Blatt Zwei: Bali

3. Oktober – 7. Oktober 1990

Ankunft in Peliatan. Mittags, die größte Hitze. Siti Homestay, ein Bungalow mit Terrasse. In der Nachbarschaft ein Kino. Als die ersten Reisenden nach Kuta kamen, nahmen sie die strandnah lebenden Familien sie in ihre Häuser auf. Mit Familienanschluss. Die Idee des Homestay war geboren. Unsere Gastgeber waren Wayan und Siti. Unsere Wahl orientiert an Kassandras Bedürfnissen. Eine Familie mit kleinen Kindern.

Sechs Bungalows. Sie liegen im Zentrum eines balischen Gehöfts. Eine Umfassungsmauer. Die übliche Geistermauer. Geister können nicht Ecken gehen. Können sie um Ecken denken, dann ist die simple Mauer für sie kein Hindernis. Für Kassandra bietet sie Schutz für ihre ersten Entdeckungen in einer fremden Welt. Wir haben eine eigene Terrasse, ein leicht erreichbarer Rückzugsort. Kassandra gefällt es hier. Die frische Luft, die Ruhe des Hofes, der Garten, tun ihr gut. Sie kann sich wieder frei bewegen, entspannt sich. Dies alles mildert ihren Trotz. Keine Provokationen mehr. Sie nimmt wieder Anteil an ihrer Umgebung, registriert die Veränderungen, beobachtet das Treiben der Familie im Hof. Findet Interessantes und Nachahmenswertes. Schnell ist sie bei allen beliebt. Sie genießt die Freizügigkeiten in ihrer neuen Wohnung. Alle scherzen mit ihr, spielen mit ihr und nehmen sie wie sie ist.
Unsere balischen Gastgeber, Wayan und Siti, haben drei Töchter. Sie nehmen Kassandra in ihren Kreis auf. Sie spielen mit ihr oder zanken sie. Nach Lust und Laune. Die sechsjährige Njoman versorgt ihre sieben Monate alte Schwester Komang. Freundet sich mit Kassandra an. Harmonische Tage im Kreis der Familie. Kassandra lebt mehr und mehr auf. Wir auch.
In der leichten Alltäglichkeit dieser balischen Familie verbringen wir unsere Tage. Ich entspanne mich, kann das feuchtheiße Klima zunehmend genießen. Meine Muskeln werden weicher, lockerer, meine Haltung und mein Gang geschmeidiger. Die Leichtigkeit des Lebens erfasst mich. Emotional. Endlich bin ich wieder glücklich hier zu sein.
Wir leben öffentlich, ständig beobachtet. Privatsphäre und Öffentlichkeit unterscheiden sich nicht mehr. Anders als gewohnt, ganz anders als in Deutschland. Die eigenen vier Wände sind transparent. Die Diskretion der Blicke schafft Intimität. Schlafen im gemieteten Raum. Lagerraum für unsere Habseligkeiten. Das Wohnen und Leben findet auf der Terrasse statt. Ich genieße diese Art zu sein.

Kassandra hat die Zeitumstellung verkraftet, hat ihren Schlafrhythmus wiedergefunden. Sie schläft viel, findet ihre Ausgeglichenheit zurück, schöpft Energie. Sie ist ständig unterwegs, rennt von einem Balai zum nächsten, spielt hier, schaut dort zu, unterhält sich mit Kindern und Erwachsenen. Verschiedene Sprachen – jeder bemüht sich, den anderen zu verstehen. Niemand versucht mit Kassandra Indonesisch zu sprechen. Touristen in Bali sprechen Englisch, sind Australier. Wir sind deutsch. Niemand registriert das wirklich. Alle sprechen Englisch mit Kassandra. Wie mit allen Touristen. Kassandra kontert mit deutschen Baby-Talk. Zum großen Vergnügen der jungen Männer. Die sie lautstark lachend imitieren.

Der zweite Tag in Peliatan. Odalan in der Pura Desa Gede.

In einem der unzähligen Tempel Balis findet ständig ein Odalan statt. Das Jahresfest des Tempels.
Es ist der Vollmond des 10. Monats des balischen Kalenders. Der Mond kündet den Wechsel der Jahreszeiten an. Die Trockenzeit ist zu Ende, die Regenzeit setzt schon bald mit schweren Regenfällen ein. Ein wichtiges Datum für den von der Landwirtschaft abhängigen, naturverbundenen Balier.

Einen Odalan wollen wir miterleben. Das wird von uns auch nicht anders erwartet. Wir sind Touristen. Deswegen sind wir hier, meinen unsere Gastgeber. Kaum eingezogen werden wir informiert. Von dem bevorstehenden Ereignis. Wayan ist es sehr wichtig, dass wir passend gekleider sind. Pakaian-Adat-Pflicht. Festliche Kleidung sei im Tempel erwünscht: Sarong, Selendang und Dasi. Schließlich feiert man ein Tempelfest. Ein religiöses Ritual. Und keinen Jahrmarkt. Das erfordert angemessenes Benehmen. Etiquette. Die meisten Touristen seien unangemessen gekleidet, beklagt sich Wayan. Sie setzten sich über Braichtum und Etiquette. Die Gastgeber fühlten sich beleidigt und respektlos behandelt. Ohne Sensibilität und ohne Anstand seien sie. Touristen eben. Ich schäme mich stellvertretend. Tourist zu sein klingt plötzlich wie ein Schimpfwort.
Oft nur halb bekleidet, fährt Wayan fort, betreten sie die Heiligtümer Balis. Verletzten Gefühle, zwingen die Balier dazu, nun strenger auf Kleidung und Benehmen beim Betreten einer Pura zu achten. Früher reichte der Selendang, um den Göttern die notwendige Referenz zu erweisen, sich selbst mit dem Schal aus der profanen Welt auszugrenzen. Heute verlangt der Balier von seinen Gästen vollständige Ritualkleidung. Eine Teilnahme an den religiösen Riten ist anders nicht mehr möglich. Für die Touristen ist das aufwändig. Die meisten kommen sich in der balischen Festkleidung lächerlich vor. Aber schon darin liegt die Entwertung des Indigenen. Die Nicht-Akzeptanz. Gast und Gastgeber begegnen sich nicht auf Augenhöhe. Eine koloniale Geste, keine Partnerschaft, die sagt: Wir sind die Herren und stehen außerhalb der Ordnung. Mit der Forderung nach Ritualkleidung sorgt Bali für Ernsthaftigkeit.
Vor fünf Jahren war die verschlossene Pura die Ausnahme. Heute sind die meisten Pura-Eingänge versperrt.
Wayan beschwatzt uns, teilzunehmen. Er nimmt uns unter seine Fittiche. Zerstreut alle Befürchtungen Kassandras wegen. Eine Teilnahme am Odalan überfordere niemanden, so Wayan.
Ich besitze kein vollständiges Ornat, dass weiß Wayan. Was sein Homestay-Shop nicht bietet, leiht er mir aus seiner eigenen Garderobe.
Von Siti und Wayan eingekleidet, ausgestattet mit den wichtigsten Benimmregeln ziehen wir am frühen Abend los. Verunsichert in dee ungewohnten Kleidung.

Die asphaltierte Hauptstraße Richtung Ubud teilt Peliatan nordsüdlich in zwei Teile. Trotz der Dunkelheit herrscht reges Treiben auf der Straße. Wir begegnen auf dem kurzen Weg zur Pura Desa Frauen jeden Alters. Festlich gekleidet und geschmückt. Auf dem Kopf tragen sie ihre Opfergaben. Aus Früchten und Backwaren farbenprächtige aufgeschichtete Türme. Mit eine Eleganz, einem Gang und einer Körperhaltung, die ein Mannequin neidisch werden lässt, balancieren die Frauen ihre Gaben die Straße hinab zum Tempel.
Ist Kassandra von meiner Maskerade schon überrascht, kann sich über meinen „Hut“ (dasi) kaum beruhigen, macht sie das Treiben auf der Straße sprachlos. Beidseits strömen Frauen, Kinder und vereinzelt auch Männer in die Pura. Der Tempel liegt auf einem kleinen, künstlich angelegten Hügel, etwas oberhalb der Straße. Der große Vorplatz vor dem geschlossenen Tor ist in gleißendes Neonlicht getaucht. Gruppen von Männern bevölkeren schwatzend, rauchend und glotzend das Geschehen. Sitzen in Gruppen zusammen, kommentieren des Geschehen um sie herum. Mit den Frauen lassen wir unsbdurch ein Seitentor in den Innenhof der Pura ziehen. Halten uns im Hintergrund. Fremde Gäste. Pietät ist ein ungeschriebenes Gesetz. Jedenfalls in Bali. Niemand weist den fremden Gast darauf hin. Jeder erwartet Sensibilität und Rücksichtnahme, Ritus und Gebet nicht zu stören. So sind sie eben.
Der Innenhof der Pura ist überfüllt. Kaum noch freier Platz. Auf schmalen Durchgängen zwischen den Feiernden drängeln wir uns weiter nach vorne. Werden ohnehin mit dem Strom der immer noch Ankommenden vorwärts geschoben.
Wir finden einen ruhigen Platz. Im Innenhof an einer Umfassungsmauer. Wir uns schieben uns zwischen die Balier. Können uns von hier aus gut orientieren. Beobachten das aufgeregte Treiben im Innenhof des Tempels. Ununterbrochen kommen Frauen mit neuen Opfergaben in die Pura. Setzen diese auf eins der vielen Balais ab. Wir gehen weiter in den Innenhof hinein, finden ein freies Fleckchen vor einem Balé mit einem Gamelanorchester.

Ein Gamelan-Ensemble besteht aus Metallophonen mit Klangplatten. Gong und Trommel. Seit über 1600 Jahren in Indonesien hergestellte, runde Klangplatten.
Je nach Stil gibt es Angklung, Flöte, Rebab, Xylophon, Sänger oder Tänzer. Solistisch eingesetzte Instrumente improvisieren über die Kernmelodie, die die Metallophone vorgetragen.
Kernmelodien bestehen aus Klangmustern, die umspielt werden.
Die innere Melodie – der Zusammenklang von Kernmelodie und Auszierung.
Die Stimmung variiert je nach Musikrichtung. Auch von Ensemble zu Ensemble. Gamelans haben vier, fünf oder sieben Töne pro Oktave.
Die Schwingungsverhältnisse sind ungewöhnlich. Westliche Hörer haben da ihre Schwierigkeiten.
Gamelanmusik erklingt bei religiösen Feiern, zu sozialen Anlässen wie Hochzeiten oder Geburten, als Begleitung zu Tanz, Puppentheater und Schattenspiel.
Neuerdings sind Konzerte für Touristen üblich geworden.

In der Pura sind drei Gamelan aufgebaut. Alle Orchester beginnen gleichzeitig ihr Spiel. Nicht dasselbe Stück. Mit Kassandra, die Gamelanmusik schon aus dem Fernsehen in Sitis Homestay kennt, geht plötzlich eine Veränderung vor. „Männer tanzen“, sagt sie, und beginnt auf meiner Hüfte zu swingen. Fasziniert starrt sie auf die spielenden Musiker, kann kaum ihre Blicke lösen. Immer wieder ihr begeisterter Kommentar: „Männer tanzen“. Wir bleiben trotz der lauten Musik neben der Balé stehen, damit Kassandra die Musiker gut sehen kann.
Gegenüber der Balé mit dem Gamelanorchester ein zweites Balé. Mehrere Jauk-Tänzer kleiden sich umständlich für ihren Auftritt an. Es gestaltet sich zu einer langwierigen Prozedur, alle Kleidungsstücke übereinander anzuziehen. Nach einem vorgeschriebenen System, das mir verborgen bleibt. Links hinter diesem Balé, erhöht sitzend, der Pedanda, der oberste Geistliche, der dem die Inszenierung der heiligen Handlung untersteht.

Dieser Priester, ein Brahmane, sitzt mit untergeschlagenen Beinen auf der Plattform. Vor sich die Paraphernalia des Rituals, Weihwasser und Wedel, Glocke, Blüten und liturgische Texte, aus denen er seine Gebete und Segnungen rezitiert. Der erhöhte Sitz ist der Welt entrückt. Auf seiner Plattform sitzend, rezitiert er ohne Unterlass Mantren und Gebete, taucht den Wedel in das Weihwasser, besprengt die Menge, nimmt in ritueller Gestik Blüten und kleine Gegenstände in die Hand.
Unterhalb seiner Plattform, seitlich der Balé auf dem sich die Jauk-Tänzer umziehen, beginnt ein Wayang-Kulit, das Schattenspiel.

In Indonesien heißt jedes darstellende Spiel mit Figuren Wayang.
Wayang bedeutet Schatten, auch Geist.
Wayang Kulit ist das traditionelle Schattenspiel, dass in Bali bei keinem Fest fehlt.
Der Ursprung des Schattenspiels liegt in Indien. Die älteste Form, das Wayang Purwa, gab es im Archipel schon im ersten Jahrtausend.
Die Form der Figuren korrespondiert mit den dargestellten mythischen Geschichte.
Der Animismus behauptet, dass die Geister der Ahnen sich schützend oder Unheil anrichtend in das Leben der Lebenden einmischen.
Deshalb müssen die Adepten Wege finden, die Geister mit Ritualen und Zeremonien zu beruhigen und zu versöhnen. Wege um zu kommunizieren.
Das Schattenspielen ist ein solcher Weg.
Der heute vorherrschende Islam hat das Schattenspiel in Indonesien immer weiter verdrängt. Die menschliche Darstellung von Göttern ist verboten, das Schattenspiel unterdrückt und tabuisiert.
2003 hat die UNESCO das Wayang als ein Meisterwerke der mündlichen Überlieferung der Menschheit gewürdigt.

Das Wayang ist ein Ritual, das nicht der Unterhaltung der Festgäste dient. Dazu wird es zu wenig beachtet. Der Dalang erzählt von der Herstellung geweihten Wassers – Episoden aus dem Ramayana oder Mahabharata.
Das Ramayana erzählt den Weg des indischen Prinzen Rama in poetischen Episoden.
Das Ramayana ist eine Kunstdichtung. Trotzdem ist es nach dem Mahabharata das zweite indische Nationalepos.
Wahrscheinlich irgendwann zwischen dem vierten vorchristlichen und zweiten nachchristlichehn Jahrhundert entstanden. Heute in sieb
en Büchern überliefert.
Rama ist eine der Inkarnationen Vishnus. Eine Persönlichkeit mit ungewöhnlicher Kraft und vorbildlicher Herzensbildung.
Rama ist der mustergültige Mensch. Seine Geliebte Sita Vorbild für eheliche Treue.

Pemangkus holen mit geweihten Wasser gefüllte Schalen von dort ab.Lautsprecher informieren die Menge, die betend niederkniet, abwechselnd Blüten oder Geldstücke in die gefalteten, hoch erhobenen Hände nimmt. Pemangkus schreiten, mit Weihwasser gefüllte Schalen tragend, zwischen den Betenden und besprengen diese mit dem heiligen Nass. Die Segnung dauert nur Minuten, es wird weiter geschwatzt, geraucht und promeniert.
Der im christlichen Abendland sozialisierte Betrachter hat den Orientalen noch nie völlig verstanden. Er nimmt die Herstellung des geweihten Wassers, die Segnung durch die Pemangkus, den gesamten Odalan wie zufällig und nebenbei wahr. Es gibt nicht die die erstickend ehrfürchtige, von den meisten Teilnehmern geheuchelte, Atmosphäre europäischer Gottesdienste. Alles ereignet sich unter dem tiefblauen Firmanent des Tropenhimmels. Und im Angesicht der ungezählten Sterne, die am tiefblauen Nachthimmel funkeln, den eine schmale Mondsichel schmückt.
An der frischen Luft.
In der Freiheit eines weiten Himmels.
Und doch ist alles Teil der rituellen Struktur des Odalan.
In der Pura herrscht eine gesellige Atmosphäre. Man sieht, wird gesehen, nimmt Teil und ist Teil eines einzigen gemeinsamen Körpers. Niemand versäumt freiwillig die zahlreichen Odalane, die, je nach Bedeutung des Tempels, mehrere Tage dauern können. Jeder bekommt Gelegenheit teilzunehmen.
Musik-, Tanz-, Schattenspiel- und Hahnenkampf sind Bestandteil des Rituals, des mehrtägigen Odalans. Jedes Ereignis besitzt gleichzeitig sakralen und Unterhaltungsfunktion.

Der Hahnenkampf nimmt eine besondere Stellung innerhalb der rituellen Strukur eines Odalan ein. Er ist gebannt. Offiziell verboten und unter empfindliche Strafe gestellt. Tribut an die moderne Zeit, die tief in die koloniale Vergangenheit Balis reicht. Animistisches Blutopfer und Glücksspiel reiben sich mit muslimischer Abstinenz und Lebensfeindlichkeit.
Auf den Dorfstraßen sitzen am frühen Morgen die Männer in Gruppen im Schatten der Bäume. Auf dem Arm oder vor sich auf dem Boden ihre prächtigen Hähne. Stolz präsentieren sie ihre Vögel, diskutieren über deren Vorzüge und Abstammung. Steicheln, zupfen, klopfen, präsentieren und konkurrieren mit einander.
Wer hat den schönsten Hahn im Dorf? Den starken Kämpfer für die Arena.
Morgens badet der Balier seinen Hahn. Liebevoll gübergießt er ihn mit Wasser, massiert ihn sanft. Mit sichtlichem Behagen genießt der Hahn diese besondere Aufmerksamkeit.
Später stehen die Hähne an den Rändern der Wege und der Plätze und an den Badeteiche in kunstvoll geflochtenen Bambuskörbe. Das Gefieder nun gepflegt. Mit geschwellter Brust plustern sie ihre schillernden grün-schwarzen oder gold-braunen Federn.
Kampfhähne.
Kein Hahn fürs Mittagsmahl oder den Sate-Ayam-Spieß.
Der ganze Stolz des balischen Mannes. Abends, nach getaner Arbeit, sieht man sie überall im Schatten der Banyam-Bäume ihre Vögel kraulen. Eifrig kneten und massieren sie die Oberschenkel des Kriegers.
Weit und breit sieht man keine Frau. Dieser Vogel ist in Bali Männersache, ist doch auch der Hahn männlich. Es mag sein, dass die Sanftheit der Frauen dem Kämpfer verweichtlicht.
Scheinkämpfe mit zurückgehaltenem Hahn. Mit beiden Händen gehalten, werden die Hähne auf einander geschubst und schnell wieder zurückgezogen. Das soll die Kampfkraft und Agressivität der Hähne steigern. Steht einer der illegalen Hahnenkämpfe bevor, stehen die Hähnen lange an den Straßen in die Sonne. Eingesperrt in ihren Körben können sie nicht fliehen, sich kaum bewegen, nicht herumlaufen und picken und scharren.
Und keinen Sex.
Hahnenkämpfe sind mehr als brutale Volksbelustigung, in Indonesien offiziell verboten. Beim Odalan duldet sie der Staat. Konzessionen an die Tradition, die eine Regierung bei wichtigen zeremoniellen Anlässen aushalten muss. Die Götter sind anwesend, sodass die Arena, in der der Hahnenkampf stattfindet, geheiigter Boden ist.
In der lärmerfüllten Arena der wettenden Männer stürzen sie sich wutentbrannt auf ihren Gegner, an der hinteren Spore, sitzt wie eine zusätzliche Kralle der Taji. Ein zentimeterlanger, scharfer Metalldorn, der den Kontrahenten töten, auf jeden Fall kampfunfähig machen soll.
Blut spritzt aus Wunden und tropft auf den Boden. Einst Opfer an Götter und Ahnen.
Der Hahnenkampf ist ein Blutopfer während der Tempelfeste. Unterhaltung sekundär.
Das Duell der Hähne endet nach wenigen Minuten. Der tödlich getroffene oder schwer verletzte Hahn ist schnell Geschichte. Auch sein Besitzer, vor Tagen noch stolz und prahlerisch, wendet sich von dem unglücklichen Verlierer ab.
Das Opfer ist gebracht. Die Geister sind besänftigt. Geld wurde verloren. Große Scheine wechselten den Besitzer. Die Aufregung ist groß. Wer einen mehrfachen Sieger besitzt ist ein Held im Dorf.
Der geschlagene Kampfhahn ist nun Beute für den Kochtopf der Familie.
Manche Gefechte dauern länger. Unwillige Hähne werden aufgestachelt und aufeinander gehetzt, bis einer nicht mehr kämpfen kann oder den Kampf verweigert.

Kassandra Begeisterung für das bunte Treiben in der Pura Desa. Gede bleibt ungebrochen. Fasziniert lauscht sie der Gamelanmusik. Dem hämmernden Kopfen, den schrillen Trommelschlägel auf bronzene Platten. Unterschiwdlich gestimmt. Den klingenden, klappernden und scheppernden Getöse der Gongs und Zylophone. In fast ohrenbetäubendem Stakato jagen die Schlegel über die Instrumente. Nur gelegentlich, schüchtern aus dem Tongewitter auftauchend, die sanfte Bambusflöte, die dem Ohr versöhnlich ruhige Minuten schenkt.
Schließlich haben die Jauk-Tänzer ihre Maskerade zufriedenstellend abgeschlossen und beginnen mit ihrem Tanz. Kassandra traut ihren Augen nicht. Obwohl sie die Verwandlung der Männer in Masken miterlebte sind die Wesen auf der Bühne fremd und unheimlich.

Auftritt des Jauk-Tänzers. Ein klassischer Solo-Tanz. Die Schritte des Tänzers imitieren die Bewegungen eines Dämons. Er trägt das Kostüm eines Kriegers und die Maske eines Dämons.
Die Maske ist sein Gesicht. Ausdruckslos. Der Blick starr und leblos.

Starr glotzende Jauk-Masken, weit aufgerissene Augen, beängstigend hervortretende Augäpfel, breite gepolsterte Schultern. Dazu die beeindruckenden, langsam rhythmischen Körper- und Armbewegungen. Das alles ist zu viel für Kassandra. Die auf sie einstürzenden Eindrücke überwältigen sie. Sie kann die sie ergreifenden Gefühle nicht mehr abwehren, sich nicht mehr abgrenzen. Sie schwankt zwischen gebanntem Hinsehen und ängstlichem Verkriechen an meiner Schulter. Zwei Tänze lang dauert ihr Hin- und Hergerissen sein zwischen Faszination und Schrecken, dann drängt sie auf den Aufbruch. Will nach Hause. Nichts hält sie mehr im Tempel. Die religiöse Ergriffenheit, die ihr kindliches Gemüt überwältigt hat, getrieben von den allgegenwärtigen Gamelanklängen, denlr furchterregenden, eingefroren wirkende Mimik der Jauk-Masken überwältigen sie mit nie zuvor erlebten Emotionen. Ihr fehlt die Möglichkeit rationaler Abgrenzung, die ich über Jahrzehnte gelernt und verinnerlicht habe. Sie hat Glück kann die Eindrücke, die Atmosphäre in der Pura, unverstellt erfahren.

Auf dem Heimweg Erleichterung über Kassandras Faszination am Geschehen in der Pura. Sie nimmt ihre Umgebung sinnlich und intellektuell zunehmend engagierter wahr. Nimmt wieder teil. Geht aus sich heraus und lässt ihre Krankheit los. „Männer tanzen“ ist nun ein Synonym für die von ihr heiß geliebte Gamelanmusik. Ich denke an die therapeutische Wirkung von Musik und Tanz, von künstlerischen Ausdrucksformen im allgemeinen. Das Erlebnis Gamelanmusik leitet Kassandra Genesung ein.

Es folgen ruhige Tage. Wir gewöhnen uns an unser neues Zuhause. Deshalb sind wir in Bali. Wir beginnen unsere Jahre in Indonesien auf dieser „Insel der Götter und Dämonen“. So lesen wir es in den meisten Reiseführern. Seit den 20er Jahren des 20.Jahrhunderts ist dies schon so.

Kassandra schläft die Nächte wieder durch. In Peliatan bewältigt sie Fremdheit, Krankheit und Zeitverschiebung. Hat sie ihren Kulturschock überstanden.
Täglich bringt sie Stunden damit zu, ihre neue Umgebung zu erkunden. Sie bewegt sich frei und ungebunden im Hof und zwischen den Balaés, albert mit dem Personal, knüpft Kontakte mit Wayans und Sitis Töchtern. Gewinnt ihre alte Sicherheit zurück.
Ausgedehnte Spaziergänge in den Reisfeldern der Umgebung, auf den Markt nach Ubud, illustrieren meine Tage mit Kassandra. Im Tragetuch vor meiner Brust schlafend, schwatzend und staunend streifen wir durch den „Affenwald“, der die Pura Dalem von Padang Tegal umgibt. Meistens laufen wir die vier Kilometer zum „Affenwald“, gelegentlich nehmen wir eines der zahlreich verkehrenden Bemos zurück nach Peliatan. Kassandra zieht es immer wieder zurück zu den Affen. Schwankend zwischen Vergnügen und Angst schaut sie dem diebischen Treiben der Makaken zu, die aggressiv die Touristen bedrängen. Sitzen auf deren Schultern, greifen in Rücksäcke und Taschen. Finden Fressbares. Lustige und Peinliche Situationen. 150 Affen leben in der Umgebung der Pura Dalam in drei Sozialverbänden zusammen. Ihre Ernährung ist großenteils auf die Mitbringsel der täglich ankommenden Touristen ausgerichtet. Sie haben ihre Scheu vor den fremden Besuchern verloren. Auch vor deren Eigentum. Aber hatten sie das je? Affen fressen den Besuchern aus der Hand, klettern ungeniert auf ihnen herum. Verfolgen sie, um Nahrung bettelnd. Kassandra hat ihren Spass. Wir amüsieren uns hervorragend in diesem Wald, den nachts Dämonen, Geister und Tote durchstreifen.
Erst als einige der Affen uns attakieren, Kassandra einen Keks und mir die ganze Packung abnehmen, liebt sie die Affen etwas weniger. Aber nur einen Tag lang. Ihre Lust am „Affenwald“ verliert sie nicht. Trotzdem entrüstet sie der dreiste Diebstahl. Immer und immer wieder erzählt sie jedem, der es hören will: „Affen Keks abnommen“.

Wir sind angekommen. Unsere völlig veränderten Lebensumstände gefallen uns. Deutschland verliert sich in der Ferne. Ruhig und ohne Hektik verbringen wir unsere Tage in Peliatan.

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