Blatt Achtzehn: Kupang

26. Dezember 1990

Heute fahren wir zum zweiter Mal nach Baun, Amarasi. Diesmal mit der festen Absicht, uns von niemandem einladen zu lassen. Ungestört wollen wir durch den Ort spazieren, der uns ein paar Tage zuvor in seinen Bann gezogen hat.

Wieder die Fahrt mit dem Bemo ins hügelige Bergland von Amarasi. Auf den Weg dorthin kommen wir durch ein Dorf, dessen Hauptstraße ungewöhnlich belebt ist. Männer und Frauen tragen in traditioneller Tracht. Im Vorüberfahren erkenne ich drei verschiedene Textiltypen:

  • Frauen tragen Sarungs in der Art, die ich als Textiltyp 4 / Stilvariation 1, Amarasi / Baun, beschrieben habe. Einem solchen Sarung begegnete ich erstmals in der Sammlung Flick. Der Sammler hatte diesen Sarung in Kupang bei einem Händler mit der Angabe Baun erstanden. Damals schien mir diese Angabe zuverlässig. Inzwischen musste ich aber feststellen, dass die Angabe Baun für die Farbkomposition rotbraun-weiß dominant nicht zutrifft.
  • Frauen tragen Sarungs, deren Musterung aus alternierenden Rauten-Musterstreifen in Zierkettentechnik bestehen, unterbrochen durch farbige Kettstreifenbündel. Farbkomposition sehr farbig.
  • Männer tragen Hüftücher von der Art, die ich als Textiltyp 2 / Stilvariation 1, Amarasi, beschrieben habe. Textilien mit weißer Mittelbahn, die beidseitig von schmalen, rotbraun-weiß gemusterten Seitenbahnen eingefasst werden, deren Musterung aus schmalen Rautenbändern in Zierkettentechnik besteht.

Wesentlich an dieser flüchtigen Beobachtung ist, dass dieses Dorf ins Kabupaten Kupang gehört: Kecamatan Kupang Tengah. Der zuerst erwähnte Frauensarung sowie das Männerhüfttuch sind der Musterung nach aber keine Pakaian adat Kupang, sondern Amarasi-Textilien.
Ich erinnere mich an eine Abbildung in Yoshimotos Buch. Dort ordnet er den oben in Position zwei beschriebenen Frauensarung in die Region Kupang ein. Die Angabe ist zu ungenau. Wer denkt dabei nicht an Kupang-Stadt?
Eines macht mir diese Begegnung bewusst: Ich muss mit einer Durchmischung von Textiltypen und Musterungen rechnen. Was ich auf der Straße oder in einer Region sehe, kann ganz woanders beheimatet sein.

In Baun angekommen fällt mir sofort das Fehlen jeglicher technischen Lärmkulisse auf. Alle Geräusche, die ich höre, werden von Menschen oder Tieren verursacht. Vom ständig wehenden Wind weit umher getrieben.
Nur ganz selten ein Auto oder ein Motorrad. Es ist so ruhig, dass Kinderlachen, Stimmen und Gitarrenspiel von weit herüberwehen.
Wir laufen in Baun die eine oder andere Straße entlang, ohne dass es uns gelingt ein Dorf, wie es unserem Begriff entsprechen würde, zu identifizieren
In der Nähe des Marktplatzes, der an die beiden einzigen asphaltierten Straßen grenzt, liegen die Häuser noch relativ eng bei einander. Biegt man in einen Seitenweg, werden die Abstände immer größer. Der Eindruck in einem Dorf zu sein, lässt sofort wieder nach.
Rechts und links begrenzt Vegetation mein Gesichtsfeld. Ich sehe immer nur zwei oder drei Häuser gleichzeitig, die fast ganz hinter der wuchernden Vegetation versteckt liegen. Unterschiedlich große Gärten mit Nutzpflanzen, Mais und Blumen, Bananenstauden, Kokospalmen, Nangka-, Jati- und Kemiribäume, ein Jambubaum, schon fast verblüht. Um seinen Stamm breitet sich ein Teppich aus rotem Blütenstaub aus. Und viele Bäume mehr, deren Namen ich noch nicht kenne.

Und natürlich treffen wir Agus. Der holt gerade Zigaretten in einem der vielen Tokos am Markt, sagt er jedenfalls.
Warum er am Montag nicht gekommen ist, will ich wissen. Doch, er sei in Kupang in unserem Hotel gewesen.
An der Rezeption habe man ihn abgewiesen, und ihm gesagt, wir seien nicht da. Unser Zimmerschlüssel habe am Empfang gelegen.
Bisher hat uns jeder, mit dem wir verabredet waren, auch getroffen.
Agus sagt, er habe noch lange am Strand gewartet, und sei dann unverrichtet zurück nach Baun gefahren.
Es fällt mir schwer, ihm zu glauben.
Aber wir haben wieder einen Begleiter und aus unserem Familienspaziergang wird nichts. Agus schlägt uns gleich vor, mit zu ihm nach Hause zu kommen. Wir gehen nicht darauf ein, und er macht den Vorschlag uns die Sehenswürdigkeiten des Orts zu zeigen.
Wir haben in einem Toko von einer Quelle erfahren, und bitten ihn, uns dort hinzubringen.
Die Quelle wurde uns stolz als ein Obyek parawisata empfohlen.
Ein idyllischer Ort. Ein kleines Tal, vollkommen im Schatten großer Ficusbäume mit mächtigen Brettwurzeln. Eine klare, saubere Quelle, von verfallenem Mauerwerk eingefasst. Wasch- und Badeplatz für die Bewohner von Baun. Agus weist uns auf eine Pumpe hin. Eine Pipeline, die das Dorf mit dem Wasser aus der Quelle versorgt. Die Tage des mühseligen Wasserschleppens, aus dem Tal hinauf ins Dorf, gehören in Baun der Vergangenheit an. Mückenschwärme, die sich an diesem feucht-warmen, in modrig-grünes Halbdunkel getauchten Ort wohlfühlen, fallen gierig und ausgehungert über uns her. Schnell überlassen wir ihnen die Quelle.
In Agus Begleitung lassen wir noch eine Weile durch Baun treiben. Trotz der Mittagszeit ist es nicht so heiß wie in Kupang. Die großen Bäume, die alle Wege säumen, spenden kontinuierlich Schatten. Überall Kinder, vereinzelt Erwachsene, die nach dem Woher und Wohin fragen.

Beharrlich gelingt es Agus uns schließlich doch mit zu sich nach Hause zu nehmen. Er will uns unbedingt mit Kelapa muda bewirten. Auf dem Weg zu ihm treffen wir seine Frau und seine Mutter, die gerade aus der Kirche kommen. Schon von weiten ruft Agus seine Mutter, die sich kurz umdreht, dann jedoch weitergeht. Je näher wir den beiden Frauen kommen, um so stärker mein Eindruck, sie laufen vor uns davon.
Als wir die beiden Frauen schließlich einholen, entschuldigt sich Agus Mutter. Sie habe schlechte Augen, und uns nicht gleich erkannt.
Wir zögern, Agus nach Hause zu begleiten, doch als wir an dem kleinen Weg ankommen, an das Grundstück der Familie beginnt, und der zum Wohnhaus
führt, dreht sich seine Mutter um, lächelt freundlich einladend und fordert uns unmissverständlich auf, einzutreten.
Wieder einmal haben wir keine Wahl.
Vorausschauend haben wir die Baumwolle mitgebracht, die wir seiner Mutter schenken wollen.

Wie Sonntag sitzen wir wieder im Haus, trinken das frische Wasser aus der jungen Kokosnuß.
Schwatzen und trinken dabei die Kokosnuss leer, schaben anschließend die dünne Schicht weiches Fruchtfleisch mit einem Löffel aus, den Agus aus der Schale aus der eben erst leergetrunkenen Nuss geschnitten hat.
Unser Gespräch kommt heute nicht so richtig in Gang. Die Situation ist nicht peinlich.
Die Stellen, an denen das Gespräch stockt, überbrückt Kassandra mit distanziertem Flirten. Ich nehme die Baumwolle aus der Tasche, und reiche sie an Agus Mutter weiter.
Sage ihr danke und das dies ein Geschenk für sie sei.
Sie missversteht, denkt, ich bitte sie, daraus für Heidrun einen Sarung zu weben.
Das dauere sehr lange, sagt sie, und außerdem sei die Qualiä„t der Wolle kasar. Sie holt aus einer Schachtel buntes Kettgarn, sehr dünn und sehr fein, und erklärt, diese Fadenstärke sei die richtige Qualität, sei halus.
Drei Mal erklärt, erst dann versteht sie unsere Absicht.
Ich hatte inzwischen das Gefühl, die Wolle tauge nichts, sei für die Weberei von Agus Mutters nicht zu gebrauchen. Sie bestreitet dies dann vehement, aber ich werde das Gefühl nicht los, einen Fehler gemacht zu haben.
Unser Geschenk wird kommentarlos in den anderen Raum gebracht und nicht mehr erwähnt.
Genau Montag, als wir Mikhael und seine Familie zu Essen einladen hatten, bin ich mir nicht klar, ob unser Geschenk Freud oder Gleichgültigkeit auslöste.
Zu sehr verbergen die Empfänger unserer Geschenke ihre Gefühle.
Wir leben inmitten unseres Experiments. Uns fehlt ein Lehrer, ein Tutor, mit dem wir unsere Erfahrungen besprechen können. Der unsere Fehler
korrigieren.

Wir brechen schnell auf, bekommen noch eine weitere Kelapa muda mit auf den Weg. Beim Abschied schon wieder dieses komische Gefühl, wie beim Aufbruch letzten Sonntag. Irgendetwas erwartet Agus von mir. Irgendwie ist es schon wieder enttäuscht.
Kein Wort. Keine Andeutung. Nur diese vage Gefühl.
Als wir gehen, sagt Agus, er werde uns am Freitag im Hotel besuchen.
Wir wollen noch alleine durch den Ort laufen, einige Fotos machen.
Das Licht hat sich mittlerweile geändert.
Oder liegt es an meiner Stimmung.
Markt und Straßen sind menschenleer.
Weit und breit keine lohnenden Motive oder Atmosphären.
Mit dem ersten Bemo fahren wir zurück nach Kupang.

Am Abend ein weiteres Telegramm an Heidruns Eltern. Unsere finanziellen Probleme bedrücken uns sehr. Der Umzug nach So`e scheitert finanziell.
Wir denken über kürzere Studium zur Technologie und Ikonographie der Tracht in Baun und Umgebung nach.
Unsere Bekanntschaft mit Agus eröffnet uns diese Gelegenheit.
Agus unser erster Feldassistent.
Agus, der Vermittler unserer Arbeit, einer der schwierige Bedingungen ausräumt. Uns Vertrautheit bietet.
Agus, unsere Kontaktperson zu den Weberinnen in der Region.
Agus ist arbeitslos. Hat er Zeit und Interesse, mit uns zusammenzuarbeiten? Braucht er Geld und nimmt unserer Angebot an?
Doch Geld haben wir kaum noch und was eine angemessene Entschädigung ist, wissen wir auch nicht.
Wieder fehlt mir die Erfahrung und jemand den ich fragen könnte.
Unwägbarkeiten, wohin ich schaue.
Ich werden ihm eine Pauschale anbieten.

27. Dezember 1990

Heute morgen mit Kassandra in die Stadt. Organisatorisches ist zu erledigen.
Unerwartet ist heute die erste Rate des Stipendiums aus Deutschland eingetroffen. Unsere Sorgen und Probleme verschwinden ins Nichts, sind Geschichte.
Es kann beginnen. Wir haben die Mittel nach So`e umzuziehen. Wir zahlen die Schulden an unsere Eltern zurück: Rp 3.000.000.
Das gestern überstürzt geschickte Telegramm hat sich schnell erübrigt.

Meine Visitenkarten sind immer noch nicht fertig. Es ist Weihnachten.
Finanziell gut versorgt spreche ich mit POLRI Kupang über eine befristete Fahrerlaubnis mit meinem deutschen Führerschein. Wir bleiben lange genug in Westtimor. Kein Problem heißt es.

Abend rufe ich Heidruns Eltern an, sage ihnen, unser Telegramm habe inzwischen sich erledigt.
Entwarnung.

28. Dezember 1990

Morgens rufe ich Leo Nahak im Museum an, um mich mit ihm zu treffen.
Freitags arbeitet er nur bis Mittags. Es ist ihm lieber, wenn er zu mir ins Hotel kommen kann. Er habe Neuigkeiten für mich. Er habe sich umgehört, könne mir ein Haus in So`e vermitteln.
Ich freue mich über seine Unterstützung, habe mit Mikhael aber schon vereinbart, morgen mir ihm nach So`e zu fahren. Hausbesichtigung.
Kurz darauf ruft Mikhael an. Er habe das Auto für morgen gemietet: Rp 60.000 einschließlich Fahrer für einen Tag.
Ich sage zu, gehe, morgen aus, morgen beide Häuser in So`e zu besichtigen.

Mittagszeit kommt Leo Nahak für einige Stunden ins Hotel. Small-Talk, auch wesentliche Informationen.
Er kann uns ein großes Haus vermitteln, weiß aber nicht, ob wir es uns morgen ansehen können. Er will sich aber mit den Besitzern in Verbindung setzen.
Ich erzähle ihm von Mikhaels Angebot. Leo sagt, er werde dem Hauseigentümer ein Telegramm schicken, um ein Treffen zu arrangieren. Er zögert, druckst herum. Es ist für ihn doch komplizierter, als er zugeben will. Ich winke ab, sage ihm, dass er auch bis nächste Woche warten könne. Wir können dann in Ruhe einen Termin vereinbaren.
Wir haben es nicht so eilig. Wir können nächste Woche nach S`oe fahren. Ich entscheide, Mikhael abzusagen. Dies, denke ich, ist unkomplizierter.

Ich spreche mit Leo über meine Erfahrungen mit der Bürokratie in Kupang. Erzähle ihm, bis auf meine Schweirigkeiten mit Dr. Benu und dem Pusat Penelitian sei alles erledigt. Ich schilderte ihm meine Mühe, den abgerissenen Kontakt wieder aufzunehmen. Leo meint, ich hätte genug unternommen. Es sei cukup sekali. Ich könne die Angelegenheit fürs erste ruhen lassen. Er hält anscheinend nicht viel von der Arbeit des Pusat Penelitian zu halten.

Agus kommt heute wieder nicht. Ich nutzte Leos Anwesenheit und erzähle ihm auch von Agus. Frage ihn um Rat.
Wahrscheinlich habe Agus von uns Führerlohn erwartet. Darüber spreche man nicht, erwarte es aber. Es sei nicht unhöflich, in einer solchen Situation Geld zu geben. Das Missverständnis mit den Baumwollsträngen belustigte ihn. Daran könne ich sehen, dass etwas Anderes erwartet wurde.
In Timor sei es äußerst wichtig, immer Sirih-Pinang zur Hand zu haben und anbieten zu können. Betel sei ein immer gerne gesehenes Geschenk, eine
ständige Konsumgewohnheit. Das Anbieten von Sirih-Pinang sei ein Gebot der Gastfreundschaft und der Höflichkeit. Bei Besuchen Sirih-Pinang
mitzubringen, Sirih-Pinang Gästen zu Hause anbieten zu können, wird allgemein honoriert, zeigt, dass Etikette und Brauchtum achtet werden.
Wer dann noch Bahasa Indonesia spricht, so Leo, sei bagus sekali.
Wie komme ich denn damit zurecht? Ich kann mir kaum vorstellen, Betel zu kauen, anbieten ohne selbst zu konsumieren. Ist das noch Brauchtum?

Meine Absicht Dawan zu lernen findet Leo Nahak richtig. Es sei lebih akrib pada orang-orang di desa. Er meint auch, drei bis vier
Monate seien ausreichend, um die Grundlagen zu beherrschen. Das würde für meine Zwecke genügen.
Die Monate zwischen April bis Oktober seien günstiger für meine Untersuchung, da jetzt, zu Beginn der Regenzeit die bäuerliche Bevölkerung Timors in der Landwirtschaft beschäftigt sei. Zwischen Ende April bis Mitte Mai wird die Ernte eingebracht. Dann beginnt die ruhigere Zeit des Jahres, die mit vielerlei sozialen Aktivitäten verbracht wird. Auch die Weberei und viele handwerkliche Tätigkeiten sowie Feste, kleinere Reisen, Besuche oder Müßiggang fallen in die Trockenzeit.
Gewebt werde zwar das ganze Jahr, da die Männer den Hauptteil der landwirtschaftlichen Arbeiten tragen, Frauen und Kinder trotzdem immer wieder unterstützend dazu beitragen.
Ich erinnere mich, dass schon Agus Mutter erzählte, dass die Männer, während sie im ladang arbeite, von den zu Hause gebliebenen Frauen erwarten, dass sie viele Gewebe herstellen. Damit wollte sie mich auf die geschlechtliche Arbeitsteilung hinweisen, die ausbalanzierte Kooperation zwischen den Geschlechtern.

Leo Nahak und ich diskutieren auch meine Hypothese über das koroh-Motiv:

  • Korkase ist ein Konglomerat von koro und kase.
    Koro (Amarasi) oder kolo (Amanuban) bedeutet Vogel.
    Kase bedeutet orang besar oder mulia oder yang terhormat.
    Koro kase (Amarasi – Lautverschiebung R – L).
    Kolo kase (Koro kase oder korkase) muss dann als sehr verehrter Vogel übersetzt werden.
    Agus Mutter, interpretiert das Motiv korkase als die Ahnen, die sehr verehrten Ahnen, deren Seele nach ihrem Tod eine Metamorphose in einen Vogel durchmacht.
    Leo Nahak hält diese Interpretation für richtig, und bestätigt, dass diese Vorstellung bei den Atoin Meto, trotz Christianisierung, noch sehr lebendig sei.
    Pater Middelkoop übersetzt kase mit fremd oder Fremder aus Übersee. Er leitet diese Bedeutung von dem Terminus bezieht sobe kase, fremder Hut ab, eine Bezeichnung, die auf die schwarzen Portugiesen, die Toepassen zurückgehe.
  • Meine Vermutung, der Motivname könne mit dem indonesischen Wort roh, Geist, Seele, zusammenhängen, findet er nur tertarik. Er will sich aber nicht festlegen. Bahasa Indonesia rohübersetzt er mit nitu ins Uab Meto.
    Das finale [-h] in koroh sei nur für den Adel der Raja-Familien in Amarasi üblich.
    Ursprünglich handelt es sich dann auch um koro, Vogel.

Wegen meiner Erfahrung mit Agus frage ich Leo, welche Bezahlung für einen Informanten, mit demich zusammenarbeite, angemessen sei. Er zögert, ist unsicher und weicht mit der Antwort aus.
Er sagt mir, dass das Museum seine Informanten nicht bezahlt.
Ich hake nach, und er lässt Rp 2.000 – 3.000 für einen Tag gelten; auf keinen Fall dürfe ich mehr zahlen.
Leo weist mich wieder darauf hin, dass Sirih-Pinang, Zigaretten, Kaffee und Süßigkeiten immer willkommene Geschenke seien. Für Informanten, die ich nur kurzfristig bemühe, seien kleine Geschenke – oder Rp. 1000 – 2000 – in Ordnung.

Wir reden auch über einen Sprachlehrer für mich. Leo verweist mich an Yusuf Boimaj, den Leiter des Departemen Pendidikan dan Kebudayaan (DEPDIKBUD) in So`e, der ein guter Freund sei.

Während unseres Gesprächs stellt sich heraus, dass Leo ein ehemaliger Schüler von Pater Sievers SVD ist, dass er bei ihm vier Jahre Deutsch gelernt hat. Deutsch lesen könne er noch, vom sprechen ist nichts mehr übrig geblieben. Tidak ada praktik.
Leo kennt einen Witz über die SVD-Patres. Ein Hamburger Museumskollege habe ihm den erzählt.
Auf die Frage, was SVD bedeute, habe er geantwortet: Natürlich Societas Verbi Divini. Das sei falsch, so der Hamburger. Richtig sei: Sie Verkaufen Drucksachen.

Nachdem Leo Nahak gegangen ist, gehe ich zu Mikhael um mit ihm über die veränderte Situation zu besprechen. Er ist enttäuscht. Er hat fest damit gerechnet, morgen nach Soe fahren. Er hat den Wagen gemietet. Wenn wir nicht fahren, muss ich den Besitzer entschädigen: Rp 10.000.
Ihm sei die Situation unangenehm. Er habe alle notwendigen Verabredungen getroffen.
Wir finden einen Kompromiss: Wir fahren morgen mit dem Bus nach So`e. Dort wird er mich bei Sos Pol einführen, wo er Freunde hat.
Wir werden dass Haus besichtigen.
Abschließend besuchen wir eine Freundin aus Studientagen.
Ich erwarte einen anstrengenden Tag, ganz in Bahasa Indonesia.

29. Dezember 1990

Morgen gegen 7.30 Uhr, ich bin noch bei Frühstück, holt Mikhael mich ab.
Es ist kein Problem, einen Bus anzuhalten. Die Überlandbusse fahren so lange durch Kupangs Stadtteile, Desa Kota Kupang, bis sie voll besetzt sind. Gegen 8.30 Uhr sind wir dann unterwegs nach So`e, verlassen Kupang in östlich Richtung.
Zuerst geht es hinaus in eine große, kesselförmige Ebene, an allen Seiten von hohen Bergen eingeschlossen. Bis an den Horizont.
Schon lange bevor wir den Verwaltungsbereich von Kupang Stadt verlassen umgibt uns eine dörfliche Atmosphäre.
Die typischen, rechteckigen wellblech- oder grasgedeckten Häuser säumen den noch von den Niederländern angelegten Kupang-Weg, der von hier bis nach Atambua, in den Nordosten Westtimors führt.
Jedes Haus steht inmitten eines kleinen, mit Nutz- und Zierpflanzen und verschiedenen Bäumen bepflanzten Garten. Ich sehe mehr Kokospalmen, als ich im trockenen Klima Timors erwartet habe. Aber die Kokospalmen sind nicht annähernd so hoch wie in Jawa oder Bali, tragen aber nicht weniger Nüsse.
Neuerdings ist man auch hier dazu übergegangen, eine Hybrid-Kokosnuss, die in Jawa entwickelt wurde, anzupflanzen. Schon nach zwei, nicht erst nach sieben Jahren liefern diese Hybride ihre Nüsse ab.
Vereinzelte Pferde in einem kleinen Gehege, unterschiedlich große Herden der in Indonesien weit verbreiteten Bali-Kuh.

Kurz vor Camplong, kilometerweit östlich von Kupang, steigt die Straße langsam an.
Camplong erkenne ich an dem großen Marktplatz, wo der Bus anhält. Marktverkauf und Busterminal. Viele Menschen hocken oder stehen am
Rand oder auf der Straße. Sie warteten darauf, ihre Einkäufe, Gemüse,
Haushaltsgeräte Ziegen oder Hühner, in den Bus zu laden oder über die Straße zu bringen.
Viele Männer in den traditionellen Hüfttüchern.
Vom Busfenster aus habe ich nur die Gelegenheit, die Textilien im Vorbeifahren, viel zu flüchtig, zu betrachten.
Dominant die Textilien mit der weißen Mittelbahn. Verziert mit Rauten aus broschierten Mustereinträgen, die die weiße Mittelbahn in parallelen
Reihen bedeckten. Die beiden Seitenbahnen zeigen identische Musterreihen. Rautenmuster in Zierkettentechnik alternieren mit farbigen Kettstreifenbündeln. Die Flüchtigkeit des Augenblicks lässt es nicht zu, Muster und Farbkomposition genauer zu erkennen. Interessanterweise fehlen Ikatmusterstreifen auf den Textilien.
Keine der Frauen trägt die traditionelle Tracht. Ich sehe nur Toko-Sarungs, westliche Kleider und Röcke.
Ich vermute, die Hüfttücher der Männer, die ich sehe, repräsentieren die Tracht von Fatu Le`u.

Die Busfahrt geht weiter über die schmale, aber gute Asphaltstraße nach Osten. Sie steigt kontinuierlich an, und je höher wir kommen, desto
häufiger gibt die dichte Baum- und Strauchvegetation, die vor allem aus Lontar- und Kokospalmen, Jatibäumen und Bananenstauden besteht, einen atemberaubenden Blick auf die Landschaft frei. Rechts und links der nun sehr schmalen Straße, die in engen Serpentinen die Berge hinauf schlängelt, steile Abhänge.
Wir fahren auf dem Rückenrat der Berge.

Ein zunehmend grandioseres Panorama entfaltet sich vor meinen Augen. Meine Unterhaltung mit Mikhael versiegt schließlich ganz. Ich bin von der Aussicht auf die Gebirgslandschaft Westtimors gefesselt.
Timor ist jetzt in der Regenzeit weder trocken noch karg. Auch nicht so unzugänglich und unfreundlich wie in West-Indonesien behauptet. Die sehr üppige Vegetation ist tropisch, obwohl das andere Licht das Grün der Pflanzen nicht so stark betont und saftig aussehen lässt. Es gibt hier nicht die steilen Berge, die scharfen Grate und engen Täler, deren Grund trockene Wadis oder reißende Gebirgsbäche sind. Westtimor begrüßt mich mit seiner grünen, mit Baumgruppen und kleinen Hagen, vereinzelten Bäumen, Strauchwerk und Grasflächen bedeckten Mittelgebirgslandschaft. Sanft gewelltes Hügelland, mit vereinzelten, steilen und steinigen Abbrüchen, nacktem Kalksteinfels.

Noch bevor wir in Camplong ankommen, sehe ich die fensterlosen, kuppelförmige Bauten, deren Grasdächer bis auf den Boden reichen.
Die einzige Öffnungen ins Innere ist der halbrunde Eingang. Aus den Dachspitzen steigt Rauch aus.
Hinter Camplong, tief in den Bergen, nehmen diese Bauten zu, die in der Literatur als Bienenkorbhäuser bezeichnet werden.
Sie sind viel kleiner, als auf den Fotografien. Ich kann mir nicht vorstellen, ob diese Häuser noch immer Wohnhäuser sind oder nur als Wirtschaftsgebäude dienen.
Schon die niederländische Kolonialverwaltung die Bevölkerung im Inneren Timors in Pazifizierungen gezwungen, ihre traditionelle Siedlungsweise hoch oben auf den schwer zugänglichen Bergrefugien aufzugeben. Sie hat die Menschen gezwungen, das enge Haus und den engen Garten der Zeit der Väter zu verlassen, sich in den Tälern, an den Straßen und am Lauf der Flüsse niederzulassen. Dorthin, wo sie einfacher zu kontrollieren sind.
Lange waren die kuppelförmigen Häuser Westtimors von offizieller Seite aus hygienischen Gründen nicht geduldet.
Die moderne indonesische Regierung hat diese Einstellung von den Niederländern übernommen. So kamen die rechteckigen Wohnhäuser, mit Tür und Fenstern, die gesunde Häuser genannt werden, zunehmend in Mode.
Zuerst in Kupang und Umgebung, wo sie heute verschwunden sind, und von wo sie sich kontinuierlich nach Osten verbreiten
Ich höre auch, dass Atoin Meto inzwischen vereinzelt wieder dazu übergehen, kuppelförmige Häuser zu errichten.
Klimatisch bilden sie die günstigere Wohnalternative.

Entlang der Straße von Kupang nach So`e gibt es zwei verschiedene Siedlungsformen. Da gibt es einerseits Ansiedlungen dörflichen Charakters mit Tokos und zentralen Marktplatz.
Der Busterminal in Camplong, Takari, Batuputih oder So`e gehören dazu.
Rund um diesen Platz, dieses Einkaufszentrum, liegen weitläufig verstreut die Häuser der Bewohner, inmitten ihrer Gärten.
Dennoch kommt der Eindruck, sich in einem Dorf zu befinden, einfach nicht auf. Zu weit von einander entfernt, zu sehr hinter Bäumen und
Pflanzen versteckt, liegen die Wohnungen der Dörfler.
Trotz dieses Anflugs von Urbanität habe ich am Rand dieser Zentren sofort das Gefühl, mitten in der Natur zu sein.
Nur gelegentlich stoße auf menschliche Wohnungen und Aktivitäten. Selbst die Gärten, in mitten zwischen den Pflanzen die Häuser liegen, sind keine Gärten im westlichen Sinne.
Sie orientieren sich in Anlage und Form weitgehend an dem sie umgebenden Naturraum.

Außerhalb dieser weitläufigen Dörfer, die eigentlich keine sind, sehe ich vereinzelte Ansiedlungen mitten in der Vegetation. Sie wirken auf mich wie vorgeschobenen Posten der Zivilisation. Einige hundert Meter abseits der Straße, auf einem terrassenförmig angelegten Geländesporn am Hang, liegen diese alleinstehenden Höfe. Ein rechteckiger, sauberer und vollkommen vegetationsfrei gehaltener Platz mit zwei Gebäuden. Sie machen den Eindruck penibler Ordnung und Planung. Ein Ruhepunkt inmitten des unebenen Geländes, des mit Steinbrocken übersäten Bodens, des ungeordnetem Pflanzenwuchs.
Auf diesem nackten roten Boden stehen im Vordergrund das moderne rechteckige Haus mit Satteldach, direkt dahinter, das traditionelle Wohnhaus mit Kuppeldach. Die sorgfältig gereinigte Siedlungsfläche zwischen diesen beiden Bauten ist der Arbeitsraum für die Frauen des Hauses, Spielfläche für die Kinder.
Tiere, wie Geflügel, Hunde und Schweine habe ich im Vorbeifahren nicht gesehen.

Gegen Mittag erreichen wir So`e. Die Ort ist städtischer und größer als ich erwartet habe.
Auf den ersten Blick bin ich enttäuscht, verunsichert, halte meine Wahl, hier mit meiner Forschung zu beginnen, zu schnell für falsch.
So`e ist eine Kleinstadt. Provinzhauptstadt.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in diesem städtischen Milieu meine Informationen treffen werde.
So`e soll nur Ausgangspunkt, mein Basislager sein.
Meine Feldforschung stelle ich mir mobil vor.
Die Atmosphäre in So`e ist, trotz der Größe des Orts, eher dörflich. Urban wirken lediglich mehrere asphaltierte Straßen, die Steinhäuser, die vielen Tokos und Verwaltungsgebäude. Wir sind mitten in So`e, noch bevor ich einen ersten Eindruck von Stadt und Siedlungsweise habe. Schmale Straßen führen an in Gärten liegenden Häusern vorbei. S`oe liegt ungefähr 1000 m hoch in den Bergen. Bei der Durchfahrt durch den Ort, noch bevor der Bus den Terminal erreicht, sehe ich, dass So`e auf einem leicht geneigten Berghang liegt. Aus dem Fenster des Busses heraus kann ich große Teile der Stadt übersehen. Zuerst erinnert mich So`e an Kupangs modernen Stadtteil Walikota. Aber in So`e gibt es weitaus mehr Bäume und alte Vegetation.
Die Häuser und Wohnungen liegen überwiegend am Hang, in großem Abstand von einander. Niemand scheint seinem Nachbarn zu nahe rücken zu wollen.
Abstand und Bewegungsraum stellen ein wichtiges Merkmal der Siedlungsweise dar.
Dörfer im westlichen Sinne gibt es in Westtimor nicht.
Das Siedlungsmuster entspricht dem des Weilers. Von Desa sprechen die Beamten von den anderen Inseln, Migranten, die in Westtimor arbeiten. Die Atoin Meto sprechen von ihrem Kuan.
Auch So`e besitzt diesen zentralen Platz des Handels und der Konsumbefriedigung. Für alle die Einwohner, die über Geld verfügen. Eigentlich gibt es hier zwei dieser Zentren: den Pasar Lama und den modernen Pasar Inpres. Läden, Hotels und Verwaltungen umgeben auch den Busterminal. Von hier betrachtet gleicht die Atmosphäre in So`e der in den meisten indonesischen Provinzstädten.
Abgesehen von den drei Zentren ist das Weilerprinzip der Besiedlung der Stadt auffällig. Schon einige Meter abseits der Asphaltstraße, befindet man sich im Kampung. Wohnen in der Natur, ein Konzept, das neuerdings in Deutschland als Wohnen im Park kaum bezahlbare Mieten einbringt.

In So`e ist es merklich kühler als in Kupang, wo es uns inzwischen zu heiß geworden ist. Trotz des kühlen Windes, der fast täglich landeinwärts
weht, lähmt die Hitze Kupangs unsere Initiative.
Kalt ist es hier nicht, wie in Kupang behauptet wird. Es regnet auch nicht ständig. Seit fünf
Tagen hat es in So`e überhaupt nicht geregnet. Der Himmel ist
strahlend blau, es ist warm und es weht ein angenehmer Wind, der die Mittagshitze ausgleicht.

Endstation am Terminal in So`e. Wir steigen aus, stehen orientierungslos auf dem Platz, obwohl Mikhael schon oft hier gewesen sein will.
Wir fragen, und wir finden dann den Weg zum Kantor Pertanian wo Mikhaels Freund arbeitet. Die Begrüßung zwischen Mikhael und seinem Freund, einen Kommilitonen aus seiner Studienzeit in Semarang, ist herzlich. Er hat sich mit ihm drei Jahre ein Zimmer geteilt, und ihn lange nicht gesehen.
Im Büro kamen andere Bekannte dazu. Mikhael kennt sie alle. Große Freude über das Wiedersehen mit einer jungen Frau, die, wie er mir erzählt, aus
seinem Dorf in Ostflores stammt. Ziemlich schnell kommen wir auf den Zweck unseres Besuchs: die Besichtigung eines Hauses.
Es sieht so aus, dass im Kantor Pertanian niemand von uns wusste. Obwohl Mikhael doch angerufen und uns angekündigt hat.
Es folgt ein längeres Hin- und Her über die Schwierigkeiten, in So`e ein Haus zu mieten. Zimmer wären einfacher zu finden. Aber ein Haus, dazu noch mit Wasser und Strom, sei sehr schwierig. Mikhael erzählt von Leo Nahaks Haus, und sofort will jeder wissen, wer den Leo Nahak sei. Als Mikhaels Freunde hören, dass Leo ortsfremd ist, gar ein Orang Kefa aus Insana ist, bezweifeln sie, dass er uns in So`e ein Haus besorgen könne.
Völlig unerwartet, fast noch mitten im Gespräch, fahren mit Mopeds das Haus besichtigen. Ich vermute, Details der Diskussion nicht richtig mitbekommen zu haben.
Plötzlich war wieder alles klar: Es gab ein Haus zu besichtigen, wo man uns schon erwartete. Gehört das alles zu einem Ritus, dem höflichen Einstieg in eine Verhandlung. Diente diese einführende Gespräch dazu, mich davon zu überzeugen, dass ich schnell zugreifen müsse, da doch Häuser in So`e knapp seien. War dies etwa auch Preispolitik?

Zehn Minuten Fahrt über leicht ansteigende Straßen. Als wir das Haus erreichen, hatte ich den Eindruck, es befinde sich außerhalb der Stadt. Meine Frage wird verneint; dies sie immer noch das Zentrum von So`e.
Das Haus, ein flacher, langer und rechteckiger Bau, an der linken Seite der Straße nach Niki-Niki und weiter nach Kefamenanu; zehn Meter vom Straßenrand entfernt.
Vor dem Haus eine große, überdachte Terrasse.
Ein großes Haus, viel zu groß für drei Personen in indonesischen Maßstäben gemessen.
Ein Eingangsbereich, wie er üblich ist um Gäste zu empfangen, eingerichtet mit einigen Sessel und zwei kleinen Beistelltischen.
In diesem Raum führen wir alle weiteren Verhandlungen bei süßem Kaffee und selbst gebackenem Brot. Gegenüber der Eingangstür, ein Durchbruch, der in einen großen, unmöbilierten rechteckigen Raum führt. Ein bodenlanger Vorhang trennt die beiden Räume.
Von diesem Raum aus gehen weitere Türen in die kleineren Nebenräume ab: eine kleine Mandi, die Kassandras Badegewohnheiten nicht befriedigen wird. Eine Küche und zwei weitere, mit Betten ausgestattete Zimmer. Durch eine Hintertür auf der Rückseite des Hauses geht es hinaus in einen brachliegenden, verwilderten Garten. Keine Veranda, lediglich ein schmaler Steg, ein steinernes Fundament, auf dem das Haus errichtet ist. Zu beiden Seiten des Hauses viel Platz, mit Bäumen und Sträuchern bepflanzt, der bis an die Nachbargrundstücke reicht.
Das Haus gefällt mir, trotz der Nähe zur Hauptstraße, der zu kleinen Mandi und der fehlenden Veranda auf der Rückseite.
Die Anwesenden haben mit meiner Zusage gerechnet, zeigen aber kein Gefühl, als ich sage, dass ich die Entscheidung erst Mitte der Woche treffen kann.

Ich laufe hinter Mikhael her, von einem Besuch zum anderen, sitze in den unterschiedlichsten
Sesseln, in den verschiedensten Empfangszimmern. Trinke gehorsam süßen Tee; bis mir übel wird.
Ich habe mir in den letzten Wochen oft gewünscht, an die Hand genommen zu werden, hoffend, dass dies meine Schwierigkeiten und Unsicherheiten erleichtere. Jetzt geht mir Mikhaels übersteigerte Fürsorglichkeit auf die Nerven. Ich fühle mich bevormundet. Mikhael spricht für mich, erledigt alles, schneidet mir das Wort ab, wenn es mir endlich gelungen ist, selbst die Initiative zu ergreifen.
Er geht so weit, mich nach allem Möglichen zu befragen, um es dann seinen Freunden zu erzählen. Niemand kommt auf den Gedanken, mich selbst zu fragen.
Was gut gemeint ist, wird schnell lästig.
Ich fühle mich wieder hilflos und unselbstständig wie in den ersten Tage. Und da ich nicht zu Wort komme, erhalte ich kaum Informationen über Haus und Umgebung.
Nach einer Stunde weiß ich immer noch nicht, wer dieses Haus vermietet und wie hoch der Mietpreis ist, obwohl der ältere Bruder des Hausbesitzers, Hendrik Billik, von Beginn an mit uns zusammen sitzt.
Ich fühle mich in der Männerrunde unwohl und gehe nach draußen, um mich umzusehen. Dort treffe ich die Eltern des Hausbesitzers, die im Garten arbeiten. Doch ich habe kaum begonnen, mich mit ihnen zu unterhalten, da kommt die Diskussionsrunde in den Garten und führt ihr Gespräch über meine Angelegenheiten, an mir vorbei, stehend weiter.

Mein Tageswerk ist getan. Mit dem Moped geht es zurück ins Zentrum, ins Haus von Mikhaels Freundin aus Ostflores. Wieder süße Getränke, viel zu süßes Gebäck. Ich versuche abzulehnen, sage ich sei satt, komme damit aber nicht durch.
Mikhael überredet mich mit dem gängigen Argument: seine Freundin sei sonst gekränkt. Also gut: Tee!
Niemand ahnt, wie schwer es mir fällt, dieses bis an die Schmerzgrenze süße Zeugs zu essen. Vollkommen überzuckert; trotzdem scheint es noch Steigerungen zu geben. Ich frage mich, ob es eine Bezeichnung jenseits des Superlativs gibt.
Langeweile.
Mikhael unterhält sich mit seiner Freundin in einem Flores-Idiom. Seiner Muttersprache.
Ich schaue mir Haus und Umgebung an, esse schließlich doch von den süßen Keksen, trinke das Zuckerwasser genannten Tee. Warte einfach ab, was weiter passiert.
Jetzt ist Mikhaels Zeit. Sein Grund für unsere Reise nach So`e. Ich freue mich über sein Wiedersehen mit einer alten Freundin.

Am späten Nachmittag beginnt es leicht zu regnen. Inzwischen ist es sehr kühl geworden.
Der Bus nach Kupang am Hause des älteren Bruders des Bupati Dati II, T.T.S. ab, dem Mikhael seinen letzten Besuch gewidmet hat. Auch dessen Sohn kennt er aus Semarang.
Die starken Steigungen hinab in die Ebene nach Kupang, wo wir von Heidrun und Kassandra neugierig erwartet werden, nimmt der Bus in zwei Stunden.
Bevor uns Mikhael verlässt, erfahre ich doch noch den Mietpreis für unser Haus in So`e.
Rp 700.000 Für ein ganzes Jahr.
In Deutschland reicht dieser Betrag für eine kleine Wohnung im Monat.

30. Dezember 1990

Ein ereignisloser Tag im Hotel. Heidrun und ich fühlen uns nicht auf wohl. Werden wir krank?
Heidrun ist erkältet, und ich bi immer noch nicht ganz über den verdorbenen Magen hinaus. Dank Agus Kelapa muda.

31. Dezember 1990

Sylvester und immer noch in Kupang. Der letzte Tag des alten Jahres. Im Moment sieht es danach aus, dass wir in einigen Tagen nach So`e aufbrechen können. Endlich vom Hotelleben befreit. Endlich wieder ein eigener Haushalt, der für Kassandra wichtig ist. Alle bürokratischen Hürden sind
genommen. Ich habe alle Papiere eingesammelt und wieder verteilt.
Der Beginn unserer Forschung über die Tracht der Atoin Meto steht nichts mehr im Wege
Nichts hält uns mehr in Kupang. Hier ist alles erledigt. Mich lockt das kühle frische Klima in den Bergen Westtimors.
Nun hoffe ich, endlich intensiv an meinem Vorhaben zu arbeiten. Die Pflanzzeit ist weit fortgeschritten, der Mais steht schon 30 Zentimeter hoch. Bis zum Abschluss der Ernte im April oder Mai muss ich das Uab Meto gut genug beherrschen um meine Interviews zu führen.
Ist die Ernte erst eingebracht, haben die Leute Zeit für so mancherlei. Sagt man wenigstens.
Für die Produktion von Textilien beispielsweise und wie ich hoffe, für meine zahlreichen Fragen.
Dann, so hoffe ich, kann ich Ordnung in meine Hypothesen bringen, wo so viel Ungeordnetes, Ungeregeltes und Ungesichertes wartet.
Was werden die nächsten Wochen bringen?
So`e und Umgebung, sind in den nächsten Wochen meine Terra incognta. Mein weißes Land! Ich werde es allmählich mir farbigen Mustern füllen, jedes an seinem Platz einordnen.
Kontakte knüpfen und Informationen sammeln, das ist jetzt wichtig.
Ortskenntnisse ausbauen. Aufräumen mit den Vorurteilen, Halbwahrheiten und Spekulationen, die in Kupang über die Hinterwälder in So`e und über das Innere Westtimors geläufig sind.
Jeder gab dort vor, sich auszukennen. Doch schon nach meinem ersten Besuch in So`e zerbrachen viele der Vorurteile, die auf Kupangs Straßen und in den Behörden kursierten, an der Wirklichkeit.

Mitternacht. Das neue Jahr beginnt mit einer Flasche Bintang Bir.
Ein freier Blick auf das mondbeschienene Meer, ein phantastischer Wolkenhimmel, der im Mondlicht gespenstische Formen annimmt.
Eine kleine Sylvester-Stehparty am Geländer unserer Veranda.
Und dann passiert es.
Pünktlich um 24.00 Uhr nehmen wir uns in den Arm, küssten uns und wünschten uns ein zufriedenes und erfolgreiches neues Jahr.
Kaum waren unsere Glückwünsche verklungen, wurden sie durch den dreimaligen Ruf eines Cikcak bekräftigt.
Und verstärkt.
Ein gutes Omen! Die Atoin Meto sind davon überzeugt, dass der Ruf des Cikcaks einen gefassten Plan oder ein begonnenes Unternehmen glücken lässt.
Ein gutes Omen!
Wir sind nun restlos überzeugt, dass unsere Pläne gelingen, dass unsere Zeit in Amanuban schöne und erfolgreich sein wird.
Schon in der letzten Woche des nun vergangenen Jahres nahmen unsere wochenlange Schwierigkeiten ab: meine Mühsal mit der indonesischen Bürokratie, unsere Geldnot. Die Fragen nach Unterkunft und Forschungsregion.
Ein optimistisch stimmender Abschluss des Jahres 1990.
Ein optimistischer Blick nach vorn, neuen Erfahrungen und Erlebnissen entgegen.
Ich bin davon überzeugt: Die nächsten Monate werden alles andere als langweilig und alltäglich.

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