Richtfest in Kele

Tef Lopo – ein Ritual des Hausbaus in Südamanuban

Die folgende Tonis-Dichtung trug Yohan Christian Sapay in der Nacht vom 29. November 1991 in Kele (Kuan Fatu, Südamanuban) vor. Der Anlass für diese mündliche Dichtung war ein Ritual, dass durchgeführt werden muss, bevor das Dach des Lopo mnasi, des altehrwürdigen Lopo, abschließend gedeckt werden kann.
Kele ist eine kleine Ansiedlung in Südamanuban, auf einem Hügel in der Nähe von Kuan Fatu gelegen. Als ich am späten Nachmittag dort eintraf, erwartete mich Ch.Z. Babys bereits auf einer Steinmauer sitzend am Dorfeingang. Lange saßen wir dort, aßen Betel und unterhielten uns über die regionale Geschichte Kuan Fatus, während immer weitere Männer eintrafen, sich zu uns setzten, und mit diskutierten. Es war bereits dunkel, als wir später am Abend gemeinsam den Berg hinauf nach Kele zu Tons Gehöft stiegen, wo sich die Gemeinschaft, vor dem Lopo sitzend, bereits zum Tef-Lopo-Ritual versammelt hatte.
Nachdem ich vor einigen Tagen meine erste Tonis-Dichtung auf der Hochzeit der jüngeren Schwester von Ch.Z. Babys, überrascht und zu fasziniert vom rituellen Prozess, nicht auf Band aufgenommen hatte, bietet sich heute Nacht die zweite Gelegenheit, eine Tonis-Dichtung zu beobachten und zu dokumentieren. Diese Dichtung gehört zu einem Dialog zwischen Leni Musa Seo und Sapay, blieb aber ebenfalls fragmentarisch, da meine Aufnahmetechnik in dieser Nacht versagte. Eine Rekonstruktion dieser Reden, die ohnehin nicht authentisch wiederholt werden können, war, aufgrund meines mehrtägigen Historiker-Seminars, wegen des umfangreichen Datenmaterials aus Kuan Fatu, nicht mehr möglich. Diesem Umstand ist auch die lediglich partielle Übersetzung aus dem Uab Meto geschuldet.

Das Ritual, zu dem ich nach Kele eingeladen war, zählt zu denen des Hausbaus, eine Art Richtfest, das in Amanuban als tef lopo bezeichnet wird (tef, decken, bedecken). Ein Lopo besitzt zwei verschiedene Funktionen: einerseits dient er als Getreidespeicher für die Feldfrüchte, andererseits versammeln sich unter diesem Pavillion die Männer zu informellen Gesprächen, zum Betelkonsum und zur Diskussion, Planung und Austausch wichtiger kommunaler Ereignisse.
Der Lopo ist ein eine architektonische Konstruktion, die aus vier Pfosten besteht, auf denen eine hölzerne Plattform ruht, die als Speicherboden für die Feldfrüchte dient. Diese Pfosten können unmittelbar in den Erdboden eingegraben sein, sie können aber auch, wie bei adeligen oder bedeutenden Familien auf einem ungefähr ein Meter hohem Podest stehen, das aus aufeinander geschichteten Bruchsteinen besteht. Der Grundriss des Gebäudes bildet einen Kreis, wie überhaupt die traditionellen Gebäude der Atoin Meto Rundbauten sind. Im Idealfall besitzt jeder Pfosten im oberen Drittel eine runde Holzscheibe, die Ratten oder andere Nager daran hindert, sich über die Getreidevorräte herzumachen. Das Dach des Lopo besteht aus einer kreisförmigen Holzlattenkonstruktion, die nach oben spitz ausläuft, und die mit ineinandergelegten Bündeln aus Alang-Alang-Gras gedeckt ist. Die obere Spitze des Dachs, den bu`it, vergleicht man metaphorisch mit dem Haarknoten des Mannes, der den gleichen Namen trägt. Und wie der Bu`it des Mannes mit dem dreizinkigen Kamm, dem so`it, gebunden wird, so wird auch das Dach eines Lopo oben zusammengebunden. Die untere Seite des Speicherbodens und die Unterseiten der runden Holzplatten sind mit farbigen Zeichnungen aus dem Symbolschatz der Atoin-Meto-Ikonographie dekoriert, wie sie einst auch für die Tätowierungen verwendet wurden und wie sie bis heute die Tracht dieser Ethnie verzieren.

Dieses große Gebäude, dessen Dach in dieser Nacht erneuert wird, befindet sich seit langem auf dem Hof von Stefanus Ton. Der Lopo ist alt (mnasi), und für die Gruppe, die ihn benutzt, identitätsstiftend, ein für die Gemeinschaft von Kuan Fatu ein historisch bedeutender Ort. Einst wurden hier die Ritualgegenstände des Ana`amnes gelagert, hier fanden die Rituale für das Territorium Kuan Fatu zu Beginn des landwirtschaftlichen Zyklus statt. Der Titel Ana`amnes bedeutet wörtlich Kind des Reis, und bezieht sich wohl darauf, dass in vielen Ritualen Reis für die Ahnen verstreut wird. Diese Rituale werden als okla mnes, Verstreuen von Reis, bezeichnet. Die Namengruppe Ton (kanaf bildet zusammen mit den Klans Sapai, Babis und Finit eine politische, durch Heiraten verbündete Allianz, die sich Herren des Waldes, Krieger-Kopfjäger des Waldes (Nai Lamu, Meo Lamu) nennt, wobei der Lamu eine waldreiche Landschaft im südlichen Amanuban, und die Kuan Fatu seit alters her als ihr politisches Zentrum betrachten. Dort, in Nai Lete, einem zu Kuan Fatu gehörenden Weiler, befindet sich ein weiterer großer Lopo, der, anders als der von Ton, in neuerer Zeit völlig restauriert wurde. Während den Lopo in Kele eine ehrwürdige, altertümliche Atmosphäre umgibt, ist der in Nai Lete eine moderne Replik.
Die Namengruppe Ton übt traditonell das Amt und die Funktion des Bewahrers der Reisrituale (ana`amnes) für die Namengruppe Babis aus, die momentan durch den Usif Charles Zeth Babys repräsentiert wird. Der Sole-Zweig dieser Namengruppe war in der Tunbesi-Epoche Amanubans, wahrscheinlich bis ins späte 17. Jahrhundert, Vasall und Alliierter des legendären Abi Loemnanu (auch Jabi), des Herrschers im heutigen Südwestamanuban. Während der Expansion des Emporkömmlings Nope, wechselten die Nai Lamu, Meo Lamu zu Nope. Ton, so heißt es, sei bereits Ana`mnes von Abi Loemnanu gewesen. Der Ana`amnes ist ein ritueller Funktionsträger, schon in der vorindonesischen Periode der Geschichte der Atoin Meto, und als solcher im Besitz der landwirtschaftlichen Rituale. Er besitzt die magischen Kompetenzen, den Regen zu beeinflussen, um den Erfolg der Ernte zu sichern. Von prominenter Bedeutung sind seine meterologischen Kenntnisse, besonders seine Fähigkeit, den Regen vorauszusagen oder anzukündigen, der für den Beginn der Aussaat wichtig ist.

Die erste Tonis-Rede in dieser Nacht hielt Leni Musa Seo, der für seinen Usif Ch.Z. Babys sprach. Wegen der schon erwähnten technischen Schwierigkeiten, verursacht durch meine unzureichende technische Ausrüstung, ging die das Ritual einleitende Rede von L.M. Seo verloren. Die nachfolgend dokumentierte Antwort auf diese Rede, nach der der Bu`it des Lopo Mnasi gebunden werden konnte, hielt Y.Ch. Sapay.
Rituale wie das Tef Lopo sind Anlass für die Männer sich zu versammeln und an Ereignisse aus der gemeinsamen Geschichte zu erinnern, an soziale und politische Begebenheiten, die sich auf die Beziehungen und Funktionen der alliierten Namengruppen beziehen. Die Form der Rede, in der diese regional historischen Texte komponiert werden, habe ich in meiner Analyse die Kuan-Fatu-Chronik grundlegend beschrieben und analysiert.

Die Tonis-Rede von Y.Ch.Sapay

1 Natuin tnen a`an muhin ho tua at ho usi ho ena ma [ ho am ]
Hört alle hier diese Worte und wisst: „Du Ton hast einen Herrn und einen Herrscher, eine Mutter und [ einen Vater.“ ]

2 Pap mese tualem uislem pap mese tualem [ ho enam ]
Wie eine Bindung mit dir sind sie, dein Herr und dein Herrscher, denn dein Herr ist wie [ deine Mutter ]

3 Hen suil on me han tabu [ on me ]
Wie wirst du antworten, wann [erhalte ich!] deine Nachricht [ und wie ]

4 Fun neno moe ma tao nahakeb nain sin nabniben [ nain sin ]
Vor Tagen schon wurde dies alles errichtet und gelagert, aufgeschichtet und getrocknet, [ dies alles hier ]

5 Nak pika tua kenu uis kenu sapa tua kenu [ uis kenu ]
Man nennt es den pika deiner Herren und deiner Herrscher, den sapa deiner Herren und [ deiner Herrscher ]

6 Nalilem nasapnam bi pah Oel Ben bi Maeble bi Kua Muke [ Bi Taek ]
Nalile ma nasapan im Land Oel Ben, in Mae und Nai Lete, in Kua Muke und [ Bi Taek ]

7 Nenonam nao nako Baun nao nok Suman Oel bi (unverständlich) – neno pinat neon [ aklahat ]
Täglich geht er nach Baun, nach Suman Oel, nach (unverständlich) – Himmel, du Strahlender, Sonne, [ du Versengende ] 1

8 Nao nok Fefa Noe Bana ma Bena, ma Ul Mone ma [ Luf ]
Er kam an Fefa Noe Bana und Bena vorüber und Ul Mone und [ Luf ]

9 Tulut natua neu sin na`uis [ sin ]
Dort wurde es ihm gegeben und wurde gefüllt für ihn, von unserem Herrscher, [ von ihm ]

10 Ai` nak batan: tua kenu uis kenu Nau Senu tua kenu [ uis kenu ]
Und man sagt: unser Herr und unser Herrscher in Nau Senu, unser Herr und [ unser Herrscher ]

11 Neon apinat neon [ aklahat ]
Himmel du Strahlender, Sonne [ du Versengende ]

12 Es maine in toilem in lalan nao in toilem [ in
lanan ]
Und beschämt folgte er seinem Pfad und seinem Weg, betrat seinen Pfad und [ folgte seinem Weg ]

13 Onanet ho tua ho usi ho en mam [ ho ama ]
[Und aus diesem!] Grund besitzt du einen Herrn und einen Herrscher, eine Mutter und [ einen Vater ]

14 Pap mese tualem uisfat nao on me he natuin [ on me ]
Und gemeinsam mit deinem Herrn und deinem Herrscher gehst du so, und folgst du [ so ]

15 Olif mam tuan uisfat hen nao on me he natuin [ on
me ]
Als sein jüngerer Bruder gehst du so mit ihm, und folgst du ihm
[ so ]

16 Ho afi hit nekem hit taeket hit nopak [ hit aok ]
Früher waren wir ein Gedanke und ein Gefühl, ein Empfinden und [ ein Leib ] 2

17 Afi Na ton fen nem ma naon [ fen nem ]
Einst brach Na Ton auf und kam hierher [ brach er hierher auf ]

18 Nemat tan fun-fun ma nao lalan nao nok Neke ma Kualinat [ Kau Tae ]
Kam an und streifte herum, folgte dem Weg und kam nach Neke und nach Kualin [ kam nach Kua Tae ]

19 Kua Tae at nakonbon npi`o Boti ma Nome [ Nismaen ]
Von Kua Tae ging er weiter, folgte dem Weg nach Boti und Nome [ Nismane ]

20 Es puen mese ma nak mese ma [ hae mese ]
Der eine Maiskolben und der eine Kopf und [ der eine eine Fuß ] 3

Kommentar

[1] Die verschiedenen Tonis-Texte aus Südamanuban verwenden als respektvolle, ehrende Anrede Höhergestellter die grammatisch-parallele Metapher neon apinat, neon aklahat. A. McWilliam (1989,196) verwendet, ganz laizistisch, die wortwörtliche Übersetzung ins Englische: shining day, glowing day, wobei er die metaphorische Dimension des Wortpaars verletzt und den semantischen Kern dieser Anrede verfehlt, der den sozial höhergestellten Atoin-Meto-Adel mit der herrschaftlichen Atmosphäre des Himmelgotts Uis Neno vergleicht.

Im feudalen Amanuban waren für die Mitglieder des Adels mehrere respektvolle Anreden üblich: ahoit, neno anan und man apinat. Zusammengesetzte Formulierungen wie man apinant, neon aklahat, ahoit alalat oder neon apinat, neon aklahat dienen als Superlative.
Die etymologische Bedeutung dieser Metaphern wirft ein bezeichnendes Licht auf die emotionale Einstellung, die die Atoin-Meto-Bevölkerung ihrer herrschenden Klasse entgegenbrachte, die sie als numinos und sozial überlegen empfand.

Im Feudalismus Westtimors symbolisierten Licht, Sonne und Feuer den Herrscher (uis</em oder usif) als leben- und lichtspendende Wärmequelle im Zentrum einer Polis, der für Schutz und Ernährung seines Volks verantwortlich war. Die oben angegebenen Anreden beziehen sich auf diese Funktion des indigenen Herrschers.
Der Begriff neno hat im Uab Meto drei verschiedene Bedeutungen: In seiner allgemeinsten Bedeutung bezeichnet neno den Tag vom Sonnenaufgang bis zu ihrem Untergang. H.G. Schulte Nordholt (1971,143) weiß zu berichten, dass der autochthone, wie inzwischen auch der christliche Hochgottheit, Uis Neno heißt. Neno bezeichnet aber auch den Himmel und Sonne, besonders when mentioned in parallelism with moon. Es sind atmosphärische Qualitäten wie Licht, Wärme und Leben, die neno ihren Inhalt geben. Uis Neno (Herrscher Himmel / Sonne), die otiose Himmelsgottheit des Feudalismus, repräsentiert diese drei Qualitäten in ganz besonderer Weise. In der Vorstellung der Atoin Meto des Feudalismus war ein Usif eine Emanation Gottes auf Erden, und so ist auch die Anrede Neno Anan nur folgerichtig.
Neno Anan, oder vollständig neno in anan, legt man alltagssprachlich im modernen Amanuban als Kind des Herrschers aus. Legt man die oben erläuterte Bedeutung von neno zugrunde, so wird die ursprünglichere Bedeutung Gott-Kind, göttliches Kind, gewesen sein, eine majestätische Anrede, die im Kontext des hinduistischen Gott-Königtums überzeugt.
Wie es auch immer es gewesen sein mag, fordert diese Anrede die Unterordnung unter ein absolutistisch-feudales Herrschaftsprinzip.

Ahoit, in der Bedeutung von Trockenheit, ist ein deutlicher Hinweis auf die Hitze der verbrennenden Sonne, ein Synonym für die unkalkulierbare Gefährlichkeit eines absoluten Herrschers, dessen Macht, aber auch Willkür, nichts entgegenzusetzen ist. Der jährliche Zyklus von kurzen Regenzeiten und langen Trockenzeiten bildet dazu das natürliche Vorbild.

Der umgangssprachliche Begriff manas, Sonne, aber auch Hitze, kehrt in der Anrede Man Apinat für den Herrscher in der gleichen Bedeutung wieder. Er ist pina, flammend, glühend, oder apinat/em>, der Flammende. Selbst der vorletzte, 1960 verstorbene Uis von Amanuban , Nope, wurde als Usi Pina angesprochen.

Die Bedeutung des Substantivs aklahat in der Anrede Neon Apinat, Neon Aklahat, die für die Tonis-Texte aus Kuan Fatu charakteristisch ist, im modernen Amanbuan aufzuklären, erfordert hypothetische Schlussfolgerung und Interpretation. Aklahat ist Teil des Variationsverses eines grammatisch-parallelen Wortpaars, sodass auf die Bedeutung dieses Lexems relativ sicher geschlossen werden kann.
Im alltagsprachlichen Lexikon des Uab Meto existieren zwei verschiedene Begriffe für das Rösten von Fleisch: nse`i, rösten, grillen, wird für ein Garen von Fleisch in der Glut oder über einem Feuer verwendet, das eher schwelt, als dass es mit heller Flamme brennt. Dieses Feuer wärmt eher, ist wohltuend, als dass es verbrennt. Nal, ein Molo-Lexem, bezeichnet ein Rösten, wobei sich das zu röstende Fleisch nicht über dem Feuer, sondern an einer der Seiten befindet. Wenn das Feuer zu hoch brennt, und das Fleisch, befände es sich über dem Feuer , würde es verbrennen. Der Molo-Dialekt des Uab Meto substantiviert nal zu alalat, das von der Seite her Geröstete. Das Amanuban-Lexem aklahat ist anscheinend eine verfremdete Ableitung von alalat, was im Register der rituellen Rede immer wieder vorkommt. Warum der Begriff nal im Amanuban-Dialekt nicht existiert, und warum aus Molo übernommene Vorstellungen eine Rolle spielen, ibleibt vorerst hypothetisch. Deutlich tritt aber auch in dieser Anrede für den Usif die Atmosphäre des Heißen, der Hitze, in den Vordergrund, und charakterisiert ihn als Lichtgestalt des Himmels.

Durch atmosphärische Qualitäten, die außerdem einen numinosen Charakter aufweisen, derart erhöht, erlebt der Sprecher gegenüber hochgestellten Persönlichkeiten eine Selbsterniedrigung in sozialen und politischen Situationen. In einer feudalistischen Herrschaftsideologie und Machtrepräsentation könnte Neon Apinat, Neon Aklahat als flammender Gott-König, verbrennender (röstender) Gott-König empfunden worden sein. Eine solche Lesart ist aber mit den Empfindungen des modernen Atoin Meto nicht mehr kompatibel, da er politische Macht nicht mehr derart absolut erlebt. Vor einer vereinfachenden Übersetzung, wie sie A. McWilliam sie vorschlägt, scheue ich zurück, und es erscheint mir angemessener, eine semantisch so komplexe Anrede wie Neon Apinat, Neon Aklahat in ihrer Bedeutung historisch und kulturell zu erhalten. Auf jede Bevölkerung, so finde ich, wirkt politische Machtausübung immer ambivalent, hat carikative und destruktive Aspekte.

[2] Für die Exegese dieses Tonis-Verses vgl. Herbert W. Jardner, Damit Dein Herz versteht, damit Dein Bauch begreift!

[3] In den Versen 1 bis 20 berichtet Y.Ch. Sapay in den charakteristischen Tonis-Metaphern von der Migration der Namengruppe Ton nach Südamanuban, in das waldreiche Gebiet des Lamu. Nach einer Odyssee durch das südlich Westtimor, die ihn bis nach Baun in Amarasi führt, erreicht er in den Versen 18 und 19 schließlich die Südküste Westtimors, und kommt in das Gebiet des modernen Kualin.
Der Dichter-Sprecher nennt in seinen Versen mehrere Orte, an denen Ton sich auf seinem Weg aufhält, aber nicht bleibt. In Vers 20, der ihn den einen Maiskolben, den einen Kopf nennt, erreicht er sein Ziel, erhält er von den lokalen Machthabern Siedlungsland.
Die sich wiederholenden Verse, die von einem Herrn und Herrscher sprechen, der wie eine Mutter und ein Vater für Ton ist oder wird, beziehen sich auf den Adressaten der Rede, der einmal der Uis Banam ist, ein anderes Mal der Herrscher im Lamu, Ni Sole.

21 Hae mese es nasufam bin naka`un [ hen bin ]
Einen Fuß setzte er dort, sodass er dort seine Blüten hervorbrachte [ nämlich dort ]

22 Es puen nua ma nak mese [ mese ]
Nämlich die zwei Maiskolben und den Kopf [ den einen ]

23 Nak mese fanai ne [ he mese ]
Den einen Kopf fanai [ nämlich den einen ]

24 (unverständlich) tipon fai nem ma li`on [ fai nem ]
(unverständlich) geht hin und kommt sofort zurück [ kehrt um ]

25 Fun pah ma nol-nolon [ he nao ]
Er durchstreift das Land und schweift umher, umrundet [ um hinzugehen ]

26 Hen fun pah ma tia netu akotis ma tu`in [ akotis ]
Nämlich das Land durchstreift er, bis zur Rückseite des Hügels, der Erhebung [ Rückseite ]

27 Natipon am bin natebon [ am bin ]
Dort rastete er, bis ihn die Botschaft erreichte [ dort ]

28 Ma haken bin ma namnin [ namnin ]
Und dort erhob er sich, und [ dürstete es ihn (nach Land) ]

29 Es na`onim natiu neu in benu in bae bi netu in bian ma tuin [ in bian ]
Sodass er sich schließlich auf den Weg machte, nicht eintreten wollte, bei seinen Freunden, seinem Schwager, von der anderen Seite des Hügels und von der Erhebung [ anderen
Seite ]

30 Anbi tolo kanan ma bonin anbi tolo [ in aen ]
Am geheimen Ort hängend, im Geheimen [ in aen ] 4

Kommentar

[4] Na Ton erreicht auf seiner Wanderung durch Südwesttimor schließlich eine Erhebung, den Hügel Tapan (s.u. Vers 37). Dort beendet er seine Suche nach freiem Siedlungsland und kommt, als Bittsteller und bedürftig, mit den dort ansässigen Namengruppen in Kontakt.
Der weitere Text berichtet dann von der Kontaktaufnahme und den sich entwickelnden Beziehungen zwischen authothoner Bevölkerung und den Neuankömmlingen.

Die Übersetzung der folgenden Verse hole ich später nach. Ich veröffentliche sie im Original als Abschrift der Bandaufnahme, allein aus dem Grund, sie zu dokumentieren und in der Form zu bewahren, in der sie am 29. November 1991 anlässlich des Tef Lopo in Kele komponiert wurden. Meine gelegentlich eingestreuten Kommentare verdeutlichen wichtige Details der weiteren Rede.

31 In aena tan maseun (unverständlich) nanan masaknen [ in aen ]

32 Bi nes tuknen neu oele sa he nabiabok ma bin natalbok [ na oin ]

33 Na`oinam bin natiun [ natiun ]

34 Manekan matalun mapohon ma`aifan [ mahafon ]

35 Neno pinat neon [ aklahat ]
Himmel du Strahlender, Sonne du [ Versengende ]

36 Na Ton ma Bi Leosae abiabok ma [ natalbok ]
Na Ton und Bi Leosae, wie Fremde treffen sie sich dort und [ verbinden sich dort ]

37 Natalbok bi netu Tapan bi tu`an Tapan man [ unverständlich ]
Am Hügel Tapan treffen sie zusammen, auf des Tapans [ unverständlich ]

38 (unverständlich) es bi fe puen nua nak nua [ hae nua ]
(unverständlich) damit die Frau zwei Maiskolben und zwei Köpfe bekam [ zwei Füße ]

39 He inuh kuis nua nak nua [ hae nua ]
Damit die zwei inuh kuis, die zwei Köpfe, [ die zwei Füße ]

40 Nabiabok lek-leko natalbok [ lek-leko ]
Wie Fremde, die gut zusammentreffen, wie Fremde, die eins werden [ gut ]

41 Mone nae moen [ kliko ]
Der ältere Mann, der Mann, der [ jüngere ]

42 Loim in to`en loim in [ o`ok ]

43 O’ok lek-leko ma batiok [ lek-leko ]

44 Bi Bestuk tan tipon fai neman li`on [ fai nem ]
Bi Bestuk kommt umkreist sie, kehrt um, kommt zurück und [ kehrt um ]

45 Es oe kanan ma bonin nok hau kanan [ ma bonin ]
Nämlich die Quelle mit dem Namen und dem Ruf, das Gehölz mit dem Namen und mit dem [ Ruf ]

46 Ai` nok oe kanan ma bonin afu kanan [ ma bonin ]
Oder die Quelle mit Namen und Ruf, die Asche mit Namen und [ Ruf ]

47 Oetbolan nat makana` kun ma Faut Maka makana` kun [ maboni kun ]
Oetbolan hat einen eigenen Namen und einen eigenen Ruf, und auch Faut Maka hat einen eigenen Namen und einen [ eigenen Ruf ]

48 Neno pinat neon [ akalhat ]
Himmel du Strahlender, Sonne du [ Versengende ]

49 Fini tu`in bian ma tu`in [ in bian ]

50 Litkofa, Bi Leosae (unverständlich) Bi Betnai (unverständlich) Feotnai mu`i kun metan pukan [ unverständlich ]
(unverständlich) Eine Feotnai besitzen sie, ihr metan pukan 5

Kommentar

5 Wer Litkofa, ein Klanname, ist, kann ich nicht mehr sagen. Leosae und Betnai sind durch die Personalpartikel Bi, eine Anrede für hochstehende Frauen, charakterisiert. Die Feto Nai, ein Titel, sind weiblich konnotierte Funktionsträger, die in einer inferioren Beziehung zu den Herren von Kuan Fatu stehen – hier wahrscheinlich zu Ton. Sie sind auf jeden Fall diejenigen, die für die Erntetribute ans politische Zentrum zuständig sind, vielleicht auch potentielle, präskriptive Heiratspartner.

Die beiden Formulierungen metan pukan in Vers 50 sowie in Vers 52 ana`a metan beziehen sich auf Paraphernalien, die der Ana`amnes in den Ritualen der Landwirtschaft verwendet. Besonders ein schwarzes Tuch (metan, schwarz) bezieht sich auf die ersehnten, dunkeln Regenwolken, die der Ana`amnes herbeirufen soll.

51 Bi netu in bian ma tu`in [ in bian ]
An der anderen Seite des Hügel, auf der Erhebung [ anderer Seite ]

52 On Finit Babis Sapai tan mu`i kun ana`a metan [ unvollständig ]
Denn Finit, Babis und Sapai besitzen ihren ana`a metan [ unvollständig ]

53 Neon apinat neon [ aklahat ]
Himmel du Strahlender, Sonne du [ Versengende ]

54 Ak ini utu`in ak ini Na Ton [ unvollständig ]

55 Fain on bi`a enam mnasi fafi enam [ mnasin ]
Desweiteren sechs altehrwürdige Wasserbüffel, sechs Schweine [ die altehrwürdigen ]

56 Na neno i lo-lo`on on keos tenu moen [ tenu ]

57 Moen tenu bi Maeblet Kua Muke [ Bi Taek ]

58 (unvollständig) on tatakem tatuin ontak enaf senam tefu ma uki – neno pinat neon [ aklahat ]

59 Afi bi Mae Nai let tan Kua Muke [ Bi Taek ]
Einst in Mae und Nai Lete, in Kua Muke und [ Bi Taek ]

60 Hit takam on at maena maama ok [ maen ]
Trafen wir zusammen mit unserer Mutter, mit unserem [ Vater ]

61 Na Pinset matua neun mauis [ he neun ]
Mit Na Pinset (Name unklar), ihren Herren und Herrschen [ ihren ]

62 Auk me natua neun ma nauis [ he neun ]
So sage ich es: ihren Herren und Herrscher [ den ihrigen ]

63 He keos tenu moen [ he tenu ]
Damit die acht Stiere, die Männer [ die acht ]

64 Nakalu natikan nasapan na`aut natulan nasekon nao nok Bena Ul Mone Ul Fam ne [ Fatu Ul ]
Sich treffen und sich versammeln, in Bena und Ul Mone, in Ul Fam und [ in Ul Fatu]

65 Ai` annao nok Suman Luk Usa, Nulai am Oele [ Oe (unvollständig) ]
Oder gehen nach Suman und Luki Usan, nach Nulia und Oe (letzter Ortsname unklad)

66 Bi Kotam bi Mae Nai Let Kua Muke [ Bi Taek ]
Hinein nach Mae und Nai Lete, nach Kua Muke und [Bi Taek]

67 Bi Taek natik nan ma nasaple [ in aen ]
Um Bi Taek auszudehnen und weit zu machen [ so heißt es ]

68 Helnan oin makuke ma nuanan sis [ makuke ]
Um den jungen Honig hereinzuziehen und hereinholen das Fleisch [ das junge ]

69 Natik ma nahin nahao aham ne [ nafati ]

70 Es in nateke natunu nak lukuni tasi misola nai ko`u bi Maeple Kua Muke [ Bi Taek ]

71 Neon apinat neon [ aklahat ]
Himmel du Strahlender, Sonne du [ Versengende ]

72 Fu`a noni tua kenu ma fu`a opa matua kunut [ mausi kun ]

73 Es meo feto meo mone es Soel feto Soel [ mone ]
So wie der Meo Feto und der Meo Mone, wie Sole Feto, Sole [ Mone]

74 Neno pinat neon [ aklahat ]
Himmel du Strahlender, Sonne du [ Versengende ]

75 Nao klof alat nahaekbon ma namnibon kam nikan fa kam enib fa ho tuan ho usim ho enam [ ho amam ]

76 (unverständlich) Ben in nanan mam Bi Baki [ in nanan ]
Bena hinein und nach Bi Baki [ ins Innere ]

77 In nanan bi So`et, Oenai Nob Nobi, taman bi Hu`e le` i Oe Fafi [ le` i ]
Hinein nach nach So`et, Oe Nai, Nobi Nobi, nach Hu`e dort und Oe Fafi [ dort ]

78 Sin es nao nok kibi in enon in lanan nao nok plenat in enon [ in lanan ]

79 Matua mausi maena [ maama ]
Mein Herr und mein Herrscher, meine Mutter und [ mein Vater ]

80 Nabela in nekan in tanin in nopan [ in lanan ]
Erwägt in seinem Verstand, in seinen Gefühlen, seinem Empfinden und in [ seinem Inneren ]

81 Nak he nikan in en kenu in am kenu in natika in nasap`en neka neon ka leko anten nenon [ ka leko ]

82 Es in fen nem ma nao [ nao nem ]

83 Makoti makalina es mut`im olali tia poh nek nani ma na` nek [ nani ]

84 Mut`im olali na`ko pah Jerman tan poh nek nani ma na` nek [ nani ]

85 He nak alat bi pah Jerman tan poh nek nani ma na` nek [ nani ]

86 Henati in kiso ma lino na`et nan kit altem bi Mae Ni Let buk ma [ hit alkit ]

87 Neon apiant neon [ aklahat ]
Himmel du Strahlender, Sonne du [ Versengende ]

88 Kimo ma mesifo [ unverständlich ]

89 Tan holo kit mapoina kit maena in toin in lanan nao in toin in lanan nao le` in toin [ in lanan ]

90 Mubela ho nekmam ho taemam mubela ho nopmam [ ho lanam ]

91 Metnam tuan uisnat po`uk tuanam [ unverständlich ]

92 He usa` au uba ho kanam ho bonim ho nekan ka leko ho temen [ ka leko ]

93 Es ahaket i [ ka leko ]

94 (unverständlich) he makam supan kahaf maf le`u henati mukfili lekan kau muk poni
[ lek-leko ]

95 Ho ua ma usi ho enam [ ho amam ]

96 Henati suil on me hen tek [ on me ]

97 Tan simon lek-leko man topun [ lek-leko ]

98 Nak neu nabi`ba nain kit natalab [ nain kit ]

99 Nain kitim bi Mae Ni Let Kua Muke [ Bi Taek ]

100 (unverständlich) bi Sumnan, Liukus Liulai, Oe Ben [ Oe Ben ]

101 Oe Benam, Un Monet Lulfam [ unverständlich ]

102 (unverständlich) nak pika tua kenu uis kenu sapa tua kenu [ uis kenu ]

103 (unverständlich) to nifum to natun to hotun to te`en tua kenum me [ uis kenu ]

104 Pah Mae Ni Let Kua Muke [ Bi Taek ]

105 In taet nanimbon nako-koabon tua kenu ma [ uis kenu ]

106 Uis kenu es la keos ha [ moen ha ]

107 On fini batis ma [ unverständlich ]

108 (unverständlich) es ta`ekum tatef in lanan in toinam in a`an ma naona in poinam na [ in lanan ]

109 Ho tuam ho usim ho enam [ ho amam ]

110 Es an simo lek-leko ma topu [ lek-leko ]

111 Neon apinat neon [ aklahat ]
Himmel du Strahlender, Sonne du [ Versengende ]

112 Maama es i maenat [ es i ]

113 Maanah es i maenat [ es i ]

114 Neon apinat neon [ aklahat ]
Himmel du Strahlender, Sonne du [ Versengende ]

115 Es aenan in tonin nahun namuin nokat unaobe in toni nahun nokat [ namuin nok ]

116 Namuin tol es i on metan mas kan metan po`uk on tuan am [ in usin ]

117 In usin neon ini Pu`ulan tuanem [ unverständlich ]

118 (unverständlich) aenat on i naonaet [ on i ]

119 Nao nem ma taosem [ ma onin ]

120 Bena tofa besi heli bi Mae Ni Let tat Kua Mukem [ Bi Taek ]

121 Funam natef tanonom [ natef ]

122 Nonom ma bembef at funum natef at tanonom [ natef ]

123 Bi in toin ma mnen [ in a`an ]

124 Niou tuan at usif ulan tuan ma [ usif ]

125 Metan po`uk tuan am usin es i Ton es i bi Maeblet Kua Muke [ Bi Taek ]

126 Hit tapun`ok neun tafle`ubok [ he neun ]

127 He taham bin tinum [ hem bin ]

128 Maam neun mat maen [ neun ]

129 On bi`a ena mnasim on faif ena [ mnasin ]

130 Neon apinat neon [ aklahat ]
Himmel du Strahlender, Sonne du [ Versengende ]

131 Tatulu tak (unverständlich) tasi ini sola ini nai ko`u bi Mae Ni Let at Kua Muke
[ Bi Taek ]

132 Maut he tutat on i ma netet [ on i ]

133 Nati nekem neno nahinem tem neno [ nahin ]

134 In ka tonin am le`un in ka a`an [ am le`un ]
Seine Rede ist fehlerhaft, seine Worte sind [ falsch ]

Weit nach Mitternacht endete das Ritual mit einem opulenten Mahl, dass die Frauen im Hause Ton zubereitet hatten und nun auftrugen.

Anmerkung

Feldforschungstagebuch Amanuban: 29. November 1991

Datum 29.11.1991 / 18:00 – 03:00 Uhr
Ort Kele; Südamanuban; anlässlich Tef-Ume-Ritual bei Ton zuhause
Teilnehmer Charles Zeth Babys; Y.Ch. Sapay; Musa Seo; Th. Babys; HWJ
Daten diverse Interviews: Tef Ume; Tonis; regionale Geschichte Kuan-Fatu-Perspektive

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