Eno Kiu, 22. August 1991

Wie schon am 19. August arbeite ich heute wieder mit Abraham und seinen Helfern bei der Vorbereitung der Gärten mit.

Nach Bedarf legt Abraham jährlich zwei bis drei neue Gärten (lene) an. Um einen neuen Garten (len feu) anzulegen, muss er ein genügend großen Stück Buschland roden. Die Gärten liegen in unterschiedlicher Entfernung von seinem Gehöft entfernt, jedoch immer im Gebiet der Siedlung, die von der entsprechenden Kua-Tuaf-Namengruppe verwaltet wird. Der Garten, in dem wir heute arbeiten, liegt ungefähr fünf Fußminuten von seinem Hof entfernt an einem Hang, der eher für die Anlage eines Weinbergs taugt, als für einen Garten geeignet erscheint. Da aber das Territorium vom Eno Kiu insgesamt sehr hügelig ist, auf kurze Distanz sich Steigungen in kurzer Folge abwechseln, bildet diese Lage keine Ausnahme. Der neu anzulegende Garten ist kein Land, das neu urbar gemacht werden muss, sondern wurde schon vor einigen Jahren als Nutzgarten bepflanzt. Die Länge der Brache betrug zwischen drei und vier Jahren, so genau wusste Abraham das nicht, und richtet sich nach dem verfügbaren landwirtschaftlichen Ressourcen. Dass sich der Boden inzwischen von der früheren Bewirtschaftung erholt hat, sieht Abraham an der Dichte und am Umfang des sekundären Bewuchses. Ist die nachgewachsene Vegetation nicht zufriedenstellend, wartet er mit der Rodung bis zum nächsten Jahr. Vier Jahre Brache seien allerdings das Maximum.

Die Rodung des Bodens (oet hau kopas) ist eine harte, körperlich fordernde Arbeit. Sie wird durch den steilen Hänge, an denen die Gärten zum großen Teil angelegt werden müssen, weiter erschwert. Die richtige Zeit, mit der Rodung, wie mit allen anderen Gartenarbeiten, zu beginnen, ist der August. Die Rodung führt man sukzessive durch, nicht an einem, sondern an mehreren aufeinander folgenden Tagen, an denen jeweils einige Stunden gerodet wird. Im Lauf der drei bis vier jährigen Brache ist der Boden dicht mit Sekundärbewuchs bedeckt. Kleinere Bäume, Busch- und Strauchwerk sowie Schlinggewächse, Gräser, und Kräuter müssen entfernt werden. Ausgewachsene Bäume finden sich nur vereinzelt, und werden, wenn Nutzbäume, auch nicht gefällt. Insgesamt ist dem Baumbewuchs in Eno Kiu sehr spärlich, meist sind es junge Bäume, die mit ein oder zwei Schlägen mit dem Benas auch problemlos gefällt werden können.

Bevor die Männer das Haus in Richtung des zukünfigen Gartens verlassen, schleifen sie ihre Arbeitsgeräte. In Sakans Hof liegt zu diesem Zweck ein Schleifstein (faut aki), auf dem unter ständigem Wässern die Schneide des Benas geschärft wird (aki). Wie Abraham nicht müde wird mir zu versichern, ist dies ein absolutes Muss:Vorher darf mit der Arbeit nicht begonnen werden.

Das Anlegen eines neuen Garten bezeichnet man mit zwei unterschiedlichen Begriffen, je nachdem, welche Perspektive eingenommen wird. Spricht man über das Roden des Baumbestandes, so verwendet man oet hau kopas oder einfacher oet kopas. Bei der Hau kopas genannten Pflanze handelt es sich um Strauch, den man in großer Zahl auf dem Brachland antrifft. Bezieht man darauf, dass ein neuer Garten angelegt werden soll, so spricht man von tof feu.
Das Rodens wird allein mit dem Hackmesser (benas) durchgeführt. Die bevorzugte Arbeitskante ist der vordere Teil der Klinge, die schärfste Partie des Messers. Um die dünnen Bäume mit einem oder höchstens zwei Schlägen zu Fall zu bringen, braucht es Übung, die Treffsicherheit verbürgt. Die dickerern, aber höchstens unterarmdicken Stämme, werden mit mehreren Schlägen gefällt. Mit alternierenden Schlägen, abwechselnd rechts und links, entsteht eine immer tiefere reichende Kerbe, bis der Baum schließlich fällt.
Wie beim Säubern der Hausgärten arbeiten mehrere Männer zusammen, die sich in einer Reihe langsam vorwärts arbeiten. Zusammenarbeit scheint mehr ideal als Regel zu sein, denn ich sehe immer wieder Männer alleine in den Gärten arbeiten.
Auch jetzt wirft der Arbeiter das gefällte Holz hinter sich, wo es sich zu großen Haufen auftürmt. Von den Stämmen der größeren Bäume schlägt man vorher noch alle Äste ab. Immer wieder unterbricht der Arbeiter das Fällen, steigt auf den aufgetürmten Holzhaufen und schlägt so lange mit seinem Benas auf diesen Haufen ein, bis alle Zweige zerkleinert sind, und aus dem Haufen eine Holz- und Blattberg geworden ist, der den Boden bedeckt. Das Kurz-und-Klein-schlagen des gefällten Holzes bezeichnet man als ben kopas.

Ist der gesamte Bewuchs einer Parzelle Buschland erst einmal gerodet (oet kopas) und zerkleinert (ben kopas), überlässt man es für mehrere Wochen der jetzt immer heißer brennenden Sonne, bevor man im Oktober das nun trockene Holz verbrennt. Die so gewonnene Aschenschicht ist der einzige Dünger, den die Bauern in ihren Gärten verwenden.
Sobald der Regen im November oder frühen Dezember einsetzt, beginnen Abraham und die Seinen mit dem Bepflanzen in den Gärten.

Zum Abschluss der Arbeiten, und als Dank für die Helfer, werden alle vom Gartenbesitzer bewirtet: Res gibt Reis, Gemüse und Hühnerfleisch. Nachdem die Mahlzeit aufgegessen ist, stellt Johana einen Topf mit fein gestossenem Mais vor uns hin.

Ein Vergleich mit den den Beschreibungen des landwirtschaftlichen Zyklus in Maubesi (Insana, Nordzentraltimor) den Schulte Nordholt (1971) beschrieben hat, so fallen mehrere Unterschiede auf:

  • Brache der Gärten in Maubesi (1971): Brache drei bis fünf Jahre; Nutzung drei bis vier Jahre;
    Brache in Eno Kiu (1991): Brache drei bis vier Jahre; Nutzung zwei bis drei Jahre;
    Bevölkerungsdruck, Erschöpfung der Böden und inadäquate Bewirtschaftung (Brandrodung) laugen die Böden zunehmend aus.
  • Helfer bei der Gartenarbeit; Nachbarschaftshilfe etc. ?.
  • Auswahlkriterien der Parzelle für den neuen Garten ?.
  • Erlaubnis zur Anlage eines neuen Gartens ?.
  • Schären des Hackmessers: in Maubesi (1971) ging dem Schärfen eine Anrufung der Ahnen (onen) a, Hau monef des Tola voraus, die die sichere Rückkehr der Arbeiter von der Rodung gewährleisten sollte (schlimmer Tod etc.);
    Schären des Hackmessers: auch in Eno Kiu (1991) steht am Beginn der Gartenarbeit das Schärfen des Benas, das weiter als wichtig erachtet wird. Eine rituelle Anrufung der Ahnen gibt es hier nicht mehr.
  • Roden der Parzelle: in Maubesi (1971) wurde diese Arbeit in Kooperation mit der größtmöglichen Anzahl rekrutierbarer Helfer in kürzest möglichen Zeit (am besten an einem Tag) durchgeführt. Am Nachmittag wurden Büffel, Schweine und / oder Hühner geschlachtet und nach einer Anrufung von Uis Pah gemeinsam gegessen. Die Bewirtung der Helfer mit Reis und Fleisch (maka sisi) schreibt die Adat vor. Mais wird als minderwertigere Nahrung erst in einem zweiten Gang aufgetragen. Vor dem Beginn der Mahlzeit ist eine weitere Anrufung der Ahnen (onen) erforderlich.
    Schulte Nordholts Schilderung der verzehrten Fleisch- und Reismengen kann zumindest heute nur noch von den wohlhabenderen Bauern finanziert werden. In der Regel, so ist in seiner Monographie ebenfalls nachzulesen, arbeitet der Gartenbesitzer im Familienkreis, mit seinen Söhnen und Brüdern und dessen Söhnen.
    Roden der Parzelle: in Eno Kiu (1991) rekrutiert der Gartenbesitzer für diese Arbeit die männlichen, engeren Verwandten, die in seiner Nachbarschaft leben, und die an mehreren Tagen für ein paar Stunden aushelfen. Die Schlachtung von Tieren in größerem Rahmen entfällt. Keine Anrufung, und auch kein Gebet. Zur Bewirtung wird allenfalls ein Huhn geschlachtet. Ein gemeinsames Mahl nach Abschluss der Arbeiten: Reis und Fleisch, dann Mais, der so zubereitet wurde, dass er wie Reis aussieht.

Anmerkung

Feldforschungstagebuch Amanuban: 22. August 1991

Datum 22.08.1991 / 10:30 – 12:30 Uhr
Ort Mnela Bubun; Eno Kiu; Zentralamanuban
Teilnehmer Abraham A. Sakan; Markus Nesi; HWJ
Daten teilnehmende Beobachtung; Befragung; Fotografie

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