Die Tagebücher

Das Indonesische Tagebuch enthält streng subjektive Texte. Sie mischen Faktum und Fiktion als eine Melange. Sie sind searches in der Terminologie von Bruce Chatwin. Sie flechten Realität und subjektive Wirklichkeit in ein persönliches Muster der Begegnung. In diesem Verständnis offenbart Wirklichkeit eine reale und eine fiktionale Dimension. Ich verzichte in ihnen nicht auf die Schilderung meiner eigenen Befindlichkeit in der Situation von Fremdheit und interethnischer Begegnung. Darin unterscheidet sich meine Suche von der Chatwins, denn sie orientiert sich an dem Vorbild Hubert Fichtes, dessen Ethnopoesie den Kanon einer subjektiv ausgerichteten Ethnographie darstellt. Bruce Chatwins Prosa beschreitet zwar den richtigen Weg, anders als Fichte bleibt sein Erzähler als erlebendes Subjekt aber bewusst hinter seinen Texten verborgen. So sehr meine Texte auch der Wahrheit verpflichtet sind, die immer nur eine subjektive sein kann, sind sie doch auch in einen Prozess der Erfindung eingebunden.

Meine Tagebücher habe ich im Feld geschrieben, wie der Ethnologe sagt. Sie sind mir aus dem unmittelbaren Erleben in die Feder geflossen, um eine Metapher zu bemühen. Sie erzählen von einem seit Kindertagen geträumten Abenteuer, von einer selbst gewählten Herausforderung, von einem Auftrag, den ich mir selbst gestellt habe, um den mich niemand gebeten hat. Allein auf mich gestellt, anfangs ohne einheimische Kontakte und Unterstützung, naiv und unerfahren durch eine Fremde taumelnd, die ich erst allmählich begriff.
Die Tagebücher erzählen von ungeahnten Schwierigkeiten, nur schwer zu bewältigenden Herausforderungen, von amüsantem Scheitern und bitteren Enttäuschungen. Auch davon, wie ich Freunde und Begleiter fand, mir mehr Hilfsbereitschaft, Anerkennung, Respekt und Verständnis zuteil wurde, als ich mir je hätte vorstellen können. Und zuletzt auch davon, wie über individuelle Unterschiedlichkeit und kulturelle Grenzen hinweg, an entgegengesetzten Enden der Welt, Menschen zueinander gefunden haben, denen gerade dieses Interesse an ihrer gegenseitigen Unterschiedlichkeit Anlass gab, aufeinander zu zu gehen und ihr Leben für eine Weile zu teilen.
Sie erzählen auch davon, wie ich schließlich in mein wissenschaftliches Projekt hineingewachsen bin, mich persönlich durch die Unterstützung von Freunden weiter entwickelt habe, und schließlich reich beschenkt in die Heimat zurückkehrt bin.

In diesem Sinne ist das Indonesische Tagebuch Reiseliteratur.
Das Feldforschungstagebuch dagegen versucht eine Brücke zwischen subjektiver Betroffenheit und dem Konsens wissenschaftlicher Diktion zu schlagen.

Die Mühe, mit dem einmal erreichten Reflexionsniveau die alten Ufer der ethnographischen Fakten neu zu vermessen, birgt manche Versuchung. Es gibt aber nur eine wirklich wichtige Frage: Kommen in diesem Versuch die relevanten Fragen zu kurz?

Was erforderlich ist, das Fremde angemessen darzustellen, hat schon vor Jahren die Writing-Culture-Debatte, beginnend mit Clifford Geertz´ dichten Beschreibungen, ausführlich erörtet.
Da man über das Fremde nicht angemessen schreiben kann, nennt Hubert Fichte seine Texte Reiseschreibung und trennt, beinahe verschämt, den Präfix be- vom substantivierten Verb.
Die von mir gesammelten Daten verweigern sich einer rückblickenden Vereindeutigung. Dies ist eine wichtige Beobachtung, bringt doch der retrospektive Blick aktiv hervor. Er ahmt nicht nur einfach nach. Auch das lehrt uns die Lektüre von Hubert Fichtes Werk. Dieser reklamiert, sein Werk sei Ethnopoesie. Ein zweites Erschaffen von Welt und Kultur. Poiein.

Jede Exotisierung der Fremdheit ist unangemessen. Trotz seiner großen Anstrengung bleibt auch der Ethnograph letztlich ein Tourist. Ein Reisender in Sachen Wissenschaft und ein Vertreter seiner kulturellen Wahl. Eine solche Bemerkung hat nichts Abwertendes, sondern soll selbstkritisch verstanden werden. Niemand kann aus seiner Herkunft heraus.

Der Ethnologe muss, wie der Tourist und der Reisende auch, der eigenen Befremdung wie der fremden Kultur Respekt und Aufmerksamkeit schenken. Anders als für den Touristen besteht für den Ethnologen allerdings die Pflicht zur Reflexion.
Lässt sich der Ethnologe in seinem Text verleugnen? Geht das überhaupt: Die fremde Kultur NUR beschreiben und verständlich machen? Zu welchem Sinn?

Fremdheit und Befremdung lassen sich nicht gegenseitig ausspielen!

Der Befremdung durch das Fremde, dem ausgrenzend Un-Heimlichen – im Sinne von niemals Heimat – lässt sich nur in Begriffen der eigenen kulturellen Struktur begegnen. Die Integration der eigenen subjektiven Betroffenheit in der ethnologischen Begegnung in den wissenschaftlichen Dialog ist unvermeidbar. Das haben wir von Antonin Artaud, Michel Leries und Hubert Fichte gelernt. Diesem Anspruch muss sich unser ethisches Credo als Ethnologen und Reisende stellen.

Mein Schreiben über das Fremde ist gleichzeitig ein Schreiben über mich. Ethnopoetisch.

Das Feldforschungstagebuch schildert meine Forschungsdaten chronologisch und in unausgewerteten Zustand – Forschung in situ. Für Außenstehende sind sie deshalb nicht unmittelbar nutzbar. Vielmehr verstehen sie sich, unkommentiert, als Hintergrund meiner Darstellung der Atoin-Meto-Kultur, über die ich nicht nur in diesem Blog, sondern auch in vielen anderen, unterschiedlichen Zusammenhängen gesprochen und geschrieben habe.

Anmerkung

Das Feldforschungstagebuch schließt sich chronologisch unmittelbar an das Indonesische Tagebuch an. Mein Indonesisches Tagebuch beschreibt die ersten Monate meines zweijährigen Aufenthalts in Indonesien, erst ganz zuletzt in Timor, und schildert die Umstände, die schließlich zu meiner Feldforschung über die textile Tradition und die mündlichen Dichtungen der Atoin Meto in Amanuban geführt haben.
Handelt das Indonesische Tagebuch von privaten Eindrücken und Befindlichkeiten, dokumentiert das Feldforschungstagebuch die Umstände meiner Datenerhebung im ethnologischen Feld.
Diese beiden Qualitäten, privat und wissenschaftlich, definieren den charakteristischen Unterschied zwischen meinen beiden Tagebuchsorten, die dabei gänzlich verschiedene Motive und Ziele verfolgen.

Copyright 2014. All Rights Reserved (Texte und Fotografien)

Die Feldforschungstagebücher sind urheberrechtlich geschützt. Die Kapitel (Websites) dürfen nicht kopiert und die Inhalte nur zum privaten Gebrauch verwendet werden.
Jegliche unautorisierte gewerbliche Nutzung ist untersagt.

Advertisements
  1. Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: