Eno Kiu: 10. Juni 1991

Mein heutiger Besuch in Eno Kiu dient der Beziehungspflege, keiner konkreten Datenerhebung. Die hier versammelten Informationen betrachte ich als Oberflächenfunde, die nicht auf systematische Weise entstanden sind. Dennoch ist es mir wichtig, diesen Tag in meinem Feldforschungstagebuch festzuhalten.

Auch heute das gleiche Versprechen: alles ursprünglich, alles indigen. Abraham Sakan bleibt bei der Meinung, dass wir die Weberei von der Picke an aufwärts lernen müssen. Ohne Ursprung, kein Ende, ka mauf, ka matunaf (un, Baumstamm; tunan, Zweigspitze), sagt er, und zitiert ein beliebtes Sprichwort, dass ich inzwischen häufig gehört habe.
Für ihn bedeutet das: Heidrun wird von seiner Frau unterrichtet. Wir beide dokumentieren die Umstände der Textilproduktion. Er ignoriert großzügig, dass Heidrun seit Wochen mit einer Weberin zusammenarbeitet, bereits einen Lotis fertiggestellt und aktuell an ihrem ersten Ikat webt, dessen Färbung bevorsteht. Er wei0 auch davon, dass wir an einem zweiten Webprojekt mit Cornelis Talan, der für uns einen weiteren Ikat webt, in Oepuah arbeiten.
Heidrun, die befürchtet, in Eno Kiu wochenlang einen Ikat abzubinden, ist nicht einverstanden. Als auch seine Frau Joanna sich verweigert, lässt Abraham von seiner Idee ab.
Stattdessen schlägt er einen Rundgang durch Eno Kiu vor, um weitere Bewohner für die Mitarbeit an unserem Webprojekt zu gewinnen. Diesen Rundgang verbindet Abraham mit einer Verpflichtung. Im Kuan werde an gerade ein Haus mit Humusu gedeckt, und daran müssten wir uns beteiligen. Einen kleinen Beitrag leisten, zu dem er als Nachbar ohnehin verpflichtet ist.

Auf Abrahams Bitte habe ich ihm die letzten deutschen Münzen mitgebracht, die noch übrig waren. Diese machen die Runde. Sie werden ausführlich betrachtet und mit Kommentaren bedacht, die ich nicht gut verstehe.
Im Vordergrund steht der Wert der Münzen, und die Frage, ob sie wohl auf einer Bank eingewechselt werden können. Als ich das verneinte, verschwand das Interesse an den Münzen. Joanna dachte praktischer. Sie schlug vor, die Münzen für die Verzierung des Trägers einer Beteltaschen (aluk) zu verwenden, ein Vorschlag, der Abraham sichtlich gefiel. Er versprach seiner Frau, er wolle darüber nachdenken.
Die beiden Fotografien des deutschen Winters, die Heidrun Mutter geschickt hatte, waren eine kleine Sensation. Niemand konnte sich ein solches Klima vorstellen. Meine Kommentare nahmen in der Phantasie unserer Gastgeber so in Anspruch, dass die Wirklichkeit schließlich ganz verloren ging. Eine winterliche Atmosphäre, Schnee in dieser Menge, und dann zu Eis gefrorenes Wasser, konnten sie sich nun wirklich nicht vorstellen. Alle waren beeindruckt und redeten noch lange über das Es Jerman.

Obwohl die Heidrun und Joanna nicht einverstanden sind, schneidet Abraham das leidliche Thema, ein Ikatgewebe in seinem Haus anzufertigen, erneut an.
Abraham holt einen seiner Mau aus einem der hinteren Räume seines Steinhauses. Er zeigt verschiedene Motive, alle in Ikat realisiert. Trotz seiner ausdrücklichen Beteuerungen, es dürfe auf keinen Fall gekauftes Garn und synthetisch hergestellte Farbe (kasumba; v.a. rot) zur Herstellung eines Ikatgewebes verwendet werden, war an seinem Mau, außer der Naturfarbe Indigo, nichts mehr überlieferte Norm.
Abraham zeigt mir weitere Hüfttücher mit unterschiedlichen Motiven. Die Namen dieser Motive gebe ich hier nur deshalb wieder, um zu dokumentieren, welche Motivnamen Abraham und Joanna kennen und selbst verwenden:

  • Kauna und besimnasi, für ein Motiv, das ein stilisiertes Krokodil zeigt, das aus zwei großen `kaif-Rauten aufgebaut war. Die Echse ist so groß und plump, das sie sich über die ganze Mittelbahn (nanaf) ausbreitet.
  • Kauna oder teke für ein Motiv, das aus zwei sich mit den Köpfen berührende Geckos besteht.
  • `kaif naek oder `kai bi`a suna für ein Motiv, das die vier alternierenden tola zeigt, deren Zentrum viergeteilt ist.
  • kai mnutu für ein Motiv, das eine filigrane Variation eines `kaif naek darstellt.

Eine enttäuschendes Ergbnis. Wenig Neues! Später erinnert sich Joanna an einen weiteren Motivnamen: den `kai fetin, den sie uns sofort am Mau eines Nachbarn zeigt, der gerade vorbeikommt.
`Kai naek oder `kai maneuk und `kai fetin lassen sich auch auf den ausgewerteten Beispielen durch die unterschiedliche Form der Haken (`kaif) auseinanderhalten.

Tef ume in Eno Kiu

Bevor wir aufbrechen ist es Mittag geworden. Wir gehen durch eine kleine Schlucht, vorbei an einer der Wasserstellen von Eno Kiu, hinüber auf die nächste Anhöhe. Die Wasserstelle ist ein gemauerter Kasten (bak), der ein Abflussrohr besitzt. Das Wasser stammt von einer Bergquelle und wird in der Bak gesammelt und grob gesäubert. Durch ein Rohr fließt das Wasser aus der Bak in einen Bach mit Namen Noe Leku, einem der Zuflüsse des Noe Fatu.
Kurz hinter der Quelle liegt die Grundschule von Eno Kiu, eine SD Negeri 4. Die Schule ist der ganze Stolz von A, der sbraham, der sie liebevoll meine Schule nennt. Das Gebäude, ein großer, langgestreckter Bau, der aus zwei getrennten Flügeln besteht. Ungefähr 160 Schüler werden in sechs Klassen von den sieben Lehrern unterrichtet, die abseits vom Schulgebäude in modernen, wellblechgedeckten Steinhäusern (rumah sehat) wohnen.
Gegenüber der Schule steht ein weiterer Neubau. Das Dach ist größtenteils eingedeckt. Auf dem Dach sitzen fünf junge Männer, die damit beschäftigt sind, Humusu-Bündel auf die hölzerne Dachkonstruktion zu binden. Unter dem Dach, im kühlen Schatten, sitzen alte Männer, kauen Betel, rauchen und palavern. Ein lautes Hallo. Ich treffe alte Bekannte vom TV-Shooting im Sonaf von Niki Niki.

Das Haus: ein viereckiger Grundriß, eine ungefähr 10 mal 5 Meter überdachte Grundfläche. Die Dachkonstruktion wird von drei Reihen mit jeweils vier gegabelten Stützpfeilern getragen, in denen die Balken der Längs- und Breitseiten liegen. Von der mittleren Viererreihe gehen die Hölzer aus, die den First tragen. Weitere Stützbalken reichen von den Längs– und Breitseiten bis zum First. In parallelen Reihen liegen dünne Latten auf diesen Stützbalken. Auf diese Dachlatten binden die Männer die Humusu-Bündel (futu hunmusu), als wir an der Baustelle eintreffen.

Das Ausreißen und Bündeln des Alang Alang (humusu) habe ich bereits vor ein paar Tagen beschrieben.
Haben die Männer ausreichend Humusu ausgerissen und zu mehreren Bündeln zusammengebunden, transportiert man diese Bündel auf eine bestimmte Weise. Ein paar Humusu-Halme werden ausgerissen, der Länge nach geteilt und an den Enden miteinander verknotet. Zwei dieser Schnüre legen die Männer im Abstand von einem halben Meter auf den Boden. Sie legen die Humusu-Garben auf die Schnüren und vereinen mehrere Garben zu einem großen Bündel. Auf der Schulter das Alang Alang leichter zum Neubau transportiert.

Das ausgerissene Humusu, das die Männer zum Neubau gebracht haben, wird dort sofort verarbeitet. Die großen Transportbündel werden wieder auseinander genommen und in die kleinen Bündel zerlegt. Von den älteren Männern, die bisher im Haus saßen, werden die Bündel nach und nach aufs Dach geworfen. Oben nimmt man die kleinen Garben und zerlegt sie in noch kleinere Partien. Mit dem Kopfende nakan) werden sie, dicht an dicht und sukzessive, umlaufend an den Dachlatten angebunden, sodass übereinander liegende Reihen entstehen. Dazu verwenden die Männer Streifen getrockneten Gewangbast (tui no`). Der mehrmals um die eigene Achse gezwirnte Gewangbast wird über den Kopf des Alang Alang und unter der Dachlatte hindurchgeführt, und dann über dem Kopf verknotet.
Der mittlere, nanan genannte Teil der Garbe, bleibt unberücksichtig. Die neben der gerade festgebundenen Garbe gelegte, wird mit derselben Gewangbastschnur am Nanan angebunden. Beim nächsten Mal wieder am Nakan, dann am Nanan und so weiter und so fort. Ist der Baststreifen aufgebraucht, wird ein neuer angeknotet (talu, knoten; talus, der Knoten).
Für ein Haus dieser Größe werden 400 , für ein Ume kbubu oder einen Lopo 200 Humusu-Garben benötigt.

Abrahams Curriculum basiert auf dem Grundsatz teori-praktik langsung mengerti, und ehe ich mich versah, saß ich selbst oben auf dem Dach und band die Humusu-Garben an die Dachlatten.

  • Eine Humusu-Garbe besteht aus drei Abschnitten:
    Nakan, Kopf, die Wurzeln des Alang Alang;
  • Nanan, der mittlere Teil;
  • Haen, Fuß, die Spitzen des Grases.

Der haen genannte Teil der Garbe wird nicht an der Dachkonstruktion angebunden. Er liegt frei auf den zuvor festgebundenen Humusu-Reihe. Dort, wo der Fuß der Garbe über den Rand des Daches hinausragt, wird er abgeschnitten,sodass nur zehn Zentimeter über den Dachabschluß hinausragen.

Markus Bana`, einer der alten Männer aus Eno Kiu, schwatzte mir meine letzte Fünf-DM-Münze ab, die er als Verzierung für seine Aluk haben wollte.

An diesem Nachmittag besuchten wir hintereinander noch drei weitere Gehöfte in Eno Kiu:

  • Im Haus von Markus Sakan werden mir verschiedene, fertige Gewebe gezeigt. Darunter auch ein sehr kleiner si`lak mit einer weißen Kette, auf der ein `Kaif naek abgebunden wird. Mit einem dünnen, runden Holzstab werden die Fadengruppenbündel in paralleler Lage gehalten. Vor dem Färben wird dieser Stab wieder entfernt.
    Abgebunden wird auch hier mit Gewangbast (tusi). Es sei in Eno Kiu üblich, dass dieses Material benutzt wird.
    Die Motive der Gewebe sind der `Kaif naek und der `Kai fetin.
    Alle Gewebe wurden von einer jungen Frau, die Schwester von Joanna Sakan hergestellt.
  • Wir gehen nach ggenüber, wo unter einem Lopo eine ältere Frau an einer Mittelbahn (nanaf) webt, ein `Kaif Naek, rote Rauten auf schwarzem Grund.

Der Färbeplatz (nai kinat) von Eno Kiu

Zuletzt besuchen wir ein Gehöft, den als Färberei von Eno Kiu bezeichnet. Hier, so sagt er, werden alle Abbindbündel des Kuan gefärbt. Möglich sind Indigo- und Kasumbafärbungen.
Sieben mit Indigoküpe gefüllte, bauchige Tonkrüge (nai kinat) stehen an einer Hauswand im des vorkrangenden Daches. Jeder der Töpfe ist mit Tonscherben abgedeckt. Vom Dach herab hängen mehrere Abbindbündel, die sich in verschiedenen Färbephasen befinden.
Auf Drängen von Abraham demonstriert eine ältere Frau, die Färberin des Ortes,den Färbeprozess. Bevor sie eins der Abbindbündel in die Küpe taucht, schöpft sie die durch die Gärung entstandene Schaumkrone auf der tiefblauen Flüsigkeit in eine der ein anderes verschließende Tonscherben und rührt anschließend den Bodensatz auf. Nachdem sie das Abbindbündel in einem der Nai kinat ausgiebig geknetet hat, schöpft die Färberin den Schaum zurück in den Krug. Sie nennt nnt diesen Vorgang das Verschließen der Indigoküpe.
Ein Abbindbündel, das schon einmal im Farbbad war, wird ein zweites Mal gefärbt. Dazu sind nun vier aufeinanderfolgende Farbbäder notwendig: Die Färberin halbiert den Strang, taucht ihn in den ersten Nai kinat und knetet ihn Stück für sorgfältig im Farbbad. Sie wiederholt dies viermal.
Es sei ausreichend, die Küpe einzukneten, ein Einweichen sei nicht erforderlich.
Die Indigoküpe in den sieben Krügen ist nicht unterschiedlich alt.

Frisch gepflückte Indigoblätter werden in einem der Krüge (nai) in Wasser eingeweicht. Die Färberin mischt gelöschten Kalk unter um die Farbe aus den Blättern zu lösen. Nach zwei Nächten und drei Tagen ist die Küpe fertig.

Alle Abbindbündel bestanden aus maschinell gesponnenem Baumwollgarn (ab kase). Kein einziger Strang aus einheimischer oder gar handgesponnener Baumwolle (ab meto).
Schon heute morgen wurde ich von Joanna aufgeklärt: Es ist zu aufwändig selbst zu spinnen. Für die Produktion eines Mau naek benötige sie mindestens drei Monate um die Baumwolle zu reinigen und zu verspinnen.

Unter einem Lopo sind zwei Webgeräte an den Stützpfosten (ni) befestigt. In einem Gerät ist die Kette für eine Seitenbahn (ninef) mit einem tua sufan-Muster aufgespannt.
Hinter dem Hauptlitzenstab liegt ein weiterer Litzenstab in der Kette, dessen Funktion Heidrun nicht verstehen. Zu aller Überraschung analysiert Heidrun Kette und Litzenstab und erklärt den Anwesenden desen Funktion.
Die Kette eines zweiten Gewebes wird gerade auf dem Webgerät eingerichtet. Die Fadengruppen werden in einem runden, gespaltenen Hozstab eingezwirnt. Das Motiv ist ein grober `Kaif naek.

Fazit

Heute sind wir das erste Mal als Familie in Eno Kiu. Heidrun kennen manche bereits aus dem Nope-Sonaf; aber alle sind neugierig auf meine Tochter, die zweijährige Kassandra.

Ich erweitere meinen Bekanntenkrei, lerne der Familie Sakan andere Dorfbewohner kennen. Der Empfang ist wieder herzlich. Gegenseitige Neugierde aufeinander. Bald kann ich mich alleine in Eno Kiu bewegen. Man kennt mich und ich kenne mich aus. Aber dafür hat Abraham schon gesorgt, und er wird es weiter tun.
Interessante Leute kennengelernt, beonders die Färberin. Ich kann alle jederzeit alleine wieder besuchen.
Aber zunächst will ich mich von Abraham weiter an die Hand nehmen lassen. In Eno Kiu scheint er eine Autorität darzustellen. Auf seine narzisstische Art hat er schon ein sprühendes Charisma. Interessant ist, dass er Markus Bana` das Fünfmarkstück überließ, das er selbst gerne gehabt hätte. Welche Beziehung verbindet die beiden Männer?

Wenig neue Motivnamen; insgesamt Decknamen für den mysteriösen, anscheinend tabuisierten Tola. Kennen ihn keiner mehr oder hat die scheinbare Unkenntnis eine andere Bedeutung?
Auf meine Standardfrage, warum sie denn ihre Kleidung mit Kuhhörnern verzieren, die übliche lapidare Antwort, weil die wichtig seien. Mehr war nicht zu erfahren.
In Bezug auf die technologishe Seite der Weberei, werden wr in Eno Kiu alle Informationen bekommen. Es wird keine Schwierigkeiten machen, unsere technischen Kenntnisse zu überprüfen und weitere technologische Details zu dokumentieren.
Wir hoffen weiter auf die Bekanntschaft mit den alten Leuten des Dorfs, die sich eigentlich an mehr erinnern müßten. Abrham soll uns diese Kontakte vermitteln. Seine eigenen Eltern sind über achtzig und leben bei ihm.

Anmerkung

Feldforschungstagebuch Amanuban: 10. Juni 1991

Datum 10.06.1991 / 09:00 – 16:00 Uhr
Ort Kuan Eno Kiu; Kelurahan Niki Niki; Zentralamanuban
Teilnehmer Abraham A. Sakan und Familie; Nachbarn beim Dachdecken; HWJ; HJ
Daten unstrukturierte Befragung; Spaziergang durch Eno Kiu

Copyright 2015. All Rights Reserved (Texte und Fotografien)

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