Einführung

Mündliche Dichtung und regionale Geschchte in Westtimor

Die Dokumentation und Analyse der mündlichen Dichtungen der »Kuan Fatu-Chronik« ist Bestandteil meiner Feldforschungen zur symbolischen Kommunikation der Atoin Meto in Amanuban (südliches Westtimor, Ostindonesien). Diese Forschungen gliedern sich in drei kontextuell eng verbundene Bereiche der indigenen Kultur der Atoin Meto: orale Literatur, textile Motivik und die Beziehungen zwischen beiden als künstlerische Ausdrucksweisen und als Garanten ethnischer Identität.

Die Quellen, aus der die mündliche Dichtung der Atoin Meto schöpft, sind Mythos, Legende und Regionalgeschichte. Die Analyse dieser Dichtungen führt tief in kulturspezifische Überzeugungen und philosophische Konzepte dieser Westtimor-Ethnie und wirft ein helles Licht auf die Aktualität, aber auch auf die Problematik dieser indigenen Überlieferungen vor dem Hintergrund einer nationalstaatlichen Doktrin im modernen Indonesien, konzeptionalisiert in dem Antagonismus agama (Religion im Sinne von monotheistischer Hochreligion) contra kepercayaan (Heidentum), die dazu tendiert, regionaler Kultur ihre Berechtigung und ethnische Identität abzusprechen. Die Dokumentation und Analyse kulturspezifischer symbolischer Kommunikationssysteme der Atoin Meto und deren Ausdruck in ritualisierter und künstlerischer Form während meiner Forschungen in Westtimor verbindet die drei schon angedeuteten kulturellen Bereiche:

  • die kulturspezifische orale Literatur als epische Versdichtung, die in Form einer stark ritualisierten Rede vorgetragen wird und die ihre Lebendigkeit und Faszination aus der Spannung zwischen Gedächtniskultur zu Literalität bezieht;
  • die textile Motivik, die Ikonographie der Alltags- und Ritualkleidung, die Verzierungstechnik und Musterung als Form einer symbolischen Kommunikation nutzt, die soziale Zugehörigkeit und Territorialität markiert;
  • die Beziehungen zwischen oraler Literatur und textiler Motivik, in künstlerischem Ausdruck geronnene symbolische Ikonographie, die ihre Funktion im Rahmen der Sicherung personaler und ethnischer Identität wahrnimmt.

Die Analyse der Dichtungen der »Kuan Fatu-Chronik« stellt einen Beitrag zur regionalen Geschichte der Atoin Meto in Südzentraltimor dar. Die mündlichen Texte, die Ereignisse der regionalen Geschichte Südzentraltimors bewahren und tradieren, zeichnen sich besonders durch zwei Merkmale historischer Überlieferung aus:

  • durch eine historische Überlieferung, die an die Aktivitäten personifizierter Kollektive gebunden ist, die im Sinne von Toynbee auf die Herausforderungen einer akuten Situation reagieren, eine historische Überlieferung, die Dilthey als biographische Geschichtsauffassung charakterisierte;
  • auf eine historische Überlieferung, die geschichtliche Ereignisse nicht unbedingt in der Gegenüberstellung von Subjekt und Umgebung begreift, sondern eine neue Dimension gewinnt, weil sie den Anteil des Atmosphärischen an der Entstehung von Geschichte berücksichtigt.

Atmosphärische Wandlungen des Gefühls und der leiblichen Disposition verursachen einen Wandel des Lebensstils einer Kultur, die von diesem Wandel in ihrer Ganzheit betroffen wird.

Das systematische, wissenschaftliche Interesse an den sogenannten Ritualsprachen ostindonesischer Ethnien nahm in den frühen 70er Jahren seinen Ursprung in den Forschungen des Australiers James J. Fox auf der Timor südwestlich vorgelagerten Insel Rote. Der in der englischsprachigen Literatur übliche Terminus ritual language, den Fox verwendet, reicht aber nicht aus, da er dem Phänomen der ritualisierten Rede in formellen Situationen unzureichend gerecht wird. In seinen zahlreichen Arbeiten zu diesen Thema entwickelte James Fox eine Systematik und ein methodisches Instrumentarium, mit dem Wissenschaftler die mündlichen Überlieferungen weiterer ostindonesischer Kulturen (vor allem Sumba, Flores und Timor) dokumentieren und analysieren konnten. Mündliche Dichtung, spontan komponiert und in ritualisierter Rede vorgetragen, ist nicht auf ostindonesische Kulturen begrenzt, sondern ein kulturübergreifendes, universelles Phänomen. Beginnend mit Robert Lowth und seinen Untersuchungen zur sakralen Poetik des Hebräischen besitzen wir inzwischen Bestandaufnahmen aus der ural-altaiischen Region, aus Mittelamerika, aus der Mongolei, aus China, aus Vietnam, aus Indien, aus Australien sowie für austronesische und indogermanische Kulturen. Im Zusammenhang mit der von James J. Fox und Roman Jakobson benutzten Terminologie lassen sich auch die Lebenszyklusrituale der Atoin Meto als rituals of oration bezeichnen. Dieser Begriff charakterisiert formelle Situationen, in denen das gesprochene Wort, die Rede, eine dominante Position gegenüber anderen symbolischen Ausdrucksweisen einnimmt. Die Felderfahrungen mit der öffentlichen Performance der Dichtungen der »Kuan Fatu-Chronik« bestätigt, dass die Lebenszyklusrituale der Atoin Meto geredete Rituale sind. Sie sind es allerdings nicht nur: Sie sind auch Rituale der Zurschaustellung, rituals of display, der performativen Inszenierung einer Tracht und deren Ikonographie, die als Kleidung verwendet wird, und die in der Ritualdurchführung eine prominente Funktion übernimmt. In den Lebenszyklusritualen ergänzen sich verbale und non-verbale Symbole in ihrem Ausdrucksverhalten und unterstützen sich gegenseitig in der Übermittlung einer kulturell signifikanten Botschaft.

Die Mündliche Dichtung der Atoin Meto in Amanuban, Südzentraltimor

Die Atoin Meto in Westtimor verwenden in ihren Ritualen eine literarische Form der Rede, die für andere Kulturen Ostindonesiens ungenau als ritual language bezeichnet wird. Es ist deshalb erforderlich, für die weiteren Untersuchungen zu diesem Gegenstand den Termninus Dichtung beziehungsweise mündliche Dichtung vorgetragen in ritueller Rede zu verwenden. Die Abgrenzung zwischen langue und parole, auf die diese Begrifflichkeit zurückgreift, wurde schon von F. de Saussure vorgenommen. Thematisch beziehen sich die Tonis genannten Dichtungen der Atoin Meto auf historische Überlieferungen einzelner Namen-Gruppen (kanaf), durch die diese ihre gemeinsame Identität begründen, stabilisieren und bewahren. Die mit Abstand wichtigsten Themen erläutern die Herkunft von Namen-Gruppen sowie deren gegenseitige Beziehungen, den Ursprung und die Berechtigung der bestehenden sozialen und politischen Ordnung sowie die Beziehungen dieser Gruppen zu ihrem Siedlungsraum. Wichtig ist in diesem Zusammenhang ebenfalls der Hinweis, dass diese historischen Überlieferungen ausschließlich auf Angelegenheiten und Probleme (lasi) einzelner Allianzen von Namen-Gruppen Bezug nehmen. Sie legen deshalb kein Zeugnis der generellen historischen Prozesse Westtimors ab, sondern interpolieren untergeordnete historische Ereignisse als Geschichte schlechthin. Thema und Gegenstand der Dichtungen der Atoin Meto ist nicht deren Geschichte als Ethnie. Die Dichter-Sprecher (atonis) komponieren Versionen gemeinsam erlebter und erfahrener, historischer Ereignisse aus der Sicht einzelner innerethnischer Gruppierungen in rituellen Situationen aus dem Stegreif. In seiner Opera Batak spricht Rainer Carle in diesem Zusammenhang von Clan-Orientierung, und meint damit eine Version der Genealogie-Geschichte mit weitgehender allgemeiner Verbindlichkeit bei phratrie-spezifischer Variation. Zur genaueren Kennzeichnung der Themen der Tonis-Dichtungen der Atoin Meto verwende ich deshalb den Terminus regionale Geschichte. Regional ist diese Geschichte deshalb, weil ihre Versionen unlösbar mit den vielen kleinen, politisch semi-autonomen Territorien Westtimors sowie der diese Gebiete besiedelnden Namen-Gruppen verbunden ist. Die einzelnen Versionen historischer Ereignisse sind auch nur innerhalb dieser regionalen Zusammenhänge verständlich und interpretierbar. Der Begriff regionale Geschichte beabsichtigt keineswegs den Atoin Meto einen westlichen Geschichtsbegriff, der faktische, kritische sowie quellenorientierte Geschichtsschreibung impliziert, zu unterstellen, ist doch schon allein der Begriff Geschichts-Schreibung hinsichtlich mündlich tradierter Überlieferungen unmöglich. Für die Atoin Meto bedeutet Geschichte und historische Überlieferung die dichterische Darstellung gesellschaftlichen Handelns, im Idealfall ein adat-gemäßes Handeln, das seine Legitimation, seine Norm- und Wertorientierung sowie sein Ethos aus den Ereignissen der Vergangenheit bezieht. Meine Forschungen zur »Kuan Fatu-Chronik« konnten aufgrund des großen Zeitaufwandes der Übersetzung, Bearbeitung und Interpretation bisher nicht abgeschlossen werden. Sie werden in den nächsten Jahren kontinuierlich fortgesetzt, um sukzessive alle Dichtungen der »Kuan Fatu-Chronik« der wissenschaftlichen Forschung vollständig zugänglich zu machen.

Das Repertoire und die Form, auf die die Dichter-Sprecher der Atoin Meto diese geredeten Rituale aubauen, habe ich in zwei aufeinanderbezogenen Studien dargestellt:

  • Grammatischer Parallelismus in der Kuan Fatu-Chronik
  • Dichterischer Kanon als Idealnorm historischer Überlieferung

Die folgenden Texte habe ich 1999 als Buchbeiträge in verschiedenen anthropologisch-philosophischen Kontexten publiziert. Insgesamt behandeln sie sich überschneidende Themen der kulturspezifisch konfigurierten mündlichen Dichtung der Atoin Meto in Amanuban:

  • Die mündliche Dichtung der Atoin Meto in Westtimor
  • Die Bedeutung von nekan, Herz, in der Kuan Fatu-Chronik
  • Gedanken zum Totenritual in Westtimor

Thema und Gegenstand der Dichtungen der Atoin Meto ist nicht deren Geschichte als Ethnie. Die Dichter-Sprecher (atonis) komponieren Versionen gemeinsam erlebter und erfahrener, historischer Ereignisse aus der Sicht einzelner innerethnischer Gruppierungen in rituellen Situationen aus dem Stegreif. Zur genaueren Kennzeichnung der Themen der Tonis-Dichtungen der Atoin Meto verwende ich den Terminus regionale Geschichte. Regional ist diese Geschichte deshalb, weil ihre Versionen unlösbar mit den vielen kleinen, politisch semi-autonomen Territorien Westtimors sowie der diese Gebiete besiedelnden Namen-Gruppen verbunden ist. Die einzelnen Versionen historischer Ereignisse sind auch nur innerhalb dieser regionalen Zusammenhänge verständlich und interpretierbar.

Meine Forschungen zur »Kuan Fatu-Chronik« konnten aufgrund des großen Zeitaufwandes der Übersetzung, Bearbeitung und Interpretation bisher nicht abgeschlossen werden. Zwei der insgesamt neun von mir in Kuan Fatu (Südamanuban) dokumentierten und bearbeiteten mündlichen Dichtungen sind inzwischen bearbeitet:

  • Ton – Finit – Babis – Sapai: Die Protagonisten der Kuan Fatu-Chronik
  • Makenat Nope – Abi Loemnanu: Die erste Expansion der Nope-Dynastie nach Westen
  • Makenat Nope – Banunaek: Die zweite Expansion der Nope-Dynastie nach Südosten
  • Makenat Nope – Sonba`i: Die dritte Expansion der Nope-Dynastie nach Nordwesten
  • Pah Kuan Fatu, Noe Muke: Das vorindonesische Kuan Fatu in regional-historischer Perspektive
  • Meo Nae / Meo Kliko: Die Grenzen der benachbarten Territorien Kuan Fatu und Lasi
  • Lasi Ni Neno: Die Migration und Landnahme der Namen-Gruppe Neno nach Kuan Fatu und Kele
  • Makenat Nope – Boimau: Der Aufstand gegen die Tyrannei des Lobis Nope in Kuan Fatu
  • Lasi Meo-Meo Lamu: Die Allianz der herrschenden Klasse Kuan Fatus
  • Na`at, Sakan, Nubatonis, Bianome: Verbündete und Alliierte des traditionellen Kuan Fatu-Regimes
  • Die Kuan Fatu-Chronik: Bibliographie

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