Blatt Sechs: Bali

8. Oktober – 8. November 1990

Wie verabredet besucht uns Made. Made hat an einer privaten Universität in Denpasar Wirtschaftswissenschaften studiert und einen Sarjana , Erster Grad, erworben.

Made stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Seine Eltern sind Reisbauern. Es war schwer für sie ihrem Sohn eine höhere Schulbildung zu finanzieren. Seinen Studienwunsch verstanden sie nicht. Doch Made überzeugte seinen Vater, seine Mutter war inzwischen verstorben, und konnte mit der Hochschulausbildung beginnen. Sein Vater pachtete zusätzliche Reisfelder, musste noch mehr arbeiten und schulterte die finanzielle Belastung. In der Rekordzeit von vier Jahren schloss Made sein Studium ab. Eine harte Zeit. Studium und nebenbei die Arbeit in den Reisfeldern. Er ist stolz auf seinen Abschluss. Andere benötigen sechs oder sieben Jahre. Er urteilt hart über seine Kommilitonen. Von 672 Studenten, die mit ihm begannen, schlossen nur 32 ihr Studium nach vier Jahren ab. Geld, so Made, spiele eine große Rolle. Nur wer es hat unbegrenzt studieren.. Auch Statusgewinn sei ein Motiv. Den meisten Studenten gehe es nicht um Wissen, sondern um Prestige.

Made arbeitet seit zwei Jahren in einer Import-Export-Firma in Denpasar. Er habe keine Möglichkeit seinen Vorstellungen entsprechend weiterzukommen. Er will aus seinen ärmlichen Verhältnissen herauszuwachsen. Immer wieder dieses „My father is a poor man“. Er hat Ehrgeiz, ist intelligent und beurteilt seine und Fähigkeiten realistisch. In seinem Dorf ist er der einzige, der eine Hochschulbildung schaffte. Die meisten sind mit ihrem SMA-Abschluss zufrieden. Seinem Vater sei sein Ehrgeiz suspekt. Er warne ihn, mehr sein zu wollen als die anderen. Trotzdem: Er träumt davon, sein Studium im Ausland fortzusetzen. Er hat Idole. Schwärmt von Karrieren in der indonesischen Regierung. Hochschulausbildung Made In Germany. In diese Richtung blickt Made. Mit leuchtenden Augen. Touristen erzählt er, sagen ihm, Bali sei schön. Wie kann ich das wissen. Ich war nie weg von hier. Ich muss erst ins Ausland, um zu vergleichen. Ohne vergleichen zu können werde ich nie wissen, ob Bali schön ist. Für ihn ist alles Balische alltäglich und er bewältigt viele Probleme von denen Touristen nichts wissen. Bald fliege ich nach Jakarta. Wir verabreden, dass ich ihm Informationen über ein Studium in Deutschland mitbringe. Dann kann er sehen was geht.

Natascha Nabholz-Kartaschoff ist in Bali. Ich erfahre es von Ibu Mas, die sie kennt. Sie erzählt mir auch, dass sie bis Ende Dezember bleibt. Natascha ist Kuratorin im Völkerkundemuseum Basel und plant dort eine Ausstellung über Ikat-Textilien in Bali. Die Ausstellung ist für den Herbst 1991 geplant. Natascha reist in Bali herum, ist ständig an einem anderen Ort und schwer zu erreichen. Telefonate, die sich über mehrere Tage ziehen, und ich bin am Ziel. Über ihre Kollegin Brigitta Hauser mache ich schließlich ein Treffen mit ihr aus.

Wir treffen uns in Ubud, in Yudits Cafe. Der Besitzer von Yudits besitzt noch einen Art Shop in Batubulan. Er ist einer der Händler von dem das Völkerkundemuseum in Basel Ethnographica bezieht. Regen, und schwierige Einkäufe. Natascha läuft stundenlang durch Sukawati um einen Korb zu suchen, in dem die Maske der Rangda im Pura Dalem aufbewahrt wird. Anschließend Batuan und die Suche nach einer Miniatursänfte in der Ahnenschreine in feierlicher Prozession zur Reinigung ans Meer getragen werden. Exponate für ihre Bali-Ausstellung im Herbst. Den Korb fand sie. Auf die Sänfte musste sie verzichten.

Als sie endlich eintraf machte sie einen gestressten, beinahe kranken Eindruck auf mich. Sie wirkte unausgeglichen und hektisch. Ein chaotischer Abend nahm seinen Beginn. Kein erfreuliches Gespräch. Natascha wechselte ständig das Thema, sprach zwischendurch immer wieder mit dem Besitzer von Yudit, war in ihren Gedanken fahrig und unkonzentriert. Überall und nirgends. Wir wollten meine Teilnahme am Symposium für indonesische Textilien im Herbst 1991 in Basel besprechen. Wollten Gegenstand und Ziel meiner Forschung in Timor diskutieren. Wir streiften sie allenfalls. Ist ein Gespräch ohne einen Faden noch ein Gespräch. Ständig unterbrach Natascha, wechselte das Thema, brachte Belangloses in die Diskussion. Portrait einer Forschungsreisenden. Von ihrer Aufgabe völlig überfordert. Zuletzt war ich froh nicht nach Sanur, wo sie wohnte, gefahren zu sein. Ein netter Small Talk und ein Wiedersehen unter kuriosen Bedingungen. Wissenschaftlich eine Katastrophe.

Für ihr Museum sei es interessant eine relativ komplette Sammlung der textilen Tradition der Atoin Meto zusammenzustellen. Über die finanziellen Mittel verfüge sie. Der Jahresetat 1991 gebe dies her. Wahrscheinlich hatte sie diese Äußerung schon am nächsten Tag vergessen, denn als ich ihr später eine solche Sammlung präsentierte – na ja, omomg kosong. Nach unserem Gespräch war ich allerdings optimistisch. Ein Museum wie das ethnologische in Basel mit Alfred Bühlers Sammlung aus den 30er Jahren war nach meiner Meinung für 60 Jahre spätere Vergleichsstücke reif.

Ende Oktober verschlechtert sich Kassandras Zustand erneut. Häufig unzufrieden, unausgeglichen und trotzig. Vieles erinnert an die ersten Tage in Kuta. Ihr Ausschlag wird häufiger. Geht es wirklich um eine Allergie oder hat Kassandras Hautproblem psychische Ursachen. Ohnehin nicht zu trennen. Versteckte Eier wie in Kuchen oder Stressfaktoren der Integration in eine fremde Welt. Und immer häufiger der Verdacht, Kassandra fühle sich in Sitis Homestay nicht mehr wohl.

Anfang November ziehen wie um. Nach Ubud. Bedingung, ein Losmen einer Familie mit Kindern in Kassandras Alter. Heidrun braucht einen Tag um eine geeignete Unterkunft zu finden. Nach über einem Monat in Sitis Homestay ziehen wir am 8. November nach Ubud zu Rojas.

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