Das Eno-Kiu-Tagebuch

Feldforschung als Begegnung

Obwohl der Entstehungszusammenhang ethnologischer Daten meist verschämt verschwiegen oder nur explizit angedeutet wird, bewegt sich ethnographische Forschung doch immer zwischen den beiden Polen der Subjektivität des Wissenschaftlers und seinem Bemühen, die in fremden Kulturen gesammelten Daten nach dem Reglement zu präsentieren, das ihm seine Wissenschaft vorschreibt. Ironisch getönt findet Vincent Capranzano für diesen Konflikt die geeignete Formel, indem er den Ethnographen mit dem Götterboten Hermes vergleicht: Als Hermes die Aufgabe des Götterboten übernahm, versprach er Zeus nicht zu lügen. Aber er versprach nicht, die ganze Wahrheit zu sagen. Zeus verstand. Der Ethnograph nicht.

Die Auseinandersetzung mit ethnographischen Monographien und ethnologischen Analysen führt zu der überraschenden Feststellung, dass in der Mehrzahl dieser Publikationen der Autor sich nicht als Subjekt versteht. Erst in der jüngeren Vergangenheit verspüren Ethnologen vermehrt das Bedürfnis, offen über die subjektive Dimension ihrer Feldforschung zu berichten. Thomas Hauschild, der sich um die Innenansicht der Feldforschung, um die Bedeutung von Feldforschung als Selbsterkenntnis bemüht, befürchtet noch die Ausgrenzung der ganzen Richtung als zu persönlich, zu subjektiv. In einem kleinen Aufsatz über seine Feldforschung in Italien versichert er daher, hier nicht seine idiosynkratische Meinung äußern zu wollen, sondern das Allgemeingültige auch der subjektiven Seite der Feldforschung zu schildern. Schließlich ist es unsere Aufgabe als Ethnologen, nach dem Regelhaften oder zumindest Modellhaften im Einzelfall zu fragen. Die Ausleuchtung des Hintergrunds einer ethnologischen Feldforschung sowie eine öffentliche Reflexion der Entstehungsbedingungen ethnologischer Daten, wie sie von J.Clifford, G.Devereux, D.Tedlock, E.Smith Bowen, H.P.Duerr und V.Crapanzano und anderen inzwischen vorgeführt wurden, öffnen den Weg für eine andere Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und dem Fremden in uns. Bei den meisten ethnographischen Monographien handelt es sich um performative Akte, um Magie, die Handlung und Wort in den Dienst einer Sache stellt, die das klassische Vorgehen des Ethnologen, der aus individuellen Äußerungen ein statisches Bild einer Kultur schmiedet, zu verschleiern. Traditionelle ethnographische Monographien reden ihre Ergebnisse herbei, beschwören sie, schaffen kulturelle Realitäten, die so nie existiert haben, es sei denn in den Köpfen ihrer Autoren. Der Bruch mit der Tradition des Malinowskischen Mythos liegt wohl darin, dass wir heute versuchen, die Grenzen der Feldsituation und den Entstehungszusammenhang der Daten offen zu schildern. Ob die so entstehenden neuen Monographien fremde Kulturen besser widerspiegeln als die Schriften der Klassiker unseres Fachs, wird sich erst noch erweisen müssen.

Jeder Feldaufenthalt, unabhängig davon, zu welchem Ziel er führt, ist eine, durch den eigenen Leib vermittelte, von der eigenen Person getragene, intensive Einlassung auf ein fremdes Normen- und Wertesystem. Dieses Einlassen auf das eigene Studienfeld bewegt sich im Umkreis ichbezogener Tatsachen. Hermann Schmitz zeigt in seiner Analyse des Gefühlsraumes, dass es Tatsachen gibt mit gleichsam singulärer Bestimmtheit, nämlich alle Tatsachen des affektiven Betroffenseins: Diese sind nur bestimmt für den Betroffenen und werden deshalb und in diesem Sinne als subjektiv bezeichnet. Insofern er betroffen ist, ist alles, was er ist, in einer gewissen, nur für ihn gültigen Weise nuanciert. In meinen Essays über die Söhne Timors geht es mir um dieses affektive Betroffensein in der Feldsituation. Insbesondere geht es mir um die Auswirkung meiner eigenen Affektivität und Betroffenheit auf den Entstehungszusammenhang meiner Daten.

Feldforschung ist die Methode der Datengewinnung und für die Ethnologie charakteristisch. Diese Feststellung, ein alter Hut, drückt den Minimalkonsens ethnologischer Forschung aus, der besagt, dass die ethnologische Datenerhebung unlösbar an die Feldforschung gekettet ist. Feldforschung an sich ist aber keine Methode. Allenfalls ein Forschungsunternehmen, das sich durch eine charakteristische Kombination von Methoden auszeichnet. Die wichtigste, seit den Tagen von Adolf Bastian und Bronislaw Malinowski, ist die sogenannte teilnehmende Beobachtung, Paradox und Widerspruch zugleich.
Der große Verdienst dieser damals neuen und ungewöhnlichen Methode bestand darin, die metaphysischen Spekulationen des klassischen Evolutionismus durch Begegnung, Zwischenmenschlichkeit und direkte Interaktion, durch das Sammeln von Fakten vor Ort zu ersetzen. Jede Feldforschung muss aber auch den Nachteil bekennen, dass die gemäß dieser Methode erhobenen Daten insofern eine einmalige Qualität darstellen, als sie unwiederholbar sind. Darüber hinaus sind sie von extremer Subjektivität gezeichnet. Bieten die metaphysischen Spekulationen des klassischen Evolutionismus heute die Möglichkeit durchdenkend nachvollzogen und kritisiert zu werden, so verweigert die Subjektivität der Daten einer ethnologischen Feldforschung gerade diese Möglichkeit aufgrund ihres spezifischen Entstehungszusammenhangs.

Schon 1881 forderte Bastian von der Ethnologie, eine induktive Wissenschaft zu sein und den Versuch zu unternehmen, sich an den Menschen selbst zu wenden, ihm selbst die Antwort abzufragen. Mit dieser Forderung eröffnete Bastian eine neue Sicht: die der ethnologischen Begegnung und ihren besonderen Diskursbedingungen. Diese werden aber erst heute in ihrer Auswirkung auf Datenerhebung und -auswertung verstanden. Obwohl nicht der erste, so ist wohl Malinowski der erste ernstzunehmende Praktiker der ethnologischen Feldforschung. Malinowski versteht unter guten Arbeitsbedingungen, dass sich der Feldforscher ohne andere Weiße direkt unter den Eingeborenen aufhalten sollte. Und das, was Malinowski unter guten Arbeitsbedingungen verstanden hat, wurde für Generationen von Ethnologen die Methode an sich. Die Erwartungshaltung eines wissenschaftlichen oder Laienpublikums fordert seit den Tagen Malinowskis dem Ethnologen ein dort gewesen sein im vollen Wortsinn ab. Die Feldforschung geriet in den Ruf, eine Lehranalyse zu sein, die Initiation in eine Vereinigung von Wissenschaftlern. Sie sollte mehr oder weniger zu einer Transformation der Persönlichkeit des Initianden führen, in ein Leben nach dem Kulturschock.

In der Reflexion seiner eigenen Erfahrungen in Brasilien hebt Lévi-Strauss in Traurige Tropen das Ideal des Dort-Gewesen-Seins als Inbegriff ethnologischer Forschung süffisant hervor: Heutzutage, schreibt er, ist es ein Handwerk, Forschungsreisender zu sein; ein Handwerk, das nicht, wie man meinen könnte, darin besteht, nach vielen Jahren intensiven Studiums bislang unbekannte Tatsachen zu entdecken, sondern eine Vielzahl von Kilometern zu durchrasen und – möglichst farbige – Bilder oder Filme anzusammeln, mit deren Hilfe man mehrere Tage hintereinander einen Saal mit einer Menge von Zuschauern füllen kann, für die sich die Plattitüden und Banalitäten wundersamerweise in Offenbarungen verwandeln, nur weil ihr Autor, statt sie an Ort und Stelle auszusondern, sie durch eine Strecke von zwanzigtausend Kilometern geadelt hat. Was bei Lévi-Strauss literarisches Stilmittel, spöttisch-überhebliche Attitüde ist, war in den letzten Jahrzehnten des 20.Jahrhunderts traurige Wirklichkeit – wissenschaftliche Forschung nützt zuallerletzt den von ihr Betroffenen. Forscher trampeln durch die Dritte Welt betitelt U.Schnabel treffend einen Artikel, der die Frage aufwirft, wer denn die Erforschten vor Willkür und Ausbeutung einer Wissenschaft schützt, die nur ihrer eigenen Profilierung verpflichtet ist. Ironisierend bemerkt er, der Lévi-Strausschen Kritik nahekommend: Für den Wissenschaftler ist jetzt wieder Reisezeit. Denn mit dem Ende der Vorlesungszeit wird für viele Professoren und Studenten der Weg frei zur Feldforschung. Und dies gilt längst nicht mehr nur für einige wenige Völkerkundler/innen und Anthropologen. Die vorgetragene Kritik weist jedoch nur auf die eine Seite wissenschaftlicher Forschung, besonders der ethnologischen, hin. Sie greift gleichzeitig aber auch die Popularität des Dort- Gewesen-Seins erneut auf und legitimiert die Feldforschung allgemein als wissenschaftliche Methode.

Wie ist nun ihre andere Seite, die Authentizität des zusammengetragenen Datenmaterials, beschaffen? Der Ausschnitt der Realität, den eine ethnologische Forschung zu ihrem Gegenstand macht, ist Anderen nur schwer zugänglich. Überdies schieben sich zwischen den Ethnologen und seinen Untersuchungsgegenstand räumliche, sprachliche und soziale Barrieren und behindern so seine Erkenntnismöglichkeiten. Unter diesen Bedingungen gerät die Suche nach kultureller Authentizität, nämlich ganzheitlich das zu erforschen, was Schmitz als vielsagenden Eindruck begrifflich gefasst hat, zu einem kulturellen Schnappschuss, vor dem sich Sachverhalte, Programme und Probleme häufig genug nur diffus und unscharf, oft aber auch unterscheidbar und sehr verschieden abheben. Für Ethnologen, deren wissenschaftliche Arbeit es erfordert, sich theoretisch gut, menschlich allerdings nur mäßig diesen Eindrücken zu überlassen, geraten ihre Feldforschungen zu einer Art Diskurs zwischen Taubstummen, die während des Verlaufs der Feldforschung eine spezifische Weise der Kommunikation einüben. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass der sich allmählich entwickelnde Kommunikationsprozess gleichzeitig der Prozess der Datenerhebung ist. Aber auch darauf hat Lévi-Strauss in seinem literarischen Essay schon hingewiesen: Und hinterhältig beginnt nun die Illusion ihre Netze zu spinnen. Ich wünsche mir, zur Zeit der wahren Reisen gelebt zu haben, als sich in all seiner Pracht ein Schauspiel darbot, das noch nicht verdorben, verseucht und verflucht war. Doch eine Authentizität, wie sie sich Lévi-Strauss erträumt, gab es entweder nie oder sie befand sich schon immer in Auflösung; denn Kulturen unterliegen einem permanenten Wandel.

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