Makenat Abi Loemnanu

Seine Rede ist nicht irgendeine, seine Worte sind nicht irgendwelche!
Die mündliche Dichtung der Atoin Meto in Westtimor [1]

Vorbemerkung

Bevor ich in hier einige Thesen zur Diskussion stelle, mit welchen die charakteristische Form der historischen Überlieferungen der Atoin Meto in Amanuban beschrieben werden können, sind einige Hinweise erforderlich. [2]

Die Atoin Meto verwenden in ihren Ritualen eine literarische Form der Rede, die für andere Kulturen Ostindonesiens ungenau als ritual language bezeichnet wird. [3] Für weitere Untersuchungen, die diesem Gegenstand gewidmet werden, schlage ich deshalb vor, den Terminus Dichtung zu verwenden. Thematisch beziehen sich die tonis genannten Dichtungen der Atoin Meto auf historische Überlieferungen einzelner Namen-Gruppen (kanaf), [4] durch welche diese ihre gemeinsame Identität begründen, stabilisieren und bewahren. Die mit Abstand wichtigsten Themen erläutern die Herkunft von Namen-Gruppen sowie deren gegenseitige Beziehungen, den Ursprung und die Berechtigung der bestehenden sozialen und politischen Ordnung sowie die Beziehungen dieser Gruppen zu ihrem Siedlungsraum. Wichtig ist in diesem
Zusammenhang ebenfalls der Hinweis, daß diese historischen Überlieferungen ausschließlich auf Angelegenheiten und Probleme einzelner Allianzen von Namen-Gruppen Bezug nehmen. Sie legen deshalb kein Zeugnis der generellen historischen Prozesse Westtimors ab, sondern interpolieren untergeordnete historische Ereignisse als Geschichte schlechthin. Thema und Gegenstand der Dichtungen der Atoin Meto ist nicht deren Geschichte als Ethnie. Die Dichter-Sprecher (atonis) [5] rezitieren Versionen gemeinsam erlebter und erfahrener, historischer Ereignisse aus der Sicht einzelner innerethnischer Gruppierungen. In seiner Opera Batak spricht Rainer Carle in diesem Zusammenhang von Clan-Orientierung, und meint damit eine Version der Genealogie-Geschichte mit weitgehender allgemeiner Verbindlichkeit bei phratriespezifischer Variation. [6]

Zur genaueren Kennzeichnung der Themen der Tonis-Dichtungen der Atoin Meto verwende ich deshalb den Terminus regionale Geschichte. Regional ist diese Geschichte deshalb, weil ihre Versionen unlösbar mit den vielen kleinen, politisch semi-autonomen Territorien Westtimors sowie der diese Gebiete besiedelnden Namen-Gruppen verbunden ist. Die einzelnen Versionen historischer Ereignisse sind auch nur innerhalb dieser regionalen Zusammenhänge verständlich und interpretierbar. Der Begriff regionale Geschichte beabsichtigt keineswegs den Atoin Meto einen westlichen Geschichtsbegriff, der faktische, kritische sowie quellenorientierte Geschichtsschreibung impliziert, zu unterstellen, ist doch schon allein der Begriff Geschichts-Schreibung hinsichtlich mündlich tradierter Überlieferungen unmöglich. Für die Atoin Meto bedeutet Geschichte und historische Überlieferung die dichterische Darstellung gesellschaftlichen Handelns, im Idealfall ein adat-gemäßes Handeln, welches seine Legitimation, seine Norm- und Wertorientierung sowie sein Ethos aus den Ereignissen der Vergangenheit bezieht. [7]
Das ausgewählte Textsegment, das im folgenden erörtert wird, entstand im Februar 1992 im Zusammenhang mit aus dem Stegreif gedichteten Teilen der regionalen Geschichte der vier Namen-Gruppen Ton, Finit, Babis und Sapai in der Siedlung Nai Lete. [8] Diese vier Namen bezeichnen eine Allianz politischer Gruppen, die sich selbst als die vier Stiere, die vier Männer des vorindonesischen politischen Systems von Kuan Fatu bezeichnen. [9] Der hier zitierte Text ist ein Segment, das aus einer Dichtung von 262 Versen ausgewählt wurde. Der vollständige Text berichtet von einem der Expansionskriege, die sehr wahrscheinlich im 16.Jahrhundert zur absolut grundherrlichen Machtentfaltung der Nope-Dynastie und zur territorialen und politischen Gestalt des Usiftum Banam, des heutigen Kecamatan Amanuban, in Südzentraltimor geführt haben. [10] Dieser zweite Expansionskrieg der Nope-Dynastie verfolgte das Ziel, den legendären Regenten Abi Loemnanu zu entmachten und aus Amanuban zu vertreiben. [11] Aufgrund der unterschiedlichen Beteiligung der Namengruppen Ton, Finit, Babis und Sapai an diesem erfolgreichen Feldzug, setzte Nope sie, nach der Vertreibung Abi Loemnanus in das Territorium des heutigen Kupang, als Vasallen in ein Gebiet ein, das traditionell als Lamu bezeichnet wird, und heute die südöstlichen Teile der beiden Kecamatan Süd- und Zentralamanuban bildet. Gedichtet und gesprochen wurde das hier zitierte Textsegment von J.Ch. Sapai; er berichtet in seinem Text von der Schlacht am Bia Moko [12] und von der Eroberung der Festung der Abi-Dynastie auf der Spitze dieses Hügels durch den Nope-Verbündeten Sanak, dem apical ancestor der heutigen Namengruppe Sapai.

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