Blatt Einundzwanzig: So`e

25. Januar 1991

Inzwischen sind fast zwei Wochen vergangen. Die Ereignisse haben sich überstürzt.
Keine Zeit für mein Tagebuch.
Keine regelmäßigen Eintragungen ins Tagebuch.
Ich will versuchen, dass die Abstände zwischen den Einträgen nicht zu groß werden. Also will ich die Ereignisse der letzten Zeit aus der Erinnerung zusammenfassen.

Januar 1991.
Sprachunterricht mit Marselinus Besa. Zwei Stunden täglich.
Fünf Tage in der Woche.
Der wahre Grund für meine nachlässigen Eintragungen in mein Tagebuch.
Marcelinus bietet so viele Informationen über die Kultur die Atoin Meto. Einfach so fließen sie in den Sprachunterricht. Wieder fühle ich mich bestätigt: Kultur ist Sprache. Mehr nicht. Die Sprache einer Ethnie integriert die gesamte Kultur.
Ich beschließe, die linguistischen und kulturellen Daten aus dem Sprachunterricht in eigenen Texten zusammenzustellen. Mein Tagebuch würden sie überladen.
Letztlich soll es doch lesbar bleiben, da es sich nicht als Forschungsbericht versteht.
Noch nicht!
Das intensive Vor- und Nachbereiten der Arbeit mir Marselinus ist zeitaufwendig. Macht mir aber viel Freude.
Marselinus bringt mir das doch sehr schwierige Uab Meto langsam näher.
Dennoch bleibe ich optimistisch, mich in zwei bis drei Monaten unterhalten zu können. Für die Feinheiten bleibt mir die Bahasa. Die versteht hier jeder.
Zuerst einmal die solide Basis, ein Gefühl für die Sprache. Die ist austronesisch. Kein Zweifel. Aber so anders als die westindonesischen Idiome. Mit dem malaiischen Fundamnet, auf dem die Bahasa Indonesia ruht, hat das Uab Meto weniger gemeinsam.
Mein Ziel ist: Small Talk mit den Dorfbewohnern.
Marselinus Sprachkurs hilft mir sehr dabei, mein Indonesisch noch mehr zu verbessern.
Eine fremde Sprache über eine fremde Sprache zu lernen. Das ist die beste Übung für mich. Mein Indonesisch wird flüssig, ich muss nicht mehr im Kopf übersetzen.
Ich habe sie, die indonesische Sprache.
Die ersten fünfzehn Stunden Sprachunterricht verwende ich auf einer Rumpfgrammatik und einer basalen Wörterliste, die ich an der Swadish-Liste orientiere. Dabei entsteht die erste Phase eines Lexikons: Uab Meto – Bahasa Indonesia – Deutsch.
Englisch einzubeziehen verwerfe ich.
Das sollen andere erledigen.

Eine mündliche Sprache zu lernen stellt für mich eine besondere Herausforderung dar.
Jetzt bewundere ich die vielen Ethnologen, die diesen Weg vor mir gegangen sind erst recht. Welche Leistung!
Uab Meto ist keine Schriftsprache. Das macht die Arbeit an einem Lexikon problematisch. Niemand weiß so genau, wie ein Wort geschrieben wird. Ich nutze mein Gehör und mein Sprachgefühl.
In So`e gibt es angeblich keine Grammatik. Linguisten in UNDANA arbeiten anscheinend daran, den Molo-Dialekt zur Hoch- und Schriftsprache auszuarbeiten. Warum erfahre ich das erst in So`e?
Aber ich habe den grammatischen Versuch von P. Middelkoop mitgebracht. Auch Molo-Dialekt. Der hilft nun weiter, da Amanuban und Molo sehr nah sind: Lautverschiebung Molo [r] zu Amanuban [l].
Uab Meto ist keine Hochsprache. Die Sprache gliedert sich in neun verschiedene, eng verwandte Dialekte, die in Amanuban aber jeder versteht.
Die Grenzen zwischen den Dialekten sind unscharf und überschneiden sich vielfältig.
Worte und Phrasen wurden anscheinend hin und her entlehnt.
Die Grammatik ist – vergleicht man sie mit der Bahasa – recht kompliziert. Die Sprache ist gewachsen, nicht synthetisch geschaffen.
In So`e, Amanuban, heißt der Dialekt Uab Banamas. Die Sprache (uab) von Banam. Das ist der historische Name Amanubans.
Das Uab Meto gibt es eigentlich nicht als Sprache. Dieser Terminus fasst alle Dialekte als die Sprache der Atoin Meto zusammen.
Die niederländische Kolonialbehörde nannte die Atoin Meto immer Dawan. Diese Bezeichnung, deren Bedeutung niemand konkret erklären konnte, empfindet man in Amanuban als diffamierend. Wie Neger! Manche, die ich fragte, vermuteten Hinterwälder als Bedeutung.
Die wissenschaftliche Forschung seit Cunningham und Schulte Nordholt wählte den Begriff Atoni, dass heißt Mensch.
Alternativ Atoni Pah Meto, die Menschen des trockenen Landes.
Hendrik Ataupah ist der Meinung, der ethnische Name sei Meto. Indigen!
Aber so genau nimmt man das in Amanuban nicht.
Trotz grammatischer Regeln erscheint mit das Uab Meto als ungemein flexibel. Die Sprecher selbst nutzen diese sprachlichen und lautlichen Improvisationsmöglichkeiten ausgiebig.
Auf eine Schreibweise legt sich erst recht niemand fest. Niemand kennt eine richtige Schreibweise. Das Uab Meto mit seinen Dialekten gibt es nur mündlich.
Besonders betroffen davon sind Präfixe und Suffixe. In der Rede verfließen die Worte miteinander. Wortgrenzen zu erhören stellt eine besondere Herausforderung dar.
Der Wortbestand des Uab Meto besteht meist aus zweisilbigen Worten besteht.
Ist eine Silbe eine Vor- oder Endlaut?
Wo endet der Satz?
Meine Arbeit an einer Rumpfgrammatik des Uab Meto gefällt Marselinus nicht. Er hat nicht viel Interesse an wissenschaftlicher Dokumentation. Das Anlegen von Wortlisten, die Identifikation von Nomen, Verben und Adjektiven und von grammatischen Notizen nervt ihn zunehmend.
Trotzdem stellte er sich der Herausforderung und gab sein Bestes.
Mein Argument, ich werde später Uab Meto an der Universität Hamburg unterrichten, überzeugte ihn schließlich. Er verstand, dass dazu systematische Vorarbeiten notwendig waren.

In der ersten beiden Wochen verschaffte ich einen Überblick über Verbkonjugation, die Verwendung von Personal- und Possessivpronomen, von Fragepronomen, von Ortsbestimmungen, der Verneinung, der Bildung von Vergangenheit und Zukunft sowie der Steigerung der Adjektive sowie der Stellung
der einzelnen grammatischen Elemente im Satz und der Satzbildung.
Ein kursorischer Überblick.
Was noch aussteht sind die Bildung von Singular und Plural sowie das Fahnden nach der Zeit- und Geschlechtsabhängigkeit der Nomen.
Allmählich bekomme ich ein Gefühl für diese fremde Sprache.
Zur Verzweiflung bringen mich immer noch die allgegenwärtige Metathesis sowie die Verwendung aller möglichen Doppelvokale und Vokalkombinationen.
Die Sprache wimmelt nur so von Diphtongen.
Diese Vorliebe für Doppelvokale und Umlaute durchbrechen das in indonesische Sprachen charakteristische Lautbild KVK oder KVKVK.
Sehr viele Worte folgen dem Lautbild KVV oder KVVKVK.
Auffallend ist der umfangreiche Wortbestand von Worten, deren konsonantischer Anlaut [m-], [n-] oder [mn- / mb-] ist.
Bisher umfasst meine verbindliche Wörterliste einige hundert Vokabeln. Die Liste, die ich letztlich von Andrew McWilliams bekam bietet mir eine gute Kontrolle.
Schwierig bleiben die korrekte Aussprache und die Satzmelodie, die sich von allen Sprachen, die ich bisher lernte, unterscheidet. Das Uab Meto ist eine sehr vokalreiche Sprache und erinnert mich an den Klang der polynesischen Sprachen. Die Aussprache und Betonung dieser klangvollen, von Guturalen und Labialen dominierten Sprache bereitet mir große Schwierigkeiten.
Ich muss intensiver an meiner Aussprache arbeiten.
Marselinus liebt diese Sprechübungen.

Mir scheint,Marselinus ist der geeignete Lehrer. Er ist in der Lage, mit seiner Muttersprache analytisch zu arbeiten. Er kennt die grammatische Terminologie, kann sie auf die mündliche Sprache anwenden.
Marselinus ist als Englischlehrer sprachwissenschaftlich geschult. Sprachwissenschaftliche Methoden und Termini sind ihm vertraut.
Ich bekomme den Eindruck, die Grammatik des Uab Meto ist der deutschen Grammatik ähnlicher als der Indonesischen oder der Englischen. Stimmt da?
Nach vier Monaten Indonesisch fällt mir das seltsam schwer.
In Malinowskis Tagebuch lese ich dieser Tage: […] mit Linguistik bin ich in vollem Schwung. Packe es an, schmiede das Eisen, solange es heiß ist.

Die intensive Arbeit an der Regionalsprache bindet meine Energie und mich ans Haus.
Wir haben uns gut eingelebt und fühlen uns im Kreis der Billik-Nachbarschaft wohl und gut angenommen.
Unser Haushalt und unser Wohnen ist noch reichlich improvisiert, nimmt aber langsam Formen an. Wohnlichkeit entsteht. Sesshaftigkeit gelingt. Wir fühlen uns nach langer Zeit wieder heimisch.
Ich frage mich, ob ich meine Forschung von hier aus durchführen kann. Müssen wir wieder umziehen? Die Dörfer und Regionen, die ich priorisieren sind weit entfernt und nicht alle mit dem öffentlichen Verkehr zu erreichen. Brauche ich ein Fahrzeug um sie täglich zu erreichen? Für Kassandra wäre ein weiterer Umzug nicht gut.
Reicht unser Geld für eine Motorrad? Eine Fahrerlaubnis habe ich inzwischen. Ich habe lügen müssen, habe behauptet, mein Führerschein Klasse IV gelte in Deutschland für Motorräder.
Abgesehen von den zahlreichen Mücken, deren Stiche wir nicht verhindern können, abgesehen von den ständig anwesenden, unterschiedlich großen Skorpionen haben wir es richtig gemütlich.
Die blutgierig, schnellen Mücken sind schwierig zu erschlagen. Anders die Skorpione, sehr träge Tiere, sich ihrer Gefährlichkeit und ihres Giftes wohl bewusst. Sie verharren stoischer Ruhe den tödlichen Schlag mit der Sandale oder dem Ende des Besenstiels. Verfehle ich sie, dann spazieren
sie gemächlich auf ein Versteck zu.
Der zweite Schlag bereitet ihnen dann mit Sicherheit ein Ende.
Ich habe Angst, Kassandra wird gestochen. Vielleicht hat Kassandra die Gefährlichkeit dieser Tiere verstanden. Sie wird sie nicht anfassen. Eigentlich bin ich mir sicher.
Aber wenn sie im Bett oder in einem Schuh stecken?
Die Macht des Zufalls!
Hat Kassandra sich auch gut eingelebt? Ich bin mir nicht sicher. Gleichaltrige Spielgefährten hat sie genug.
Die älteren Jungen aus der Nachbarschaft kommen häufig zum Spielen vorbei. Auf Dauer sind die nicht der richtige Umgang für sie. Das Interesse der acht bis vierzehnjährigen ist nur sporadisch. Die meiste Zeit ist Kassandra auf uns bezogen.
Immer mehr drängt sie nach draußen. Geht auf Entdeckung. Das verlockende Draußen ist aber ein Ort mannigfaltiger, unbekannter Gefahren.
Wir sind unsicher und ängstlich, was möglich und zumutbar ist. Kassandra ist zwei Jahre alt.
Machtkämpfe, Trotzreaktionen und zunehmende Konflikte mit Kassandra sind an der Tagesordnung.
Kassandra versucht ihre Interessen durchzusetzen. Wir sind unsicher, gefährlich, was vertretbar ist.
Wir verbieten aus eigener Angst und Unsicherheit. Was in Deutschland, eine Selbstverständlichkeit wäre. Wasser trinken während des Badens, alles was sie draußen findet, in den Mund zu nehmen, alleine ums Haus und im Garten zu stromern. Erste Erfahrungen mit dem Chili-Strauch vor der Hintertür hat sie schon hinter sich.
Kassandra ist unausgeglichen und ärgerlich. Ihren Ärger lässt sie berechtigt an uns aus. Sie kneift, trotz und quengelt. Wir sind ebenfalls genervt. Ihr Verhalten übersteigt unsere Schmerzgrenze. Ständig kneift sie uns; das hat sie sich von den Kupang-Frauen abgeguckt. Tritt aus Trotz und Wut über die Beschränkungen.
Ständig setzt sie sich über unsere Anordnungen hinweg.
Machtkämpfe, Grenzen ausweiten, Experimente mit unserer Geduld gehen Hand in Hand.
Die ungewohnte Situation, die fremde Kultur, uns selbst nicht vertraute Grenzen.
Unser täglicher Stress. Ich kann ihn nur mit Mühe ertragen. Keine Flucht in Sicht.
Ich fürchte den pädagogischen Offenbarungseid.
Bin ratlos. Wie kann ich die auf uns zukommende Eskalation aufhalten.
Heidrun geht es nicht anders. Wir können nur abwarten. Uns akklimatisieren.
Immer in der Gefahr, im nächsten Moment die Geduld zu verlieren.
Und Kassandra. stolz erhobenen Haupt spaziert sie an uns vorbei stolziert, wendet ihren provokanten Blick nicht von uns, als versuche, wie weit sie noch gehen kann. Wo liegen die Grenzen?, fragt ihr Blick.
Der Kampf der Begierde mit der Autorität.
Ein offenes Geheimnis: Wir verbieten ihr zu viel und fördern so die Eskalation und Kassandras Lust an Trotz und Machtkampf. Für ihre Niederlagen sind wir verantwortlich.
Immer häufiger denken wir inzwischen an ein Kindermädchen, eine Pembantu, die sich mit Kassandra beschäftigen kann, sie in die neue Umgebung einführt. Kassandras Aktionsradius unter kompetenter Aufsicht auszuweiten. Uns Sicherheit geben.
Kleinere Aufgaben im Haushalt zu übernehmen, wäre auch in Ordnung. Wir bekämen die Zeit und Ruhe, uns mit den vielfältigen Aufgaben der Forschung auseinanderzusetzen. Heidrun könnte mit der Arbeit an der Dokumentation der textilen Techniken beginnen. In Ruhe und kontinuierlicher als im Moment.
Aber wieder einmal fehlt uns das Geld.

Aber es gibt auch viele schöne gemeinsame Erlebnisse und Augenblicke; zu zweit und zu dritt.
Kassandras Lieblingsbeschäftigung besteht darin, sich von mir erzählen zu lassen. Aus Mangel an Vorlesebüchern erfinde ich ständig neue Geschichten, die sie mit großen, glänzenden Augen verfolgt. Gespannt und begeistert sitzt sie dann auf meinem Schoß oder stellt ihren kleinen rosa Plastikstuhl bereit und flüstert, beinahe ehrfürchtig großer Pilz zählen. Inzwischen ist dies Phrase Synonym für eine Reihe von sich überschneidenden Geschichten geworden. Täglich mehrmals fordert sie einer dieser Episoden ein.
Schon morgens weckt sie mich mit dem Wunsch, zu erzählen. Bin ich nicht schnell genug, kneift und nörgelt sie.
Sei es nun Die Geschichte vom großen Pilz, die von der Großen Seereise von Maus Piet und Schmetterling Karoline oder aber Die Geschichte von Frosch und Schnecke. Jede hört sie gerne und immer wieder, ob als Variante oder als eine neue Episode.
Die kleinen Erzählungen beflügeln Kassandras Phantasie. Vergnügt höre ich zu, wenn sie Fragmente davon an Heidrun oder ihre Stofftiere weitererzählt, sie spielerisch auf ihrem Zeichenblock realisiert.
Besonders der böse Fisch Henry, den sie immer wie er zeichnet, wie er mit offenen Mund den Frosch verschlingen will oder große Stücke aus dem Segelboot von Piet und Karoline herausbeißt. Und so kommt es, dass der Umriss eines Fisches mit dreieckiger Schwanzflosse Kassandras erste gegenständliche Zeichnung wird. Zum Ausgleich erfindet sie selbst den netten Fisch mit geschlossenem Maul, der sich meistens neben dem Fisch Henry aufhalten muss.

Malen ist eine von Kassandras Lieblingsbeschäftigungen, die sie täglich rituell erledigt. Auch der von ihrem Opa oft für sie gezeichnete Eiermann, den sie um zusätzliche Attribute erweitert hat, findet jetzt immer öfter Eingang in ihre Werke. Keinem ihrer Eiermänner darf nun der Doppelhut oder die Straße fehlen, auf der er steht.
In der ersten Zeit ließ Kassandra mich oder Heidrun für sich zeichnen, was sie aufmerksam beobachtete. Inzwischen nimmt sie selbst den Stift in die Hand, kopiert das Beobachtete, entwirft skurrile Kritzeleien, und macht uns zu ihrem Publikum. Allmählich gewinnen ihre Formen erkennbare Gestalt, die uns zu heiteren Ratespielen animieren.
In ihrem Malen erkennen wir zunehmend ein Konzept, dass sie bewusst und absichtlich umsetzt, um ihre Kritzeleien mit Bedeutung füllen.

Und dann gibt es die viel zu seltenen Spaziergänge, die Kassandra liebt, die Fahrten mit dem Bemo zu den Märkten nach So`e. Immer ist sie darauf bedacht, vorne mit in der Fahrerkabine zu sitzen, da ihr hinten zu viele Männer und Frauen einsteigen, sodass sie auf Heidruns oder meinem Schoss sitzen muss.
Im Bemofahren mitfahren und alleine sitzen, ist eine ihrer größten Vergnügungen, dass sie zuhause mit ihren Stofftieren nachspielt. Das wichtigste Element in ihrem ersten Rollenspiel sind die
beiden Phrasen: ganz viel Platz oder gar kein Platz – Schoß nehmen, was für das betroffene Stofftier eine Zumutung bedeutet.

Wenn auch diese Aufzeichnungen nach unserer Rückkehr keinen besonderen Stellenwert mehr besitzen, dann doch den, das zweijährige Mädchen Kassandra einst ihre Erinnerungen auffrischen kann, nachvollziehen kann, wie es denn so gewesen ist, als sie die Fremde entdeckte. Vielleicht dient es ihr für eine Spurensuche am Beginn ihres Lebens.
Wie dem auch sei!
Es sind Spuren, die wir gemeinsam ausgetreten haben, Fragmente, die wir gesammelt und bewahrt haben, aus Zufall geboren, der Erinnerung wegen, aus dem Bemühen um Vollständigkeit und Aufrichtigkeit, damit Kassandras Zeit in der Fremde dokumentiert wird.
Mit allen Freuden, Mühen und Verlusten.

Zu dritt fahren wir Mitte des Monats nach Kupang. Kassandra hört nicht auf zu quengeln: Kupang fahrn, Eis kaufen, dass wir schließlich nachgeben und fahren. Zweimal für mehrere Stunden im Bus, hinunter ans Meer und zurück in Berge. Für Kassandra eine große Anstrengung, die sie auf der Hinfahrt gut bewältigt hat. Die vierstündige Rückfahrt hat uns alle völlig erschöpft. Kassandras Stimmung war eine Katastrophe.
Mit allen nur denkbaren Tricks versuchten wir sie in Stimmung zu halten.
In So`e fuhr der Bus dann die verbleibenden Fahrgäste nach Hause. Eine volle Stunde durch die nächtliche Stadt. Wir waren die letzten Fahrgäste, die der Fahrer vor unserer Haustüre absetzte. Mir einer mittlerweile schlafenden Kassandra.
Kupang war ein völliger Misserfolg. In jeder Hinsicht.
Die in Deutschland aufgegebenen Pakete waren natürlich noch nicht eingetroffen.
Auch Middelkoops Grammatik des Uab Meto nicht, die ich so dringend brauchte.
Ein paar Briefe poste restante: von Heidruns Eltern, vom DAAD aus Bonn.
Nichts Begeisterndes
Meine Brille, die ich beim Optiker gelassen hatte, war nur unbefriedigend repariert. Für die verbleibenden Monate werde ich dann auf meine Ersatzbrille angewiesen sein. Es bleibt mir verborgen, warum der Optiker meine Brille nicht so reparieren kann, dass sie ohne Druckstellen auf meiner Nase sitzt.
Das linke Brillenglas ist nicht in Ordnung. Es hat störende Lichtreflexe am linken Rand.

In der heiß-schwülen Mittagshitze brechen wir zum Kampus Lama auf. Ich zur BAPPEDA und zu ACIL um Literatur zu suchen. Fehlschlag auch
hier. Bei ACIL wollen sie mir die benötigte Literatur, so sie haben zwar heraussuchen, ich kann sie aber erst bei einem nächsten Besuch einsehen. Dass der frühestens in einigen Wochen sein wird, beeindruckt hier niemanden.
Bei BAPPEDA zuckte man nur ratlos die Achseln, als ich nach Grammatik und Wörterlisten des Uab Meto fragte. Ich solle zu UNDANA gehen, die hätten vielleicht was. Wohin denn: Kampus Lama oder Kampus Baru. Keiner wusste Bescheid und es war schon nach Mittag.

Das gleiche dann auch bei der Bank Dagang Negara. Keine neue Geldsendung aus Deutschland war eingetroffen.
Zu allem Überfluss erzählte mir die Bankangestellte, als sei dies das normalste auf der Welt, dass meine Kontonummer zweimal vergeben worden sei.
Man habe mich mit einem australischen Techniker verwechselt. Die Einzahlungen, die für verschiedene Empfänger gedacht waren, hatte man durcheinander
gebucht.
Aber: Tidak apa-apa!
Mein Kontostand betrug Rp 100.000, viel weniger, als ich erwartet hatte. Wieder Geldprobleme. wir müssen unsere Ausgaben senken, da wir nicht absehen können, wann die überfällige Überweisung gebucht wird.
Immerhin hatte Kassandra ihr Eis bekommen.

Bei ACIL hatte ich endlich die Adresse bekommen, BANGDES So`e – wo sich Andrew McWilliams in So`e aufhielt, ein Kontakt, den mir James Fox vermittelt hatte.
Mit dem Namen BANGDES konnte ich aber nichts anfangen, und es vergingen Tage, bis ich herausfand, dass sich hinter dieser Bezeichnung ein Zweig des australischen Entwicklungshilfeprojektes Integrated Agricultural Development Project verbarg. Die indonesische Bezeichnung dieser Behörde lautet: PEMDES, Pembangunan Desa, in der Kabupaten-Verwaltung hier in So´e. BANGDES schien wohl die private Abkürzung eines der Mitarbeiter bei ACIL zu sein: BANGunan DESa.
In dieser Abteilung war Andrew McWilliams als Berater für ethnologische Angelegenheiten beschäftigt.
In So´e kennt Andrew jeder, der nur irgendwie mit Behörden zu tun hat. Man redet von ihm, als sei er ein Unikum. Einerseits mit
Bewunderung, andererseits mit einem Lächeln auf den Lippen, wie man es
für kleine Kinder zeigt, deren Bemühungen man gerne sieht, die man
fördert, von deren vergeblichen Tun man gleichzeitig überzeugt ist. Aber, alle
sind des Lobes voll, wenn man auf ihn zu sprechen: Er sei schon über
fünf Jahre hier, spreche Uab Neto und esse sogar Betel. Das letzte Lob macht ihn schon fast zu einem Orang Asli. Das ist große Anerkennung, eine großes Kompliment.
Wo er wohnt, wo ich ihn erreichen kann, dass weiß seltsamerweise niemand.
Ich treffe Andrew in einem Nebenraum bei PEMDES am Computer an. Sofort begreife ich: Ich habe einen Druckerport für meine Texte gefunden.
Wir unterhielten uns über dieses und jenes, meinen Aufenthalt betreffend. Andrew erinnert sich, von James Fox über mein geplantes Projekt informiert worden zu sein. Aber auch nicht mehr.
Meinen Brief an ihn, den er nicht beantwortet hat, erwähnt keinen von uns.
Wir diskutierten über die Schwierigkeiten Uab Meto zu lernen. Schulterzuckend meint er dass er diese mysteriöse Sprache bis heute nicht richtig beherrsche. Nein, eine Grammatik habe er auch nicht. Systematisch verstanden habe er sie nicht.
Uab Meto habe er durch Zuhören gelernt, während seiner zahlreichen Aufenthalte in den Dörfern. Allerdings sei er interessiert, mehr zu lernen und interessierte sich für meine Systematisierungsversuche.
Einen Sprachlehrer kenne er nicht. Und so muss ich mich weiter mit Marselinus begnügen, mit dem ich nicht wirklich weiterkomme, da der langsam das Interesse an unserer Zusammenarbeit verliert.
Keine Lust auf Grammatik.
Marselinus war der Ansicht, er bringe mir einige Redewendungen und Floskeln bei. Das genüge!
Andrew verweist mich an Nicodemus Fallo, den mir schon unser Vermieter, Hendrik Billik, empfohlen hat. Sonst sei es in So`e schwierig, einen geeigneten Lehrer zu finden.
Eine Verabredung mit N. Fallo habe er bisher nicht vereinbaren können.

Nachmittags kommt Andrew zu Besuch und wir setzen unser Gespräch fort. Wieder geht es um die Sprache, und die Probleme, die mit dem Lernen des Uab Meto zusammenhängen.
Andrew sehnt sich nach Kontakt zu Mitgliedern seiner eigenen Kultur. Bedauernd stellt er fest, dass wir in So´e mehr Wissenschaftler brauchen können.
Seit seiner Ankunft seien nur vier Wissenschaftler in So´e gewesen. Wir beide, ein Niederländer, der in einem Ernährungsprojekt arbeitet sowie ein ein Engländer, der Zusammenhänge zwischen Landwirtschaft und Geologie untersucht habe. Trotz meines Interesses an der Unterhaltung macht mir Andrews australischer Slang zu schaffen. Da ich seit Monaten nur Indonesisch spreche, fällt es mir schwer, mich umzustellen.
Hilfreich wäre es, er nähme bei Sprechen den Kugelschreiber aus dem Mund.
Über Textilien weiß Andrew nicht viel zu erzählen. Da hat er nur Zufallsinformationen, die ihm bei seiner Arbeit begegnet sind.
Er schenkt mir seine Dissertation zur Geschichte und Soziologie Amanuban Selatans mit. Eine äußerst interessante Studie zur regionalen Geschichte, die er aus Fragmenten der mündlichen Dichtung belegt.
In den nächsten Tagen mit ich sein Buch mehrmals.
Seit langer Zeit ist dies die erste aktuelle Studie über die Kultur der Atoin Meto. Voll mit neuen Informationen und Bestätigungen meiner Vermutungen und Hypothesen.
Andrew bestätigt Cunninghams und Schulte Nordholts Arbeiten über das rituell-politische Zentrum Insanas, da er das gleiche politische System symbolischer Klassifikation für Südamanuban beschreibt. Während seine beiden Vorgänger die politische Organisation der Atoin Meto aus
der Sicht des rituellen Zentrums der politischen Macht analysieren, lenkt Andrew den Blick auf die Peripherie eines Territoriums, und beschreibt die Basis der politischen und symbolischen Organisation einer Meo Naek indem der einen der zentralen Mythen dieser Gemeinschaft untersucht.

Andrew scheint sich zu langweilten, ist unzufrieden. Er beschwert sich über die schlechten Arbeitsbedingungen in den indonesischen Kantoren, die mangelnde Zusammenarbeit, die Unzuverlässigkeit mit der Termine und Zusagen eingehalten werden.
Ich weiß, ich weiß, denke ich, will mich aber auf dieses Thema nicht einlassen. Jeder aus dem Westen muss sich an dieser Situation abarbeiten, bis er aufgibt und sich an das lokale Timing angepasst hat oder abreist.
Die gleichen frustrierenden Erfahrungen.
Das andere Arbeitstempo.
Die andere Einstellung zum Leben und zur Arbeit.
Ich denke an mein letztes Gespräch mit Leo Nahak in Kupang.
Er klärte mich auf, dass die Atoin Meto Zusammenarbeit nicht schätzen, Einzelgänger seien, dass es sehr schwierig sei, sie zur Zusammenarbeit zu bewegen. Auch Macelinus vertrat eine ähnliche Einstellung, als wir über den Betekonsum sprachen.
Wie nebenbei bemerkte er, dass Atoin Meto erst auftauen, nachdem sie Betel gegessen haben. Vorher seien sie unmotiviert, sowohl zur Arbeit als auch zum Gespräch.
Betel ist ein leichtes Stimulanz, allerdings stärker als Kaffee.
Auch Andrew fragt mich nach meinem Betelkonsum. Gibt sich väterlich, der im Feld erfahrene Ethnologe.
Wieder höre ich es: Es sei harus, in Amanuban ein Muss, tönt es auch von ihm.
Ich denke, Recht hat er.
Mehr als einmal hat mich Marcelinus mit dem Thema im Sprachunterricht konfrontiert. Ich müsse Bescheid wissen, so sein Credo.
Betelessen ersetze die fehlenden Grußformel.
Menschen begegnen sich, sitzen zusammen und essen zuerst einmal gemeinsam Betel. So ist hier nun einmal. So mögen das die Leute.
Ich sehe mich schon am Rand stehen, die Einladung zum Betelkonsum abgelehnt.
Niemand wird das laut aussprechen. Erst recht nicht mir gegenüber.
Aber jeder erwartet es.
Respekt muss bekundet werden.
Besonders vom Ethnologen.
Jeder wird meine Ablehnung verstehen, ich bin ein Fremder, ein kaes muti. Aber niemandem wird es gefallen, wenn ich mich ausgrenze.
Die Alltäglichkeit des Zusammenlebens nicht teile.
Meine Weigerung hinterlässt bei mir ein eigenartiges Gefühl des Unbeheimateten.
Kaum artikulierbar, aber vorhanden.
Eine Unterbrechung des Kreises, den die Gemeinsamkeit des Betelkonsums erzeugt. Mein Kontakt zu den Menschen, mit denen ich für eine Zeit leben will.
Ich entschließe mich, mit Betel zu experimentieren. Zu Hause will ich die Droge ausprobieren, mich vorbereiten, damit ich die Wirkung kenne, bevor ich in der Öffentlichkeit auftrete.
Ich stelle mir die staunenden Blicke vor, die Anerkennung, wenn ich mitmache, den angebotenen Betel nehme und in den Mund stecke.
Sirih-Pinang is a greeting, so Marcelinus Universalerklärung für die Allgegenwärtigkeit der Droge.

Ich frage Marcelinus nach der ethnischen Selbstbezeichnung der Menschen hier in Amanuban, in T.T.S.
Wie nennen sie sich selbst, will ich von ihm wissen.
Marselinus versteht mich nicht. Ich wiederhole meine Frage mehrmals, verwende eine andere Formulierung, andere Worte und bringe Beispiele.
Er versteht den Sinn meiner Frage nicht.
Erstaunlich, denke ich. Wenn ich einen Deutschen frage, welcher Nationalität er ist, dann sagt er doch selbstverständlich er sei ein Deutscher.
Ich helfe aus, schreibe ihm alle Begriffe auf, die ich aus der Literatur kenne:
Dawan, Atoni, Atoni Pah Meto, Atoin Meto und Meto.
Nacheinander streicht Marcelinus Begriffe für Begriff durch. Er akzeptiert Atoin Meto als ethnische Selbstbezeichnung. Er stimmt mir in der Übersetzung orang yang asli zu, lässt meto als trocken oder einheimisch, indigen, gelten.
Die Kategorie meto umfasse all dasjenige, was kultur-intern sei.
Alles von Außerhalb, alles Fremde, sei kultur-externe, sei kase.

Es ist gerechtfertigt, die vergangenen Wochen in dieser kurzen Form zusammenzufassen. Die meiste Zeit verbringe ich mit dem Sprachstudium.
Mehr oder weniger erfolgreich. Ich verstehe die Sprache. Theoretisch. Kann sie noch nicht sprechen.
Trotz des Gelernten bleibe ich unsicher, werde auf nicht verstanden und verstehe selbst noch zu wenig. Lande immer wieder beim Indonesische, dass hier jeder spricht.
Die Versuchung ist groß.
Aus meinen Plänen, nach Niki Niki zu fahren, auf den großen Wochenmarkt, die Webmanufaktur von J. Mello aufzusuchen, in der Hoffnung, dort neue
Kontakte zu machen oder auch nach Kapan zu fahen, alles schiebe ich immer wieder auf.
Auch die Teile für Heidruns Webgerät habe ich noch nicht zu besorgt.
Bis heute viel zu wenig verwirklicht.

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