Oepuah, 25. Juli 1991

Yonas Telnoni: Atoin-Meto-Tracht und die Geschichte Amanubans

Wie vor einer Woche verabredet treffe ich mich heute nachmittag mit Yonas Telnoni bei ihm zu Hause
im Kampung Aman um ausführlicher über die Tracht der Atoin Meto zu reden. Ich hatte in der Zwischenzeit eine Liste mit mir wichtigen Fragen vorbereitet, und wollte das Interview auf Band aufzeichnen.
Zu Beginn erläuterte ich noch einmal mein Forschungsvorhaben, um sicher zu gehen, dass Y. Telnoni auch verstand, worum es ging. Schon scheiterten Interviews daran, dass mein Gesprächspartner eigene Vorstellen hatte, und versuchte, das Interview zu dominieren und die Themen zu verändern. Er gab mir aber zu verstehen, dass er mein Projekt wichtig finde, verstehe, worum es ging und bereit sei, meine Fragen in meiner Reihenfolge zu beantworten. Er schlug dann vor, ich solle mit ihm eine Systematik erarbeiten, die er in Ruhe zuhause bearbeiten könne, was ich ihm aber ausreden konnte.

Es kam heute nicht zu einer Bandaufnahme, sodass ich im folgenden aus meinem handschriftlichen Manuskript zitiere. Die Auskünfte, die ich von Y. Telnoni erhielt, lassen sich in vier thematische Bereiche gliedern:

Zur Tracht der Krieger-Kopfjäger (meo)

Nachdem ein angehender Meo seinen ersten Kopf erbeutet und nach Hause gebracht hatte, lebte er längere Zeit mit der Kopftrophäe in Isolation. Er durfte die Siedlung nicht betreten, bis die Kleidung, die seinen neuen Rang bestätigte, hergestellt war. Das Herstellen der Kleidung soll oft mehrere Jahre gedauert haben.
War die Kleidung fertiggestellt, so wurde ein Ritual, mit Namen nabuk zelebriert, das den Meo in seinen Rang initiierte. In Verlauf verschiedener Riten wurde der Meo rituell eingekleidet. Der Name dieses Rituals, nabuk, bezieht sich auf die silbernen, breiten Arm- und Fußbänder (buku), die zum Meo-Ornat gehören.
In Binaus, so Telnoni, gebe es noch vollständiges Meo-Ornat; sein Besitzer sei allerdings schon verstorben.

Die Tragart der Atoin-Meto-Tracht

Der für die Tracht übliche Terminus sei abtais, der gleichzeitig auch das Tragen oder Anlegen der Tracht bezeichne.

  • Amanuban: das Hüfttuch (mau) fällt bis auf die Knöchel, bedeckt mindestens die halbe Wade, herab;
  • Amanatun: das Hüfttuch (mau) endet oberhalb der Knie;
  • Molo: das Hüfttuch (beti endet unterhalb der Knie.

Allein an der Tragart seines Hüfttuchs lässt sich die territoriale Herkunft des Trägers erkennen:

Die Tracht des Mannes

  • Normalerweise trägt der Mann zwei große Hüfttücher (mau naek) übereinander. Es seien jedoch auch drei Mau naek möglich, jedoch eher die Ausnahme.
    Der als Unterkleid getragene Mau pinaf ist ein Mau naek, der bis auf die Knöchel herab fällt, jedoch zumindest die halbe Wade bedecken sollte.
    Der Mau fafof ist ein zweiter Mau NAek, der über dem Unterkleid getragen wird, allerdings schon oberhalb der Knie endet.
  • Das Anziehen der beiden Hüfttücher bezeichnet man als nafaof mau oder als nabuki mau. Von der Intention her unterscheiden sich beide Begriffe nicht.
  • Ein weiterer Mau naek wird über beide Schultern getragen: Dieser Mau wird auf schalbreite gefaltet, dann über die Schulterblätter gelegt, wobei beide Ende unter den Achseln hindurch und dann über die Schultern nach hinten gelegt wird, sodass die Fransen über den Rücken fallen. Dort werden sie unter den Teil des Mau geschoben, der zu Beginn über die Schulterblätter gelegt wurde. Diese Tragart des Mau nennt man kalaba
  • als Tragart in formellen Situationen kommen nur zwei Variationen in Betracht:
    die Kombination eines Mau pinaf und eines Mau fofof; ohne den Mau auf Kalaba-Art;
    die Kombination von Mau pinaf und dem Mau in Kalaba-Art.
    Beliebt sei inzwischen auch eine andere Tragart des Mau für Männer geworden: ein einzelner Mau wird wie eine Schärpe über einer Schulter getragen. Die beiden Fransenenden werden über der Hüfte mit einer Sicherheitsnadel zusammengeheftet. Diese Tragart ist nicht traditionell, sondern auf auswärtigen Einfluss zurückzuführen.
  • Der piul saluf, mit der Mau über der Hüfte befestigt wird, ist ein sehr langer weißer, schalförmiger Gürtel mit geflochtenem Fransenteil. Diese Schals werden nicht selbst hergestellt, sondern im Laden gekauft. Y. Telnoni weiß nicht, ob dies schon immer der Fall war.
    Diese Schals gibt es in verschiedenen Farben. Sei besitzen unmittelbar oberhalb der Franse einen 10 bis 15 cm breiten Streifen mit einer <Buna`- oder Saeb-Musterung. Häufig werden von diesen Gürteln mehrere, zwischen zwei und vier, verwendet. Farbe und Anzahl seien dem modischen Belieben des Trägers überlassen. In Amanuban sieht man überwiegend zwei Piul saful in den Farben rot und gelb.
  • Der Paus noni ist ein Ledergürtel aus Rinds- oder Ziegenleder, auf den mehrere Taschen aufgenäht sind, die mit Silbermünzen verziert sind. Dieser Gürtel ist Bestandteil des Meo-Ornats, wird aber heute kaum noch getragen, und gehört zu den Erbstücken der Familie.
  • Der Piulk nakaf ist ein Kopftuch, das früher ikatgemustert, heute aus gekauften, oft importierten Batikstoffen hergestellt ist. Dieses Tuch bindet man sich wie einen gerollten Reif um die Stirn. Es wird sie gefaltet, dass dann über den Schläfen und am Hinterkopf ein dreieckiger Zipfel nach oben steht.
  • Die Aluk ist eine kleine Umhängetasche, die so über der rechten Schulter getragen wird, dass sie auf der linken Hüfte aufliegt. Ihr Inhalt sind die Bestandtele des Betels (puah manus), ein Bambus- oder Hornzylinder (kalat) für den gelöschten Kalk (ao) sowie mehrere kleine mit Perlen- oder Ikatmotiven gemusterte Behälter (ok tuke), eine Pinzette, Ohrreiniger und Münzen. Alte Silbermünzen sind als Zierrat auf dem gewebten Träger der Aluk appliziert.
  • Silberne Armreifen (niti), der auf dem Hinterkopf getragene Haarknoten (bu`at waren früher weitere Trachtbestandteile. Heute trägt der Mann eine Kurzhaarschnitt, eventuell einen gestutzten Backenbart.
  • Früher sei es Trachtbestandteil gewesen, barfuß zu gehen, heute trage man die obligatorischen Gummisandalen, die durch einen Steg zwischen den zehen gehalten werden.

Die Tracht der Frau

  • Der Frauenrock (Tais) ist ein röhrenförmiger Sarung, der von der Hüfte an bis auf die Füße oder bis auf den Boden fällt.
    Der im Laden gekaufte, pan-indonesische Sarung (lipa) wird so über dem handgewebten und ikatgemusterten Tais getragen, dass von diesem allenfalls ein schmaler Saum sichtbar ist.
    Nabuki sagt man, wenn man beschreiben will, dass der Tais so getragen wird, dass ihn der Lipa verdeckt.
  • Der Mau anah, der kleine Mau, ein langer schmaler Schal, wird über einer Schulter wie eine Schärpe getragen. Es kann aber auch die eine Stola um den Hals gelegt werden, sodass die beiden Fransenenden über der Brust herabhängen. Die letztere Tragart bezeichnet man als naheke.
  • Silberne Armringe (niti) und Ohrgehänge (falo) sowie die sogenannten Inuh-Ketten aus dunkelgelben Perlen (mutmaßlich Korallen) gehören zu den Erbstücken einer Familie, die nur anlässlich besonderer Anlässe getragen (zur Schau gestellt) werden. Als Bestandteil des Brautpreises (puah manus) werden sie von den Brautnehmern an ihre Brautgeber gegeben. Spindel und Schale (ike ma suti) werden die Gaben der Brautgeber an die Brautnehmer in den Transkationen während des Heiratsrituals genannt.

Herkunft der Verzierungstechniken

  • Futus, Ikat, sei die ursprüngliche Verzierungstechnik in Amanuban;
  • Lotis, Kettentechnik, sei über Nordzentraltimor aus Belu nach Amanuban importiert worden;
  • Buna`, broschierte Mustereinträge, seien aus Molo nach Amanuban gekommen.

Yonas Telnoni weist daraufhin, dass aktuell die Ikatmusterung, von Amanuban kommend, zunehmend nach Molo gelangt, wo sie aber weder hochentwickelt, noch besonders angesehen ist.

Randbemerkungen zu politischen Organisation in Südzentraltimor (TTS)

historisch rezent Dynastie
Pah Banam Amanuban Nope
Pah Oenam Molo Sonba`i
Pah Onam Amanatun Banunaek

Die andere Ebene der politischen Organisation ist die von den Niederländern eingeführte koloniale Administration Verwaltungssystems auf der Grundlage der Kefetorane. Amanuban wurde in sieben, Molo vier und Amanatun ebenfalls in vier Bezirke gegliedert:

Die sieben Kefetorane im vorindonesischen Amanuban

Amanuban Kefetoran Fetor Kecamatan
1 Noe Bunu Isu Ostamanuban
2 Noe Monbet Isu Ostamanuban
3 Noe Siu Nakamnanu Zentralamanuban
4 Noe Liu Nakamnanu Zentralamanuban
5 Noe Meto Nope Westamanuban
6 Noe Beba Nabuasa` Südamanuban
7 Noe Muke Babis Südamanuban

Die vier Kefetorane im vorindonesischen Molo

Molo Kefetoran Fetor Kecamatan
1 Bijeli Mela Südmolo
2 Besana Oematan Südmolo
3 Netpala <Oematan Nordmolo
4 Nunbena Pitae Nordmolo

Die vier Kefetorane im vorindonesischen Amanatun

Amanatun Kefetoran Fetor Kecamatan
1 Noe Bone Kobi Nordamanatun
2 Noe Bokong Neometo Nordamanatun
3 Noe Bana Nokas Südamanatun
4 Noe Muti Fay Südamanatun

Der Verwaltungsebene unterhalb eines Kefetoran standen die folgenden Funktionären vor:

  • Temukung Naek;
  • Temukung Ana;
  • Lopo;
  • Mafefa.

Die Vorstände der einzelnen Familien, Lineages (ume), oder Klangruppen (kanaf) waren die Amaf.

Die koloniale Verwaltungsstruktur der Kefetorane wurde 1958 endgültig in die moderne indonesische Adminstration überführt: Kabupaten Tinor Tengah Selatan (Regierungsbezirk Südzentraltimor) mit den Landkreisen Amanuban Barat (West-), Amanuan Tengah (Zentral-), Amanuban Timor (Ost-) und Amanuban Selatan (Süd-); Molo Selatan und Molo Utara (Nord-); Amanatun Selatan und Amanatun Utara.

Trotz der ausführlichen politischen Gliederung ist es mir nicht gelungen, meine These zu bestätigen, dass die Ikatmotive der Mittelbahn der Gewebe oder die alternierende Streifenmusterung in den beiden Seitenbahnen des Mau in irgendeiner Weise territorial zu identifizieren sind. Erneut ein Misserfolg, zu verifizieren, dass die Musterung der Textilien auf als Code der Kanaf-Zugehörigkeit von der Kleidung abzulesen ist. Dies so Y. Telnoni, sei nur mit den malak, Tätowierungen beim Menschen bzw. Brandzeichen beim Vieh, möglich gewesen.
Er bekräftigte mir aber, dass die Motive sich früher auf die Zugehörigkeit zu einer der drei sozialen Schichten bezogen habe: die Kauna-Motive für den Adel, der `Kai Naek für den Fetor und die Amaf, der `Kai mnutu für die einfache Bevölkerung. Heute sei diese Unterscheidung aber aufgehoben, und alle Motive seien für jeden frei verfügbar. In den Jahrzehnten der Freigabe der Motive habe sich ein unentwirrbarer Synkretismus entwickelt.
Er hob allerdings auch hervor, dass die Musterung und Verzierung des Meo-Ornats eigenen Regeln gefolgt sei.

Heute eine neue Pflanze kennenlernte: der Wurzelstock (vielleicht auch der Rindenbast) eines kleinen, dornigen Busches liefert eine gelbe Farbe: Hau molo, Curcuma.

Anmerkung

Feldforschungstagebuch Amanuban: 25. Juli 1991

Datum 19.07.1991 / 16:00 – 18:30 Uhr
Ort So`e, Oepuah, Kampung Aman; Westamanuban
Teilnehmer Yonas Telnoni und Ehefrau; Eben Nenohaifeto; HWJ
Daten Atoin-Meto-Tracht; strukturiertes Interview

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