Ch.Z. Babys, 10.10.1991

Vorbemerkung

Idee und Planung des Historiker-Seminars in Kuan Fatu gehen auf drei Gespräche mit Ch.Z. Babys zurück, die 10. Oktober, 28. November und 29. November 1991 bei ihm zuhause in Oebesa (So`e) stattfanden. Es handelt sich dabei um mehrere unsystematisierte Interviews, die Angelegenheiten (lasi seinen Namengruppe (kanaf betreffen. Insbesondere sollten sie Licht in den Zusammenhang der beiden Kanaf-Namen Babis und Sole bringen.
Das Ergebnis dieser Gespräche führte zu der Entscheidung mit Mitgliedern der mit Ch.Z. Babis allierten Namengruppen zusammenzuarbeiten, um eine kanafzentrische Version bestimmter Ereignisse der regionalen Geschichte Aamanubans zu dokumentieren.
Diese Kooperation sollte sich ihm wesentlichen auf auf den Vortrag mündlicher Dichtungen (tonis beziehen, die in einer Art Stegreifdichtung historische Überlieferungen tradierten, die während der Lebenszyklusrituale der kooperierenden Namengrupen – Ton und Finit, Babis und Sapai – von Spezialisten, den von mir sogenannten Dichter-Sprechern, komponiert werden.
In dem ersten Interview, dessen Ergebnis ich im folgenden präsentiere, äußert sich Ch.Z. Babis eher allgemein über das ehemalige politische System Amanubans, die aktuelle Situation, die Veränderungen und die Rolle seiner Namengruppe. Er wechselt dabei belieibg die Themen, ohne ein Theman systematisch zu verfolgen.
Mehrere andere Interviews, die ich an diesem Tag bereits geführt hatte, die Entfernungen, die ich dazu mit dem Motorrad zwischen den Haushalten zurückgelegte, hatten meine Konzentration und Energie bereit sehr strapaziert. Dennoch will ich verschiedene Aspekte dieses Gesprächs wiedergeben.

Die Beziehung von Sole und Nabuasa`

  • Die Namengruppe Babis hat das Amt des Fetors von Noe Muke (heute Kecamatan Amanuban Selatan) in der dritten Generation inne. Babis ist einer der vier Meo Naek Banam.
  • Am 30.11.1991 ergänzt Ch.Z. Babys:
    Noe Muke: erster Fetor war Bae` Nope / zweiter Fetor war Leno Babis, alias S.M. Babis, der Vater von Ch.Z. Babys
  • Noe Beba: erster Fetor war Kusa Nope / zweiter Fetor war Ke`i Nabuasa`

Als 1950 das Kabupaten Timor Tengah Selatan (TTS) gegründet wurde, übernahm die indonesische Administration noch weitere Jahre die von den Niederländern eingeführte Kefetoran-Gliederung. Wann die Kefetorane in die einzelnen Kecamatan überführt wurden, konnte ich in diesem Interview nicht klären.
Amanuban bestand in der Anfangsphase aus drei Kecamatan: Amanuban Timur, Tengah und Barat. Amanuban Barat vereinte die drei ehemaligen Kefetorane Noe Meto, Noe Muke und Noe Beba. Dem gemeinsamen, rechtlich begründeten Einspruch von Babys und Nabuasa` beim ersten Bupati von TTS, Kusa Nope, gegen diese politisch-territoriale Gliederung, wurde etwa zehn Jahre später aus Jakarta stattgegeben. Etwa um 1960 wurden die beiden Kefetorane Noe Muke und Noe Beba als Amanuban Selatan von Amanuban Barat getrennt. Das Amt des ehemaligen Fetor ging an die beiden Namengruppen Babys und Nabuasa`. Ch.Z. Babys Vater übte dieses Amt von 1966-68 mit Sitz in Noe Muke aus.

Die traditonell bestehenden Beziehungen zwischen den Namengruppen Babys und Nabuasa` erläutert Ch.Z. Babys wie folgt:

  • Babys ist der ältere Bruder von Nabuasa`, der Meo Kliko ist.
  • Politisch betrachtet gehören Babys und Nabuasa` zusammen.
  • Babys und Nabuasa` stehen als politische Einheit in der für die Atoin-Meto-Kultur charakteristischen tataf olif-Beziehung (älterer-jüngerer Bruder).
  • Babys führt als Zeichen seines Position die ihm von den Niederländern verliehene rote Fahne;, Nabuasa` die weiße. Die rote Fahne besitzt das höhere politische Prestige.
  • Babys und Nabuasa` haben sich gemeinsam gegen die Nope-Dynastie aufgelehnt und mit den Niederländern gegen Nope integriert.
  • Babys hat als Meo Naek Amanuban weit gemacht hat und Jabi über den Noel Mina getrieben.
  • Babys ist der Fuß, während Nabuasa` der Kopf des heutigen Gebiets von Amanuban Selatan ist.
  • Babys hält die Gewang- und Lontarpalme, während Nabuasa` Sandelholz und Bienenbäume hält.

Die Aussagen von Ch.Z. Babys über die Beziehung Babys-Nabuasa` heute abend, stehen in krassem Widerspruch zu den Ergebnissen, die A. McWilliam (1989) in seiner Dissertation über Nabuasa` veröffentlicht hat. Die wichtigsten sind:

  • Nicht allein Nabuasa‘, den McWilliam als Meo Naek von Amanuban bezeichnet, besitzt das Recht diesen Titel zu führen. McWilliam unterschlägt außerdem, dass es vier und nicht nur einen Meo Naek gibt.
  • Weder unter dem Kanaf-Namen Babis, noch unter dem eher zu erwartenden Akun-Namen Sole, wird Babis als älterer Bruder (tataf ) von Nabuasa` erwähnt. Der Name Babis wurde früher als zu machtgeladen und gefährlich angesehen und nicht ausgesprochen. Möglicherweise hängt damit auch die Änderung der Schreibweise zusammen: Babis zu rezent Babys.
  • Die rote Fahne, die mit Tod assoziierte Fußseite sowie das Namen-Tabu sind Merkmale die einem großen Krieger-Kopfjäger zustehen.
  • Die Bezeichnung Meo Uf, die Nabuasa` lt. McWilliam für sich in Anspruch nimmt, bezeichnet Babys als willkürlich und selbstmächtig. Den Titel eines Meo Uf, so Ch.Z. Babys, habe es Amanuban nie gegeben.
  • Babis nannte als einzige autorisierte Person, der die Herkunftsmythe der Nabuasa`-Kanaf erzählen dürfe, Daud Nabuasa` aus Oepliki, Südamanuban. Ohne das ich ihn erwähnte, nannte Ch.Z. Babys einen gewissen L.B. Nabuasa`, einem der Informanten, denen McWilliam im Vorwort seinen Dank auspricht, als denjenigen, den man am wenigsten zu historischen Angelegenheiten befrage dürfe‘.

Diese Statements kamen durch unsere Diskussion der Ergebnisse von McWilliams Dissertation zustande. Während unseres Gesprächs erregte sich Ch.Z. Babys immer mehr über die offentsichtliche Zurücksetzung seiner Namengruppe, die die älteren Rechte besitzt und brachte seine Verärgerung in zwei Vorwürfen zum Ausdruck:

  • „Nabuasa‘ merusakkan adat!“
  • „.. perkara yang keras…!“

Ch.Z. Babys machte mich in unserem Gespräch außerdem auf folgende Sachverhalte aufmerksam:

  • Jedes der früheren Swapradja wurde in Kefetorane unterteilt (vgl.a. meine Telnoi-Interviews).
  • Jedes dieser Kefetorane wurde wiederum in mehrere Temukung Naek unterteilt.
  • Jedes dieser Temukung Naek setzte sich aus mehreren der modernen Desa zusammen.
  • Jede Kanaf Naek besitzt ein eigenes malak, ein Brandzeichen für die Kennzeichnung des Viehbesitzes. Jede Kanaf Naek besteht aus mehreren Namengruppen, die eine rituell-sozio-ökonomische, politische Konförderation bilden. Eine einzelne Kanaf besitzt kein eigenes Malak, sondern folgt dem Malak der Kanaf Naek, der sei angehört. Außerdem kennzeichnen die beschnittenen Ohren der Tiere den Besitz jeder einzelnen dieser Namengruppen.
  • Jedes Temukung Naek besaß ein eigenes Malak.

Wenn diese Differenzieurng zutrifft, dann wäre es interessant zu prüfen, ob es sich mit dem Textil-Design nicht ebenso verhält. So ließe sich die Anzahl der Variationen einschränken, und die Weite des Kefetorans begrenzen. Fünf Motive pro Kefetoran scheinen mir eine realistische Größenordnung zu sein. Setzt man voraus, dass die Kauna-Motive in dieser Ordnung nur für den Usif, und vielleicht noch für enge Alliierte bestimmt sind, so könnten sich die anderen Kanaf durch gering abweichende Variationen einzelner `kaif-Haken differenzieren, wie sie in Wirklichkeit auch beobachtbar, aber noch nicht erklärbar sind.

Fazit

Die Widersprüche und Vorwürfe aus den Babys-Interview sind eklatant. Stimmen seine mit McWilliams konkurrierenden Angaben, dann bestätigt dies meine eigenen Erfahrungen, wovon Feldforschung und Datenerhebung in Amanuban ausgehen muss:

  • von anhaltenden Streitigkeiten und konurrierenden Versionen einzelner Namengruppe um Privilegien, Prestige und Landrechte;
  • von Behauptung jeder Namengruppe, dass nur sie sei im Besitz der Wahrheit, dass sie allein über die relevanten, tradierte, Kenntnisse verfüge, und nur sie deshalb Auskunft über historische Sachverhalte geben kann,
  • und davon, dass jede historische (kulturelle) Information als kanaf-zentrisch zu bewerten ist, und deshalb mit den Erinnerungen anderer Namengrupoen verifiziert werden muss.

Wie diese Erkenntnis sich auf den Wert der Untersuchung von A. McWilliams über die Geschichte Amanubans auswirkt, mag ich an dieser Stelle nicht bewerten.
Hat die Namengruppe Nabuasa` die Babys-Kanaf wirklich aus der Geschichte Südamanubans ausgegrenzt? Oder sind die Angaben von Ch.Z. Babys ebenso zu bewerten, wie die der Nabuasa`: als geschickter Versuch, die eigene Gruppe auf Kosten einer anderen zu erhöhen? Als Fortsetzung einer seit Generationen anhaltenden Konkurrenz um Prestige.
Liegt hier, in der Terminologie westlicher Wissenschaft gesprochen, ein Fall von Geschichtsklitterung vor oder handelt es sich nicht vielmehr um eine legitime, sub-ethno-zentrische Darstellung der regionalen Version einer übergeordneten Geschichte, deren Darstellung noch nicht geleistet wurde? Eines macht diese Situation deutlich: Die vielzitierte Drohung, dass den, der beim Vortrag der mündlichen Dichtung (tonis) lügt, der Zorn der Ahnen triff, ist leeres Geschwätz.

Ich frage mich auch, welche Auswirkungen die geschilderte Diskussion über die Forschungsergebnisse eines westlichen Ethnologen auf das Verhältnis von Babys und Nabuasa` haben wird. War es ein Fehler, diese Diskussion zu führen?
Natürlich nicht, im Licht wissenschaftlicher Ehrlichkeit betrachtet. Forschungsergebnisse gehören in erster Linie denen, die die Daten dazu liefern. Alles andere wäre neo-kolonialistisch.
Eigenartig ist, dass weder der Ethnologe noch seine Arbeit in Kreis der Namengruppe Babys bekannt sein soll. Ch.Z. Babys sagte mir, dass er davon gehört habe, dass über die Nabuasa`-Kanaf wissenschaftlich geforscht würde. Aber dies sei alles sehr heimlich geschehen, da A. Mcwilliam über keine offizielle Forschungsgenehmigung verfüge, sondern seine Erhebungen im Rahmen seiner entwicklungspolitischen Tätigkeit in TTS durchgeführt hat.
Oder ist dies auch geschicktes Taktieren um Prestige? Jeder Kanaf sein eigener, informierterer Ethnologe:

Anmerkung

Feldforschungstagebuch Amanuban: 10. Oktober 1991

Datum 10.10.1991 / 20:00 – 22:00 Uhr
Ort Oebesa; Kelurahan So`e; Westamanuban
Teilnehmer Charles Zeth Babys; HWJ
Daten Interview; Diskussion über Diss. A. McWilliam (1989)

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