Eno Kiu, 3. Juni 1991

Heute Nachmittag war ich zum ersten Mal in Eno Kiu. Bei Abraham Aleksander Sakan, wie er mit vollem Namen heißt, zu Hause.
Seine beiden Vornamen sind christliche Taufnahmen, Namen aus der Geschichte der Heiligen und Märtyrer, die in Amanuban für die Öffentlichkeit gedacht sind. Die wahren Namen, die Kan nitu, die auch jeder besitzt, sind geheim und von den Ahnen. So kann sie niemand in böser Absicht magisch gegen ihren Träger verwenden.
Der Kanafname Sakan hängt etymologisch mit sae beziehungsweise neonsaet, der Himmelrichtung Osten, zusammen.
Ein Indiz für die Herkunft und die Migrationsrichtung dieser Namengruppe.

Abraham habe ich am 25. Mai 1991 im Palast von Niki Niki kennengelernt, wo er mit mehreren Frauen und Männern aus seinem Dorf, die er großspurig seine älteren Geschwister, seine Kakak nennt, an einem TV-Shooting teilnehmen sollte.
Auf Wunsch von Nesi Nope, dem amtierenden Pak Lurah von Niki Niki und inoffiziellen Raja von Amanuban, war eine große Gruppe aus Eno Kiu in seinen Sonaf gekommen.
Die Leute aus Eno Kiu sollten dort traditionelle Tänze, Musik und ihre Tracht für das regionale Fersehen von Nusa Tengara Timur aufführen. Diese Sendung sollte dann in einem Pendidikan-Kulturprogramm ausgestrahlt werden, dass der ethnischen Diversität Ostindonsesiens gewidmet war. Das Fernsehen kam nicht, und so hatten Abraham und seine Kakak einen angenehmen Nachmittag mit dem Greenhorn aus dem Westen.
Die Männer tanzten Bonet, den Reigentanz, und Maekat, den Kriegstanz ihrer Ahnen.
Die Frauen spielten dazu auf einem Gongorchester, dessen eiserne Gongs nur entfernt an das balische Gamelan erinnerten.
Die Begegnung in Nopes Sonaf von Niki Niki habe ich im dritten Kapitel von Die Söhne Timors ausführlich geschildert.

Mit meinem ersten Besuch in Eno Kiu will ich diesen Kontakt vertiefen. Ich hoffe auf einen intimeren Rahmen, als vor einer Woche in Niki Niki.
Abraham stellte sich mir dort als Tuan tanah von Eno Kiu vor, einem Dorf, knapp zwei Kilometer vom Nope-Sonaf entfernt. Bei Oe Ekam, einer Wasserstelle, an der Straße nach Kefamenanu.
Der Herr des Bodens ist ein bedeutender ritueller Funktionsträger in ostindonesischen Kulturen. Ich war begeistert, als ich hörte, dass Abraham diese Position bekleidet, versprach mir interessante Gespräche und Informationen.
Tief im Innern nisteten sich Zweifel ein. Der Tuan tanah im modernen Dorf. Ich muss ihn falsch verstanden haben. Meinte er vielleicht Bauer mit Bodenbesitz.
Anscheinend fördern die fremde Sprache und Kultur meine Naivität.

Eno Kiu, Abrahams Kuan, ein weitläufiger Weiler am Rand der Kleinstadt Niki Niki, zählt 63 Familien. Die Haushaltsvorsteher nennt er großspurig seine Kakak, seine älteren Geschwister.
In Eno Kiu leben 285 Einwohner.
Eno Kiu ist das Tamarinden-Tor. Von Niki Niki aus erreiche ich den Ort über zwei mehrere Kilometer auseinanderliegende, nicht-asphaltierte Straßen. Die beiden Wege führen hunderte Meter abschüssig hinunter ins Tal des Noe Fatu, an dessen Steilhängen die Gärten liegen. Abraham Sakan bezeichnet dieses südöstlich von Niki Niki gelegene Gebiet, als sein Wilayah, die Bevölkerung als sein Rakyat. Er sei hier nicht nur Tuan tanah, sondern auch Rukun Wilayah. Europäisch gedacht, der Bürgermeister. Das moderne Amt der indonesischen Verwaltung bekleidete früher der Temukung.
Abraham nennt sich selbst Untertan von Nesi Nope. Dessen Familie war fast dreihundert Jahre Raja von Banam. So hieß Amanuban früher. Vor-Indonesisch. Abraham akzeptiert die feudale, politische Hierarchie Amanubans. Obwohl er gebildet ist und sich indonesisch fühlt.
Wenn Nesi Nope ruft, folgen wir. Erklärte er mir während des TV- Shooting in Nopes Sonaf. Sie seien von alters her das Volk der Nope-Dynastie.

Ich habe Schwierigkeiten, einen Weg hinunter nach Eno Kiu zu finden. Ich verfahre mich, und komme zum Haus von Markus Sakan, dem älterem Bruder von Abraham, der mich schon aus dem Sonaf kennt. Ein Glas Oe maputu, heißes Wasser. Ein kurzer Schwatz und schon geht es weiter.
Ich nehme zwei Kindern zu mir aufs Motorrad, die mich zurück zur Hauptstraße begleiten. Sie zeigen mir auch den anderen Weg ins Tal des Neo Fatu hinunter. Abraham wohnt am Ende dieses Wegs, etwas abgelegen, dort wo sich mehrere Pfade in dem Weiler verlieren. Ich dachte schon, mich erneut verfahren zu haben, so versteckt liegt Sakans Haus in der wuchernden Vegetation an einem Hang, der zum Fluss hinab führt.
Ein relativ großer, von Bewuchs frei gehaltender Platz. Ein Steinhaus, dahinter zwei Ume kbubu, konische Hütten, die von frühen Ethnographen gerne als Bienenkorbhäuser beschrieben wurden. Etwas weiter entfernt, zwei Lopo, kegelförmige Dächer, die auf vier Pfosten ruhen.
Ein modernes, rechteckiges Gebäude und ein O`of, der offene Viehkraal mit einem fetten Eber, runden das Ensemble ab.
Fruchtbäume und Sträucher wachsen am Rand des Wohnbereichs. Leno, Leon boko, Ata`, Upan, Fenu, Kofi, Tua, Noa, Taum und Abas.
Platzbeherrschend eine große Tamarinde, Kiu, dem der Weiler seinen malerischen Namen, das Tamarindentor, verdankt.

Abraham behauptet: In Eno Kiu leben hauptsächlich Familien mit dem Namen Sakan.
Sakan ist ein Klan. Eine Namengruppe, die vom Sonnenaufgang nach Westen kam. Vielleicht im Gefolge von Nope. Im 17. Jahrhundert, als dieser seinen Sonaf von Tunbesi nach Niki Niki verlegte.
Neuankömmlinge in Eno Kiu seien allenfalls Beamte, Lehrer und Chauffeure. Viele seien von anderen ostindonesischen Inseln hierher gekommen. Auch aus dem Westen des Archipels. Auch aus Jawa. Nope sei nicht der einzige fremde Neuankömmling.
Ist Sakans Behauptung Wunschdenken? Überschneiden sich in seiner Fantasie Ideologie, Idealvorstellung und Realität? Ist seine Angabe keine Übertreibung, dann bin ich in Eno Kiu am richtigen Ort.
Vielleicht gibt es in Eno Kiu Ikatmotive in territorialer Einheit und im Familienbesitz.

In Eno Kiu gibt es eine SD Negeri IV. Grundschulbildung für die zahlreichen Kinder imn Kuan.

Abraham Sakan ist ein Mann Mitte Vierzig. Seine Kontaktfreudigkeit, sein lockeres Plaudern zeichnen ihn vor anderen Atoin Meto aus. Das macht meinen Kontakt mit ihm einfach.
Atoin-Meto-Männer sind mundfaul. Mindestens mir gegenüber. Sie fassen nur langsam Vertrauen. Meist in Verbindung mit dem unvermeidbaren Sirih Pinang.
Der heißt in Eno Kiu Puah Manus. Betelkonsum umrahmt die gesellschaftliche Etikette.
Abraham ist anders. Er konsumiert ununterbrochen Betel. Er ist ununterbrochen kommunikativ. Auch mit mir, dem Fremden.
Ich frage mich ständig, ob Abraham sich mir gegenüber inszeniert. Seine Person narzisstisch überhöht. Mir mit traumwandlerischen Einfühlungsvermögen all das erzählt, was ich hören will.
Ich finde ihn sympathisch. Unterhaltsam und geistreich. Er mag mich auch. Das spüre ich. Ich stelle mir vor, mit ihm zuammenzuarbeiten.
Abraham. Mein erster indigener Informant. Wie das klingt! Irgendwie alttestamentlich.
Alle Informationen aus Abrahams Mund zu bekommen, scheint mir problematisch. Aber manches schon. Finde ich. Durch ihn lerne ich die anderen im Kuan kennen.
Im Sonaf trat Abraham als Entertainer auf.
In seinen eigenen vier Wänden wirkt er seriöser, weniger lautstark, als vor ein paar Tagen, als er es genoss, mir Sprachunterricht zu erteilen.
Mich öffentlich vorzuführen. Als Marionette, an Fäden, die ein großer Pupenspieler sensibel führte. An seinen Fäden habe ich den Schritt in die ländliche Wirklichkeit Amanubans geschafft. An der kontrollierenden und behindernden indonesischen Bürokratie vorbei. Ich habe das Korsett der Behörden mit den Fäden des Spielers vertauscht.
Immer noch unfrei, fühlen sich Abrahams Fäden freier an.

Abrahams Kakak weisen mich mehrmals stolz darauf hin: Abraham ist SMA-Absolvent. Ein Bauer mit Abitur. Abraham nimmt das Lob wortlos mit unbeweglichem Gesichtausdruck hin. Ingnoriert den Stolz seiner Mitbürger. Als sei er selbst am wenigsten an seiner Ausbildung beteiligt.
Stolz stellt mir Abraham seine hellhäutigen Kinder vor. Drei von ihnen haben blonde Haare. Merah, sagt er. Fein wie die meiner Frau, sagt er.
Niemand anders in Eno Kiu habe Kinder wie er. Er hat fünf. Drei Jungen und zwei Mädchen.
Blond. Schwarz. Blond, Schwarz. Blond. In dieser Reihenfolge.

Mir fallen sofort seine schwarzen, gleichmäßígen Zahnreihen auf. Sind seine Zähne gefeilt und geschwärzt? Ist er denn auch beschnitten?
Ich frage ihn nicht. Wir kennen uns noch nicht gut genug, entscheide ich.
Unzensiert überlasse ich mich meinem Wunschdenken. Gehört Abraham zu den Nis metan.
Ich habe gelesen, dass nur sie das Privileg haben, ikatgemusterte Kleidung zu tragen. Es war einmal in Banam!
Ich habe auch gelesen, dass das Schwärzen der Zähne ein aufwendiges Verdienstfest erforderlich machte. Die Schlachtung vieler Wasserbüffel, der einheimischen Bi`a meto.
Ikatprivileg. Schwarze Zähne. Reichtum. Adel. Und natürlich die Beschneidung. Sifon.
Die Tetum in Zentraltimor, die von den Atoin Meto Belu, Freund, genannt werden, unterscheiden zwei soziale Gruppen. Die Nis metan und die Nis muti. Beschneidung. Tätowierung. Zahnfeilung. Zahnschwärzung. Dann ist jemand Nis metan.
Nis muti, die mit den weißen Zähnen, das sind die anderen.
Pieter Middelkoop berichtet, dass die Grenze zwischen den Nis metan und den Nis muti westlich der Territorien Insana und Beboki verläuft. Östlich dieser Grenze siedeln die Nis metan, westlich die Nis muti. Dann gehören die mythistorischen Persönlichkeiten Kono und Oematan zu den Nis muti.
Früher soll der Brauch, die Zähne schwarz zu färben, weit verbreitet gewesen sein. Es war einmal in Banam!
Schwarze, gefeilte Zähne waren einst das Zeichen des beschnittenen Mannes. Heute unchristlich. Heidnisch. Geächtet. Verschwnden.
Über die Beschneidung redet man in Amanuban nicht.
Was ist nun mit den Zähenen von Abraham Sakan? Ich glaube, sie verdanken ihre schwarze Farbe seinem exzessiven Betelkonsum.

Ich sitze im vorderen Raum des großen, rechteckigen Steinhauses. Diese Häuser propagiert die indonesische Administration, nennt sie Rumah sehat, gesunde Häuser. Der Raum hat Fenster, eine große Tür und ist gut gelüftet.
Anders als die traditionellen Ume kbubu, deren Grasdach bis auf den Boden reicht. Fenster sind nötig. Im Innern ist es schattig, der Rauch eines Feuers brennt mit in den Augen.
Nach der Mittagshitze ist der Raum in Rumah sehat kühl. Ein sanfter Wind streicht durch Fenster und offene stehende Türen. Abraham empfängt hier seine Gäste. Dazu stehen die unterschiedlichsten Sitzmőbel entlang der Wände aufgereiht.
Ich habe Sirih Pinang und Zigaretten mitgebracht.
Inzwischen hat sich die Nachricht von meiner Ankunft in der Nachbarschaft verbreitet. Waren die Straßen bei meiner Fahrt hinunter ins Tal menschenleer, Häuser kaum zu sehen, versammelen sich jetzt mehrere Männer in Abrahams Empfangsraum.
Trotz der vielen Gäste im Raum reichen Sirih Pinang und Zigaretten.
Ernst und schweigend tauschen wir Betel. Rauchen eine Zigarette. Das kommt zuerst. Dann erst Small Talk.
Abraham gibt Annekdoten aus dem Sonaf zum Besten. Jetzt kennen mich alle im Raum. Staunende Minen rücken mich in den Mittelpunkt.
Abraham ist erfreut, aber auch erstaunt über meinen Besuch bei ihm zu Hause. Er wundert sich sehr darüber, dass ich den weiten Weg aus Oebesa kommme, nur um ihn zu besuchen. Ausdrücklich ihn. Mein Besuch keinen anderen, wichtigeren Zweck verfolgt. Ich nicht nur nebenbei bei ihm bin.
Es wird offiziell. Die Eintragung in ein Buku tamu, das Abraham aus einem der hinteren Räume holt. Die letzte Eintragung stammt vom 5. März 1991. Besuch aus Kupang.

Stolz führt mich Abraham durch sein Gehőft. Einladung, eines der Ume Kbubu zu betreten, einen der Lopo zu bewundern. Abraham wird zum Fremdenführer. Erklärt. Beide Gebäude besitzen einen Speicherboden für das Getreide und das Saatgut für das nächste Jahr.
Zu einem Dutzend gebündelte Maiskolben (pena) lagern auf den Speichern (panat) von Ume Kbubu und Lopo. Mais ist das Hauptgetreide, das zusammen mir Bohnen gegessen wird. Tag für Tag.
Ich erzähle Abraham von einem Lopo, der nur einen Stützpfosten (ni) besitzt. Das ist für undenkbar. Vier Pfosten seien Panca Sila der Atoin Meto. Er meint Adat, verwendet mir, dem Fremden gegenüber, das staatstrag3nde Motto der indonesischen Republik.
Vier Pfosten, das gehe auf die Anordnung der Ahnen zurück. Das müsse beachtet werden. Auch bei einem Ume kbubu.
Der Lopo mit einem Pfosten ist eine moderne Variante, die häufig in den Stâdten und am Rand der Hauptstraße von Kupang nach Kefamenanu zu sehen ist, die von West nach Ost durch Timor führt. Der Kupangweg, den noch die Niederländer angelegt haben.

Mittagessen – Mais, Reis, Gemüse – in einem Nebenraum des modernen Steinhauses. Des Uem kase oder Uem Fatu, wie ich inzwischen erfahren habe.
Heute sind viele Nachbarn zu Gast. Sie arbeiten an der Holzkonstruktion eines weiteren Viereckhauses. Goyong rotong, wie der Indonesier sagt. Gemeinschaftsarbeit und Nachbarschaftshilfe.
Vor dem Essen ein stummes Gebet. Mit gesenktem Kopf. Eine Inszenierung oder unerwartete Frömmigkeit? Ich senke mit, und tue so, als ob. Zwischen Steinhaus und vorderem Ume kbubu baut Abraham sein zweites Viereckhaus. Ein Haus für die politischen Versammlungen des Kuan und der überregionalen Verwaltung,
Ich bin irritiert. Kann innerlich seinen Erläuterungen nicht wirklich zustimmen.

Nach dem Essen komme ich auf den Punkt. Die Höflichkeit hatte ihre Zeit. Pakaian adat, frage ich auf Indonesisch. Einen einheimischen Namen kenne ich noch nicht. Die Tracht der Atoin Meto.
Abraham steht unvermittelt auf und führt mich ein zweites Mal durch sein Gehőft. Dieses Mal besichtige ich Pflanzen und lausche den ausführlichen Erläuterungen meines begeisterten Führers. Abraham genießt die Rolle, die ich ihm ermögliche. Alles einheimisch, schwärmt er. Durch und durch. Taum meto und Ab meto, der Indigostrauch und die Baumwollpflanze. Beide Spezies wachsen wild auf dem Gelände. An mehreren Stellen.

Später, in lockerer Runde unter freien Himmel. Wir rauchen und plaudern. Als ob es Abraham, der nach echten traditionellen Themen für mich sucht, gerade einfällt, belehrt er mich über die Poduktion tőnerner Gefäße.
Doch zuerst macht der mitgebrachte Sirih Pinang eine weitere Runde.
Dann brechen wir auf, besuchen ein benachbartes Gehöft, wo es eine Töpferei mit einem primitiven Brennplatz gibt.
Erde (nai) wird mit Asche (afu) und feinem Sand (snaen) gemagert. Die Mischung wird unter Beimengung von Wasser geknetet. Aus einem Tonklumpen wird mit Hilfe eines Lontarkerns (poke) und einer Büffelrippe (nui mnapa) der Topf aus dem Vollen hochgeklopft. Vor dem Meilerbrand wird der fertige Topf in der Sonne vorgetrocknet (hoi). Den offenen Meilerbrand (notu), in dem das Brenngut willkürlich gestapelt wird, unterhält man mit Holz (hau hau), das Kinder in der Umgebung sammeln.
Außer dem Nai fatu, erzählt mir Abraham, töpfert man hier auch schüsselförmige Vorratsbehälter (tasu oder bokol) für Reis und Mais sowie Teller (fane oder faen fatu) aus Tonerde. Tonteller und aus Kokosnussschale geschnitzte Löffel (sunu oder sun noa) bilden das traditionelle Essbesteck der Atoin Meto. Glaubt man Abraham, eine Quelle des Wohlgeschmacks, den Metallbesteck nicht bieten kann. Selbst der Bupati, steigert sich mein Führer durch seine Kenntnisse über die Kultur der Atoin Meto in Begeisterung geraten, esse mit diesem Besteck.

Inzwischen ist es fast 16.00 Uhr. Mit der Bemerkung sudah sore werde ich aufgefordert, aufzubrechen. Wir verabreden uns für den kommenden Freitag.

Der Kommentar

Meine zweite Begegnung mit Abraham Sakan findet in der gleichen angenehmen Atmosphäre wie im Soanf statt. Unser Kontakt ist erfrischend, herzlich und von gegenseitiger Neugier getragen. Abraham hat schnell begriffen, was mich interessiert und engagiert sich, mir indigen Kulturelles zu bieten.

Wir sprechen über mein Pakaian-Adat-Projekt. Ich hoffe auf Verständnis und Interesse. Abraham stellt mir Informationen in Aussicht. Er will mir bei der Dokumentation der Tracht helfen. Sagt, er habe verstanden, was mir wichtig ist. Ich glaube, er hat den Umfang und Sinn meines Projektes verstanden. Auch die Bedeutung für die Kultur der Atoin Meto. Er verspricht mir, dass ich Theorie und Praxis der Textilpoduktion mit eigenen Augen sehen werde. Aber das hatte ich schon. In der Manufaktur Mellu. Worüber ich heute schweige.
Zweck und Funktion, wie die Tracht verwendet wird, will er mir zeigen. Und natürlich die Bedeutung die Motive. Mein heftigstes Begehren. Ob er das bemerkt hat?
Er verspricht mir eine gigantische Demonstration, will sich um die Unterstützung des gesamten Kuwn bemühen. In seiner Position habe er die Mőglichkeit, eine solche Veranstaltung zu organisieren. Sagt er, ohne zu bemerken, dass er sich übernehmen könnte.

Abraham Sakan inszeniert sich mir gegenüber 150% traditionell, sagt er. Asli betul, betont er immer wieder gerne. Er bemúht sich um mich. Will sich mir gegenüber als authentisch beweisen.
Er übertreibt dabei maßlos. Verstrickt sich in Ungereimtheiten.
Aber er tut dies auf eine so ernste und charmante Weise, dass er mich restlos fasziniert.
Nicht überzeugt.
Ich frage ihn, ob sein Indigostrauch meto oder kase, einheimisch oder importiert sei. Er ist sprachlos, versteht meine Frage zuerst nicht.
Meiner Frau lässt er ausrichten, sie dürfe auf keinen Fall Garn im Laden kaufen und dieses für die Ikatpartien der Musterung verwenden.
Das sei nicht gut.
Beim Abschied schenkt er mir einen seiner Sun noa, einen Sun makolo mit Vogelmotiv. Unbedingt soll ich von nun an nur noch ihn zum Essen verwenden. Wieder der Hinweis, dass dies schmackhafter sei als Aluminiumbesteck. Den notwendigen Faen fatu gebe er mir später.

Von den Nachbarn erfahre ich, dass Ikat die wichtigste Technik der Tracht in Amanuban sei. Futus sei die älteste und rituell bedeutendste Musterung.
Lotis, die Kettentechnik, so kamen die Männer überein, sei in Amanuban neueren Datums und wenig bedeutend.

Die reich gemusterte Tracht der Atoin Meto, auch darin waren die Anwesenden sich einig, trage man nur zu bestimmten Ereignissen und besonderen Anlässen. Es gebe, so erklärt Abraham, Kleidung, die man speziell für den Gang zum Markt oder âhnlichen Besuchen trage.
Es gibt eine besondere Kleidung für den Kirchgang, für die Teilnahme an den Lebenszyklusritualen. Besonders für die Hochzeiten.

Ich mag Abraham Sakan. Ein sympathischer Mann. Es gefällt mir, alles Môgliche mit ihm zu diskutieren.
Er nimmt mich wie ich bin.
In meiner naiven Fremdheit nimmt er mich an.
Und ich ihn.
Abraham ist geschwätzig und neugierig.
Sein Indonesisch ist sehr gut. Sein Wortschatz umfangreich. Mein Uab Meto noch immer bescheiden. Ich brauche einen Führer, der mir die Herzen und die Türen öffnet.
Abraham ist der richtige Mann dazu. Das fühle ich.
Er versteht mich und mein Interesse an seiner Kultur. An seinen Traditionen. Gerne ergreift er die Gelegenheit, mich zu belehren. Und er tut dies, ohne Scheu.
Abraham Sakan ist ein Mann, der seine Traditionen ernst nimmt. Nicht ethnologisch, nicht philosophisch, nicht historisch und auch nicht esoterisch. Aber alltäglich. Die der Landbevőlkerung in Amanuban. Und er kann mir sein Wissen vermitteln.
Ich beschließe, ihn als meinen Führer durch die Alltäglichkeiten seiner Kultur zu akzeptieren.
Abraham spielt nicht die soziale und politische Rolle, die er mir vorspiegelt. Er bekleidet auch kein politisches Amt.
Er ist ein Bauer. Aber mit Abitur.
Er ist protestantischer Christ und weiß von der Vergangenheit seiner Kultur. Präsentiert sie gerne nach außen.
Er kennt die Leute seines Weilers. Und was wichtiger ist, sie kennen ihn.
Am wichtigsten aber ist: Er hat keine Angst vor dem Neuen und Fremden.

Was ist Realität, was Übertreibung. Ich hoffe, Abraham übertreibt nicht zu sehr. Um sich und sein Eno Kiu in ein besseres Licht zu stellen.
Wenn schon!

Anmerkung

Feldforschungstagebuch Amanuban: 3. Juni 1991

Datum 03.06.1991 / 13:30 – 16:00 Uhr
Ort Kuan Eno Kiu; Kelurahan Niki Niki; Zentralamanuban
Teilnehmer Abraham A. Sakan; Nachbarn; HWJ
Daten Kontaktaufnahme; Atoin-Meto-Tracht; Befragung

Copyright 2015. All Rights Reserved (Texte und Fotografien)

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