Lasi Ni Neno

Ni Nenos Wurzel und Blüte: Ein historische Überlieferug [i]

Ich glaube, dass der Ethnologe ehrlicher und zugleich auch wissenschaftlicher handelt, der diese Aspekte mitreflektiert, statt den letztlich fruchtlosen Versuch zu unternehmen, für die wissenschaftliche Öffentlichkeit sorgfältig das Intersubjektive aus dem Subjektiven und dieses Verfahren dann durch Totschweigen ungeschehen zu machen, nur um sich und den Lesern die Illusion reiner Wissenschaftlichkeit zu gönnen.

Justus Stagl

Vorbemerkungen

Die Atoin Meto in Amanuban, Westtimor [ii]

Die Atoin Meto sind eine bäuerliche Mittelgebirgspopulation, die das ganze zentrale Bergland Westtimors besiedelt, ein Gebiet, das sie selbst Pah Meto, das trockene Land, nennen.
Als dominierene Bevölkerung Westtimors [iii] verteilen sie sich bis heute auf zehn Territorien mit informeller politischer Infrastruktur, die parallel zur indoneischen Administration existiert und sich an der Struktur der sozialen und politischen Beziehungen einflussreicher Namen-Gruppen (kanaf) orientiert. Die große Mehrheit dieser Bevölkerung lebt in lokalisierten Weilern (kuan</em), die von der indonesischen Administration inzwischen zu großflächigen Dörfern (desa) zusammengefasst wurden. Der Rhythmus der jährlichen Schwankungen der nassen und trockenen Jahreszeit bestimmt und reguliert die Gesamtheit des Lebens in diesen Siedlungen. Die Atoin Meto betreiben Subsistenzwirtschaft und hängen existenziell von ihren Haus- und Feldgärten ab, in denen sie hauptsächlich Mais und verschiedene Gemüsesorten anbauen. In jedem Weiler bilden kooperative, patrilinear verwandte Haushalte (ume) den Fokus der ökonomischen, sozialen und rituellen Aktivitäten. Sind diese Aktivitäten übergeordneter Natur, so sind der Klan beziehungsweise die Namengruppe die durchführende Gemeinschaft. Jeder Atoin Meto ist Mitglied einer dieser patrilinearen und exogamen Namengruppen, die sich auf ein definiertes Territorium (pah ma nifu) bezieht, das aus einer Vielzahl von benannten Orten besteht. Die Geschichte dieser Orte reicht bis in den unmittelbaren Alltag der Atoin Meto hinein; er erinnert sie an längst vergangene Ereignisse, die den Namen-Gruppen Bestand und Identität verleihen. [iv]

Die Kuan Fatu-Chronik

Gegenstand dieser Studie ist die sechste Dichtung der Kuan-Fatu-Chronik. Die grundlegende Auseinandersetzung mit dieser ostindonesischen Dichtung aus dem südlichen Zentraltimor (Amanuban) habe ich inzwischen in einer anderen Untersuchung geführt. [v] In der hier bearbeiteten Überlieferung schildert der Dichter-Sprecher Leni Musa Seo die Herkunft Nenos, eines Vasalls der herrschenden Schicht des feudalen, vorindonesischen Kuan Fatus, aus Nunbena in Nordmolo (zentrales Westtimor) sowie seine Landnahme, Ansiedlung und politische Allianz mit der rituell-politischen Konförderation, die in den Kuan-Fatu-Dichtungen durch Ni Sole Le`u repräsentiert wird.

Lasi etymologisch

Die semantische Breite des Lexems lasi eindeutig zu definieren, ist kaum möglich, zu vielfältig ist das Zusammentreffen unterschiedlicher Bedeutungen, die eng miteinander verbunden sind. So ist es für Einheimische und auch für Fremde erforderlich, die jeweilige Bedeutung von lasi kontextuell zu erschließen. Das auffälligste Merkmal dieses schillernden Begriffes ist der formelle Charakter derjenigen Situationen, die als lasi gelten. In diesem Rahmen bildet lasi eine Kategorie, die rituelle Situationen, Sitten und Gebräuche, eben alles, was die Atoin Meto als traditionell (meto, einheimisch) auffassen, historische Überlieferungen, soziale und politische Ordnungen, rechtliche Sachverhalte sowie durch Gewohnheit entstandene Konsensualisierungen, aber auch die Gültigkeit von Überzeugungen, bezeichnet. Insofern ist dieser Terminus mit dem panindonesischen Konzept der Adat identisch.

Die schwarzen Portugiesen (die Kase Metan) [vi]

In der sechsten Dichtung (tonis der Kuan-Fatu-Chronik erzählt Leni Musa Seo von einem Ereignis in der Geschichte Westtimors, das in wissenschaftlichen Quellen vergleichsweise gut dokumentiert ist, von den militärischen und ökonomischen Aktivitäten der sogenannten schwarzen Portugiesen (kase metan, den Schwarzen Fremden). L.M. Seo erzählt von der Migration der Namengruppe (kanaf) Neno aus Molo, die vor der Expansion der Kase Metan nach Südamanuban floh.

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