Ch.Z. Babys, 18.11.1991

Vorbemerkung

Am heutigen Vormittag, nachdem der dritte Phase des Heirstsrituals (pua mnasi manu mnasi) in Oebelo zwischen den beiden Namengruppen Babys und Kohe vollzogen war, ergab sich eine weitere Diskussion über historische Themen Amanubans, die die Kanaf Babys betrifft.
Wir saßen unter dem Neu`, dem offenen Pavillion, unter dem in der vergangenen Nacht die Hauptphase des Heiratsrituals, mit reichlich Tonis-Monologen, durchgeführt wurde. Wir unterhielten uns, und ganz nebenbei stellt mir Ch.Z.Babys dem Dichter-Sprecher Y.Ch. Sapay vor, der gestern, als Repräsentant der Brautgeber, den Hauptteil der Texte geliefert hatte. Dieser, so Y.Ch. Sapay, sei sein Atoin Amaf, der wichtigste Frauengeber für seine Lineage.
Zu dritt entwickelt sich eine interessante Diskussion, die Einzelheiten offenlegt, die weiterzuverfolgen sich lohnen. Ich frage die beiden nach der Herkunftsmythe der Namensgruppe Babys. Durch meine Teilnahme an Heiratsritual bin ich gut eingeführt. Fast sieht es so aus, als warte man nur noch darauf, das ich sie um die Erzählung ihrer Geschichte bitte.

Das soziale Netzwerk und die politische Organisation Kuan Fatus

Yohanis Christian Sapay ist der Atoin Amaf von Ch. Zeth Babis. Es stellt sich heraus, dass er dies in ganz besonderer Weise ist. Ch.Z. Babys erklärt mr, dass sie, die Babys, nur lebten, weil es ihn (Sapay) gibt. Ich frage nach und will wissen, ob Y.Ch. Sapay sein Am Uf sei, eine Frage, die er nur sehr zögerlich bejaht. Ob er nun Am Uf ist oder nicht, meine Frage löst eine interessante Erklärung aus: Y.Ch. Sapay sei nicht sein Atoin Amaf im Sinne des Bruders seiner Frau oder des Bruders seiner Mutter.
Zwei verschiedene Funktionen, so erklärt man mir, verbergen sich hinter dem Titel des Atoin Amaf:

  • den Atoin Amaf hinsichtlich der Abstammung sowie
  • den Atoin Amaf hinsichtlich der politischen Struktur eines Stamms (Babys verwendet das ind. suku; ergänzt struktur sejarah suku)

Die beiden Atoin Amaf seien nur in Bezug auf ihre Funktion (sie übernehmern Funktionen in den Lebenszyklusritualen), nicht jedoch in Bezug auf ihre verwandtschaftliche Stellung zu EGO identisch. Y.Ch. Sapay ist hinsichtlich seiner sozialen und politischen Rolle Ch.Z. Babys Atoin Amaf.

Das politische Amt, das Ch.Z. Babys nach dem Tod seines Vaters antrat, übersteigt die Befugnisse eines Fetors, wenn es sich auch mit diesem, zumindest in Bezug auf die exekutive Funktion, vereinbaren lässt. Dabei ist zu beachten, das ein Kefetoran nur künstliche, administrative Struktur war, die die niederländische Kolonialverwaltung für eine effektivere Verwaltung und bessere politische Kontrolle der Bevölkerung etabliert hatte. Das Amt, das Ch.Z. Babys von seinem Vater geerbt hat, ist mit dem panindoneischen Kepala Suku identisch.
Folgt man den Ausführungen zur sozialen Stratifikation der Atoin Meto, wie sie von DEPDIKBUD in Sekelumit Kebudayaan Daerah (vgl. S. 6) beschrieben werden, und der Stellung sowie der Anrede, die für Ch.Z. Babys in seinem „Herrschaftsgebiet“ verwendet wird, so ist er als Kepala Suku mit dem Usif der traditionellen politischen Ordnung der Atoin Meto gleichzusetzen.
Für die Namengruppe Babys muss noch berücksichtigt werden, dass eine ihrer Untergruppen, nämlich das Akun Sole, einst vom Uis Banam in den Rang eines Meo Nae, als höchster der Meo Naek Banam, berufen wurde. Diese Sichtweise stellt die Perspektive der Namengruppe Babys dar, die in Amanuban nicht unumstritten ist.
Aber auch sein Titel Usif ist nicht so eindeutig, wie er in der Literatur immer wiederin der Bedeutung von raja beschrieben wird. Der Titel Usif geht auf das jaw. gusti zurück, der dort in erster Linie als Kepala Suku nur Primus inter pares, einer von vielen gleichgestellten Kepala Suku ist. In der vorindonesischen politischen Organisation der Atoin Meto wurde dann schießlich einer der Kepala Suku – das Nope-Modell – zum höchsten Herrscher, einem Raja, dem Uis Banam, dem ersten Usif im Staatswesen.

Im allgemeinen regiert und kontrolliert ein Usif ein bestimmtes, territoriales Einflussgebiet, dessen Grenzen durch Flüsse oder andere, auffällige Landmarken gekennzeichnet werden. Das ursprüngliche Einflussgebiet von Ch.Z. Babys markierte im Osten der Noe Muke und im Westen der Noel Mina als natürliche Grenzen. Der Noe Muke bildete außerdem die Grenze zum benachbarten Usiftum Nabuasa`, der Noel Mina im Westen bildete die Grenze zu Kupang. Dieser natürlichen Flußgrenze folgte auch die Namengebung des einstigen Usiftum der Babys-Kanaf, nämlich Noe Muke, ein Name, der früher ein Kefetoran, heute einen Teil des Kecamatan Amanuban Selatan bezeichnet. Entsprechend dieser Bezeichnungspraxis nannte man den Kepala Suku eines solches Territoriums früher auch Uis Noe. Dieser alternative Titel unterscheidet ihn gleichzeitig von dem ihm vorgesetzten Uis Banam in Niki Niki.
Auch das Territorium, das von einem Uis Noe regiert wurde, konnte einfach als Noe bezeichnet werden.

Das unmittelbare Einflussgebiet der Namengruppe Babys dehnt sich auf die Gebiete der modernen Desa Kuan Fatu, Kele, Noe Muke und Oebelo in Südamanuban aus. In diesem Territorium stellt die Namengruppe Babys von alters her das Amt des Nai Tuaf. Ihr Ursprungsort ist Kuan Fatu, das Kua Mnasi, die erste Ansiedlung der Babys-Kanaf. Nach dorthin sind Teile der Namengruppe von ihrem anderen Ursprungsort, Neo Muke, zur Landnahme aufgebrochen. Von Noe Muke aus, so Ch.Z. Babys, hätten sie das heutige Südamanuban besiedelt worden.

Die Struktur des politischen System, die Struktur der herrrschenden Klasse von Noe Muke / Kuan Fatu, deren rezentes Oberhaupt Usif Ch.Z. Babis ist, lässt sich folgendermaßen zusammenfassen. Die mit dieser Struktur verbundenen Namengruppen werden in den Tonis-Texten genannt:

  • Ton: Amaf, Atoin Amaf, und Ana`amnes
  • Sapai: Amaf, erster Atoin Amaf und Meo Feto
  • Babis (alias Sole): Usif, Meo nae der Meo Naek Banam und Meo Mone
    Babis (alias Kohe): Amaf und Atoin Amaf
  • Finit: Atoin Amaf

In diesem sozialen und politischen Netzwerk ist die Beziehung Babys-Sapay (bis heute) die primäre Allianz, die die wichtigste (präskriptive) Heiratsallianz repräsentiert. Sapay ist der bei weitem wichtigste Brautgeber für Babys, die anderen drei Namengruppen geben nur gelegentlich aber ebenfalls ihre Frauen an Babis.
Die affinale Allianz Babys-Sapay ist als lais mafet mamonet eine Heiratsallianz besonderer Art. Diese Allianz wird als feot le`u Moen le`u umschrieben, und ist Resultat eines in der vorindonesischen Ära geschlossenen Bunds zwischen den beiden Namengruppe. Dieser Bund, in dem Sapay den feot le`u-Pol, Babys (als Sole) den moen le`u-Pol repräsentiert, gilt als le`u, in der Bedeutung von sakrosankt. Die beiden Namengruppen fühlen sich von ihren Ahnen diesem Bund für alle Zeiten unterworfen.
Die Hervorhebung dieses Bundes als le`u bezieht sich auf einen Eid (fanu), der im Bruch des Versprechens zu einem Fluch für die Namengruppe wird, da der Name der Kanaf für alle Zeit beschädigt ist. Er ist durch ein Ritual der Ahnen gesichert, das dieses Versprechen legitimiert und bekräftigt. Dieses Ritual bestand darin, dass auf vier Münzen und vier Steine gespuckt wurde, die an der Basis der vier Pfeiler eines Lopo lagen. Der bei diesem Ritual aktivierte Fanu trägt den Namen leot konif lol maf.
Die ideale Heiratspräskrition, die zwischen Babys-Sapay seitdem praktiziert wird, ist symmetrisch: Babys und Sapay sind füreinander gleichzeitig Brautgeber und Brautnehmer. In welchem Rhythmus diese Allianz durchgeführt wird, hängt von den jeweiligen Umständen ab, ist nicht streng reguliert. Allein wesentlich ist die Beziehung der Gegenseitigkeit, die metaphorisch als Rückkehr der jungen Banane und des jungen Zuckerrohrs beschrieben wird.

Heiratsbeziehungen zwischen Babys (Sole) und den Namengruppen Ton und Finit sind obwohl zweitrangig viel häufiger, aber weniger prestigeträchtig. Heiraten zwischen Babys (Sole) und Babys (Kohe) kommen, wenn überhaupt, eher selten vor.

Die soziale Position (Reihenfolge) dieser vier Kuan-Fatu-Namengruppen, Babis-Sapai-Ton-Finit, folgt einer Hierarchie, die auf der Reihenfolge ihrer Ankunft im Usiftum Noe Muke beruht.
Die Funktion dieser vier Namengruppe für Babys (Sole) ist eine doppelte:

  • Diese vier Kanaf sind für die materielle Versorgung von Babis (Sole) als Usif und Meo Nark zuständig, die in jährlich zu entrichtenden Erntetributen sowie speziellen Dienstleistungen, die sich aus der Position des Usif bestehen, zuständig
  • Diese vier Namengruppen sind als Atoin Amaf von Babis (Sole) seine hauptsächlichen Brautgeber.

Diese Beziehungen zwischen Babys (als nai tuaf, Landgeber und Usif / Meo Naek, dem Beschützer und Wächter des Landes) und seinen vier Amaf (als seine Ernähre und Erhalter; Frauengeber, d.h. Lebengeber), die das Rückgrad dieses politischen und rituellen Netzwerks des Usiftums Noe Muke / Kuan Fatu bilden.
Diese vier Namengruppen besitzen ein gemeinsames Malak (das mal faif nome) um ihren Rinderbesitz und ihren Besitz an Fruchtbäumen zu kennzeichnen. Um die Besitzrechte jeder einzelen Namengruppe an ihren Rindern auszuweisen, werden die Ohren der Rinder auf charakteristische Weise beschnitten (hetis). Pferde erhalten nur das kollektive Malak.

Anmerkung

Feldforschungstagebuch Amanuban: 28. November 1991

Datum 18.11.1991 / 10:00 – 13:00 Uhr
Ort Oebelo; Südamanuban; Heiratsritual Schwester Ch.Z. Babys
Teilnehmer Ch.Z. Babys; Y.Ch. Sapay; HWJ
Daten Interview; Geschichte Kuan-Fatu-Perspektive

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