Ton und Finit, Babis und Sapai

Die Protagonisten der Kuan Fatu-Chronik

Die Tonis-Dichtungen aus Kuan Fatu (Südamanuban, Westimor, Ostindonesien) berichten über Themen der regionalen Geschichte der vor-indonesischen Bevölkerung Kuan Fatus, die geprägt ist von der politischen Herrschaft der vier Namen-Gruppen (kanaf, wie ein Name) Ton, Finit, Babis und Sapai, den vier herrschenden Familien Kuan Fatus, über ihre Herkunft, ihre gegenseitigen Beziehungen sowie über die Legitimierung ihrer Herrschaft über das Territorium Kuan Fatu. Das Eigennamen-Bündel Ton, Finit, Babis, Sapai repräsentiert diese vier Namen-Gruppen, die auch mit dem mittelalterlichen europäischen Terminus Adel bezeichnet werden können. [1]

Der Held der Kuan Fatu-Dichtung über den Abi Loemnanu-Krieg, der magisch mächtige Krieger-Kopfjäger Ni Nope Sanak, ist der apical ancestor der heute in Südamanuban lebenden Namen-Gruppe Sapay. Der Mitproduzent der Kuan Fatu-Chronik, der Dichter-Sprecher J.Ch. Sapay, ist ein direkter Nachfahre des vor 13 Generationen lebenden Nope Sanak. Text 1 der Chronik schildert, wie die einstige Polis Kuan Fatu, mit dem meonae Ni Sole Le`u an der Spitze der politischen Hierarchie als direktes Ergebnis des Abi-Krieges in der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts entstand. Weiter berichtet dieser Text vom Schicksal der in die kriegerischen Ereignisse verwickelten und durch diese entwurzelten Namen-Gruppen Ton, Finit, Babis und Sapai. Wie für Tonis-Texte üblich, stellt auch dieser die historischen Ereignisse indirekt und mit Hilfe mannigfacher Anspielungen dar, so daß nur in den Kontext eingeweihte Zuhörer verstehen, wovon eigentlich die Rede ist. Um dieser Indirektheit der rituellen Rede entgegenzuwirken, bedarf es einer Einführung in den Hintergrund der Dichtung:

Obwohl TON zu den ältesten Namen-Gruppen in Kuan Fatu gehört, ist er dennoch ein Migrant. Auf der Spitze des Tapan, eines Berges auf der Grenze der heutigen Desa Kuan Fatu und Kele, traf er mit der kanaf Neonleni zusammen, deren Herkunft in mythisches Dunkel gehüllt ist. Möglicherweise repräsentiert Neonleni, wie Abi (Amanuban), Rasi (Amarasi) und Tkesnai (Amanatun), eine der autochthonen Bevölkerungen Westtimors. [2]

Die durch den Namen ABI oder Jabi, wie er in Amanuban meistens genannt wird, repräsentierte Bevölkerung besiedelte einst das zentrale Bergland Westtimors. Die Ankunft der Herrscher aus dem Westen im heutigen Timor (Südzentraltimor und Südbelu) drängte diese Bevölkerung zuerst zurück und assimilierte sie später weitgehend. Pieter Middelkoop erwähnt in seiner Sonba`i-Studie eine Überlieferung, in der ein gewisser Fai Sutai Kune, der einsame Wächter auf dem Mutis, die Schöpfung durch die Entwässerung der Erde beendet. Er fährt in seiner Schilderung der Ereignisse fort:

Nadat alzoo het land goed was, kwam hij naar Afetin (= `Afotin`, ein Hügel in Kuan Fatu der in einigen der mündlichen Überlieferungen als Ort des Palasts von Ni Sole Le` u erwähnt wird; H.W.J.), en zetelde zich geheel alleen te Afetin. Toen kwamen er Atoni´s, wij weten niet waarvandaan, de een heette Nai Djabi, de groote, de ander Nai Besi tLeta. Hij trof deze mannen; zij gedrieen zetelden zich. Terwijl zij zich zoo gevestigt hadden, vonden zij andere atoni´s, wij weten niet waarvandaan. Terwijl zij aldus zaten, zeiden Besi en Djabi beiden:
Hier zitten wij aan den voet van den boom, laat ons een huis maken. Zij maakten een huis en zeiden: Huis met acht palen lopo met acht palen. Daarna besliste Nai Koene en zeide: Nai Besi, gij zijt fettor, Nai Djabi gij zijt fettor; gij beiden zijt fettor
(Middelkoop, 1938:483-484) [3].

Mit den Expansionskriegen der Nope-Dynastie, die zur Gründung Banams führten, war die historische Rolle Abis in Amanuban beendet. Die mündliche Überlieferung der Tonis-Texte bewahrt lediglich seine ehemalige politische Vorrangstellung gegenüber dem Usurpator Nope, die sich aus der Reihenfolge der Landnahme ergab. Die Tonis-Metapher mone nae ma mone kliko (der Erstgeborene und der Nachgeborene) repräsentiert diesen Vorrang: Abi ist der mone nae, der erst im Verlauf des 16.Jahrhunderts in Timor auftretende Nope, der spätere Uis Banam, der mone kliko und jüngere Bruder Abis. Bezüglich der Beziehung zwischen Abi Loemnanu und Nope weist kliko-nae nicht auf eine verwandtschaftliche Beziehung hin, sondern trägt dem Sachverhalt Rechnung, daß Abi in Amanuban die älteren Rechte besitzt.

Die Heirat von Ton mit einer Tochter Neonlenis sicherte ihm Landrechte am Hang des Tapan. Später stand Ton als ana`amnes in den Diensten Abis. Dieses Amt band ihn eng an den Boden, die landwirtschaftlichen Ressourcen und den die trockene Erde befruchtenden Regen, der als Same von uis neno, dem Himmel, angesehen wurde. Aufgrund seiner magischen Kompetenz, der von ihm treuhänderisch verwalteten Rituale sowie der ihm von Abi verliehenen, legitimierenden Paraphernalien (metan ma koa) [4] war Ton fähig, diese Ressourcen zum Wohle der Gemeinschaft zu beeinflussen. Im Uab Meto ist ton ein Verb in der Bedeutung von informieren, benachrichtigen (na=ton) oder ein Substantiv in der Bedeutung von Jahr, Alter, Jahreszeit (ton amnemat, nächstes Jahr; ton mofu, Regenzeit). Es ist nicht deutlich, ob der Eigenname Ton mit dem Verb ton (informieren numinoser Mächte) oder mit dem Substantiv ton (Jahreszeit) in der Art sprechender Namen zusammenhängt. Ebenfalls unklar ist, ob sich dieser Name par excellence auf die Benachrichtigung der Gemeinschaft und der Ahnen vom Beginn des landwirtschaftlichen Zyklus, auf die Verkündung der unmittelbar bevorstehenden Ankunft des Regens oder auf die saisonalen Aufgaben eines rituellen Funktionsträgers bezieht. Nach der Niederlage, oder schon während der Kämpfe, desertierte Ton zu dem erfolgreicheren Nope, der ihn in seinen Landrechten und in seiner Funktion als ana`amnes bestätigte. Nope, dem land- und rituallosen Usurpator, gelang es nur so die politische Macht an sich reißen. Zur Sicherung der landwirtschaftlichen Existenzgrundlage, von der sein politisches Überleben abhing, blieb er auf den Einfluß und auf die Kompetenz alteingesessener ritueller Funktionsträger angewiesen.

SOLE war schon in Ofu (Zentralamanuban) Vasall einer Lineage der einst über ganz Westtimor verbreiteten Abi-Kanaf und dieser als Krieger-Kopfjäger (meo) zu Diensten.
Ein Feldzug der Nope-Dynastie im Vorfeld des Abi-Krieges führte zur Niederlage der in Ofu herrschenden Abi-Lineage und zur Entwurzelung Soles, der in der Flucht nach Westen sein Heil suchte. Dieser Begebenheit verdankt Sole seinen Namen, der auf das Verb na=sole (das Jungtier von der säugenden Mutter trennen) zurückgeht. Auf dem Tapan traf er mit den dort ansässigen Neonleni und Ton zusammen, heiratete eine Tochter Tons und erwarb sich so Land- und Siedlungsrechte. Wie Ton desertierte auch er während des Abi-Krieges und wurde Vasall und Krieger-Kopfjäger der Nope-Dynastie.

Auch BABIS ist ein sprechender Name. Er wurde Sole später in einem der Kriege gegen den Sonba`i in Molo verliehen. Die außergewöhnliche Fähigkeit seiner le`u musu (Kriegsmagie), nämlich sich selbst und seine Verbündeten unsichtbar zu machen und so den Sieg herbeizuführen, führte zu seinem neuen Namen. Das Einreiben des Körpers eines meo mit den magischen Ingredienzen der aktivierten le`u musu verlieh diesem Unverwundbarkeit und Unverletzbarkeit und führte zu dem begehrten ao besi (den eisenharten Körper) des Krieger-Kopfjägers. [5] Die äußerliche Behandlung des Körpers mit magischen Mitteln bezeichnet man in Amanuban als an=baib. [6] Die rituelle Aktivierung der le`u musu kurz vor Beginn des Feldzuges, die in diesem Zusammenhang relevant ist, haben H.O. Forbes (1884) für Ost-, und A.C. Kruyt (1923) für Westtimor beschrieben. [7]

J.CH. SAPAIS ursprünglicher kanaf-Name lautet SANAK (oder Senak). H.G. Schulte Nordholt erwähnt eine adelige Namen-Gruppe Senak, bzw. das Eigennamen-Bündel der vier usif in Miomafo (Kabupaten Nordzentraltimor), nämlich Atok, Bana, Lake und Senak.
Aufgrund der Angaben J.Ch. Sapays über die Herkunft seiner Vorfahren (Desa Bikomi, Kecamatan Ostmiomafo) kann die Namen-Gruppe Senak aus Miomafo als Ursprung der modernen Amanuban-kanaf Sapay gelten. H.G. Schulte Nordholt schreibt:

None of this alters the fact that Lord Senak is generally considered the most important person in the tribe and the most dangerous warlord. The power of every headhunter (meo), including Senak, is based on his control over hidden forces. Senak can make an enemy stiffen with fear in the same way Senak`s totemistic female ancestor, the crocodile (besi), can. Yet something about this ability is incongruous with the absolutely immobile character of a sacral lord whose general title is Atupas (´He Who Sleeps´). Senak is sometimes called Atupas but he either has assumed this title by analogy or has usurped a title to which he has no right (Schulte Nordholt, 1980:237-238). [8]

In Bikomi besaß Senak den Ruf eines mächtigen Fürsten und Krieger-Kopfjägers; er war, wie H.G. Schulte Nordholt ihn nennt, der gefährlichste Kriegsherr. Außerdem war er einer der vier peripheren usif der Polis Bikomi. Wie J.Ch. Sapay berichtet, trafen Nope und Senak schon vor dem Abi-Krieg zusammen, und mit einer Namen-Gruppe mit diesem Ruf ging Nope gerne eine militärische Allianz ein. Ein Segment der Namen-Gruppe Senak muß schließlich nach Niki-Niki in den Palast Nopes (sonaf) übersiedelt sein, wo sich ihr Name als Konsequenz der Dialektanpassung in Sanak änderte. Ein Sohn dieses nach Zentralamanuban emigrierten Sanak, nämlich Nope Sanak, der sich seiner Herkunft, seiner ererbten magischen Macht und seiner besonderen Fähigkeiten bewußt war, nahm in frevelhaftem Übermut den Namen Nope (Wolke) an. Dieser Name ist aber ein Privileg der herrschenden Dynastie in Niki-Niki und mit deren geheimnisvoller Ankunft in Westtimor verbunden. Die Vermessenheit Nope Sanaks wurde als Auflehnung und Hochverrat gewertet. Sie führte zu seiner Flucht nach Babuin (südliches Zentralamanuban), wo sich eine Nebenlinie der Nope-Dynastie gegen die Hegemonie der Niki-Niki-Linie zu behaupten versuchte. Auch dort konnte Sanak sich nicht unterordnen, beanspruchte unangemessene Privilegien und Landrechte, so daß man ihn schließlich auch von dort vertrieb. Land- und heimatlos, ein entwurzelter Vagabund, traf Sanak schließlich auf dem Tapan ein. Soweit die Darstellung des Dichter-Sprechers J.Ch. Sapay, die ein charakteristisches Beispiel für eine volkstümliche Heldenvita darstellt, der aber unten widersprochen werden muß.

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