Eno Kiu: 26. Juli 1991

Unerwartet steht heute Mittag Abraham bei uns in Oebesa vor der Tür. Ich finde nicht heraus, ob er in So`e zu tun hatte oder ob ihn die Neugier trieb, zu sehen, wo und wie wir wohnten. Wir sitzen bei Tee und Betel zusammen und reden über alles Mögliche, als wir unvermittelt auf seine Position und un Funktion in Eno Kiu zu sprechen kommen.
Zuerst sprechen wir über die demograpischen Daten Eno Kius und kommen schließlich zu Sakans Herkunft und zur Geschichte seiner Namengruppe (kanaf). Allmählich entsteht in meinen Gedanken eine Idee: die Dokumentation der Chronik der Sakan-Kanaf.

Die Verwaltungsstruktur Eno Kius

Die hierarchisch, territoriale Gliederung der indonesischen Verwaltung von Eno Kiu ordnet sich auf drei Ebenen. Der Dorfname (desa Eno Kiu (RW) sowie die beiden sogenannten Nachbarschaften (RT) sind Produkt der post-kolonialen, indonesischen Verwaltung, die ab Beginn der 50er Jahre auf dem administrativen Fundament der nun unabhängigen, ehemaligen niederländischen Kolonie aufbaute. Die Namen der Kuan dagegen sind ursprünglich. Aus diesem Grund lässt sich folgern, dass das moderne Eno Kiu aus sechs früher unabhängigen Weilern (kuan besteht:

  • die oberste Ebene des Dorfes: Eno Kiu (RW);
  • die untere Ebene des Dorfes: Oe Ekam (RT) und Besatoko (RT);
  • die Ebene der früheren, vor der niederländischen und indonesischen Administration existierenden Weilern (kuan, die ohnehin die indigene Siedlungstruktur der Atoin Meto darstellen.
Eno Kiu:
Rukun Wilayah (Gebietsschaft)
68 Haushalte;
328 Einwohner
Oe Ekam:
Rukun Tetangga (Nachbarschaft)
40 Haushalte;
? Einwohner;
Wasserstelle für Trink- und Nutzwasserversorgung (Oe Leko)
Besatoko:
Rukun Tetangga (Nachbarschaft)
28 Haushalte;
? Einwohner;
Wasserstelle für Trink- und Nutzwasserversorgung (Oe Leko)

Wie die Tabelle zeigt, gliedert sich das Dorf (desa Eno Kiu in zwei Nachbarschaften, das heißt in zwei untergeordnete Verwaltungseinheiten: Oe Ekam und Besatoko. Die beiden administrativen Subeinheiten des Dorfes sind wiederum in weitere, kleinere Nachbarschaften (RT) gegliedert: Oe Ekam in zwei, Besatoko in vier RT, die als die indigenen Kuan aufgefasst werden müssen. Wieviele Familien oder Bewohner jedes dieser Weiler hat, konnte mir Abraham nicht sagen:

Mnela Bubun Kuan im RT Oe Ekam
Besatoko Kuan im RT Besatoko
Mnela Tasi Kuan im RT Oe Ekam
Tufe Kuan im RT Besatoko
Bespenu Kuan im RT Besatoko
Oe Ana Kuan im RT Besatoko

Anmerkungen zur politischen Organisation: Kelurahan und Desa

Kelurahan

Ein Kelurahan wird von einem Lurah verwaltet, der direkt dem Bupati unterstellt ist. Insofern ist ein Kelurahan von der übergeordneten Kabupatenverwaltung abhängig. Dem Lurah sind Staatsbeamte für die verschiedenen Verwaltungstätigkeiten unterstellt, die für ihre Arbeit ein Gehalt erhalten. Der Lurah selbst wird vom Bupati eingesetzt. Aktuell (1991) gibt es in Südzentraltimor (Timor Tengah Selatan; TTS) vier Kelurahan: Taubneno, So`e, Oebesa und Niki Niki, die in bis zu fünf Rukun Wilayah (RW) und diese wiederum in bis fünf Rukun Tetangga (RT) gegliedert sind.

Desa (vgl.a. Undang-undang No. 5 / 1979)

Gegenüber dem Kelurahan besitzt das Desa eine größere Autonmie in der Verwaltung ihrer Angelegenheiten. Die Desa-Verwaltung besteht aus fünf Beamten, die auf der Basis tunjungan kurang perhasilan entlohnt werden:

  • Kepala Desa;
  • Sekretaris Desa;
  • drei Kepala Urusan (Pemerintahan, Umun, Keuangan).

Neben diesen fünf politischen Funktionären gibt es in jedem Desa zwei Ketua Adat (amanasit oder mnais Kuan), deren Aufgabe es ist, darauf zu achten, dass die Verwaltung des Desa sich in Übereinstimmung mit der indigenen Adat befindet. Diese beiden Funktionäre sind auch für den Schutz und die Erhaltung des Kio genannten Waldstücks zuständig, eine Allmende, die jedes Dorf zur Entnahme von Bauholz und anderen vegetabilen Materialien wie beispielsweise Seilen (tani) dient. Diese Allmende stellt außerdem das letzte Rückzugsgebiet für Wildtiere dar. Weiter obliegt ihnen die Kontrolle bestimmter Verbote (banu), die mit der Nutzung von fruchttragenden Bäumen zusammenhängen sowie der Pflege und Bewahrung überlieferter Traditionen, wie Handwerkstechniken, mündliche Literatur und Dichtung sowie Lieder, Musik und Tanz.
Nachdem das Amt des Ketua Adat in Südzentraltimor schon verschwunden war, wurde es vom Bupati Piet Tallo inzwischen wieder eingerichtet.

Die Erhebung der demographischen Daten für Eno Kiu habe ich solange fortgeführt, bis Abraham den Eindruck erweckte, dass ihn das Thema zunehmend langweilte und seine Antworten immer vager wurden.

Die Namengruppen von Eno Kiu (1990 – 1991)

Während meiner Anwesenheit siedelten in Eno Kiu 47 Namengruppen (kanaf). Die Kanaf Sakan, so gibt Abraham Sakan an, sei Atoin Ahunut und Kua Tuaf im modernen Territorium von Eno Kiu, also die ersten Siedler in diesem Gebiet. Alle anderen Kanaf seien später gekommen, was dann auch bedeutet, dass die Sakan ihre Landgeber sind, wodurch sie den Sakan gegenüber in eine sozial inferiore Position geraten.
Nach Abrahams Informationen praktiziert seine Kanaf mit den folgenden Namengruppen eine symmetrische Heiratspräskription (two section system): Be`is, Tafuli, Taheko` und Kause. Dies mag für die Vergangenheit zutreffend gewesen sein, ob sie im christlichen Amanuban weiter gültig ist, bezweifele ich, ohne es verifiziert zu haben.

In Eno Kiu siedeln, Abraham Sakans Aufzählung gemäß, die folgenden Namengruppe (kanaf, wie ein Name), sozial kooperiende Gruppen, die in der Ethnologie als Klan bezeichnet wird:

Mnela Bubun: 13 Kanaf Sakan, Benu, Tafuli und Taheko`
Kikhau, Sa`u, Sio und Sae und
Kause, Nomtanis, Kase, Lanu` und Bistolen
Besatoko: 9 Sakan, Be`is und Sila`
Neonbais, Nenotaik und Neolaka
Tino, Tenis und Banamtuan
Mnela Tasi: 14 Sakan, Saefatu, Banfatin und Nubatonis
Tasoin, Sika, Isu und Taifa
Salmun, Aoetpah und Tunliu`
Manobe, Bantaika und Na`u
Tufe: 9 Sakan, Ta`neo und Snae
Lopis, Abola und Mone
Pu`ai, Bana` und Nenohaifeto
Bespenu: 1 Be`is
Oe Ana: 1 Be`is

In den beiden Kuan Bespenu und Oe Ana siedelt nur eine einzige Namengruppe, die Be`is, die sonst nur noch in Besatoko leben. Möglicherweise lässt sich dies so interpretieren, dass diese Weiler zuletzt besiedelt wurden, die Be`is-Kanaf auch als letzte in Eno Kiu eintraf. worüber ich aber keine Angaben machen kann.
Die Namengruppe Sakan ist dagegen in den vier anderen Weilern vertreten, was schon darauf hinweisen kann, dass sie seit langem, vielleicht wirklichals erste, hier ankamen.

Das malak der Sakan-Kanaf

Malak sind Tätowierungen und Brandzeichen, mit denen sich Menschen schmücken, wahrscheinlich auch ihre Zugehörigkeit demostrieren, undmit denen sie ihr Vieh als ihr Eigentum markieren.
Das Malak der Namengruppe Sakan stellt eine Schlingpflanze (fae) dar, von der es als stilisiertes Symbol abgeleitet wurde. Dieses Symbol lässt sich vielleicht mit einem anderen Schlingpflanzensymbol in Verbindung bringen, dem mysteriösen nono, das anscheinend die rituellen Praktiken und esoterischen Kenntnisse enthält, die jede Namengruppe bewahrt. Informationen über diese Nono-Überzeugungen, sowie das Wissen und die Kenntnisse, die mit der ebenfalls geheimnisvollen le´u nono zusammenhängen, sind selbst im christlichen Amanuban nicht zu bekommen. Fragen in diese Richtung werden ignoriert, zurückgewiesen oder mit der Behauptung abgewehrt, so etwas gebe es nicht, man sie doch kein Animist. Wenn man dann erst einmal weiß, dass Animist sein mit dem Verlust des guten Rufs und der sozialen Mobilität einhergeht, versteht man die Schwierigkeiten, in die man Informanten mit dieser Frage bringt. Ein moderner Indonesier besitzt keagamaan, und greift nicht länger auf die Praktiken und Überzeugungen einer indignen kepercayaan zurück.
Doch zurück zu Sakans Malak: Diese Schlingpflanze wächst auf großen Bäumen, von denen ihre Ausläufer herabhängen. An diesen Lianen wachsen wie Perlen an einer Schnur aufgereiht, runde Früchte. Die Kerne im Inneren der Früchte sind essbar, und schmecken ähnlich wie Bohnen und wurden früher gerne gegessen, ob auch von Mitgliedern der Sakan-Kanaf war nicht zu eruieren.
Abraham beschreibt das Malak folgendermaßen: Eine gerade Linie ist an ihrem obenen Ende zu einem Halboval nach unten zurückgeschlagen. Unterhalb dieses Halbovals befinden sich zwei Kreise, die von einer geraden Linie halbiert werden. Dieses Malak ist für alle Sakan das gleiche. Die Buchstaben A und S rechts und links neben dem oberen Kreis, weisen darauf hin, dass es sich um Besitz von Abraham Sakan handelt. Andere Buchstaben auf der linken und rechten Seite markieren den Besitz anderer Sakan. Die beiden Buchstaben sind allerdings kein Bestandtteil des ursprünglichen Malak, was ich verstehen will, dass es einst kein Privat-, sondern nur Klaneigentum gab.

Sakans Kanaf-Geschichte

Bevor Abraham mit seinem Bericht beginnt, sagt er mir, dass er keine Autorität in der historischen Überlieferung der Sakan ist. Diese seien sein Vater, Nikolas Sakan, sowie Neno Sakan in Biuduk. Trotzdem wolle er mir erzählen, was er weiß, und dies auch so genau, wie er es selbst oft von seinem Vater gehört hat:

Die Herkunft der Sakan aus Biuduk

Biuduk liegt im Osten, in Zentraltimor, in Malaka Tengah, dem heutigen Kabupaten Belu, im Grenzgebiet von Osttimor. Dort befänden sich bis heute die Hinterlassenschaften der patrilinearen Sakan-Ahnen. Diese Gegenstände würden in einem großen Tontopf (einem nai fatu) aufbewahrt. Dieser Nai Fatu, der als kusi bezeichnet wird, wird auf dem Speicher eines besonderen Lopo deponiert, ein Gebäude, das zu keinem anderen Zweck verwendet wird.
Im Inneren dieses Topfes befinden sich die folgenden Erbstücke, die mu`in oder mu`if genannt werden (in der BI verwendet Abraham den Terminus pusaka). Einen anderen Begriff, der ebenfalls in der BI verwendet wird, lautet darah daging, lit. Abstammung Fleisch. Eine Erklärung im Kontext indigener Überzeugungen blieb mir Abraham schuldig, indem er immer wieder darauf hinwies, dass darah daging und mu`in semantisch identisch seien. Das fällt mir schwer zu glauben, da mu`in ganz allgemein Eigentum bedeutet, es sei denn, Mu`if ist der richtige Terminus, und ich habe es mit dem finalen [-f] der Statuserhöhung mit einem übertragenen Begriff aus der rituellen Rede zu tun:

  • acht Stränge Inuh, mit den mysteriösen und seltenen muti sala-Perlen;
  • ein Paar silberne Scheiben, wie sie einst vom Adel (usif) oder Krieger-Kopfjäger (meo) auf der Brust und auf dem Rücken getragen wurde, die seku genannt werden; über beide Schultern des Trägers laufen mit alten Silbermünzen verzierte Bänder von der vorderen zur hinteren Scheibe; vergleicbaren Bänder laufen von der vorderen Scheibe unter beiden Armen hindurch zur hinteren Scheibe.

Es handele sich um ein „ehernes Gesetz“, so Abraham, dass diese Hinterlassenschaften nicht aufgeteilt werden dürfen. Auch dürfen sie nicht für längere Zeit von ihrem Aufbewahrungsort entfernt werden. Die Übertretung dieses Gebots bedeute den Tod für alle Sakan. Nur Rahmen von Ritualen und Zeremonien dürften die Mu`if ausgeliehen werden, müssen dann aber von einem der älteren Sakan-Männer getragen und nach Abschluss der Zeremonie sofort wieder nach Biuduk zurückgebracht werden. In Biuduk werden die Mu`if von Neno Sakan betreut, der am Ursprungsort der Sakan-Kanaf lebt.

Die Angaben von Abraham klingen mehr als abenteuerlich. Sie sind außerdem viel zu fragmentarisch, um wirklich zu verstehen, worum es sich hier handelt. Ich vermute, dass er es sich wieder einmal nicht nehmen ließ, sich als Experte zu präsentieren, und für mich eine Geschichte improvisierte.
Die Bedrohung mit dem Tod ist eine übliche Sanktion, für den, der gegen Adat oder Ahnengebot verstößt.
Sollte sich die Aufzählung der Gegenstände aber auf reale Hinterlassenschaften beziehen, so sind diese zumindest eigenartig zusammengesetzt. Es kann aber auch sein, dass die Gegenstände, Frauen – und Männerschmuck, an eine wichtige Allianz oder Heiratsbeziehung erinnern, die irgendwie mit dem Ursprung der Sakan-Kanaf zusammenhängt.
Der besondere Aufbewahrungsort erinnert an das Uem Le`u, in dem der Krieger-Kopfjäger seine Kriegsmagie (le`u musu) aufbewahrte und ihr dort opferte.
Ich gehe jedenfalls davon aus, dass es sich bei Biuduk und den Ursprungsort der Sakan-Migrationen nach Westen handelt, denn soviel ist sicher, dass die Atoin-Meto-Migrationen, an die ihre mündlichen Dichtungen (tonis) erinnern, über Generationen von Ost nach West verlaufen sind.

Nach den Angaben von Abraham Sakan brachen seine Vorfahren von Biuduk nach Tunbesi in Ostamanuban auf. In das Dorf Noah Ana, in Pili (Ostamanuban), weisen bis heute wichtige Heiratsallianzen mitz bevorzugtern Brautgebern. In Tunbesi wandten sich die Sakan-Migranten in drei verschiedene Richtungen:

  • nach Hau Men;
  • nach Boibalan (Niki Niki);
  • zurück nach Belu;
  • von Boibalan wandte sich eine abgespaltene Gruppe weiter nach Kupang / Amarasi.

Auf dem Tunbesi sollen sich ebenfalls bestimmte Orte, beispielweise eine Höhle (was sehr nach der Nope-Legende klingt), befinden, die mit der Geschichte der Sakan verbunden sind.

.

Anmerkung

Feldforschungstagebuch Amanuban: 26. Juli 1991

Datum 26.07.1991 / in der Mittagszeit
Ort Oebesa; So`e; Westamanuban
Teilnehmer Abraham A. Sakan; HWJ
Daten Befragung

Copyright 2015. All Rights Reserved (Texte und Fotografien)

Die Feldforschungstagebücher sind urheberrechtlich geschützt. Die einzelnen Kapitel (Websites) dürfen nicht kopiert und die Inhalte nur zum privaten Gebrauch verwendet werden.
Jegliche unautorisierte gewerbliche Nutzung ist untersagt.

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