Makenat Kolo Banunaek

Vorbemerkung

Feldforschungen erreichen nur dann ihr Ziel, wenn es dem Ethnologen gelingt, sich auf seine Gastkultur einzulassen. Erst wenn vorformulierte Thesen angesichts einer fremden Realität zerbrechen, und die Distanz dem Ethnologen unerträglich wird, ist er mit Situationen, Begegnungen und Sachverhalten konfrontiert, die er, noch in seine akademische Welt eingebunden, weit von sich gewiesen hätte.

Von der Dokumentation textiler Traditionen und der Ikonographie textiler Motivik bis hin zur Untersuchung ritualisierten Sprechens und epischer Dichtung musste ich einen weiten Weg zurücklegen. Wer diesen Weg in Ostindonesien geht, erkennt, dass epische Dichtung und textile Motivik symbolische Kommunikationssysteme sind, die sich in den Ritualen des Lebenszyklus mannigfaltig miteinander verschränken.

Die Studie über den Banunaek-Krieg (Makenat Kolo Banunaek) entspringt einem Versprechen, das auf Ergebnissen einer Untersuchung der rituellen Rede in Lasi, Südamanuban, beruht. Andrew McWilliam, der 1989 über einige Aspekte der Geschichte der Nabuasa` geschrieben hat, betonte die Notwendigkeit, die Bedeutung der regionalen Geschichte indonesischer Ethnien stärkter zu betonen. Diskussionen mit den Dichter-Sprechern aus Kuan Fatu, Südamanuban, ergaben Diskrepanzen in der Darstellung und Formulierung ritueller Rede in Südamanuban, die meine Mitarbeiter kritisierten und als nicht authentisch bezeichneten. Diese Diskrepanzen waren Ausgangspunkt für eine ausgedehnte Forschung zur regionalen Geschichte Kuan Fatus und der Namensgruppenallianz Ton-Finit-Babis-Sapai. Der unten publizierte und kommentierte Tonis-Text dient der Darstellung der historischen Perspektive, wie sie in Kuan Fatu tradiert wird.
Gegenstand der epischen Erzählungen der Atoin Meto in Südamanuban ist Regionalgeschichte als Geschichte ihrer unmittelbaren Heimat, ihrer Siedlung, ihrer Herkunft und Migration sowie die Beziehungen alliierter sozialer und politischer Gruppierungen und die Hoffnung, ihre ethnische Eigenständigkeit im Wirbel kulturellen Wandels nicht völlig zu verlieren.

Der Vortrag mündlicher Dichtung als gemeinsame Situation

Die Texte der Kuan-Fatu Chronik im Rahmen der Lebenszyklusrituale sind spontan im Augenblick des Vortrags entstehende Stegreifdichtung. Sie sind ein komplexer, unwiederholbarer literarischer Prozess, der auf theatralische Weise poetische Texte zur Aufführung bringt. Diese Performance stellt ein schöpferisches soziales Ereignis dar, das sich für eine analytische Aufarbeitung nur schwer in einzelnen Teile gliedern lässt, da diese erst im Verlauf des dichterischen Prozesses entstehen. Analytisch besteht die Textproduktion während eimes Rituals aus

  • dem Text als spezifische Kombination von Form und Inhalt;
  • dem Dichter-Sprecher als Produzenten und seiner Stimme als Medium der Überlieferung;
  • dem Zuhörer und seiner Reaktion als motivierenden Stimulus auf den Dichter-Sprecher und seinen Vortrag;
  • dem Ritual als gemeinsame Situation, die sozial integrierend wirkt.

In bestimmten Phasen der Lebenszyklusrituale versammeln sich spontan festlich gekleidete Männer, die den sozial unterschiedlichen Gruppen der Brautgeber- und Brautnehmerlineages angehören. Sie bilden zwei kooperierende Gruppen unterschiedlichen sozialen Prestiges. Jede Gruppe stellt ihren eigenen Dichter-Sprecher, den weitere Männer im Hintergrund als Chor begleiten. Eine Phase im Heiratsritual der Namengruppen Sakan und Tanoin (Verlobung) in Kuatnana (Tetaf, Westamanuban), das als naponi bunuk hau no` bezeichnet wird, illustriert diese soziale Asymmetrie. In diesem Ritus wird ein Zweig mit Blättern (hau no`) am Haus der Brautgeber aufgehängt (naponi), der signalisiert, dass ein Heiratsvertrag geschlossen wurde. Denjenigen, der dieses Zeichen missachtet, die Braut etwa selbst umwirbt, trifft der mit diesem Zweig aktivierte Fluch (bunuk).
Idealtypisch werden die ankommenden Brautnehmer von dem Dichter-Sprecher (atonis) der Brautgeber erwartet. Wie üblich, werden die Neuankömmlinge respektvoll und formell begrüßt. Diese Begrüßung ist der erste Anlass für eine rituelle Rede (tonis) zwischen den beiden Gruppen, in der der Grund des Besuches und der gegenseitge Status im Dialog erörtert werden. Mit lauter Stimme, ohne weitere Einführung, komponieren die Dichter-Sprecher abwechselnd einen rhythmischen, monoton klingenden, spontan improvisierten Sprechgesang, dessen jagender Stakkato keine einzelnen Worte mehr zu artikulieren scheint, sondern die Rede zu einem Fluss sprudelnder Klänge macht. Immer wieder bremsen die Männer, die den Dichter-Sprecher in einem Halbkreis umgeben seinen Redefluss, fallen in den jede Aufmerksamkeit mitreißenden Strom der Worte ein, unterbrechen den Wortschwall des Dichter-Sprechers und geben ihm so Gelegenheit Atem zu schöpfen, damit er nur Bruchteile von Sekunden später unbeirrt seine Stimme erneut erhebt, um seine Zuhörern mit einem weiteren Worthagel zu konfrontieren. Die gemeinsame Rede des Dichter-Sprechers und des Chores wirken in ihrem flüssigen Verlauf wie ein mehrstimmiger Vortrag, wie ein Wasserfall der Worte, vor dem sich die Redepassagen des Dichter-Sprechers wie ein virtuoses Solo abheben. Körperhaltung, Mimik, Gestik und Klang der Stimme der beiden Dichter-Sprecher sind während der Textproduktion die wesentlichen, non-verbalen Ausdrucksmittel, die die soziale Beziehung zwischen Brautnehmern und Brautgebern deutlich machen.

Der Dichter-Sprecher der Brautnehmer sitzt in zusammengesunkener Haltung auf dem nackten Boden. Während der Rede erhebt er bittend die Hände in Richtung der Brautgeber. Der Klang seiner Stimme ist gedämpft. Seinen Blick, flehend von unten nach oben schauend, empfängt er die Erwiderungen seines Gegenübers mit gesenkten Kopf. Selbst in den Phasen allgemeiner Heiterkeit, ausgelöst durch die Worte des Dichter-Sprechers der Brautgeber, verharrt er in dieser Stellung, seine Reaktion ein verlegenes Mit-Lachen, sein Blick immer noch gesenkt. Sein gesamtes Ausdrucksverhalten ist das des Bittstellers, der eine, ihm übergeordnete und überlegene Persönlichkeit um eine Mildtätigkeit bittet. Seine ganze Haltung, drückt Ehrerbietung und Respekt aus, darf auf keinen Fall als Unterwürfigkeit verstanden werden. Ein kulturelles Ideal zwischenmenschlicher Interaktion schreibt ihm ein bis an die Grenze der Selbsterniedrigung gehende Ausdrucksverhalten vor, mit dem Respekt und Verehrung signalisiert werden soll. Stolz, Arroganz und alle anderen Formen der eigenmächtigen Selbsterhöhung sind wenig geschätzte Eigenschaften in der Kultur der Atoin Meto.
Der Ausdruck des Dichter-Sprechers der Brautgeber ist selbstbewußter und selbstsicherer, trotzdem nicht durch Stolz und Selbsterhöhung gekennzeichnet. Es signalisiert seinem Gesprächspartner die Überlegenheit des Gewährenden, des Großzügigen. Allein schon die erhöhte Sitzposition führt dazu, dass sein Blick von oben herab auf den Blick des Dichter-Sprecher der Brautnehmer trifft, eine Geste, die die soziale Überlegenheit der Brautgeber symbolisiert. Sein Körper ist aufgerichtet, seine Arme holen zu Großzügigkeit demonstrierenden Handbewegungen aus. Er hat sie über der Brust verkreuzt, richtet seine Rede, aufrecht stehend, mit erhobenem Kopf und Stimme, an den Dichter-Sprecher der Brautnehmer. Seine Stimme hat nicht den leisen, fast zitternd bittenden Tonfall, sondern ist von ruhiger Kraft und von Selbstbewußtsein geprägt. Er ist es, der beruhigend, und scherzend, aber auch bestimmt, die Rede des Dichter-Sprechers der Brautnehmer leitet, um ihm immer weitere Zugeständnisse zu entlocken. Ganz automatisch drängt sich ein Vergleich auf – es ist der liebevoll-gewährende, aber auch streng-fürsorgliche Vater der zu seinem abhängigen und gehorsamspflichtigen Kinde spricht (Tagebuchnotiz, 3.August 1991).

Redegewandtheit und Schauspielkunst verbinden sich in der Person der beiden Dichter-Sprecher während des gegenseitigen Redeaustauschs und unterstützen Kraft und Inhalt des gesprochenen Wortes. Die Wortwechsel und der non-verbale Ausdruck der beiden Dichter-Sprecher ist eine von Dramatik und Theatralik getragene Performance, die ein Spiel, eine Spiegelfechterei zwischen den beiden Repräsentanten der beteiligten Gruppen ist, da ihr Ausgang nicht in Zweifel gezogen werden kann: Die Heirat der beiden Protagonisten ist längst beschlossen und ausgehandelt. Der ausgetragene Wortwechsel definiert kulturelle Normen und Werte, da er

  • die Idealvorstellung der Interaktion zwischen zwei sozialen Gruppen akzentuiert, die symbolisch als feto-mone (weiblich-männlich) klassifziert ist, die entschlossen sind eine neue Allianz einzugehen;
  • die Idealvorstellung von der Durchführung einer durch die Adat vorgeschriebene Heirats- praxis vorführt, deren Ursprung die Atoin Meto auf ihre Ahnen zurückführen.

Diese mehrere Stunden andauernden Rede-Duelle finden nicht in der ehrfürchtigen Atmosphäre einer Theateraufführung oder eines Gottesdienstes statt. Dennoch haben die Dichter-Sprecher ihr aufmerksames Publikum, das angespannt und schweigsam den Reden lauscht. Paralell finden alle anderen Aktivitäten statt, die eine Zeremonie der Atoin Meto zu bieten hat. Am Ort des Rituals herrscht ständiges Kommen und Gehen, Hunde, die sich um Essensreste streiten springen ungeniert zwischen den Dichter-Sprechern und den Chören umher, im Hintergrund spielen Gong und Trommel zum Tanz auf, sind das Klappern von Geschirr, Kindergeplärre und angeregten Diskussionen zu hören oder startet irgendjemand den Motor seines Fahrzeuges durch. Dennoch: Die Kommunikation der beiden Dichter-Sprecher bildet die Bühne, auf der kulturell relevantes Wissen und kulturspezifische Normen und Werte dargestellt werden. Die geredeten Rituale der Atoin Meto sind episches Theater im Sinne von Bertold Brecht, ein Ort pädagogigischer Belehrung über den Sinn und Nutzen der Adat (lais meto). Textproduktion, Dichter-Sprecher und Zuhörer verschmelzen, besonders durch das chorische Rufen, das die Rede begleitet, in diesen Ritualen in einer gemeinsamen Situation. Leibliche Kommunikation ereignet sich im Alltag, wie im Betroffensein von Suggestion und Faszination, unablässig und ist von der Art, dass mindestens ein Leib in ein ad hoc sich bildendes leibliches Gefüge eingeht. Sie versetzt den eingehenden Leib in einseitige Abhängigheit vom Suggestor, der selbst leiblich oder auch nur ein Ding (wie die Rede des Dichter-Sprechers; HWJ) sein kann. Einleibung gibt es aber auch ohne solche Einseitigkeit, z.B. als wechselseitige Einleibung, die wie ich gezeigt habe, an der Wahrnehmung des Ausdrucks fremden Erlebens (Betroffenseins) maßgeblichen Anteil hat, sowohl bei sportlichen Wettkämpfen wie Tennis und Fechten (auch Boxen) als auch im Tierkampf (Hermann Schmitz, 1989).

Alltagssprache und rituelle Rede

Fast zwanzig Jahre nachdem Parera mit seiner Untersuchung einen Meilenstein zur regionalen Geschichte Westtimors gelegt hat und kurze Zeit später einige seiner Schüler, besonders Punuf, Detailuntersuchungen vorlegten, eröffnete Andrew McWilliam mit seiner oben erwähnten Untersuchung zur regionalen Geschichte Südamanubans die Diskussion erneut. Inzwischen liegen weitere Informationen vor, die die kanafzentrischen Ergebnisse McWilliams in der Perspektive anderer Namensgruppen spiegeln und das Bild der Geschichte Südamanuban präzisieren.

Im ersten Teil seiner Dissertation analysiert McWilliam eine epische Erzählung, die die Geschichte der Namensgruppe Nabuasa` thematisiert. Diese Erzählung berichtet von der Herkunft dieser Namensgruppe, ihrer Migration und der Begründung ihrer politischen Macht. In der Nachfolge von Cunningham und Schulte Nordholt entwirft McWilliam ein Szenario autochthoner politischer Ordnung und der diese begründenden Weltanschauung der Atoin Meto.
Die Darstellung bedeutender historischer Ereignisse, wie sie in Südamanuban, und wahrscheinlich in ganz Westtimor, praktiziert wird, ist immer kanafzentrisch und konkurrierend. Diese Einschätzung betrifft auch die Texte der Kuan-Fatu-Chronik. Kanafzentrisch meint die Konstruktion einer historischen Realität durch die Perspektive des Kulturteilnehmers, konkurrierend, dass eine der öffentlich wahrgenommenen Funktionen des Mannes in der Gesellschaft der Atoin Meto darin besteht, den Namen der eigenen Gruppe (kanaf) bekanntzumachen, um so die Gruppenreputation zu vergrößeren. Die Akkumulation von Status und Prestige, resultierend aus außergewöhnlichen Situationen und Sachverhalten, gehört zu den wichtigsten Beschäftigungen des Mannes und eine der Bühne, auf der diese Rolle wahrgenommen werden kann, ist die historische Textproduktion in den Ritualen des Lebenszyklus.

Copyright 1992 – 2012. All Rights Reserved (Texte und Fotografien)

Die Texte der Atoin Meto-Forschungen sind urheberrechtlich geschützt. Die Seiten (Websites) Makenat Kolo Banunaek dürfen nicht kopiert und die Inhalte nur zum privaten Gebrauch verwendet werden.
Jegliche unautorisierte gewerbliche Nutzung ist untersagt.

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