Die Tonis-Dichtungen

Die Atoin Meto in Amanuban, Westtimor, verwenden in ihren Ritualen eine literarische Form der Rede, die für andere Kulturen Ostindonesiens ungenau als ritual language bezeichnet wurde. Thematisch beziehen sich die von mir Tonis genannten Dichtungen der Atoin Meto auf historische Überlieferungen einzelner Namen-Gruppen (kanaf), durch die diese ihre gemeinsame Identität begründen, stabilisieren und bewahren. Die mit Abstand wichtigsten Themen erläutern die Herkunft von Namen-Gruppen sowie deren gegenseitige Beziehungen, den Ursprung und die Berechtigung der bestehenden sozialen und politischen Ordnung sowie die Beziehungen dieser Gruppen zu ihrem Siedlungsraum.

Die Analyse der Dichtungen der »Kuan Fatu-Chronik« stellt einen Beitrag zur regionalen Geschichte der Atoin Meto in Südzentraltimor dar. Die mündlichen Texte, die Ereignisse der regionalen Geschichte Südzentraltimors bewahren und tradieren, zeichnen sich besonders durch zwei Merkmale historischer Überlieferung aus:

  • durch eine historische Überlieferung, die an die Aktivitäten personifizierter Kollektive gebunden ist, die im Sinne von Toynbee auf die Herausforderungen einer akuten Situation reagieren, eine historische Überlieferung, die Dilthey als biographische Geschichtsauffassung charakterisierte;
  • auf eine historische Überlieferung, die geschichtliche Ereignisse nicht unbedingt in der Gegenüberstellung von Subjekt und Umgebung begreift, sondern eine neue Dimension gewinnt, weil sie den Anteil des Atmosphärischen an der Entstehung von Geschichte berücksichtigt.

Meine Forschungen zur »Kuan-Fatu-Chronik« konnten aufgrund des großen Zeitaufwandes der Übersetzung, Bearbeitung und Interpretation bisher nicht abgeschlossen werden. Eine von insgesamt neun Dichtungen aus Kuan Fatu liegt mittlerweile in Buchform vor, die acht weiteren werde ich sukzessive bearbeiten und online publizieren, bis sich ein Verleger findet, der ihnen eine angemessene Form zu geben bereit ist.

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