Blatt Sieben: Bali

8. November – 17. November 1990

Während der Galungan-Tage besuchen wir keinen der vielen Tempel in der Umgebung. Wir wollen nicht zu den mehr geduldeten als erwünschten Weißen gehören, die sich an diesem höchsten Feiertag aufdrängen. Der Wunsch, wieder einmal dabei zu sein, meldet sich aber schneller als erwartet.

Großer Odalan in der Pura Taman Sari in Mas, einem Nachbarort, der durch seine Holzschnitzerei berühmt ist. Das neuste Produkt der Holzschnitzergilde in Mas heißt Bali Pop Art. Schreiend bunte Souvernirkunst. Wegwerfartikel für den Bedarf westlicher Touristen. Auch originelle Schöpfungen am Rande des Kitsch balancierend. Fische in allen möglichen Formen, Katzen in allen Größen, Blumengewinde und Obstgestecke aus buntlackiertem Holz, fremdartige Masken, für die Balis kunsthandwerkliche Tradition sicher nicht das Vorbild lieferte. Interessant die als Frösche und Hunde karikierten Touristen mit Sonnenschirm, Stetson, Zigarre im Mund oder mit einer Bierflasche in der Hand. Natürlich die Sonnenbrille. Auch die fehlt nicht.

Balis Kunsthandwerk gleitet mehr und mehr in Richtung Kitsch ab. Antiquitäten sind out, die Masse der Touristen besitzt weder die finanziellen Mittel, noch das Interesse an authentischem Kunsthandwerk. Verlangt nach dem preiswerten, leicht transportablen Souvernirs. Tanz und Musik, unmittelbar konsumierbar, ist von diesen Veränderungen nicht deutlich sichtbar betroffen. Orientiert sich an der überlieferten Form. Der Markt in Bali ist elastisch. Bedient die touristische Nachfrage. Neue, moderne Kunststile entstehen. Bali Pop Art. Verkaufskunst.
Unerwartet ergreift mich Sammelleidenschaft. Lohnt es sich, eine repräsentative Sammlung Bali Pop Art anzulegen? Wie schnell verschwinden solche Artikel vom Markt.

Mit Renate, Baptiste und Nico, Gästen von nebenan, laufen wir die wenigen Kilometer nach Mas zu Fuß. Kein Problem über die Hauptstrasse, die zwischen Peliatan und Mas gesperrt ist. Es verkehren nur LKWs, die an Feiertagen als Busse im Einsatz sind und Festgäste auf der Ladefläche transportieren. Eng gedrängt stehen sie dort auf ihrem Weg zur Pura.
Der täglich zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ununterbrochen pulsierende Verkehr ist auf die Nebenstrecke über Bedulu oder Gianyar verbannt. Der an diesem Tag fehlende dichte, kaum noch steigerbare Individual- und Bemoverkehr wirkt wohltuend.
Einmal kein unkontrollierbares Verkehrschaos. Kein Staub, keine Abgase, keine knatternden Motoren und die ewige Vorsicht auf den Bügersteiglosen, in den engen Strassen. Keine Autolawinen, die Fußgänger belästigen. Bali wirkt festtäglich, beinahe feierlich.

Ein schöner, ruhiger Spaziergang nach Mas, eine Rast unter einem riesigen Waringinbaum am Ortseingang. Eine Diskussion über den Nabel der Welt, über die Verbindung zwischen den Welten, in Balis Dörfern tausendfach reproduziert. Allgegenwärtig.

Auf dem Vorplatz der Pura Taman Sari herrscht buntes Marktreiben. Zahlreich die Warungs. Nasi Campur im Angebot. Stände mit Textilien, Sarungs, geschneiderte Hemden, Hosen, Spielzeug, Medizin, Gemischtwaren. Die Wege zwischen den Ständen liegen im Schatten. Weit ausladende Planen. schützen die Käufer und Schaulustigen vor den heißen Sonnenstrahlen. Ein Markt der Gerüche, der Farben und der Geräusche. Eine unausgesprochene Einladung zum bummeln, essen und einkaufen. Verführung der Sinne. Lihat-lihat, makan-makan, jalan-jalan und das stundenlang. Wayan schwärmte von diesen Markt. Er sei einer der größten und interessantesten während eines Odalans. Mir schien es so als sei für ihn der Markt wichtiger als das Tempelfest. Der Odalan als Anlass, der Markt eigentlicher Zweck eines Besuches in Mas.

Wir lassen den Markt links liegen und drängen uns durch die Menge in die Pura. In einer der Balais außerhalb der Pura eine Ramayana-Aufführung. Wayang Purwa. Schattenspiel. Hanomans Affenarmee setzt gerade nach Sri Lanka über. Angriff auf den Palast des Entführers, Sita zu befreien. Schrille Gamelanklänge, treibende Gongschläge und hektische, aggressive Bewegungen. Für Kassandra Grund genug, die Lust am Theater für den Moment zu verlieren. Sie zieht uns weiter zum Eingang der Pura. Zieht uns in den nicht abreißenden Strom der Besucher. Wir tauchen ein, lassen uns mitreißen, fließen im Gedränge in Richtung Tempel. Am Haupteingang die übliche Tafel. Hinweise und Benimmregeln für Touristen. Ausländer. Gefordert wird Pakaian Adat. Vollständig soll sie sein. Sarong, Selendang, Dasi. Für Frauen die Kebaya, für Männer ein Hemd. Am besten Batik. Verzicht auf Blitzlicht.
Entsprechend gekleidet galt diese Hinweistafel nicht für uns. Aber für die meisten anderen Besucher aus welcher Herren Länder auch immer. Für die meisten Touristen war es anscheinend noch zu klein, zu unauffällig am Rand der Umfassungsmauer angebracht. Trotz der Zeichnungen und schriftlichen Erklärungen in englischer Sprache halten die meisten der fremden Gäste Pakaian Adat für eine Art Phantasiekostüm. Verwechseln den Odalan mit dem europäischen Karneval. Entsprechend auch ihre Kleidung. Die sorientiert sich nicht an einheimischer Kleidungsetikette, eher an individuellen Vorstellungen. Wenig korrekt gekleidete Ausnahmen. Daneben Verkleidungen jeglicher Couleur. Den flower power look alternder Hippies, Lord Jim- und Seeräuberromantik sowie Karikaturen des Spießbürgers als Abenteurer. Alles andere, nur keine vollständige und korrekte Ritualkleidung. Besonders ältere Touristen, meisten die über 50jährigen tun sich schwer mit Röcken und Kopftüchern. Widerwillig über lange Hosen nachlässig geknotete Sarongs. Witzfiguren. Lachnummern, denen ihre Peinlichkeit nicht einmal bewusst ist. Sie schämen sich ihre westliche Kleidung ablegen und für einen Moment in eine fremde Haut zu schlüpfen. Kolonialistische Attitüde trifft primitives Ritual. Den farbenprächtig festlich gekleideten Balier in seinen wehenden Kleidern können sie nicht ernst nehmen. Sein Tempelfest, der ganze Odalan, ein heidnisches Ritual, dem sie sich dennoch sensationslüstern mit Gier nach Exotik nähern. Kinderspiele. Wie es einer von ihnen: „Der ganze Kult hier auf Bali ist kaum wahrnehmbar, kaum existent.“ Nur wer sehen kann, der sieht.

In der Pura Menschenmassen. Kein freier Platz übrig. Wir werden vom Strom der Besucher hineingezogen. Wir wählen unseren Weg nicht mehr selbst. Die Pura ist überfüllt. Gedränge, Gestoße, Geschiebe. Eine klaustrophobische Atmosphäre, der sich Kassandra wieder nicht entziehen kann. Wir uns von Männern, die ihre Kinder auf dem Arm tragen, von mit Opfergaben überladenen Frauen, von kichernden und lachenden Teenagern durch die äußeren Höfe der Pura ziehen. Das übliche Bild. Alle Schreine sind mit farbigen Tüchern (rot, weiß, gelb) umgürtet. Jedem Schrein spenden mehrere bunte Schirme in allen Größen und Farben Schatten. Die Götter, die Ahnen sind anwesend, und werden ihrem Rang entsprechend feierlich begrüßt. Empfangen und bewirtet. Balais, die mit Opfergaben überladen sind.
Betende und segnende Priester, ein ausgestellter, mit Opfern geehrter Barong. Geschmückte Bäume. Und Menschen, Menschen, Menschen in festlicher Kleidung und Stimmung. Eine beeindruckende, mitreißende Atmosphäre in der Pura Taman Sari.

Anfang November das erste Telefonat nach Jakarta. Elfi Erdmann, Außenstelle des DAAD, ist ahnungslos. Sie hat keine Informationen über eine Genehmigung meines Forschungsprojekts. Und, keine Ahnung was mit meinem Antrag ist. Ich schrieb ihr gleich bei meiner Ankunft in Peliatian. Warum weiß sie nichts? Wusste sie doch, ich melde mich Anfang November bei ihr um mich mit ihr abzusprechen. Ich plane nach Jakarta zu fliegen um alle bürokratischen Angelegenheiten zu erledigen. Nun erfahre ich, dass Pak Hainald, der zuständige Sachbearbeiter und ihr Verbindungsmann bei LIPI krank ist. Eine schwache Entschuldigung.

Eine Woche später mein zweiter Anruf. Eine schockierende Neuigkeit. Pak Hainald ist gestorben. Seine Nachfolge bei LIPI ist ungeklärt. Noch kein kompetenter neuer Sachbearbeiter. Außerdem weiß niemand, wo mein Antrag liegt. Elfie Erdmann verspricht, bei LIPI vorbeizuschauen. Sie will sehen, was sich machen ist.

Einige Tage noch und ich rufe erneut an. Zum dritten Mal. Entwarnung. Alles unter Kontrolle. Mein Antrag ist aufgetaucht und genehmigt. Ich kann nach Jakarta kommen und den Gang durch die Instanzen beginnen. Drei Tage, höchstens eine Woche, schätzt Frau Erdmann, würde es dauern.
Ich vereinbare ein Treffen in der nächsten Woche. Enttäuschung beim DAAD. Die dachten, ich stände seit Tagen am Flughafen. Würde alles liegen und stehen lassen. So indonesisch war ich inzwischen schon. Ubud wartete mit einem weiteren Tempelfest. Einem ganz besonderen außerdem.

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