Blatt Acht: Bali

8. November – 17. November 1990

Im Pura Dalem Ubud Kelod findet einer der wichtigsten Odalane dieses Tempels statt. Ein Odalan, der nur alle fünf Jahre zelebriert wird. Drei Wochen lang. Wenigstens die ersten Tage will ich miterleben.
Der Pura Dalem liegt an der Hauptstraße, die Ubud in zwei Teile teilt. Dort, wo die Straße ins Tal hinunter nach Campuan führt. Eine lange Treppe führt die Anhöhe hinauf zum gespaltenen Tor. Hindurch gelangt man in den äußeren Hof der Pura. Auf dem Weg die Treppe hinauf Fahnen, die verschiedenen, lanzenartigen Standarten der einzelnen Banjar. Auf beiden Seiten ist die Treppe mit Schirmen geschmückt. An den Abenden gleißendes Neonlicht und bunte Glühbirnen. Am Fuß der Treppe eine große Tafel. die die Reihenfolge der am Odalan teilnehmenden sozialen Gruppen aufzählt. Die Pura nimmt ihre Aufwartung entgegen.

Im äußeren Hof der Pura drei verschieden große Balais. Ein riesiger Waringinbaum, während des Odalans mit gelben und weißen Schärpen umwickelt. In den Zweigen bunte Glühbirnen und ein Lautsprecher. Das geschlossene Tor führt ins Innere des Tempels. Es ist mit einer hölzernen Türe verschlossen, die mit gold-rotem Reliefdekor verziert ist. In den inneren Hof gelangt man erst durch die schmale Pforte auf der rechten Seite der Tors. Im Innenhof weitere, kleinere, aber ebenfalls reich geschmückte Balais. Gelbe und weiße Tücher schmücken die Ränder der Dächer. Kunstvolle Effigen, Textilien, auf denen Kepeng-Münzen appliziert sind, hängen von den Dächern herab. Im Inneren der Balais haben die Frauen Blumen- und Obstgestecke, Opfergaben, auftürmt.
Im inneren Hof der Pura stehen verschieden große Schreine. Alle verschlossen und mit gelben und weißen Tüchern umwickelt. Gelb und weiß, Farben der Unterwelt und des Todes. Auf Sockeln oder auf Thronen unbearbeitete Steine. Überall zwischen den Schreinen Blumenopfer und brennendes Räuscherwerk. Der Innenhof der Pura ist bis auf eine alte Priesterin leer. Misstrauisch der Blick, vom Alter gebeugt.
Die Pura Dalem ist Ausgangsort einer großen Prozession zur Pura Dalem nach Peliatian. Alle Teilnehmer am Odalan von Ubud sind dorthin unterwegs. Unzählige Menschen ziehen von der Pura Dalem aus die Hauptstraße hinunter nach Peliatian. An ihrer unterschiedlichen Kleidung erkenne ich ihre Banjarzugehörigkeit. Leicht zu unterscheidende soziale Gruppen und Verbände. Voraus schreitet ein Standartenträger, von einem Angklung-Orchester begleitet. Ein portables Gamelan, an Tragestangen befestigt. Barong geht mit ins Nachbardorf, umgeben von mehreren geschmückten Schreinen, von Schirmen beschattet.

Erst spät am Abend kehren die Teilnehmer der Prozession zur Pura Dalem zurück. Teilweise alleine, zum Teil auch in Gruppen, die als sich auflösende Teile der Prozession erkennbar sind.
Von der Straße aus, am Fuß der Treppe angekommen, erkenne ich das Gedränge in der Pura. Die schmale Treppe ist von Menschen überfüllt. Ich bin korrekt gekleidet und wage den Aufstieg in die Pura.
Gegenüber eine Gruppe Touristen in der üblichen Bekleidung. Unterhemd, kurze Hose und Plastiksandalen. Ich bin korrekt gekleidet und wage den Aufstieg in die Pura. Balier halten mich beim Aufstieg auf. Der Tempel sei überfüllt, ich möchte bitte warten. Also warte ich und als der Strom der Rückkehrer aus dem Tempel allmählich abreißt, steige ich hinauf in den inneren Hof. Kein Gedränge mehr. Kein Problem einen Platz zu finden. Am Rande des Geschehen sitzend beobachte ich das Treiben im äußeren Hof.
Der Strom der Frauen, die Opfergaben auf dem Kopf aufgetürmt tragen, ergießt sich in den inneren Bereich der Pura. Mit leeren Köpfen kommen sie zurück. Die praktische Seite der Religion, die Zubereitung der Opfergaben und der Gang mit den Opfergaben zur Pura sind auf Bali Angelegenheit der Frau, Opferung und die Gebet Aufgabe des Mannes, des Pedanda.

Die Männer stehen rauchend und schwatzend im äußeren Hof oder sitzen Tee trinkend in den Balais. Die meisten Männer halten sich in einem separaten Teil des äußeren Hofs auf, dort, wo die Warungs Mahlzeiten anbieten und für das leibliche Wohl sorgen. Letztlich lande auch ich dort und erfahre, warum mir am Treppenaufgang mit einer Ausrede der Zutritt verwehrt wurde. Meine Kleidung, heißt es, sei unvollständig. Mir fehle das Kopftuch, das mir in Peliatan Wayan ausgeliehen hatte. „Wir wollen unsere Kultur und Religion rein erhalten“, erklärte man mir erneut.
Im inneren Hof knieende und betende Menschen vor den Schreinen. Überwiegend Frauen mit erhobenen Händen und gesenktem Köpf. Der Eingang zum inneren Hof ist bewacht. Es ist deutlich: Touristen unerwünscht. Kein Sightseeing.

Am nächsten Tag ist der Pura Dalem für Touristen geschlossen. Niemand wird hereingelassen. Touristen, höre ich, nährend Fantasien von blutigen Riten. Es finden Opferungen statt. Einige Männer reinigen am Vormittag eine Stierhaut im nahe gelegenen Bach.
Schon seit Tagen ruft der Kulkul des Banjars, wo wir zu Gast sind, die Männer jeden Morgen in den Pura Desa. Die für den Odalan notwendigen Vorbereitungen in der Pura Dalem stehen an. Die Frauen fertigen immer neue Opfertürme aus Obst und Gebäck an und bringen sie in die Pura. Nacht für Nacht werden ab 22 Uhr im äußeren Hof des Pura Dalem Tänze gegeben Im inneren Hof finden zeitgleich Gebete und Opferungen statt.

Die beiden letzten Abende bevor ich nach Jakarta aufbreche. Die letzten Tänze in der Pura Dalem. Am ersten Abend eine Gabor-Performance, die von kurzen Tänzen, in der Art des Pendet, eingeleitet wird. Anders als die professionell aufpolierten touristischen Tanzveranstaltungen ist dieser Gabor eine volkstümlichere Variante. Der Gabor ähnelt mehr einem Theaterstück als einem Tanz. Es gibt Monologe, die die Handlung skizzieren und Dialoge zwischen den Protagonisten. Dramatische Details einer umfangreichen Handlung wechseln miteinander ab. Unterbrochen von kurzen, beinahe verhaltenen Einlagen des Gamelans. Ohne Kenntnis der balischen Sprache ist eine Gabor-Aufführung, die fast zwei Stunden dauern kann, für mich ein schwieriges Unterfangen. Wer die Episoden des Mahabharata oder eine der vielen Panji-Versionen nicht kennt, ist dieser Performance hiilflos ausgeliefert. Der Gabor lebt von diesen Texten. Ist man mit ihnen annähernd vertraut, wird der Gabor lebendig. Seine Handlung erschließt sich auch ohne Kenntnis der Sprache.

Wieder berühren mich die anwesenden Touristenscharen unangenehm und ich schäme mich stellvertretend. Lange vor Beginn der Aufführung sichern sie sich rücksichtslos die besten Plätze in der Balai. Teilen diese wie selbstverständlich unter sich auf. Die später eintreffenden Baliern verweisen sie auf die Stehplätze und an den Rand des Balais.

Am nächsten Tag das gleiche Bild. Als ich kurz nach 21 Uhr im Pura Dalem ankomme, war der Ort von Touristen belagert. Wayan hatte mich vor Tagen vor den Odalans in Ubub gewarnt. Seine Prognose lautete 50% Touristen, 50% Balier. Wie recht er behielt.

Ein Barong war angekündigt und das erklärt das Gedränge und die vielen Touristen. Der Auftritt eines Barongs war etwas Besonderes. Und natürlich erwarten wir seine Gegenspielerin, die Hexe Rangda.
Ein hervorragender Baris-Tänzer, ungewöhnlich jung, bildet den Auftakt. Der Barong folgt unmittelbar. Ein sanftes Ungeheuer, verspielt, verträumt, bewegt er sich zu leisem Gamelan und einer Solo-Flöte auf der Bühne umher. Der Prototyp des Glücksdrachen. Mir kommt Fufur, der Drache aus der Endes Unendlicher Geschichte in den Sinn. Ein Affe kommt hinzu. Gegenseitigen Kennenlernens, gemeinsames Spiel. Unvermittelt das Ende des Barong-Tanzes. Langsam dahin trottend verlässt er die Bühne. Seitlich am Balai bezieht er seinen Platz.
Vier Masken treten auf. Weiße, starr lächelnde Gesichter mit schmalen Mündern und halb geschlossenen Augen. Zu zweit stehen sie sich gegenüber, Männer, die mit den Bewegungen von Frauen tanzen. Unmittelbar, fast überschneidend, ein kurzer Tanz junger Mädchen. Leicht, locker und anmutig.
Noch während die Mädchen tanzen betritt der erste der Spaßmacher die Bühne und lenkt mit seinem Monolog die Aufmerksamkeit der Zuschauer vom Tanz der Mädchen weg. Stellt sich selbst in den Mittelpunkt. Ein weiterer Spaßmacher tritt hinzu. Figuren, wie aus der Commedia d’elle Arte. Lange Gesrpäche in einem Gemisch aus Balisch und Bahasa Indonesia. An das Publikum gerichtete Phrasen erregen dessen ungeteilte Aufmerksamkeit. Gelächter und Applaus.
Irgendwann, ich glaube schon, die Clownereien nehmen kein Ende, ein Rascheln, ein zorniges Grummeln hinter dem Vorhang, hinter dem die Tänzer hervorkommen.

Die Clowns greifen das Geräusch auf, provozieren mit Gesten und Worten weitere unartikulierte Laute. Plötzlich, mit einem Sprung, ist ein Leyak aus dem Gefolge der Rangda auf der Bühne. Keine Spur von Erschrecken oder gar Entsetzen bei den Clowns. Sie nehmen das unheimliche Wesen mit Totenkopf, hervorquellenden Augen, langen Reizähnen und zentimeterlangen Fingernägeln in seinem rot und schwarz
gestreiften Gewand wie es ist. Sie reden, streiten und scherzen mit ihm und vertreiben es nach mehreren Quälereien ganz von der Bühne. Mitgefühl mit dieser armen Kreatur könnte sich einschleichen wäre man sich nicht bewusst, wen sie ankündigt.

Ein Held tritt auf, prächtig und schön. Ein neuer Dialog, diesmal zwischen den Clowns und dem Helden, der sich, ganz im Gegensatz zu den derben Clowns anmutig und tänzerisch leicht bewegt. Unmerklich hat sich die Gamelanmusik verändert. Das Leitmotiv kündigt Calon Arangan, die Rangda, die plötzlich auf der Bühne steht. Noch verbirgt sie ihr Gesicht hinter einem weißen Tuch, das sie in der hoch erhobenen rechten Hand hält. Ohne zu Zögern fliehen die Zuschauer das Balai. Wie ein Mann, wie eine gemeinsame Bewegung, springen alle auf, Frauen und Kinder zuerst und weichen vor der Maske bis an den Rand des Balais zurück. Viele suchen hinter den dort stehenden Männern Schutz. Rangda, wissen sie, ist unberechenbar. Wer kann schon wissen, was sie im Schilde führt. Wie und wozu sie sich entscheidet. Wer weiß schon ob sie sich nicht zähnefletschend ins Publikum stürzt, sich dort ihre erschreckten Opfer sucht. Und findet. Der Held fühlt sich zum Zweikampf verpflichtet, zieht seinen Keris,und stellt sich der Rangda. Ein ungleicher Kampf. der Held kann nicht gewinnen kann. Rangda siegt mit Leichtigkeit. Während der Held stirbt, suchen die Clowns das Weite.
Der Barong hat kurz nach Rangdas Auftritt den Pura Dalem verlassen. Es ist kurz nach Mitternacht. Rangda hat in einem Moment ihren Heimvorteil bewiesen. In ihrer eigenen Wohnstatt kann Rangda nicht besiegt werden.

Wie jede Nacht, bei den letzten ausklingenden Tönen des Gamelan springen alle auf und beeilen sich nach Hause zu kommen. Übergangslos endet auch diese Performance. Auch diesmal weiß ich nicht, wann die Aufführung zu Ende ist. Benommen von dem Geschehen stehe ich noch am Rand der Balai als um mich herum alles in Bewegung ist und zum Ausgang strebt.

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