Die Kuan Fatu Chronik

Die Mündliche Dichtung der Atoin Meto in Amanuban, Südzentraltimor

In Traumpfade lässt Bruce Chatwin seinen Protagonisten Arkady über die Songlines der Aborigines sagen: Bestimmte Tonfolgen, bestimmte Kombinationen musikalischer Noten beschreiben offensichtlich die Taten der Füße der Ahnen. Eine Tonfolge bedeutet Salzpfanne, eine andere Flußbett, Spinifex, Sandhügel, Mulgabusch, Felsoberfläche und so weiter. Ein erfahrener Songman, der sie in ihrer Reihenfolge höre, könne zählen, wie oft sein Held einen Fluß überquert oder einen Bergkamm erklettert habe – und ausrechnen, an welcher Stelle und wie weit er sich auf einer Songline befinde.

Migrationen, Wanderungen von Ost nach West, sind der Kultur der Atoin Meto vertraut. Im Westen liegt das offene Land, die weiten Landschaften, die auf ihre Inbesitznahme warten. So wichtig ihnen diese Vorwärtsbewegung (tunan, Spitze) auch ist, genauso unverzichtbar ist ihnen ihr Ursprung (uf, Stamm). Um die Verbindung zwischen Stamm und Spitze zu bewahren, haben die Atoin Meto, wie die Aborignes, ein poetisches Instrument geschaffen – die einen die Songlines, die anderen das Tonis.
Die mündlich aus dem Stegreif improvisierten Dichtungen der im Sprechgesang der rituellen Rede (tonis) vorgetragenen Texte, wurden zu dem Zweck entwickelt, über Jahrhunderte anhaltende Migrationen zu dokumentieren. Indem das Tonis in chronologischer Folge an die Orte und Landmarken, sowie an die Ereignisse, die sich dort zugetragen haben, erinnert, an den Weg aus der Heimat in die Fremde, aus dem Tor auf den Weg hinaus (eno ma lanan), gewährleisten diese poetischen Verse die Verbindung und den Zusammenhalt von sozialen, verwandten Gruppen durch Raum und Zeit, und stiften ein Wir-Gefühl ethnischer Identität.

Auch die Tonis-Dichtungen der Atoin Meto aus Südamanuban, die ich die Kuan-Fatu-Chronik genannt habe, besitzen diese Macht.

Die Atoin Meto in Westtimor verwenden in ihren Ritualen eine literarische Form der Rede, die für andere Kulturen Ostindonesiens ungenau als ritual language bezeichnet wird. In meiner Bearbeitung der aus dem Stegreif mündlich komponieren Texte Kuan-Fatu-Chronik verwende ich deshalb die Termnini Dichtung beziehungsweise mündliche Dichtung vorgetragen in ritueller Rede. Auf diese Abgrenzung zwischen langue und parole hat schon F. de Saussure vorgeschlagen.

Thematisch beziehen sich diese Tonis genannten Dichtungen der Atoin Meto auf historische Überlieferungen einzelner Namengruppen (kanaf), durch die diese ihre gemeinsame Identität begründen, stabilisieren und bewahren. Die mit Abstand wichtigsten Themen erläutern die Herkunft von Namengruppen sowie deren gegenseitige Beziehungen, den Ursprung und die Berechtigung der bestehenden sozialen und politischen Ordnung sowie die Beziehungen dieser Gruppen zu ihrem Siedlungsraum. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass diese historischen Überlieferungen ausschließlich auf Angelegenheiten und Probleme (lasi) einzelner Allianzen von Namengruppen Bezug nehmen. Sie legen deshalb kein Zeugnis der generellen historischen Prozesse Westtimors ab, sondern interpolieren untergeordnete historische Ereignisse als Geschichte schlechthin.

Thema und Gegenstand der Tonis-Dichtungen der Atoin Meto ist nicht deren Geschichte als Ethnie. Die Dichter-Sprecher (atonis) komponieren Versionen gemeinsam erlebter und erfahrener, historischer Ereignisse aus der Sicht einzelner innerethnischer Gruppierungen in rituellen Situationen aus dem Stegreif. In seiner Opera Batak spricht Rainer Carle in diesem Zusammenhang von Clan-Orientierung, und meint damit eine Version der Genealogie-Geschichte mit weitgehender allgemeiner Verbindlichkeit bei phratrie-spezifischer Variation.

Zur genaueren Kennzeichnung der Themen der Tonis-Dichtungen der Atoin Meto verwende ich deshalb den Terminus regionale Geschichte. Regional ist diese Geschichte deshalb, weil ihre Versionen unlösbar mit den vielen kleinen, politisch semi-autonomen Territorien Westtimors sowie der diese Gebiete besiedelnden Namengruppen verbunden ist. Die einzelnen Versionen historischer Ereignisse sind auch nur innerhalb dieser regionalen Zusammenhänge verständlich und interpretierbar. Der Begriff regionale Geschichte beabsichtigt keineswegs den Atoin Meto einen westlichen Geschichtsbegriff, der faktische, kritische sowie quellenorientierte Geschichtsschreibung impliziert, zu unterstellen, ist doch schon allein der Begriff Geschichts-Schreibung hinsichtlich mündlich tradierter Überlieferungen unmöglich. Für die Atoin Meto bedeutet Geschichte und historische Überlieferung die dichterische Darstellung gesellschaftlichen Handelns, im Idealfall ein adat-gemäßes Handeln, das seine Legitimation, seine Norm- und Wertorientierung sowie sein Ethos aus den Ereignissen der Vergangenheit bezieht.

Meine Forschungen zur »Kuan-Fatu-Chronik« konnten aufgrund des großen Zeitaufwandes der Übersetzung, Bearbeitung und Interpretation bisher nicht abgeschlossen werden. Sie werden in den nächsten Jahren kontinuierlich fortgesetzt, um sukzessive alle Dichtungen dieser »Chronik« der wissenschaftlichen Forschung vollständig zugänglich zu machen. Drei der insgesamt neun von mir in Kuan Fatu (Südamanuban) dokumentierten und bearbeiteten mündlichen Dichtungen liegen mittlerweise bearbeitet vor:

Einleitende Texte und Meterialien

Die Dichtung über den Abi-Krieg, der von der militärischen Expansion des Nope-Regimes nach Südwesten erzählt, ist Gegenstand meiner Dissertation. Der an dieser Stelle vorgelegte Text steht stellvertretend für diese von mir grundlegend bearbeitete Tonis-Dichtung, die 1999 im Dietrich Reimer Verlag publiziert.
KFCh
Die gekürzte Bearbeitung dieser Dichtung wurde in Südostasien und Wir erstmals veröffentlicht (Grundsatzdiskussion und Fachbeiträge, Tagung des Arbeitskreises Südostasien und Ozeanien, Austronesia, Studien zum austronesischen Südostasien und Ozeanien, Bd.1, Hamburg, 1995:134-149, herausgegeben von A. Bormann, A., Graf, A., Meyer, M. & M. Voss).

Das Literaturverzeichnis der »Kuan-Fatu-Chronik« habe ich bereits in meiner inzwischen eingestellten Website Vingilot – Beiträge zur Anthropologie veröffentlicht. Ich verwende es an dieser Stelle in der nicht neu bearbeiteten pdf-Version.

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