Oe Nunu, 31. Oktober 1991

Onen Fini: Beten für die Saat

Es ist Reformationstag. Neno Mnaut. Tag der Erinnerung.
Dieser Tag ist auch in Amanuban der Gedenktag des Proklamation der lutherschen Thesen in Wittenberg.
Jetzt Ende Oktober sind die vorbereiteten Arbeiten in den Gärten beendet.
Der Beginn der Regenzeit steht bevor.
Die protestantischen Gemeinden in Südzentraltimor feiern eine Zeremonie, die dazu dient, für die neue Saat zu beten. Sie einzusegnen sozusagen. Damit die Ernte in den Gärten im nächsten Jahr reichen Ertrag bringt.
Ich bin nach Oe Nunu gefahren, einer Quelle auf dem Gelände von Son Halen in Niki Niki. Son Halen ist die Kirche einer protestantischen Gemeinde in Niki Niki.
Ich bin eingeladen, auf den Matten der Kirchrenältesten von Son Halen zu sitzen. Als Gast, Onen Fini mitzuerleben, das Beten für das Saatgut.
Auf einem Platz versammeln sich am Vormittag dieses 31. Oktobers die Mitglieder der Pukan des Landkreises Niki Niki und des Dorfs Bone. Ein Pukan ist eine Gemeinde, bestehend aus fünfzehn bis zwanzig Ume, Haushalte, die von einem Seelsorger und Kirchenältesten, dem Pentua, und zwei Sjamas, den Diakonen, evangelikal betreut.
Oe Nunu ist ein Erdort. Mehrere Nunu, alte Waringinbäume, heben diesen Ort am östlichen Ende des Sonaf der Nope-Dynastie, unterhalb ihres Friedhofs besonders hervor. Unter den Bäumen herrscht eine feuchte Wärme. Fast schmecke ich die grün-schimmernde, algige Luft beim Einatmen auf der Zunge. Ich habe den Eindruck, ich könne die Feuchtigkeit in der Luft hängen sehen. Das grün-mossige Licht unter den Bäumen löst eine entspannte Ruhe aus.
In der Mitte des kleinen Platzes befindet sich ein steinerner Tisch mit runder Platte. Über dem Tisch wölbt sich ein reich geschmückter Neu`, ein fast zwei Meter hoher Baldachin auf vier Bambusstangen. Das Dach dieser pflanzlichen Konstruktion bilden drei der hakenverzierten Ikat-Hüfttücher der Männer. Zu Fransen zurecht geschnittene Palmblätter hängen an Schnüren vom Dach herab. Die Bambusstangen verzieren Blüten und aus Palmblättern ausgeschnittene Blumen. Unter dem Dach umgeben mit farbigen Motiven verzierte, geflochtene Sitzmatten den Tisch. Die Tischplatte bedeckt ein prachtvoll verzierter, kompliziert hergestellter Mau ana, ein langer Schal, ein geflochtener Betelkorb mit einem Deckel, auf dem ein Vogel thront. Desweiteren eine aus dem Horn des Wasserbüffels geschnitzte Trompete sowie ein Mikrophon.
Die Trompete wird geblasen, als das Ritual beginnt.
Das Geviert heißt Baki Tulu oder, moderner, Baki Knino, der zentrale oder heilige Ort des Rituals.
Rechts und links des Baki Tulu liegen rechteckige Sitzmatten aus Lontarpalme gefochten ausgebreitet auf dem Boden.
Allmählich füllt sich Oe Nunu mit in Gruppen ankommenden Teilnehmern zum Onen Fini. Die Pukan formieren sich an ihrem Platz rund um den Neu` und stellen die mitgebrachten Ok Beti oder Taka am Altarstein ab.
In diesen Körben und Schalen befindet sich das Fini, ein Teil des mitgebrachten Saatguts.
Das Fini ist Stellvertreter für das auf den Höfen gelagerte Saatgut einer Ume.
In mit Tunis, den kleinen brauen Bohnen, gefüllte Körbe stecken mehrere, von der Schale befreite Pena, das Hauptgetreide der Atoin Meto, die phallischen Maiskolben. In anderen Körben hat man die Speise der späteren, gemeinsamen Mahlzeit untergebracht, die auf einer schulterhohen Hala gestapelt werden. Diese Anrichten stehen am Rand von Oe Nunu, direkt unter den Waringinbäumen.
Am Kopfende dieses Gevierts sitze ich bei den Amnasi, den Ältesten und Honoratioren, den Gästen des Rituals.

Frauen tragen mit Puah Manus, den unvermeidlichen Betel, gefüllte Oko mama durch die auf den Matten sitzenden Festgäste. Drei Durchgänge. Dreimal wird Betel genommen und konsumiert.
Der Penatua des Sonaf und die Pastorin von Son Halen sprechen die Eröffnungsgebete.
Der Chor singt christliche Lieder. Eine Lesung aus dem Neuen Testament und die Predigt bilden den äußeren Rahmen und laden das Setting unter den Bäumen mit christlicher Atmosphäre auf.

Im Zentrum des Rituals stehen drei Riten, die Wort und Lied dreimal unterbrechen. Dreimal geht eine junge, unverheiratete Frau aus jedem Pukan zum Baki Tulu.
Der Penatua Sonaf beendet das erste Eröffnungsgebet. Vierzehn junge Frauen treten an den Baki Tulu. In ihren Händen hält eine jede ein Oko mama, das auf einem Tobe ruht. Vierzehn Frauen umringen jetzt den Baki Tulu. Nur die Seite bleibt offen, an der die Amnasi sitzen.
In den Betelkörben bringen die Frauen eine Geldspende zum Altarstein. Jede einhundert Rupiah. Das ist viel in einer Region, in der Bargeld keine Rolle spielt.
Am Baki Tulu fallen Frauen auf ihre Knie. Sie heben ihre Hände und bieten dem wartenden Penatua Sonaf ihren Geldschein an. Er nimmt den Geldschein, und legt ihn in das große Oko mama auf dem Steintisch.
Das Oet feu, das symbolische Geldopfer an die Kirche, ist beendet. Die Frauen kehren in ihr Pukan zurück. Die Kirche betet nun für das Saatgut und die neu angelgten Gärten.
Als die Pastorin von Son Halen ihre Predigt beendet, gehen die vierzehn Frauen aus den Pukan durch die am Boden sitzenden Teilnehmer und sammeln in den Reihen der Sitzenden Rupiahscheine ein.
Und wieder stehen die Frauen um den Baki Tulu herum. Und wieder ist das Viereck an der Seite der Amnasi offen. Die anwesenden Penatu und Sjamas bilden nun um den Kreis der Frauen einen zweiten, äußeren Kreis.
Zwei der Penatua knien am Altartisch nieder. Einer der beiden nimmt das Mikrophon in die Hand, und sie sprechen gemeinsam ein Gebet. Dann stellen die Frauen ihr Oko mama mit dem Tobe an die Basis des Steintischs und gehen zurück in ihr Pukan.

Vor die Sitzreihe der Amnasi werden jetzt Palmmatten ausgelegt. Jede Frau bringt das Essen ihrer Pukan und stellt es auf die Matten vor die Männer. Alles geht sehr schnell, und die Matten sind mit Körben voll der unterschiedlichsten Gerichte überfüllt.
In den Taka liegen dutzende Flolo, aus Lontar- oder Kokospalmblättern geflochtene, rechteckige Taschen, die mit Maka und Pen tutu, Reis und zerstoßenem Mais, gefüllt sind. In anderen Taka befindet sich gekochtes oder gebratenes Fleisch verschiedener Haustiere.
Jeder Pukan bietet den Amnasi zehn bis zwanzig Flolo und die mit Fleisch gefüllten Taka an.
So füttern sie die Ältesten ihrer Gemeinde in respektvoller und ehrerbietiger Haltung.
Die Frauen legen vor jeden Amnasi ein Tobe nieder und bieten ihm ihr Essen an.
Oe maputu, das charakteristische Glas heißes Wasser, fehlt auch heute nicht.
Bevor das Tokom tah ok-okon, das gemeinsame Essen beginnt, wird wieder gebetet.
Die Frauen knien sich vor die mit den Taka überladenen Matten. Sie achten genau darauf, dass viel und reichlich gegessen wird. Bei diesem Ritual ist das entscheidend.
Wir essen Reis und Fleisch, Maka Sisi, das traditionelle Essen der Rituale der Atoin Meto. Und zwar viel. Sehr viel.
Nur Reis und Fleisch. Kein Gemüse. Das ist Verpönt. Alltagsessen.
Der Überfluss von Reis und Fleisch ist ein Marker. Es darf auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass ein Mangel an hochwertiger Nahrung herrscht. Dass nicht ausreichend Fleisch vorhanden ist. Es ist wichtig, viel zu essen. Das gilt als Zeichen von Wohlstand und trägt auf magisch-kontagiöse Weise dazu bei, dass auch im nächsten Jahr kein Mangel herrscht.
Nach dem Essen erheben sich alle von ihren Matten. Small Talk. Flanieren. Ein Verdauungsspaziergang. Stehen und debattieren in Gruppen.
Händler bieten jetzt ihre Waren feil.
Fünf Kato, adelige Frauen aus dem Sonaf, trktieren das Sene, das Gongorchester, mit machtvollem Schlag. Ihre eisernen Gongs schmettern mir befremdliche Rhythmen ins Ohr. Die Frauen umringen beherzte Zuschauer, die beginnen zu den Klängen der Gongs zu tanzen. Sbo sene, den Gongtanz.
Unvermittelt stimt die Pastorin das Schlussgebet an. Die Ritualteilnehmer sind inzwischen wieder an ihre Plätze zurückgekehrt.
Die vierzehn Frauen treten mit ihren Oko mama zum dritten Mal an den Baki Tulu.
Die Patorion schließt mit ihrem Gebet das Ritual.
Jetzt nimmt einer der Penatua das dritte Geldopfer aus den Körben und legt es in das Oko mama auf den Steintisch unter den Neu`.
Das dritte Geldopfer finanziert die Gebete der Kirche für das Saatgut, für Po`an und Lene mna, die Haus- und Feldgarten.

Die Geldspenden werden für den kirchlichen Bedarf verwendet. So heißt es!
Die beiden Geldspenden der Pukan betragen 2800 indonesische Rupiah.
Wieviel die Kollekte der Gläubigen der Kirche Son Halen einbringt, sagte mr niemand.

Das Ritual ist beendet. Die Teilnehmer nehmen ihre Taka und Ok beti, die am Baki Tulu stehen, und brechen nach Hause auf.

Der Kommentar

Das Onen Fini ist ein kurioser Synkretismus. Die protestantische Liturgie kombiniert die indigene Religion der Atoin Meto mit christlichen Elementen.
Onen Fini ist das End-Gebet. Das Gebet am Ende der Trockenzeit. Das Verb fini bezeichnet Abschlüsse, jede beendete Phasen und jeden abgeschlossenen Prozess.
Die Gebete des Onen Fini kühlen den Reis, der noch mit der Hitze der Trockenzeit assoziiert wird, ab. Die heiße, verbrennende Sonne tötet die Fruchtbarkeit der Erde. Mit dem Onen Fini endet das Heiße, das für die Atoin Meto Krankheit, Disbalance, Krieg und Tod bedeutet. Das abkühlende Onen Fini hat integrierenden Charakter. Das kühle Saatgut kann sich erst jetzt in heilsame Nahrung verwandeln.
Die Metamorphose von kühl zu heiß, von gesund zu krank, ist für die kulturellen Überzeugungen er Atoin Meto fundamental.
Die zentralen Symbole der Religion der Atoin Meto sind Baum und Stein. Onen Fini findet am Ort des Nunu, am Platz des Baki Tulu statt.
Fini, die Saat im Ok beti, wird an diesem Ort, dem Holz und dem Stein, präsentiert, die auch die totemistischen Ahnen der alten Zeit repräsentieren.
Mit dem Geldopfer wird heute auch der Penatua, früher der Tuan Tanah, der Herr des Bodens, für seine rituellen Dienste für die Gemeischaft bezahlt.
Die Amnasi sitzen höher als die Gemeinde. Sie sitzen am Kopf der Versammmlung.
Die Gemeinde, die Kinder, ernähren ihre Ältesten und Führer, ihre Eltern.
Das Festmahl ist Maka Sisi, das tradionelle Reis-Fleisch-Gericht der Lebenszyklusrituale. Die kosmische Kultgemeinschaft trifft sich in Oe Nunu.
Die Musik und der Tanz sind kulturelles Erbe. Sie sind meto, indigen.
Das christliche Gebet und die Kirchenlieder, Lesung und Predigt der christlichen Liturgie, sind importierte Elemente. Sie ersetzen jetzt die rituelle Rede einer anderen Zeit. Sie sind kase, fremd.
Das Ritual findet in der Anwesenheit der Kirchengmeinden, auf dem Kirchenacker, nicht länger in den Haus- und Feldgärten der einzelnen Ume stsatt.
In Oe Nunu steht ein Altar, nicht der Feldstein, auf dem einst dem Pah Tuaf in den Gärten geopfert wurde.
Die Kollekten, die lokale Kirchensteuer, sind gänzlich westlicher Kirchenimport.

Die protestantische Kirche kontrolliert den verbalen und liturgischen Rahmen des Onen Fini. In den einzelnen Riten dominiert die indigene Weltanschauung wie im Untergrund.
Die Innovationen der protestantischen Kirche sind sekundär. Sie beziehen sich vorwiegend auf das gesprochene Wort.
Die Performance und deren Elemente entsprechen der indigenen Atoin-Meto-Adat.
Oration contra Ostention.
Die Motivation und emotionale Befindlichkeit der Teilnehmer unterscheiden sich nicht wirklich von den Ritualen der Vergangenheit. Das gesprochene Wort, die Botschaft, ist christlicher Moral und Ethik verpflichtet.
Das gesprochene Worte steht im krassen Widerspruch zu den Überzeugungen der traditionellen Adat. Der Adressat der Worte ist der christliche Gott, nicht länger Uis Neno und Uis Pah. Nicht mehr der Himmel-Regen und die Erd-Fruchtbarkeit.
Dennoch trägt der Gott der Christen und der Gott der Animisten den selben Namen. Er heißt Uis Neno. Aber er ist nicht mehr der gleiche Gott. Obwohl er den selben Namen trägt und männlich ist. Ihm fehlt seine polare Ergänzung. Der weibliche Uis Pah. Die Gottheit Erde.
Das Ritual ist gespalten: Was die Teilnehmer fühlen, ist nicht das gleiche, was sie dem zu tun und was sie sagen.
Aber was glauben sie?
Ist es möglich, doppelt zu glauben wie man eine doppelte Identität haben kann? Atoin Meto und Indonesier!
Ist es möglich, sich auch religiös und spirituell zu dissozieren?
Die damit verbundene Hoffnung nicht.
Trotzdem ist der Zweck des Rituals gleich geblieben. Das garantieren schon die Jahreszeiten, das Klima und der Monsun. Bevor die Aussaat in den Gärten beginnt, versichert man sich übernatürlicher Unterstützung. Von wem, scheint dabei sekundär zu sein. In Amanuban muss das Saatgut noch immer durch den göttlichen Beistand befruchtet werden. Gestern am Pah Tuaf, heute in der Kirche, die den Pah Tuaf improvisiert, das Ritual aber nicht unter dem Dach der Kirche zelebrieren darf. Die Ritualteilnehmer müssen unter freiem Himmel stehen. Dort sind sie Uis Neno ganz nah. Und natürlich auch der Erde. Uis Pah. Auf ihr stehen sie. Von ihr leben sie.
Uis Neno bringt den Regen. Uis Pah empfängt ihn als Samen des Hmmels. Der christliche Gott kann das auch. Aber er bedient sich dazu abstrakterer Mittel.

In Niki Niki spricht man darüber, dass das Ritual von Jahr zu Jahr einfacher durchgeführt wird. Die Liurgie säkularisiert das indigene Ritual. Früher habe die protestantische Kirche sich enger an die Adat gebunden gefühlt. Die Riten hätten zwei Nächte gedauert. Das Essen sei nicht mitgebracht worden, man habe an Ort und Stelle geschlachtet und gekocht. Das Blut der Opfertiere habe in den Boden eindringen müssen. Die Ahnen gehen heute leer aus.
Die Pukan hätten einst nicht nur ihre Ältesten gefüttert. Sie hätten sich auch gegenseiitg genährt.

Onen fini: Ein Interview mit Yusuf Boimau`

Es ist der 4. November. Vormittag. Im Kantor DEPDIKBUD treffe ich Yusuf Boimau` Er ist Leiter des Kantor DEPDIKBUD. Als Penatua Sonaf hat er am vergangenen Donnerstag am Onen Fini in Oe Nunu teilgenommen.

Herbert W. Jardner [HWJ]: Wie lautet die offizielle Bezeichnung für das Ritual Beten für die Saat?

Yusuf Boimau` [YB]: Es gibt zwei verschiedene Bezeichnungen,je nachdem, welchen Aspekt des Rituals man betrachtet.
Der Name Onen Fini bezieht sich auf den Zweck des Rituals, auf das Beten für die Saat, die Bitte an Uis Neno, das Saatgut und die Gärten zu segnen, damit die nächste Ernte gelingt.
Der andere Name, Klei Oe, bezieht sich auf den Ort des Rituals: Die Kirche feiert draußen an der Quelle. Das Onen Fini wird immer im Freien zelebriert. Das Ende der Trockenzeit sieht in Amanuban die heißesten Tage des Jahres. Man hält sich in diesen Tagen lieber im Freien, unter den schattenspendenden Kronen mächtiger Bäume auf.
Auch Martin Luther hat seinen Protest gegen die katholische Amtskirche im Freien, vor der Kirchentür vorgetragen. Ein versteckter Hinweis auf den Reformationstag.

HWJ: Warum wird das Ritual Beten für die Saat am Reformationstag durchgeführt?

YB: Bei dem Reformationstag handelt es sich um einem bedeutenden, protestantischen Gedenktag, der in Amanuban Neno Mnaut, der Tag des Herausgehens, heißt. In Westtimor fällt das Ende der Fako Nais, der Trockenzeit, mit diesem christlichen Tag zusammen.
Die Adat regelt seit alter Zeit die Aktivitäten, die zu Beginn des neuen landwirtschaftlichen Zyklus, unmittelbar vor Eintritt des Regens, durchgeführt werden müssen. Das wichtigste Ritual war früher das Poi Pah, das außerhalb der Weiler, auf einem Berg unter freiem Himmel zelebriert wurde. Der Ana`mnes, der Herr über den Reis, Besitzer und Treuhänder der landwirtschaftlichen Rituale, stand einst diesem Ritual in der indigenen Kultur Amanubnas vor.
Auf der Bergspitze rief der Ana`mnes Uis Neno an und bat ihn darum, reichlich Regen zu schicken, damit die neue Saat aufgeht.
Er richtete seine Anrufung an Uis Neno und Uis Pah, damit diese die Ernte segneten und gedeihen ließen.

HWJ: Worin besteht der Zweck des Rituals Beten für die Saat?

YB: Das Onen Fini wurde von der protestantischen Kirche an ihre Liturgie angepasst. Dazu gibt es zwei Gründe: Für die Gemeinde ist es leichter, ein Ritual zu akzeptieren und sich damit zu identifizieren, das sie kennt. Die Fremdheit der importierten christlichen Liturgie wird auf diese Weise weitgehend eingeschränkt. Gleichzeitig wird das kulturelle Erbe der Atoin Merto bewahrt, da es heute in die christliche Tradition integriert ist.
Die christliche Version des Onen Fini verfolgt den gleichen Zweck wie das einstige Poi Pah, die Sorge um den rechtzeitig einsetzenden Regen und die Ernte des kommenden Jahres.

HWJ: Warum wird das Ritual in Oe Nunu durchgeführt?

YB: Oe Nunu ist der kühlste, schattigste Ort, der sich in Niki Niki für ein Ritual dieser Grüßenordnung findet. Oe Nunu ist aber auch der Quellort, der Bal Oe, der Badeplatz der früheren Herrscher, der Usif, von Niki Niki. Oe Nunu sicherte einst das ganze Jahr über die Wasserversorgung des Sonaf.
Oe Nunu liegt auf dem Gebiets des Sonaf von Niki Niki, wo sich der Usif und sein Toh, das Volk, schon immer zu ihren gemeinsamen Aktivitäten versammelt haben. Oe Nunu ist die Schnittstelle zwischen dem Palast der Nope-Herrscher und den Wohngebieten der Bevölkerung.

HWJ: Wer leitet das Ritual Beten für die Saat?

YB: Heute wird die Zeremonie vom amtierenden Pastor der Gemeinde Son Halen geleitet, zusammen mit einem Penatua, der ihm als Assistent zur Seite steht.
Früher leitete der Ana`mnes das Ritual Poi Pah in eigener Regie. Ein Usif war daran nicht beteiligt. Nur das Ana`mnes war dazu befugt, die Rituale der Kommunikation mit den Ahnen und den übernatürlichen Mächten zu zelebrieren.

HWJ: Seit wann trifft man sich für dieses Ritual in Niki Niki?

YB: Seit der vorletzte Usif von Amanuban, Pae Nope, zum Christentum konvertierte, wird dieses Ritual jährlich am 31. Oktober in Oe Nunu durchgeführt. Das erste Onen Fini fand am 31. Oktober 1948 in Niki Niki statt.

HWJ: Wer hat an dem Ritual Beten für die Saat teilgenommen?

YB: Penatau, Sjamas und ausgewählte Mitglieder der verschiedenen Pukan der Gemeinden Niki Niki sowie Bone waren anwesend. Jede Gemeinde hatte ihre Repräsentanten geschickt.

HWJ: Wie nennt man die zentrale Überdachung, unter der die einzelnen Phasen des Rituals stattfinden?

YB: Diese Überdachung heißt Baki knino oder Baki fu`at, heiliger oder Baldachin des Saatguts. Aber auch Baki Tulu ist ein gebräuchlicher Name, der aber eher alltagssprachlich ist. Dieser Name ist eine christliche Innovation und ersetzt die frühere Bezeichnung des Ritualorts. Einst hieß dieser Ort Hau Le`u Faut Le`u, numinoses Holz, numinoser Stein, der Platz auf dem sich der dreigabelige Tola erhob. Dieser Tola war ein mit den Wurzeln zum Himmel weisender Baumstamm, an dessen Basis ein besonderer Stein deponiert war. Hier brachten die Namengruppen der Atoin Meto einst ihre Anrufungen und Opfer dar. Das Blut der geschlachteten Tiere wurde für Uis Pah auf den Stein gestrichen, besondere Fleischteile für Uis Neno in die himmelweisenden Wurzeln des Baums gelegt.
Der Altarstein in Oe Nunu ist eine Erinnerung an diesen Stein, der früher an der Basis des Tola lag.
Heute glauben die Ritualteilnehmer, dass Uis Neno als geistige Macht unter dem Baki Fu`at an dem Ritual teilnimmt. Dies bringen besonders die drei Hüfttücher des Daches zum Ausdruck. Ein Platz, an dem sich eine hochgestellte Persönlichkeit aufhält, wird immer mit einem Mau überdacht oder markiert. Das Textil kennzeichnet den Ort als sakral. Als ausgegrenzt aus dem alltäglichen Leben.
Wähend des Onen Fini weilt Uis Neno unter dem Baldachin. Darum hält sich hier auch niemand anderes auf. Weder die Pastorin, noch der Penatua. Dieser Ort ist Uis Neno vorbehalten, dem die christliche Kirche den Tola verwehrt.
Der Baki Knino ist der modifiierte Tola der einstigen Rituale. Der gilt im modernen, indonesischen Amanuban als animistisch.
Der Steintisch symbolisiert Uis Pah. Auf ihm werden heute keine Naturalien, sondern die Geldopfer in einem Oko mama deponiert.
Der Baldachin repräsentiert den Tola und seine himmelwärts weisenden Wurzeln. Der Tola als animistischer Baum musste dem Holz des christlichen Kreuzes weichen. Der Baum ist in christlicher Symbolik anders besetzt. Die riesigen Waringinbäume am Rand von Oe Nunu erinnern an vergangene Zeiten.
Aber gestern wie heute ist Uis Neno bei dem Ritual anwesend.

HWJ: Warum werden zu Beginn des Rituals Trompeten geblasen?

YB: Trompeten, To`is heißen sie im Uab Meto, werden geblasen, damit die Teilnehmer wissen, dass das Ritual beginnt. Die christliche Liturgie hat diesen Brauch aus der indigenen Adat übernommen.
Früher blies ein Palastbediensteter, der Opas, eine Trompete aus dem Horn des Wasserbüffels immer dann, wenn das Volk aufgefordert wurde, den Usif zu begleiten oder ihm bei seinem Erscheinen vor dem Sonaf zu huldigen.
Der Ruf der Trompeten verkündete auch offizielle Erlasse und Aktivitäten.
Beim Onen Fini fordert die Trompete auf, Uis Neno zu huldigen.

Die folgenden Antworten von Yusuf Boimau` weichen von dem Geschehen ab, das ich in Oe Nunu beobachten konnte. Insbesondere sind die Geldkollekten während des Rituals von dieser Abweichung betroffen.

HWJ: Warum werden die Oko mama mehrere Male am Baki Tulu präsentiert?

YB: Ein Oko mama wird angeboten, wenn offizielle Angelegenheiten von ritueller Rede begleitet werden. Die Gabe in einem Oko mama legitimiert Redlichkeit und den Inhalt der Ansprache.
Der Geldbetrag oder auch die Betelfrüchte im Oko mama symbolisieren die Rinder, die früher in solchen Ritualen geschlachtet und verzehrt wurden. Gleichzeitig markieren sie die außergewöhnliche Bedeutung der rituellen Situation.
In jeder sozialen Situation und Begegnung öffnet ein Oko mama, meist mit Betel gefüllt, die Kommunikation zwischen Individuen, sozialen Gruppen oder übernatürlichen Mächten. Auch bei alltäglichen Zusammenkünften und zufälligen Treffen. Betel gegenseitig zu tauschen und gemeinsam zu essen dient der Begrüßung und der Kommunikation.
Das erste Oko mama bietet der Penatua jeder Pukan an. Die Höhe des Geldbetrags ist nicht freigestellt. Es müssen Geldscheine im Wert von 100, 500 oder 1000 indonesichen Rupiah sein.
Das erste Oko mama informiert Uis Neno, damit dieser weiß, dass die Ritualteilnehmer vollzählig versammelt sind.
Im zweiten Oko mama bringen die Frauen der Pukan die Kollekte der Gemeinde zum Baki Knino.
Uis Neno wird verkündet, dass die alten Gärten zur Aufnahme der neuen Saat bereit sind. Die Gebete, die die beiden Penatua am Baki Tulu sprechen, verehren und lobpreisen Uis Nneo. Sie bitten ihn um seinen Segen. Begleitet werden die Gebete von traditioneller Musik. Die Leku, die einheimische Viola, die gespielt wird, erinnert an den Harfenspieler David und dessen Psalmen zum Lob Gottes. Die Geldspenden sind der Dank der Gemeinde an Uis Neno für seinen Segen.
Mit dem dritten Oko mama erfährt Uis Neno, dass die neuen Gärten angelegt worden, und für die Aussaat bereit sind.
Die Gemeinde bittet Uis Neno um den Segen für die Saat, für eine erfolgreiche Ernte. Dies ist adat-konformes Verhalten. Von je her kündigte der Bauer die Rodung eines neuen Gartens den übernatürlichen Mächten an. Früher dem Nai Tuaf, heute dem christlich gewandelten Uis Neno. Versäumte er dies, so wurde vom Herr des Bodens eine Buße verhängt. Der Bauer musste dem Usif eine Inuh schenken, eine Perlenkette aus Korallen, die in jeder Namengruppe zu den Hinterlassenschaften der Ahnen gehört.
Aus Sicht der protestantischen Kirche ist Uis Neno zum alleinigen Besitzer des landwirtschaftlichen Bodens geworden. Aus diesem Grund muss er von allen Aktivitäten der Menschen unterichtet werden, die den Boden betreffen.
Das vierte Oko mama geben wieder die Penatua der anwesenden Pukan. Sie informieren damit Uis Neno, dass das Onen Fini beendet ist. Die Teilnehmer sind für die Rückkehr in ihre Weler bereit. Mit seinem Oko mama bittet der Penatua um die Erlaubnis, gehen zu dürfen.

HWJ: Worin liegt die Bedeutung des gemeinsamen Essens während des Rituals?

YB: Die Bedeutung des gemeinsamen Essens liegt in der Bewirtung der Penatua und der Honratioren, die in den Pukan organisatorische Funktionen in der Kirchenverwaltung ausüben. Diese werden als Gäste angesehen, deren Aufgabe nicht darin besteht, das Onen Fini zu leiten, dass die christliche Kirche übernommen hat. Die Penatua bilden dabei die Schnittstelle zwischen der offiziellen Amtskirche und den Mitgliedern der Gemeinde, für die sie verantwortlich sind.
Die vorbereitete Mahlzeit wird auf die Hala genannten Stellagen am Rand des Festplatzes deponiert. Jedes Pukan hat sein eigenes Hala. Von dort kann das Essen unproblematisch geholt und serviert werden.
Auch im Alltag, wenn sozial höher stehende Gäste zu Besuch kommen, reicht die einfache Begrüßung mit Betel nicht aus. Die Bewirtung wird erst als vollständig empfunden, wenn der Gast nicht aufbricht, ohne gegessen und getrunken zu haben.
Heute bringen die Pukan das fertig zubereitete Essen mit nach Oe Nunu. Früher wurde die Mahlzeit am Ort des Rituals bereitet. Dies führte dazu, dass sich die Teilnehmer für zwei Nächte und Tage versammelten.
Die Kirche scheut sich inzwischen vor diesen großen, andauernden Festlichkeiten, da das rituelle Schlachten und Braten das Heilige des protestantischen Ritus verwässert, und zu unmittelbar an die vorchristliche Religiosität erinnert.

Anmerkung

Feldforschungstagebuch Amanuban

Datum 31.10.1991 / 10:00 – 13:30 Uhr / 05.11.1991 Vormittag
Ort Oe Nunu, Nope-Sonaf; Kelurahan Niki Niki; Kantor DEPDIKBUD, So`e, Zentralamanuban
Teilnehmer Abraham A. Sakan; Yusuf Boimau`, Penatua Sonaf; Pastorin Tahun, Son Halen; Nesi Nope, Lurah Niki Niki; Mitglieder von 14 Rayons des Kelurahan Niki Niki sowie des Desa Bone; HWJ
Daten Beobachtung; Interview; Fotografie

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