Y.Ch. Sapay, 05.04.1992

Vorbemerkung

Die folgenden Daten beziehen sich auf Abschriften meiner auf Tonband aufgenommenen Interviews mit Y.Ch. Sapay im Anschluss an das Historiker-Seminar in Kuan Fatu. Y.Ch. Sapay erläutert mir schwierige Stellen aus den von ihm komponierten Tonis-Dichtungen während seiner Performances in Kuan Fatu.

Mündliche Mitteilung vom 4. April 1992

  • Es war Tubani Nope, der den Expansionskrieg gegen Abi Loemnanu führte.
  • Es war Tubani Nope, der den Expansionskrieg gegen Kolo Banunaek führte.
  • Es war Tubani Nope, der den Expansionskrieg gegen Sonba`i führte. Welcher Sonba`i Nopes Gegner war, habe ich nicht gefragt.
  • Tubani Nope ab den Lamu als Lehen an ton und Finit, Babis und Sapai.
    Lape Isu nannte auf Befehl von Tubani Nope die Grenzen des Lamu.
  • Bil Nope war der Uis Banam als Ta`aini Nope zusammen mit Tse und Banfati, mit Mna`o und Biliu, einen Usif-Garten (etu) zuerst in Lasi, später in Basmuti anlegte.
  • Bil Nope war der Uis Banam als Lobis Nope von Klis Boimau ermordert wurde, und es so zu dem Krieg zwischen Nope und seinem Feto Nae Boimau kam.

Die Tonbandabschriften

Die folgenden Texte sind Fragmente aus den Interviews mit Y.Ch. Sapay zu den Texten anlässlich des ersten Historiker-Seminars in Kuan Fatu im Februar 1992.

Kassette Drei / A-Seite

Der Kontext des folgenden Zitats (am Ende dieser Kassette) behandelt Fragen zur Le`u Musu Ni Sole. Der unten zitierte Text enthält ein Beispiel für eine Anrufung (onen) der le`u musu wenn dieser das sis le`u mak le`u (zusammen mit den erbeuteten Köpfen) präsentiert wird. Die gleiche Anrufung findet auch anlässlich der jährlichen Speisung der Le`u statt.

Nenam mutnino Ni Sole Le`u!
Au hao kom ma fait kot!
Upetkom useon! [1]
Henaiti muahat nalekot ninut nalekot!
Muah sis foi [2] on oin makuket es nane,
on sis makuket es nane!
[3]

Höre, höre mir zu Ni Sole Le`u!
Ich bringe dir Essen, um dich zu nähren!
Ich sättige dich und biete es dir an!
Damit du gut essen kannst, damit du gut trinken kannst!
Iss das Fleischgemisch, das wie der junge Honig dort ist,
wie das junge Fleisch dort!

Anmerkungen

[1] Um die Le`u musu zu ernähren, werden drei Begriffe verwendet:
fati – jemandem, der längere Zeit, beispielsweise wegen einer Krankheit, nichts mehr gegessen hat, wird langsam stärkende Kost gefüttert, sodass er wieder zu Kräften kommt;
pet– sättigen, Hunger stillen;
seon – jemandem etwas Sättigendes anbieten.

[2] Sis foi ist eine Fleischnahrung, die folgendermaßen hergestellt wird: Die vielen kleinen Fleischteile, die nach dem Schlachten übrig bleiben, ein Teil der Innereien (v.a. Magen, Lunge, Adern, Knorpel) sowie die Haut mit Fett und Blut werden zu einem Brei verarbeitet und gekocht. Blut ist bei dieser Fleischmischung der wesentlichste Bestandteil, der nicht fehlen darf, während alle anderen Bestandteile nach Vorhandensein verwendet werden. Dieses Fleisch (sisi) wird leko oder loto genannt; die spezifische Art der Zubereitung foi. Der Begriff foibezeichnet das Zusammenkochen von verschiedenem Fleisch: damit es eins wird.
Als foi ut bezeichnet man einen Maisbrei, der aus dem mit Wasser vermischten, mehligen Resten hergestellt wird, die beim Stampfen des Maises übrig bleiben. Auch hier bezieht sich der Begriff foi auf das Vermischen und Zusammenkochen von unterschiedlichen Bestandteilen, die nach dem Kochen nicht mehr zu trennen sind.
Unter dem sis nonof verstehen die Atoin Meto bestimmte Teile des geschlachteten Tiers, nämlich die untere, die Bauchseite. Während des Schlachtens wird das aus Kiefer, Zunge, Speiseröhre, Magen und Darm, zusammen mit den umgebenden Fleischteilen, sowie den Vorderläufen des Tieres, bezeichnete sis nonof zusammenhängend herausgeschnitten. Während bestimmter Rituale ist dieses sis nonof, oder wie es auch genannt wird, tain nonof, für die Ahnen, oder wie in diesem Fall, für die le´u musu, als Speise bestimmt. Das sis nonof darf nicht mit dem übrigen Fleisch vermischt werden, und auch erst gegessen werden, bevor es den Ahnen angeboten wurde. Auch wenn das sis nonof außerhalb eines Rituals anfällt, wird es zur Seite gehängt, und erst gegessen, wenn das andere Fleisch verzehrt oder unzureichnend ist.

[3] Der Ausdruck sis makuke (das junge Fleisch) und oin makuke (der junge Honig) bezeichnet metaphorisch die während Fehde und Krieg erbeuteten Kopftrophäen. Ein paralleler Ausdruck ist pena nakaf (Kopf des Mais) und aen nakaf (Kopf des Reis), das sind die Erstlinge der Ernte, die auf rituelle Weise dem Pah Tuaf präsentiert, und später, nach Abschluss der Ernte zuerst in den Speicher gezogen werden. Auch der Verstorbene wird in den rituellen Texten als Kopf der Milch, nämlich der Rahm, das Beste der Milch, bezeichnet.
Bei Ritualen, oder bei anderen gemeinsamen Essen ist es üblich, dass die sozial höherstehenden Personen mit dem Essen beginnen. Der Teil, den sie, vor allen anderen Anwesenden vom Essen erhalten, wird sis nakaf, oin nakaf genannt, der Kopf des Fleisches, der Kopf des Honigs, da diejenigen, die mit dem Essen beginnen, sich die besten Stücke nehmen können.

Kassette Drei / A-Seite

Der Kontext des folgenden Zitats bezieht sich auf Anmerkungen, die Y.Ch. Sapay über die mnane-ähnliche Fähigkeiten seiner Namengruppe (Sanak / Senak-Sapai) machte. Dieser Kommentar findet sich am Ende dieser Kassette, kurz hinter dem Zitat zur Le`u musu (s.o.).

Le` kekuatan le` i na amle`ut.
Le` nane natut lasim kakat on le` fun neno fauk i.
Neu ale hom kiso on le` ho na`i kai le` Sapayse le` neu le` i lo in namnaen oke-oke,
ho maskim etum mak: Ale sa ka lekom in lisan,
in nakat on liyat: Tan lail on liyat, tan lail!

Dasjenige, was Macht genannt wird, ist in Wirklichkeit amle`ut. [1]
Dies weist auf Wunderdinge hin, auf bestimmte Zeichen, wie man es heute nennt.
Unser Großvater sah alle Sapai als Mnane an,
und obwohl er auch sagte: Sie besitzen alle keinen guten Charakter,
sagte er auch: So wird es sein, so wird es sein! [2]

Anmerkungen

[1] Für die Ausführungen zum Begriff le`u und mnane vgl. mein Wörterbuch. Amle`ut ist eine charismatische Ausstrahlung, die mit magischen Fähigkeiten verbunden ist, und deshalb im christlichen Amanuban als animistisch bewertet und negativ konntiert ist.

[2] Diese eigentümliche Formulierung bezieht sich auf die Änderung des Namens Sanak in Sapai. Als Sapai ist diese Namengruppe in die regionale Geschichte Kuan Fatus eingegangen. Ihr wird nachgesagt, dass sie charimatisch-magischen Fähigkeiten des Nope Sanak der Kuan-Fatu-Chronik tradiert.

Kassette Drei / B-Seite

Der folgende Tonis-Monolog entstand im Verlauf eines Interviews über die tradierte, nicht lösbare Beziehung zwischen Babys und Sapay. Y.Ch. Sapay sprach diesen kurzen Monolog, an Ch.Z. Babys gewandt, der als Bestätigung und unwiderlegbarer Beweis für die gegenseitige Beziehung gemeint war. Dieser Text bildet die Basis und die Begrüngung für die unauflsöbare Beziehung zwischen den beiden Namengruppen als:

  • Sole feto / Mone feto;
  • Meo feto / Meo mone;
  • Feto Le`u / Mone Le`u.

Diese feto le`u mone le`u-Beziehung geht auf ein gegenseitiges Versprechen in alter Zeit zurück, eine dauerhafte Heiratsverbindung einzugehen, bei der die gegenseitige Kontinutität der Eheschließungen garantiert bleibt. Dieses Versprechen beinhaltet gegenseitige Unterstützung in ökonomischen, sozialen, politischen und rituellen Angelegenheiten und wird als Rechtssache indigener Adat (lasi) aufgefasst.
In der metaphorischen Rede der Tonis-Dichtungen wird dieser Pakt als Leut Konif Lof Maf bezeichnet.

Im gleichen Zusammenhang geht Sapay erneut auf die historische Rolle der Kuan-Fatu-Namengruppen für die Nope-Dynastie in Niki Niki ein, aus sie ihre soziale und politische (historische) Identität im Sinne eines Wir-Gefühls beziehen. In seinem kurzen Tonis-Monolog fasst er die Eckpunkte dieser Beziehung zusammen:

Neu on taka muni le` i meo-meo he mana`aka ai` he mafetin. Meo-meo le` i hena tua`am ma`usiat he ma`enam ma`ama ka ?
Ai` he mafetin ? Sebab afi hai kam fanif meo, karena …!

In diesen Tagen, in denen die Krieger-Kopfjäger noch gehalten werden, vielleicht bereits losgelassen wurden. Haben die Krieger-Kopfjäger noch einen Herrn und einen Herrscher, noch eine Mutter und einen Vater? Sind sie schon losgelöst? Denn früher wären wir nicht Krieger-Kopfjäger geworden, wenn nicht …!

[1] Nunu pupuf Banam lete pupuf Banam
Als die Waringin-Spitze Banam, die Lete-Spitze Banam

[2] Niuf ainaf Banam tais ainaf Banam
Die Mutter des Sees Banam, die Mutter des Meers Banam

[3] In he mapah kunum manif wolle

[4] In he makana` kunum in he maboni kun
Ihren eigenen Namen, ihren eigenen Ruf besitzen wollte

[5] He ai pina esam manu han es
Damit das Feuer mit einer Flamme brennt, und der Hahn mit einer Stimme kräht

[6] Tok nin es ma tok hau meni es
Ein Lehnstuhl und ein Sandelholzthron

[7] Es na neno i naniubnam manbubun Nai`ya Lamu Humone
An dem Tag kamen die Herren des Waldes und der Savanne zusammen und versammelten sich

[8] Okat na in neknam in tainat nahakeb Sole-Nome-Nabuasa`-Teflopo
Und sein Wunsch und sein Wille berief Sole und Nabuasa`, Nome und Teflopo in ihren Stand

[9] Hai matua eun kaim ma`uis eun kait ma`en eun kaim ma`am eun kai
Sodass wir einen Herrn und einen Herrscher, eine Mutter und einen Vater bekamen

[10] Nanaitan suni bi Nik Nikim napohot kaim nana`at kait
Der sein Schwert in Niki Niki erhob, uns in die geschlossenen Hände nahm, uns festhielt

[11] He mi`eolnam mi`autut
Damit wir mit den Hörnern zustießen

[12] Mitolnam misekot
Wir mit den Hörnern zusammenstoßen

[13] Mitikam misap
Den Fuß nach vorne stossen und zur Seite austreten

[14] Hem helman sis makuke oin makuke
Um das junge Fleisch zu schneiden und den jungen Honig

[15] He mihao am mifati
Damit wir ernähren und füttern

[16] Hai tuan hai usif hai enam hai aman bi Klabnam Tain Lasit Maunum Nik Nik
Unseren Herrn und unseren Herrscher, unsere Mutter und unseren Vater in Klaban und Tain Lasi, in Maunu und Niki Niki

Muni le` i hai ha mafetnain kai, hai hem nenam mihin. Ai`: Matua eun kaim ma`uis eut kait, hai hen nenam mihin.

Und heute sind wir entlassen, aber wir wollen gehorchen und verstehen. Oder: Wir haben einen Herrn und einen Herrscher, und wir gehorschen und verstehen ihn.

Kassette Vier / A-Seite

Parallele Wortpaare der mündlichen Dichtungen aus Kuan Fatu, die den Zustand und die Größe eines politisch kontrollierten Territoriums bezeichnen. In diesen Tonis-Textes kommt den Krieger-Kopfjägern die Aufgabe zu, dafür zu sorgen, dass ein Territorium diesen Qualitäten entspricht, und neue Landnahme und Besiedlung vorzubereiten, wenn dieser Idealzustand gefährdet oder verloren ist:

  • Ne`nuon ma ukuon: in der ursprünglichen Bedeutung von etwas verkürzen; auf den Zustand eines Siedlungsraums bezogen: zu eng, beengt, überfüllt.
    Ne`nu: etwas Langes wird zusammengefaltet, beispielsweise ein Band oder ein Seil; auch die Position eines schlafenden Tieres.
    Uku: etwas wird klein, indem es zusammengerollt wird; einrollen, verkleinern; ein Mensch mit angezogenen Knien schlafend; die Schlange, die sich einrollt, sodass sich Kopf und Schwanz berühren; der Hund, der beim Schlafen den Kopf zwischen die  Hinterbeine schiebt.
  • Nenuon ma nakonbon: in ihrer ursprünglichen Bedeutung verlängern; auf den Zustand eines Territoriums bezogen ausdehnen, ausweiten.
    Nenu: sich (aus-)strecken (den Körper recken); ein Bein oder einen Arm in alle mögliucen Richtungen ausstrecken.
    Nakon: das Bein ausstrecken (allerdings nur in die Horizontale; nakon haen).
    Konb: etwas in gerader Position einführen; den Pfeil auf die Sehne legen (konb anerf); einen kleineren Gegenstand gerade in einen größeren einlegen.
  • Natik ma nasab: sematisch identisch mit den vorausgegangenen Wortpaaren.
    Natik: mit dem Fuß treten; mit dem Fuß nach vorne (an-)stossen; natik pah, das Land mit dem Fuß treten, im Sinne von das Land weit machen (vgl. ne`nuon / nakonbon).
    Nasab: Zeichen durch eine seitwärts wischende Bewegungen (in beide Richtungen) mit dem Fuß auslöschen; zur Seite schieben und wegwischen.
    Die mit den Füssen zu beiden Seiten ausgeführten Bewegungen natik und nasab dienen der Vergrößerung des kontrollierten Gebietes sowie der Besetzung neuen Siedlungsraums. Grenzen werden verschoben und verwischt (nasab batan), eine neue Fußspur (nasab nobin), und damit eine neuen Grneze, entsteht.

Notizen wähend des letzten Sapay-Interviews

Es Nabuasa` (Lasi) wand sich mit einem Kabin an Neki Sapai und bat ihn, in der Bena-Ebene sein Vieh weiden zu dürfen, da es ihm in Noe Beba an entsprechenden Weidegründen fehlte. Dieser Bitte entsprach Sapai, allerdings mit der Konsequenz, dass Nabuasa` daraus bis heute Gebietsansprüche auf die fruchtbare Bena-Ebene ableitet, sodass es zu ständigen Reibereien zwischen Babis und Nabuasa` kommt.

Die Ana`amnes von Abi Loemnanu waren: Neonbata, Ton, <leosae und Benu.

Neon Sape oder Neon Sapai hatte vier Söhne. Von diesen vier Söhne ging der älteste, Neki Sapai, auf Wunsch seines Vaters, nach Noe Muke und gründete dort die erste Siedlung, aus der die modernen -desa Noe Mukeund Oebelo entstanden.
Neki Sapai ist ein Zeitgenosse von Tsu Babis.

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