken (Poppe, 1958:198; die zitierten Verse 200).

[32] Analogparallele Verse drücken irgend etwas Ähnliches oder Analoges aus (…) der zweite Vers kann inhaltlich dem ersten Vers zwar ähnlich sein, doch wiederholt er ihn nicht, sondern modifiziert ihn. Die analogparallelen Verse können auch Gegenüberstellungen enthalten oder sie können auch Aufzählungen von Gegenständen, Eigenschaften oder Handlungen darstellen (Poppe, 1958:201-202). Wie Steinitz für die finnisch-karelische Volksdichtung unterscheidet Poppe im weiteren drei Typen des analogen Parallelismus: den gegensätzlichen, den aufzählenden und den variierenden Parallelismus.
Antithetische Verse enthalten Gegenüberstellungen. In solchen Versen hat man es mit Gegensätzen zu tun, z.B. oben-unten, hinten-vorne, Tag-Nacht usw (Poppe, 1958:202; die zitierten Verse 206).

[33] Aufzählende Verse sind Verse, die Aufzählungen enthalten. Es können Handlungen, Gegenstände oder Eigenschaften aufgezählt werden, d.h. ein jeder Vers kann einen abgeschlossenen Satz oder nur einen Satzteil darstellen. Im ersten Fall bestehen die Verse aus identisch gebauten aneinandergereihten (juxtaponierten) Sätzen, im letzteren Fall stellen sie syntaktisch gleichwertige Satzteile dar. Solche Aufzählungen kommen besonders häufig in Beschreibungen vor. Weiter führt Poppe Beispiele für Handlungen, Gegenstände und Merkmale an (Poppe, 1958:206-207; die zitierte Verse 209).

[34] Variierendparallel sind Verspaare, in denen der zweite Vers den ersten variiert (…) Solch eine doppelte Beschreibung desselben Vorgangs stellt das Wesen dieser Art von Parallelismus dar. Solche Verse unterscheiden sich inhaltlich von synonymparallelen Versen dadurch, daß die beiden Verse keine Synonyme enthalten (…) Diese Verse sind aber auch keine gegensätzlichparallelen Verse (…) Es sind hier auch keine Aufzählungen vorhanden. es sind eben ähnliche Ideen, die einander nicht widersprechen, sondern sich gegenseitig ergänzen (Poppe, 1958:216; die zitierten Verse ebenda, 219).

[35] Poppe, 1958:195. Poppes Untersuchung an mongolischen Versen zeigen ebenfalls die zusammengehende Verwendung eines grammatischen und semantischen Parallelismus. In Sinne von Steinitz unterscheidet auch Poppe einen synonymen und analogischen Parallelismus.

[36] Kowalski, T., Ze studjów nad forma poezji ludów turekich, Mémoires de la Commission orientale de l´Académie polonaise des sciences et des lettres 5, 1921; Schirmunski, V., Syntaktischer Parallelismus und rhythmische Bindung im alttürkischen epischen Vers, Beiträge zur Sprachwissenschaft, Volkskunde und Literaturforschung, Berlin, 1965.

Copyright 2017. All Rights Reserved (Texte und Fotografien)

Die Texte der Atoin Meto-Forschungen sind urheberrechtlich geschützt. Die Seiten (Websites) Die Hamburg-Seminare dürfen nicht kopiert und die Inhalte nur zum privaten Gebrauch verwendet werden.
Jegliche unautorisierte gewerbliche Nutzung ist untersagt.

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: