Usif Bi Lamu: Prosa

Usif Bi Lamu: Die umgangssprachliche Erzählung

Die Umgangssprachliche Erzählung Usif Bi Lamu – Der Fürst im Lamu, Nai Lobis Nope [1] – wurde in der Nacht des 13. Februars 1992 während des ersten Historiker-Treffens in Nai Lete, Desa Kuan Fatu, von Y.Ch. Sapay vorgetragen. Der Text folgt weitgehend der Gliederung der gleichnamigen Tonis-Dichtung und dient, obwohl beide Textsorten voneinander abweichen beziehungsweise unterschiedliche Informationen tradieren, einem bessereren Verständnis der minimalistischen Versbildung der Dichter-Sprecher.

[1] Nai ist eine respektvolle Anrede für Mitglieder der herrschenden Klasse, vergleichbar dem europäischen Sir für den Ritter oder ähnlichen Würdenträgern der Aristokratie (vgl.a. Tetun rai, Erde). Im Gegensatz dazu werden Honoratioren mit Ni, dem Eigennamen vorausgehend, angesprochen.

Textsegment 1, Vers 1 – 5: Auftakt

Früher bildete der Meo Lamu mit dem Feto Nae eine Einheit, [2] nämlich mit Tino und Finit, mit Toni und Boni. Gemeinsam sorgten die Feto Nae für die jährlichen Erntetribute (Poni ma bo): für das mit Reis gefüllte Palmblattpäckchen (flol pis tele, das Schwein mit dem menschlichen Körper (faif ao atoni), für Gartenfrüchte im Überfluss (nensa ma pehe) sowie für Körbchen voll mit Betel (kabin ma mama). Die Areka- und Kokosnusssprösslinge, die kleine Luangbanane und das große Zuckerrohr, all dies trugen sie auf Kopf und Schulter in Nopes Palast nach Niki Niki. Mit diesen Gaben ernährten und fütterten sie unseren Herrn und unseren Herrscher, unsere Mutter und unseren Vater Ni Koli, Ni Toli, Ni Amu, Ni Nope, Ni Nuban und Ni Toi, in Klaban und Tain Lasi, Maunu und Niki Niki.

[2] Meo Lamu ist der Titel eines politischen Funktionsträgers, bezeichnet aber auch die Krieger-Kopfjäger des Lamu, dem waldreichen Süden Amanubans. Im Kontext dieser Dichtung wird mit diesem Titel aber Ni Sole Le`u angesprochen, der Herrscher der vor-indonesischen Polis Kuan Fatu.
Der zweite Titel, Feto Nae, die ältere Frau, bezieht sich auf die Funktionäre, die die jährlichen Erntetribute sammelten und ins Zentrum der Polis beförderten, wo sie dem Uis Banam rituell angeboten wurden: Die Tonis-Texte sprechen in diesem Zusammenhang von ernähren und füttern. Im Rahmen dieser Überlieferung meint der Dichter-Sprecher die Namengruppe Toni aus Kualin, der Kuan Fatu südöstlich gelegenen Polis.

Textsegment 2, Vers 6 – 24: Die Ankunft von Nai Lobis Nope im Lamu

Nai Lobis Nope war einer der Söhne des Uis Banam in Niki Niki, der nach Südamanuban in den Lamu geschickt wurde. Im Lamu angekommen, erblickte Nai Lobis die schöne Bi Sopo Sai Toni, die Tochter Tinos, eines der Feto Nae, und verliebte sich in sie. Er sah sie und betrachtete sie und sprach:
„Bi Sopo Sai Toni hat eine gelbe Haut und ein sanftes Geschickt!“ Merkmale, die damals als schön und begehrenswert angesehen wurden.
Und weiter sprach er: “ Bi Sopo Sai Toni, nimm meinen Betel an, und esse ihn mit mir.“ [3]
Und so kam es, dass wir, die Nai Lamu [4] und die Feto Nae, Nai Lobis Nope, zu uns holten, und er für uns wie ein Herr und ein Herrscher, wie ein Vater und eine Mutter wurde.
Und Nai Lobis Nope war bereit, zu uns zu kommen, machte sich auf den Weg, kam schließlich nach Mae und Nai Lete, nach Kua Muke und Bi Taek. Die Feto Nae empfingen ihn festlich, überreichten ihm ihre Gaben (opa ma panoka): einen Schweinekopf und einen Büffelkopf.
Und Nai Lobis Nope äußerte seinen Willen und zeigte seine Gefühle und sprach:
„Ich will hier meinen Palast aufstellen und mein Haus errichten.“
Und die Nai Lamu und die Feto Nai nahmen ihn in ihre Mitte, sie nahmen ihn respektvoll auf und begleiteten ihn nach Kele und Banabas, nach Nifu Loi und nach Hau Mahatas.
Erneut schaute Nai Lobis nach Süden, nach Neke und Kualin, nach Kualin und Kua Tae. Und dort sah er Bi Sopo Sai Toni. Da er sie liebte, wollte er dort seinen Palast errichten und sein Haus aufbauen, denn Sai Toni war die Tochter des Feto Nae Toni aus Kualin. [5]
Und Nai Lobis Nope, unser Herr und unser Herrscher, unsere Mutter und unser Vater, sah in ihre Augen und erwiderte ihren Blick, drüben in Neke und Kualin, in Kualin und Kua Tae.
Entschlossen stieg er den Berg von Kele hinab in die Ebene, kletterte herab und ging hinunter in die weite Savanne, bis zum Geländesporn Oetbolan, wo das Land ausgedehnt und weit ist.
Dort errichteten sie das Haus des Herrschers für ihn, und erbauten ihm dort seinen Palast. Und die Feto Nae – Tino und Finit, Toni und Bonat, nahmen ihn freundlich auf. Gemeinsam mit dem Meo Nae Ni Sole Le`u, zusammen mit seinen jüngeren Brüdern und seinem kleinen Bruder, seinem Arm und seinen Muskeln, begrüßten sie ihn. Sie kreisten ihn ein und nahmen in ihre Mitte: unseren Herrn und unseren Herrscher, unsere Mutter und unseren Vater Nai Lobis Nope.
Im Buschland von Oetbolan, am Geländesporn von Oetbolan, empfingen sie ihn – die Feto Nae, Tino und Finit, Toni und Bonat, und ihre Amaf und Meo, denn dort war das Land weit und ausgedehnt..
Sie nahmen für ihn die Früchte der Arekapalme und der Kokospalme auf ihren Kopf, trugen für ihn das große Zuckerrohr und die kleine Luang-Banane auf der Schulter. Alles das brachten sie in den Palast des Usif Lamu nach Oetbolan.

[3] Sein Auftrag bestand sicherlich darin, dort eine Heiratsallianz einzugehen, die die Autorität und den Herrschaftsanspruch der Nope-Dynastie in Niki Niki sichern sollte. Was der Dichter-Sprecher mit einer romantischen Liebesbeziehung und sexuellen Attraktion umschreibt, diente in Wirklichkeit kalkulierten Machtinteressen. Die Äußerlichkeiten des Aussehens, die Nai Lobis faszinieren, halte ich für einen Kompromiss mit der Moderne (Sinnpflege des Dichter-Sprechers). Das Anbieten und gemeinsame Essen von Betel zwischen gegeengeschlechtlichen Angehörigen der gleichen Generation impliziert, metaphorisch, die Aufforderung zum Geschlechstverkehr.

[4] Nai Lamu ist ein Titel, mit dem sich die rituelle, ökonomische und politische Konförderation von Kuan Fatu, Noe Muke und Kualin selbst bezeichnet. Vollständig lautet ihr Titel: Nae Lamu Meo Lamu: die Herren des Lamu, die Krieger-Kopfjäger des Lamu, und das sind in prominenter Position Ton und Finit, Babis und Sapai.

[5] Es ist bemerkenswert, das der adelige Nai Lobis, Sohn des absoluten Herrschers von Banam, matrilokal bei den Brautgebern wohnen will.

Textsegment 3, Vers 25 – 62: Alunpahs Beschwerde und die Konsequenzen

wird fortgesetzt

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