Blatt Sechszehn: Kupang

16. Dezember 1990

Weiter heftige Gewitter in der Ferne. Ich sehe zu, wie sie sich über dem Meer ausregnen. In Kupang regnet es seit Tagen nicht mehr. Es wird immer heißer.
Mit dem tropischen Klima glaubte ich keine Probleme mehr zu haben. Seit über zwei Monaten lebe ich nun schon in Indonesien. Fühlte mich genügend eingewöhnt.
Inzwischen ist es wieder wie in den ersten Tagen in den Tropen. Ich schwitze mehr als in den letzten Wochen. Die Feuchtigkeit hängt wie Watte in der Luft. Die durchnässte Erde schwitzt den Regen aus und legt ihn mir schwer auf die Haut. Schon nach kleinen Aktivitäten fühle ich mich überanstrengt.

Acht Uhr morgens. Es bereits heiß. Nur der Wind weht kühl vom Meer, verfängt sich auf unserer Veranda fängt und macht die Temperatur erträglich.
Im Hotel Schwierigkeiten mit der Wasserversorgung. Keine Zwischendurch-Bäder mehr. Die Mandi ist meist leer geschöpft. Wassergüsse zur Abkühlung waren gestern. Waschen allein der Hygiene wegen ist heute. Die Mengen Wasser, die auf Bali üblich waren, stehen nicht mehr zur Verfügung. Sparen. Das Bedürfnis nach einer zusätzlichen Dusche bleibt.
Marto ist nicht gekommen. Obwohl er es versprach. Ich hätte ihn gerne wiedergesehen und auch seine Familie kennengelernt. Warum macht er diesen Vorschlag? Wenn er ihn nicht ernst meint? Ich habe Schwierigkeiten mit dieser Unverbindlichkeit. Ich habe ihn nicht aufgefordert, mich wieder zu sehen. Den halben Tag habe ich auf ihn gewartet. Ich bin wütend.

Ich habe nun schon mehrmals Männer in traditioneller Kleidung gesehen. Als Tais kannte ich knöchellange Umschlagtuch aus den Museen. Glaubte ich damals noch. Später höre ich den richtigen Namen. Mau. Genauer Mau pinaf. Darüber ein Hemd. Westlicher Stil. Ein Gespräch hat sich bisher nicht ergeben. Gesehen. Nur im Vorübergehen.
Wir schlendern durch Kupangs Straßen. Ich stehe am oberen Ende der Jl. Garuda und warte auf Kassandra und Heidrun. Sie kaufen in einem der Läden Saft. Wieder Männer in der traditionellen Tracht. Aus Amanunban. Ich erkenne das an den vielen farbigen Streifen in den Seitenbahnen. Beide tragen das Umschlagtuch so um die Hüften gebunden, dass es ihnen bis zum Knie reicht.
Die beiden Mau bestehen aus alternierenden Musterblöcken. In Kettentechnik realisiert. Schwarz-gelbe Rautenmuster und farbige Kettstreifenbündel. Rot dominiert. Den zweiten Mau tragen beide um die Hüften gerollt. Ein dicker Wulst Gewebe.
Karierte Arbeitshemden, eine kleine Tasche aus Nylon über der Schulter rundet die Kleidung ab.
Die Männer warten auf den Bus nach So`e. Anscheinend nach einem Besuch in der Metropole Kupang. In welches Dorf kehren sie wohl zurück? Sehnsucht mischt sich in mein Staunen.
Die beiden Dörfler unterscheiden sich von den anderen Wartenden. Ruhig und in sich gekehrt. Als seien sie nicht wirklich anwesend. Die sie umgebende Hektik und den Lärm der Passanten, der an- und abfahrenden Busse, nehmen sie kaum wahr. Konzentriert stehen sie in meiner Nähe. Greifbar. Spürbar. Ich fühle mich als Opfer meiner eigenen Idealisierung.
Es gelingt mit nicht, Blickkontakt zu ihnen aufzunehmen. Ich traue mich nicht, sie trotzdem anzusprechen. Einfach hingehen. Hallo sagen. Ihre Kleidung bewundern. Ihre ruhige Konzentration verunsichert mich. Bitte nicht stören!

17. Dezember 1990

Heute wieder ins Kantor Imigrasi bestellt. Ein weiterer Besuch. Ich weiß wieder nicht genau, warum ich hin muss. Ich bin nervös und verunsichert. Komme gegen neun Uhr mit dem Gefühl dort an, dass sich auch heute nicht viel Neues ereignet. Die übliche Eintragung ins Buku Tamu. Das übliche tunggu sebentar und ich sitze die nächsten zwei Stunden auf der Bank. Die zuständige Sachbearbeiterin ist wohl immer noch krank. Keiner weiß, wie es mit mir weitergehen soll.
Als ich heute den Raum betrat schwebte mir ein geflüstertes, nach Unsicherheit klingendes Tuan sudah datang entgegen. Es klang, als ob man mich nicht erwartet hatte. Seit meinem letzten Besuch am Donnerstag war nichts geschehen.
Nach zwei Stunden ergriff einer der Anwesenden die Initiative. Offenbar war eine Entscheidung getroffen. Ein letzter Versuch, mich loszuwerden. Ob ich denn die Gebühren für das KIM/S schon bezahlt hätte. Ich zeigte die Quittungen. Die kritische Begutachtung der Belege führte nicht weiter. Enttäuschung beiderseits. Die Beamten zogen sich zur Beratung zurück.
Einer winkte mich nach hinten. An einen der Schreibtische im Hintergrund. Ob ich denn das Buku biru schon habe. Bezahlt hätte. Ich denke an letzten Donnerstag. Damals scheitere ich das erste Mal an diesem mysteriösen blauen Buch, das wohl nichts mit dem der Anonymen Alkoholiker zu tun hat. Ich kann mir immer noch nicht erklären, was es damit auf sich hat. Keine plausible Erläuterung. Trotz meiner Fragen. Letzten Donnerstag war ein harsches Tuan datang besok die Lösung. Man war mich los, das Problem aufgeschoben.
Heute waren die Beamten bemühter. Sie zeigten mir das Buku biru. Ein reisepassgroßes blaues Heft. Einem Sparbuch verblüffend ähnlich. Ausländer erhalten ein Buku biru zur Legitimation. Eine Ergänzung zum KIM/S. Dem Visastempel im Reisepass. Das blaue Buch nennt Aufenthaltsgrund, Adresse, Arbeit und Arbeitsstelle. Hält den zivilen Status des Inhabers fest. Registriert peinlich genau alle kommenden Veränderungen. Eindringlich rät man mir, das blaue Buch als Dokument anzusehen und entsprechend zu behandeln.
Passbild, Unterschrift und Kassandras rechter Daumenabdruck.
Ich komme allein zur Einwanderungsbehörde. Und da ist sie. Die überflüssige Frage: Isteri tidak ada? Nein. Wie zu sehen war. Ich handele einen Kompromiss aus, fuhr mit dem blauen Buch ins Hotel. Heidrun Unterschrieb. Kassandra drückte freudig erregt ihren Daumen in das Buch. Ein Tintenfleck. Kein deutlicher Fingerabdruck.
Ich hätte das auch vor der Türe regeln können. Mit Jedermann.
Verbindlichkeit des Dokuments? Nur der Anschein allgegenwärtiger Kontrolle. Spiegelfechterei.
Ein Angebot. Nettigkeit. Es sei für mich unzumutbar, erneut vorbeizukommen. Ständig vergeblich. Wartend. Ich solle die Telefonnummer des Hotels dalassen. Wenn alle Unterlagen fertig seien, werde man mich anrufen.
Morgen.
Spätestens übermorgen.
Der Tag war zu weit fortgeschritten. Fünf Stunden Kantor Imigrasi. Nach 14 Uhr ist kaum noch etwas zu erledigen. Fühle mich müde und erschöpft. Ein Gefühl aus Watte zu bestehen. Wie zu lange in der Sonne.

Inzwischen eine verallgemeinerungsfähige Erfahrung. Das Kantor Imigrasi in Kupang ist wesentlich. Unvermeidbar. Es ist die umständlichste und schwierigste Behörde meiner bisherigen Odyssee der Forschungs- und Aufenthaltsgenehmigungserteilung.
Nicht nur in Kupang. Auch in Jakarta und Denpasar gab es solche Besonderheiten. Es ist wie zu Hause. Die Einwanderungsbehörde ist eine zermürbende Angelegenheit.
Bürokratismus pur.
Überall.
Das weiß ich von meinen ausländischen Freunden. Nun teile ich deren Erfahrungen mit dem System.
Über den Prozess des Antrags- und Bewilligungsverfahrens lässt man mich im Unklaren. Eine nervtötende Situation, die mich unter Stress setzt. Nie bin ich sicher, ob alles gelingen wird. Ob nicht doch noch ein Nein kommt.
Immer wieder werde ich für weitere Kleinigkeiten bestellt. Das Verfahren zieht sich über Tage hin.
Kafka lässt grüßen!

Traurige Tropen.
Fallbeispiel Kantor Imigrasi, Kupang.
Freitag.
Tag eins: Ohne Informationen werde ich ins Hotel geschickt. Es ist eine halbe Stunde vor Feierabend.
Samstag.
Tag zwei: Ich erhalte einen Stapel Formulare und soll 150.000 Rupiah zahlen. Wofür genau, erfahre ich nicht. Soviel Geld habe ich nicht dabei. Montag.
Tag drei: Heidrun und Kassandra sind mitgekommen. Zufällig. Und werden erwartet. Unterschriften und Fingerabdrücke werden verlangt. Niemand hat dies vorher erwähnt. Ich zahle die Visagebühr. Ich muss Passbilder in einem speziellen Format vorlegen. Wieder uninformiert habe ich keine
Dienstag.
Tag vier: Ich bringe die Passbilder ins Kantor Imigrasi. Ich höre von einem Buku biru, das ich noch nicht unterschrieben und bezahlt habe. Ich soll wiederkommen. Die Sachbearbeiterin sei erkrankt.
Mittwoch.
Tag fünf: Vergebens ins Kantor Imigrasi. Die Sachbearbeiterin ist immer noch krank.
Donnerstag.
Tag sechs: Die Sachbearbeiterin ist weiter krank. Ein hilfreicher Beamter übernimmt spontan meine Akte.
Ich hätte die Genehmigungen in zwei Tagen besorgen können. Information und Planung vorausgesetzt.
Warum habe ich das alles nicht gewusst, hat mir keiner gesagt, was auf mich zukommt, und was zu tun ist?
Zeitverlust: eine Woche.
Ich frage mich nach dem Grund für dieses unsystematische Vorgehen?
Der deutschen Behörden. DAAD.
Meines Sponsors an der UNDANA.
Sind die regionalen Beamten überfordert? Keine große Nachfrage nach KIM/S?
Gleichgültigkeit?
Fehlt der Geldschein in den Unterlagen? Der soll angeblich alles beschleunigen.
Korruption.
Keine Antwort. Wieder nicht. Noch nicht.

Der Wassermangel im Hotel wird unangenehm. Ständige Nachfrage. Beschwerden führen nicht weiter. Die bringen höchstens eine viertel Mandi voll Wasser.
Allmählich verstehe ich.
Trockensavanne.
Auch in der Regenzeit. Zu wenig Wasser.
Hier ist Timor, nicht Bali.
Hallo! Willkommen in der Realität.
Wenn wir fragen, bekommen wir Wasser. Aber nur dann. Und nur wenig.
Also fragen wir und das Wasser fließt. Ein wenig.
Außerdem wohnen wir im dritten Stock. Bei uns weht ein kühler Wind. Das Wasser muss hochgepumt werden und der Wassertank auf dem Dach, der unsere Etage versorgt, ist sehr klein.
Wir bewohnen das hinterste Zimmer.
Unsere Mandi wird zuletzt gefüllt. Wir bekommen was übrig bleibt.
Unseren Seeblick bezahlen wir mit chronischem Wassermangel.
Was ist uns lieber: ein großes, preiswertes Zimmer, frischer und kühler Wind oder reichlich Wasser. Schade, keine optimale Situation.

18. Dezember 1990

Ein letzter Brief ist übrig. Einer aus dem Innenministerium. Noch nicht zugestellt.
Keine genaue Adresse.
Kantor Gubenor Daerah Tingkat I. Direkturat Sosial Politik di Kupang.
Ich vergesse immer wieder nach der Adresse zu fragen.
Ich kürze ab. Gehe ins Kantor Bupati Daerah Tingkat II. Frage dort. Die Adresse lautet: Oebufo, Jl. Raya El Tari.
Ein riesiges Verwaltungsgebäude. Umgeben von einem Park. Einige hundert Meter abseits einer breiten, vierspurigen Straße. Kupang. Stadtrand.
Das Direkturat Sos Pol befindet sich im ersten Stock. Ich rechne nicht mit einem längeren Aufenthalt. Bisher habe ich die Briefe von Sos Pol Jakarta abgegeben. Fertig.
Ein Irrtum. Man will meine gesamten Unterlagen sehen. Die liegen im Hotel. Den Brief wollte ich im Vorübergehen loswerden. Falsch gelegen.
Ich hatte vor, mir in Oebobo Visitenkarten drucken zu lassen. Hatte ich doch inzwischen immer wieder bemerkt, wie wichtig diese kleinen Karten sind. Ich hatte endlich eine Druckerei gefunden.
Eine offizielle Mission ohne Kartu Nama. Ein Faux-pas.
In Kupang sind Visitenkarten Sammelobjekte. Jeder begehrt sie. Jeder sammelt.
Bei passender Gelegenheit zeigt man die Sammlung vor. Zeigt, wenn man alles kennt.
Ihre Funktion geht weit über eine bloße Gedächtnisstütze hinaus.
Für Männer sind die kleinen Karten statussteigernd. Für den Geber und den Nehmer. Allerdings nicht zeitgleich.
Für den einen, weil er die Etiquette beherrscht, für den anderen, weil er jederzeit seinen großen und wichtigen, möglichst internationalen, Bekanntenkreis vorzeigen kann.
Schnell rückt man durch eine Visitenkarte zum teman, Freund, auf. Der ist dann durch die kleine Namenskarte auch in Abwesenheit anwesend. Auf ihn kann sich der Sprecher beziehen. Ihn sogar zum Zeugen machen. Und das alles in absentia.
Die Kartu Nama besitzt Autorität. Sie verleiht die Legitimation den Geber jederzeit als Kontakt und gute Beziehung zu zitieren. Visitenkarten besitzen magische Kraft.
Ich hatte inzwischen viele. Ohne eine einzige gegeben zu haben. An ihre Geber erinnerte ich mich nur ausnahmsweise.

Und auch bei Sos Pol Kupang kann ich heute keine Visitenkarte vorzeigen. Meine Worte müssen reichen. Auch wenn sie schnell verwehen.
Ein freundlicher Empfang. Endlich einmal ausführliche Erklärungen über die bürokratischen Abläufe. Ich bin überrascht. Staune über nicht mehr Vermutetes.
Pietrus Ngara heißt der Mann. Er informiert mich. Erklärt. Seine Behörde verleiht den Surat Rekomendasi.
Er verlangt Fotokopien meiner gesamten Unterlagen.
Besonders den Surat Keterangan Jalan von POLRI in Jakarta.
Er will alles über meine Forschung wissen. Über das Wer?, Wann?, Wo?, Wie? und Warum?. Die fünf W`s also.
Er erzählt mit, dass er Münzen sammele. Passioniert. Bittet um Münzen. Dolar Jerman. Er meint DeutschMark.
Ich soll sie ihm mitbringen, wenn ich die Fotokopien bringe.
Ich stelle ihm eine Kollektion zusammen. Keine Visitenkarte nötig. Die Münzen halten die Erinnerung an mich wach. Harte Erinnerungen. In deutscher Währung. Er ist nicht zufrieden. Fragt mich nach dem fünf Markstück.
Die Fotokopien, sage ich ihm, bringe ich nanti. Das wenigsten hatte ich inzwischen gelernt. Ich fühle mich gut.
Mein Aufenthaltsort. So`e. Wo auch sonst. Ich hatte immer noch keine Ahnung und keine Idee.
So`e sei gut, sagt er. Ein zentraler Ort. Kühles Klima, ungefähr 1000 Meter über NN. Im Zentrum Westtimors gelegen.

So`e ist Verwaltungssitz des Kabupaten Timor Tengah Selatan (T.T.S.).
So`e liegt im Kecamatan Amanuban Barat.
Sos Pol Kupang trägt nun So`e als Aufenthalts- und Forschungsort in meinen Surat Rekomendasi ein. Ein Wechsel ins benachbarte Kabupaten Timor Tengah Utara (T.T.U.), nach Kefamenanu (Miomafo) oder Oelolok (Insana), wird damit meldepflichtig.

Aber neu ist das nicht mehr.
Ich muss jeden Ortswechsel melden. Auch bei POLRI und im Kantor Imigrasi Kupang.
Ob So`e eine gute Entscheidung ist. Aber so bin ich die Bürokratie für ein ganzes Jahr los.

LIPI und UNDANA erwarten einen Forschungsbericht. Sos POl verlangt einen weiteren.
Ich denke im Stillen, für mein Engagement für die Kultur Westtimors kann man mir diesen bürokratischen Aufwand ersparen, der nun seit Wochen meine Nerven kostet.
Zumindest erleichtern, denke ich großzügig.
Ich verstehe diesen Aufwand nicht. Er kostet meine Zeit, verbraucht mein Geld. hindert mich an wichtigen, wissenschaftlichen Entscheidungen.
Die Belastungen sind auf jeden Fall einseitig verteilt.
UNDANA, mein Sponsor, schweigt. Interessiert ihn meine Forschung. Ich denke an Hendrik Ataupah. Angeblich promoviert er in Jakarta über die textile Tradition der Atoin Meto. Über mein Forschungsgebiet. Bin ich, der Fremde, ein kleiner Fisch?
Wir werden sehen. Wenn es an der Zeit ist.

Die Atmosphäre bei Sos Pol Kupang entschädigt mich. Ist angenehm.
Pak Ngaro überprüft meine Unterlagen. Der Surat Rekomendasi liegt zur Unterschrift bereit. Egideus Didoek, der Kepala Sos Pol, befragt mich ausführlich. Ich fühle mich im Sprachtest. Zwei oder drei Stunden. Ich bin zum Auswringen fertig.
Trotzdem. Ein kurzweiliger Vormittag mit Gesprächen über mein Vorhaben in Westtimor.
Ich erhalte gute Ratschläge. Einschlägige Informationen der Sos-Pol-Männer über Weberei, Webtechnik und Webzentren.
Egideus Didoek ist ein Belu aus Atambua. Er ist enttäuscht. Wie kann ich nur die Tracht der Atoin Meto der Kleidung seiner Ethnie vorziehen? Warum willige ich nicht sofort ein, in den Tetun-Territorien zu forschen?
Ich müsse unbedingt nach Atambusa. Auf jeden Fall. Dort solle ich den Kepala Desa besuchen. Der wohne in der Nähe des Lapangan terbang. Östlich des Flughafens Atambua. Er habe vier Jahre Maschinenbau in Deutschland studiert.
Ich solle ihm Grüße ausrichten.
Er freue sich über Besuch aus Deutschland. Ganz sicher.
Egideus Didoek bittet mich um deutsches Geld. Er ist kein Sammler. Er will Geldscheine. Ich enttäusche ihn erneut. Habe keine Geldscheine mehr. Habe sie alle umtauschen müssen. Ich spreche von Geldknappheit. Er lächelt.
Ein Statusgerangel. Pak Ngaro, der Untergebene bekommt Münzen. Der Kepala Kantor will Scheine.
Mein Geschenk hat sich schnell herumgesprochen.

Egideus Didoek fragt nach Neuigkeiten aus Deutschland.
Ich erzähle ihm von der deutschen Wiedervereinigung. Er verlagert das Gespräch. Auf den Kommunismus. Dieser sei doch die politische Ideologie der DDR. Was ich vom Kommunismus halte. Darüber wisse.
Sprachlich kompliziert. Meinen Standpunkt zu erläutern fällt mir schwer. Ihm zu erklären, dass ich eine unfreie, anti-demokratische Ideologie wie den Kommunismus aus humanitären Gründen ablehne.
Als Deutscher müsse ich diese Ideologie aber kennen.
Allein historisch.
Wichtig auch, um die Vorgänge in der DDR zu verstehen.
Egideus Didoek weiß von den wirtschaftlichen Nachteilen des Kommunismus. Dem Fünf-Jahres-Plan.
Wieder reichen meine Sprachkenntnisse noch nicht aus.

Eine andere Bekanntschaft.
Mikhael Ruron aus der Jl. Rote 6, Kupang.
Er kommt aus Lamaholot in Ostflores.
Er arbeitet erst seit sechs Monaten im Dir Sos Pol.
Er hat in Semarang studiert, dort seinen Sarjana hukum gemacht. Nach dem Studium ist er arbeitslos. Wie so viele.
Die Stelle als Sachbearbeiter im Dir Sos Pol interessiert ihn nicht. Sie sei nur untuk hidup.
Die meinsten Beamten in den indonesischen Behörden sind hochqualifiziert ausgebildet. Oft nicht entsprechend ihrer Ausbildung und Begabung beschäftigt.
Der Vorteil liegt auf Seiten der Regierung. Sie gewinnt gut ausgebildete Fachkräfte für ihre Verwaltung. Gleichzeitig kontrolliert sie ihre Intelligenz und Bildungselite. Den Nachteil haben die unter Kompetenz angestellten Intellektuellen. Trotz ihrer Fähigkeiten und ihrer Bildung sitzen sie auf den schlecht bezahlten Posten.

Gleich am Nachmittag bin ich mit Mikhael und seiner zweijährigen Tochter verabredet.
Er kommt zusammen mit Frau und Tochter und einem mir fremden Mann erst gegen sechs Uhr ins Hotel.
Ein kurzer Besuch heute.
Mikhael bietet mir unaufgefordert seine Hilfe an. Bei der Suche nach einem Haus in So`e. Bietet an, mit mir nach So`e zu fahren. Uns dem dortigen Kepala Sos Pol vorzustellen. Dieser sei ein enger Freund von ihm.
Wir verabredeten uns, am 1. Weihnachtsfeiertag zusammen in die Kirche zu gehen. Mikhael ist katholisch. Ob er seine Versprechungen hält. Ich bin inzwischen skeptisch und mit Versprechen vorsichtig geworden.
Meine Naivität und Gutgläubigkeit haben Schaden genommen.
Ich habe Schwierigkeiten Ernsthaftigkeit und leeres Gerede richtig einzuschätzen.
Wir verabreden einen Gegenbesuch.
Bei ihm zu Hause. Für einen der nächsten Tage. Wir entscheiden wann und ob wir den Kontakt pflegen.

19. Dezember 1990

Heute ruft Pietrus Ngaro an. Wie versprochen. Und pünktlich. Es ist kurz nach elf Uhr. Die Papiere seien unterschrieben. Ich kann sie abholen. Ich ziehe meine Behördenmaske über und fahre nach Oebufo. Pak Ngaro spricht auch heute meine Meldepflicht an. Erinnert an den abzulieferten Bericht über meine Forschung. Ich unterschreibe alle Verpflichtungen.
Schnell bin ich wieder auf der Straße. Zehn Minuten heute. Es geht voran.
Pak Ngaro fragt noch, wo wir Weihnachten feiern. Ich antwortete in Kupang. Darauf kündigt er seinen Besuch im Hotel Susi an. Eine Höflichkeit.
Vom Kantor Imigrasi nichts Neues über die ausstehenden Papiere. Alles hängt dort fest. Ich vermute allmählich, dass es am Geld liegt. Korupsi. Schwarzes Geld. Money talks.
Ich bin nicht zur Koruption bereit. Wenn ich auch verstehen kann, dass unterbezahlte Beamte dazu neigen. Um ihre Lebensverhältnisse zu verbessern. Es ist ihr Job, mir die Papiere auszuhändigen. Beamte sind Staatsdiener. Ich bin auf Einladung von UNDANA hier. Ich werde wohl noch warten müssen, wenn mein Eindruck richtig ist.

Nachmittags lerne ich Butje Zacharias im Hotel Susi kennen. Der Nachmittags meistens aufkommende, den Regen begleitende Wind weht einige meiner Notizblätter vom Tisch auf das Dach des Hotels. Ich bitte das Hotelpersonal um Hilfe, diese wichtigen Notizen wieder zu bekommen. Butje Zacharias ergreift spontan die Gelegenheit, und spricht mich an. Er erzählt, er besitze ein Buch von James Fox über die Kultur Rotes, und fragt, ob ich dies von ihm ausleihen möchte. Natürlich möchte ich, und so kommen wir ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass das Buch für mich weniger interessant ist, da es eine 1988 erschienene, indonesisch-englische Sammlung von Fox-Artikeln darstellt, die ich fast alle kenne.
Das Gespräch selbst ist dafür um so interessanter. Ich erfahre, dass Butje Rotinese ist, und James Fox schon kennt, seit er klein war. Wie er sagt, hat er schon einige Male als sein Informant gearbeitet. Seine Kenntnisse über Rote sind in der Tat erstaunlich und detailreich. Interessanter ist jedoch die Schilderung seiner Zeit in Australien, wo er 1,5 Jahre lebte und arbeitete. Unter anderem ist Butje der Ansicht, dass die weißen Australier keine Kultur besitzen; die einzigen, die in Australien eine Kultur haben, seien die Aborigines, und deren Kultur empfindet Butje als sehr hochstehend. Die Weißen, so berichtet er weiter, haben Angst vor den Aborigines, und versuchen, sie mit materiellen Geschenken (wie Sozialhilfe, Autos usw.) sowie durch Fernhaltung von höherer Schulbildung zu beherrschen. Denn, wenn sie erst einmal höhere Schulen besucht hätten, dann seien sie pintar, und könnten ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Außerdem betreibe die australische Regierung eine Politik des Alkohols, schon nach Mittag seien die Bars voll, und es würde getrunken. Dies erklärt Butje ebenfalls damit, dass die australische Regierung alle diejenigen ruhigstellen möchte, die für sozialen Brennstoff sorgen könnten. Ein Rotinese in Australien und seine Eindrücke.

Mir fallen die vielen Australier ein, die ihre Tage im Restaurant Karang Mas am Terminal in Kupang damit verbringen, schon Mittags auf der windigen Terrasse des Restaurants zu sitzen, und eine Flasche Bintang Bir nach der anderen zu trinken. Immer wenn wir dorthin essen oder etwas trinken gehen, und wir gehen zu den unterschiedlichsten Zeiten, sind sie da, beinahe so, als vollziehen sie mit ihrem biertrinkenden Dasitzen einen Ritus oder irgendeine andere, für sie unverzichtbare Handlung. Es sind immer wieder dieselben, irgendwie traurigen Gestalten, die auf der Terrasse sitzen. Auf der Mauer der Terrasse sammeln sich die ausgetrunkenen Bierflaschen, die das Personal dort wie einer Trophäensammlung zur Schau stellt.

Ich frage Butje nach seiner Meinung in Bezug auf mein Warten auf KIM/S. Auch meint, es könnte am fehlenden Geldgeschenk liegen. Ich frage, wie hoch dieses ausfallen müsste. Er meint Rp 50.000 müssten genügen – für Dinner, wie er sich ausdrückte. Er erzählt mir, dass es ihm ähnlich ergangen sei, als er seinen Reisepass beantragte. Er kostete ihn, neben den offiziellen Gebühren, Rp 80.000 Extra-Geld.

Butje bietet mir in jeder Beziehung, besonders, wenn es darum gehe, Rote zu besuchren, seine Hilfe an. Er erzählt von seinen guten Beziehungen zu den Tua-tua adat auf Rote, bietet sich als Führer und Dolmetscher an.
Aber Rote steht frühestens in einigen Monaten an, und wende ich mich vielleicht an ihn, besonders, da er mir schon von Daniel, einer Zufallsbekanntschaft auf der Hotelterrasse (Mutter Rotinesin – Vater Holländer) als Super Guide angepriesen wurde.
Aber vielleicht kann er auch in Bezug auf unseren Umzug nach So`e eine Hilfe sein. Wir sind sehr darauf angewiesen, wenn alles glatt und ohne Umstände gehen soll. Was uns am meisten fehlt, sind Ortskenntnisse, und die Fähigkeit vieles zu beurteilen und richtig einzuschätzen.

Auch beim Kantor Imigrasi will er mir helfen, aber da möchte ich lieber noch etwas warten – korupsi widerstrebt mir noch und gänzlich zermürbt haben mich die Bürokraten noch nicht. Erst will ich noch Mikhael fragen, der selbst Beamter ist.

20. Dezember 1990

Immer noch kein Anruf vom Kantor Imigrasi. Wieder einmal stelle ich frustriert fest, dass ich mich auf eine Zusage oder auf ein Versprechen nicht verlassen kann. Jetzt muss ich nicht nur die schleppende Angelegenheit mit meinem Sponsor regeln, sondern auch überlegen, was ich in Bezug auf das noch fehlende letzte Dokument zu unternehmen kann. Lästigkeiten. Denke ich über diese Dinge nach, sinkt meine Motivation immer wieder, und ich frage mich, wie lange noch, oder was wohl sonst noch. Kommt er jetzt doch, der Kulturschock, vor dem ich mich eigentlich, nach so vielen Aufenthalten in Indonesien sicher fühlte?

In Bezug auf meinen Sponsor habe ich vielleicht einen entscheidenden Fehler gemacht. Ich kann das allerdings nur vermuten, und werde nie genau erfahren, ob ich Recht mit meiner Annahme habe.
Ich habe nicht bedacht, dass ein Geschenk aus Deutschland für den Kepala des Pusat Penelitian angebracht gewesen wäre. Schließlich hat er mich eingeladen, hat er mir meinen Aufenthalt hier erst ermöglicht.
Irgendwie habe ich alles zu selbstverständlich genommen, eben so, wie ich aus Deutschland gewohnt bin, mit Behörden umzugehen. Doch hier gilt ein eindeutig anderes Reglement. Möglich, ich habe die Etikette nicht eingehalten. Das ist aber jetzt, und auf die Schnelle nicht mehr zu ändern, und ich kann mich allenfalls mit einem profilierten Abschlussbericht revanchieren. Doch das ist eine andere Ebene. Hier in Indonesien erscheint mir die offizielle, und die persönliche Ebene viel stärker vermischt zu sein, als ich dies aus Deutschland kenne. In Deutschland ist der Kontakt zur Bürokratie immer ein offizieller, und schon das kleinste Geschenk würde als Bestechungsversuch ausgelegt. Hier in Indonesien erscheint mir, ist man mit dieser Auslegung großzügiger. Ein Geschenk ist in erster Linie eine Höflichkeit, eine Anerkennung schon geleisteter Dienste. Darüber hinaus ist es natürlich auch eine Verpflichtung für die Zukunft, da es in der Natur eines Geschenkes liegt, erwidert zu werden. Es scheint dem Indonesier leicht zu fallen, diese beiden Ebenen, die offizielle und die persönliche Ebene auseinander zu halten, selbst in Bezug auf offizielle Dienstleistungen. Geschenke für einen geleisteten Dienst werden nicht als Korruption angesehen – sie sind eine Anerkennung für gute Dienstleistung. In der Regel scheinen Geschenke allenfalls die Schnelligkeit der Bearbeitung zu fördern, und nicht unbedingt und in erster Linie die Erlangung von unrechtmäßigen Vorteilen. Es kommt mir so vor, als müsse ich lernen, wie dieser schmale Grad zwischen Höflichkeit und Anerkennung, und Korruption zu meistern ist. In Jakarta hatte ich in keiner der Behörden, in denen ich vorsprechen musste den Eindruck, man erwartete Geschenke oder anderes Entgegenkommen von mir – es herrschte die gewohnte bürokratische Atmosphäre. Hier in Kupang drängen sich mir solche Gedanken immer stärker auf. Ich hoffe, meine Vermutungen sind berechtigt, und ich bin in der Lage, daraus zu lernen. Theoretisch habe ich mich oft genug mit der Funktion von Geschenk und Tauschtransaktion beschäftigt. Ich habe allerdings missverstanden, dass dieses Prinzip alle Bereiche des gesellschaftlichen Leben in Indonesien betrifft, und nicht nur vereinzelte traditionelle Dorfgemeinschaften im Inneren der Inseln.
Ich bin wohl dem Irrtum aufgesessen, es gäbe auf der einen Seite das moderne, westlich orientierte Indonesien, und auf der anderen Seite das traditionelle, und für beide Indonesien gelten unterschiedliche Regeln. Dumm von mir, wie ich jetzt feststellen muss. Eine Kultur, die Handlungsorientierungen und Verhaltensweisen aller Kulturteilnehmer sind natürlich das Resümee einer gewachsenen, einheitlichen Tradition und Geschichte, die sich zwar ständig verändern und weiterentwickeln mag, deren ideele Fundamente, deren Normen und Werte sich jedoch auf eine gemeinsame Grundlage beziehen.
Und es ist im wesentlichen diese Grundlage, die die Werte und Normen, nämlich das was gedacht, was angestrebt wird, und was schlieálich gelebt wird, bestimmt, und in aktives Verhalten und in kulturelle Äußerung einmünden lässt.

Endlich Zeit und die Möglichkeit gehabt, Visitenkarten für mich in Auftrag zu geben. Ungemein billig – dauert jedoch eine Woche sie anzufertigen. Da aber auch die telegraphische Geldüberweisung aus Deutschland, die erste Stipendienrate, die wir uns allerdings ebenfalls von unseren Eltern leihen müssen, da Bonn bislang noch nichts auf mein Postscheckkonto in Deutschland überwiesen hat, noch nicht in Kupang angekommen ist, werden wir wohl kaum in diesem Jahr noch nach So`e umziehen können: warten auf KIM/S, warten auf die erste Stipendienrate, und nun warten auf die Visitenkarten. Der Beginn meiner Forschung besteht anscheinend darin, das Warten auf Ereignisse zu üben, die von mir nicht unmittelbar gesteuert werden können, und die irgendwann einmal eintreffen.

Zu meiner Überraschung musste ich dann auch noch auf der Bank Dagang Negara erfahren, dass mein Konto, welches ich vor ungefähr zehn Tagen eingerichtet hatte, überhaupt noch nicht existierte. Die Bankangestellte versicherte mir allerdings, aus Deutschland sei bislang noch kein Geld eingegangen, und um die Einrichtung meines Kontos wolle sie sich bis zum kommenden Montag kümmern.
Wahrscheinlich wieder eine Sache des nicht geflossenen Geldes. Bei der Einrichtung verlangten die Bankangestellten von mir ein erstes deposit von Rp 500.000 (ungefähr DM 500). Da wir aber unsere Reiseschecks nicht unbedingt alle auf einmal umwechseln wollen, weigerte ich mich, und verwies auf das schon bald eintreffende Geld aus Deutschland. Die Bank stellte sich damals zufrieden mit meiner Einstellung. Heute sehe ich jedoch, dass wieder eine Bearbeitung nicht ordnungsgemäß geregelt wurde.</p

Trotz der falschen Hausnummer fanden wir UNIKA (Universitas Katolik Widya Mandira) auf der Jl. Jenderal Ah. Yani 50-52. Noch in Deutschland hatte ich von Pater Thometzki SVD die Adresse eines Steyler Paters aus St. Augustin bekommen. Da es aber schon später Nachmittag war, erreichten wir dort nicht mehr allzu viel. Pater Josef Sievers SVD war schon nach Hause gefahren. Einige Studenten im Büro konnten mir jedoch Adresse und Telefonnummer geben. Nachdem sie vergeblich versuchten P. Sievers zu Hause zu erreichen, und von einem pembantu lediglich masih mandi erfahren konnten, vereinbarte ich mit diesem, in einer Stunde zurückzurufen.

Als ich aus dem Hotel nach etwas mehr als einer Stunde im Gästehaus (Peningapan Walikota) anrief, hieß es, P. Sievers sudah keluar. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, und kehrte etwas enttäuscht auf unser Zimmer zurück.
Wir waren gerade fertig, um Mikhael und Frau zu besuchen, als P. Sievers im Hotel auftauchte. P. Sievers, der seinen Bruder erwartete, der jedes Jahr zu Weihnachten unangemeldet in Kupang auftauchte, war wohl im ersten Moment enttäuscht, nicht ihn, sondern uns im Hotel Susi anzutreffen. Trotzdem, ein überraschender, aber erfreulicher Besuch. Eine Unterhaltung, ein kurzes gegenseitiges Vorstellen, und der erste Kontakt war hergestellt. P. Sievers, der schon seit 29 Jahren auf Timor lebt, davon die letzten neun Jahre in Kupang, hat inzwischen die indonesische Staatsbürgerschaft angenommen, und ist hier für die finanziellen Belange von UNIKA zuständig. Mit Informationen, die für mich interessant und wichtig wären, hielt er sich sehr zurück; und überhaupt, sehr gesprächig und mitteilsam war er gerade nicht. Wir vereinbarten jedoch, uns nach den Weihnachtsfeiertagen noch einmal zusammen zu setzen, und P. Sievers versprach, sich inzwischen schon einmal umzuhören, ob es jemand gibt, der uns in So`e bei der Haussuche und beim Erlernen der Sprache der Atoin Meto zu helfen – soll sehr schwer sein – so lautet sein Kommentar. Auf jeden Fall wollte er uns an einen Pastor in So`e weitervermitteln. Das wäre ja auch schon ein guter Kontakt. Geistliche stehen ja bekanntlich mitten in ihrem Wirkungsfeld, kennen alles und jeden, und sind über alle Vorgänge und Möglichkeiten in ihrer Gemeinde informiert.

Nachdem P. Sievers gegangen war, machten wir uns, unsicher, ob 18.30 Uhr nicht zu spät für einen Besuch bei flüchtigen Bekannten sei, auf den Weg zu Mikhael in die Jl. Rote. Als wir ankamen, war es schon dunkel, und im Licht der spärlichen Beleuchtung, die aus den Häusern fiel, konnten wir keine Hausnummern erkennen. Auch das Fragen von Passanten führte nicht weiter, da wir immer nach Pak Ruron fragten, den seltsamerweise niemand kannte. Nach längerem Suchen brachte uns schließlich eine junge Frau zu einem älteren Mann, der in einem Haus am Ende der Jl. Rote wohnte. Er schien Autorität zu genießen, da man davon ausging, er würde schon weiterwissen. Aber Anfangs wusste auch er nicht weiter, konnte vor allem nichts mit dem Namen Ruron anfangen. Auch zusätzliche Informationen in Bezug auf Mikhaels Familienstand und Arbeitsplatz führten zuerst nicht weiter.
Aber plötzlich, wie eine Eingebung aus heiterem Himmel, und scheinbar unabhängig von unseren Informationen, wusste der ältere Mann Bescheid:
Ah, Mikhael, meinte er, der mit einer Javanerin verheiratet sei und im Direkturat Sos Pol arbeitet. Und dann wusste jeder, wenn wir suchten, und wir, dass der Vorname bekannter ist als der Familienname.
Verlässt man die Hauptstraße Kupangs, und biegt in die kleinen Nebenstraßen ein, dann ist man sofort mitten im Kampung, zumindest, was Umgebung und Atmosphäre betrifft. Nichts hinterlässt hier auf den Besucher den Eindruck, er befinde sich noch in Kupang, dem Kupang der 130.000 Einwohner, das doch die Metropole von N.T.T. ist. Kleine, in Gärten liegende Häuser, unasphaltierte, holperige Wege, überall Erwachsene, die ihre Arbeit unterbrechen, und kurz aus der Tür herausschauen, spielende, scherzende und grüßende Kinder, sowie Geflügel, Hunde, Ziegen, und diese irgendwie private, Öffentlichkeit ausschließende Atmosphäre, die mir immer wieder und unvermittelt deutlich macht, dass ich ein Fremder bin, ein Gast, der durchgeht, allenfalls zum kurzen Verweilen aufgefordert wird, und dann wieder weitergeht. Ich mich auf diesen Kampungwegen immer unter Beobachtung, fühle mich nie allein, wie im Vorgarten eines deutschen Reihenhauses. Ich habe nicht das Gefühl, über eine öffentliche Straße zu gehen, sondern die Abkürzung durch Garten und Haus eines Anwohners zu nehmen.

Bei Mikhael ist man überrascht, da man uns eigentlich schon gestern erwartet hatte, wir aber durch den heftigen Regen am gesterigen Abend fast eine Stunde in der Stadt aufgehalten wurden, und es anschließend für zu spät hielten, noch einen Besuch zu machen. Ein großes Hallo, natürlich stören wir nicht, es sei doch noch früh, und außerdem gibt es in Indonesien keine ausdrücklichen Zeiten, die Besuchen vorbehalten sind. Selalu bebas ist Mikhaels Kommentar. Stühle, ein Tisch, ein Tischtuch, Tee und Kaffee werden im Vorraum des Hauses aufgebaut und langsam aber sicher füllt sich der Raum mit Hausbewohnern. Wie üblich zu Beginn einer Bekanntschaft, beim ersten Besuch im Haus eines Indonesiers, die Entschuldigung, kami orang miskin, die mir irgendwie peinlich ist, und die ich für unnötig halte. Was bedeuten schon solche Äußerlichkeiten wie arm und reich. Darin bestehen nicht die entscheidenden Unterschiede zwischen Menschen, was zählt ist Menschlichkeit. Und es ist doch alles in Ordnung so: Es gibt Tee, Kaffee, eine gute Unterhaltung und die Atmosphäre ist warm und angenehm.

Aber Mikhael hält es für wichtig sich für seine Wohnsituation zu entschuldigen. Ich denke bei mir, wenn er wüsste, in welchen Umständen ich schon gelebt und gewohnt habe. In Deutschland bin ich genau so ein orang miskin, wie Mikhael zu sein glaubt. Aber sagen kann ich das nicht, noch nicht, da wir uns noch nicht so gut kennen, und mir niemand glauben würde. Allein meine Nationalität ist Beweis genug für meinen vermeintlichen Reichtum. Und in Indonesien bin ich auch relativ reich, gemessen am normalen Durchschnittseinkommen. Misst man Mikhaels Wohnsituation mit deutschen Maßstäben, so entspricht sie weder seinem Bildungsniveau noch seinem beruflichen und gesellschaftlichen Status.
Er Jurist, Beamter im Staatsdienst mit Pensionsberechtigung und Altersversorgung, die in Indonesien alleiniges Privileg der Staatsbeamten ist. Aber: Er besitzt kein eigenes Haus, keine eigene Wohnung, kein Auto, nicht einmal ein Moped. In Deutschland unvorstellbar in dieser Position. Mikhael, seine Frau und seine fast zweijährige Tochter Jessika bewohnen einen Raum in einem Haus, das sie mit mehreren Mietparteien teilen. Damit bilden sie in Kupang keine Ausnahme. Natürlich hat diese Wohnweise, diese Wohngemeinschaft, erhebliche soziale Vorteile, die die deutschen Familien in ihren abgeschlossenen, isolierten eigenen vier Wänden lange verloren haben. Was für Mikhael und andere selbstverständlich und Tradition seit Generationen ist, besitzt nicht mehr den Wert wie soziales, durch materiellen Reichtum zur Schau gestelltes gesellschaftliches Prestige. Erworbene, nicht mehr reflektierte traditionelle Werte, die Selbstverständlichkeiten des alltäglichen Lebens in indonesischen Gemeinschaften wird allmählich aufgeweicht durch das Streben nach Geld und Reichtum, nach westlichen Werten und Lebensart.

Es ist schon spät, und wir bleiben nicht allzu lange, da Jessika ins Bett gebracht werden soll, und auch Kassandra schon den Eindruck macht, sie sei müde. Fr mich verging die Zeit wie im Flug. Es ist immer noch sehr anstrengend, mich längere Zeit in der mir fremden Sprache zu unterhalten, es erfordert meine gesamte Konzentration, sodass ich für die vielen Außenreize überhaupt nicht aufnahmefähig bin.
Trotz der vielen Leute im Raum bestreiten Mikhael als Gastgeber und ich das Gespräch alleine. Die anderen hören zu.
Es geht wie so oft um die Vereinigung der beiden deutschen Staaten.
Es geht um den Vergleich der indonesischen und der deutschen Politik und Wirtschaft.
Es geht um Arbeitslosigkeit und schwierige Perspektive für indonesische Schüler und Studenten.
Mikhael schätzt die Arbeitslosigkeit in Indonesien auf 60% – ich kann ihm diese hohe Zahl nicht glauben. Über die Arbeitslosenhilfe in Deutschland hat Mikhael in indonesischen Zeitungen gelesen, sie würde Leuten gegeben, die zu faul seien um zu arbeiten. Also nicht nur in Deutschland dieses Vorurteil. Dient es hier propangadistischen Zwecken. Ich versuche zu erklären, dass besonders Jugendliche, Menschen mit gesundheitlichen Problemen und ältere Arbeitnehmer, auch bestimmte Berufsgruppen in Deutschland von Arbeitslosigkeit bedroht sind, die sie oft unverschuldet trifft.

Mikhael erklärt mir in Kürze die indonesischen Verwaltungsebenen:

  • Daerah Tingkat I = Gubenor = N.T.T. als einheitliche Verwaltungsebene
  • Daerah Tingkat II = Bupati = Verwaltungsebene des Kabupaten N.T.T.
  • Kepala Wilayah = Ebene Kecamatan
  • Kepala Desa = Dorfebene
  • Pak Lurah = Stadtebene

Von Mikhael erfahre ich einiges über die mir bislang unklare Funktion des Direkturat Sosial Politik.
Wesentliche Aufgabe dieser Behörde sei die Herstellung und Aufrechterhaltung zwischen Legislative und Exikutive auf lokaler und regionaler Ebene. Dort bemühe man sich um die Stabilisierung und Koordinierung politischer Entscheidungen – halte quasi die Balance und Harmonie zwischen oben und unten aufrecht.
Eine weitere wesentliche Funktion ist die Durchführung der allgemeinen Wahlen, die alle fünf Jahre stattfinden.

21. Dezember 1990

Es gibt kaum einen Text, der sich mit den Kulturen in N.T.T. auseinandersetzt, der nicht auf die rassische Vielfalt auf diesen südöstlichen Inseln Indonesiens hinweist. Der niederländische Anthropologe Blijmer, der in den zwanziger Jahren dieses Jahrhundert erstmals physisch-anthropologische Vermessungen an der Bevölkerung Timors durchführte, ist der Aufgabe, klare und genaue rassische Aussagen und Typisierungen anzugeben, nicht gewachsen. Sehr deutlich demaskiert Blijmers Versuch einer Rassenkunde West-Timors den Unsinn solcher wissenschaftlicher Betätigungen. Es gibt weder auf Timor noch anderswo eindeutige rassische Typen, es gibt allenfalls Menschen, deren Gestalt, deren Physiognomie sich eben ähnelt oder unterscheidet, je nachdem, in welchem klimatischen, geographischen und sozialen Milieu sie aufwachsen und leben.

In Kupang ist die Vielfalt der Physiognomien, der Gestalten besonders groß. Anderswo in Indonesien, sei es auf Jawa, Bali oder Sumatera habe ich immer Schwierigkeiten damit gehabt, mich an die Gesichter von Leuten zu erinnern, die ich nur ein paar mal gesehen habe. Zu ähnlich erschien mir Physiognomie und Gestalt, zu groß war die Ähnlichkeit zwischen einzelnen Menschen, wenn ich auch immer wieder einzelne Leute traf, deren Gestalt vor zu schneller Verallgemeinerung warnte.

In Kupang ist die Situation völlig anders. Kupang erscheint mir als Schmelztiegel der unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen, aus den verschiedensten Gegenden Indonesiens. Neben indonesischen Physiognomien, sieht man chinesisch, melanesisch, europäisch, afrikanisch anmutende Menschen, sowie das ganze Spektrum, das man sich als dazwischen liegend vorstellen kann. Kaum jemand sieht aus wie sein Nachbar. Das Spektrum der Hautfarben geht von hellen, fast weißen Tönen, bis zu tiefem Braun, wie man es sonst nur in Afrika oder Australien findet, das Spektrum der Haarform bewegt sich zwischen glattem, tiefschwarzem Haar, und allen denkbaren Graden der Kräuselung, und erreicht Farbtöne, die eher Braun als Schwarz, und schon gar nicht tiefschwarz zu nennen sind. Auch die Körpergrößen variieren so erheblich, dass man auf der einen Seite schon von Kleinwüchsigkeit reden könnte, auf der anderen Seite sicherlich den einen oder anderen, allein aufgrund seiner Größe, in eine Basketballmannschaft aufnehmen kann. Trifft man beispielsweise in Bali kaum füllige, übergewichtige Menschen, so findet man in Kupang ein großes Spektrum leiblichen Umfangs.

Sollte man jetzt in Versuchung geraten, aufgrund solcher Merkmale rassische Typen zu konstruieren, den typischen „Timoresen“ beziehungsweise den typischen „Kupangnesen“ als jemanden zu beschreiben, der im indonesischen Vergleich etwas dunklere Hautfarbe, etwas krauseres Haar oder im etwas breitere Gesichtsschädel oder wulstigere Lippen besitzt, so führt genaue Beobachtung schnell wieder zurück in die Realität. Merkmale dieser Art charakterisieren die Bewohner von Kupang in keinster Weise. Es gibt ihn nicht, den idealen „Kupangnesen“, der etwas größer ist als der durchschnittliche Indonesier, etwas dunkler, etwas weniger schwarzes, gewelltes Haar, ein etwas breiteres Gesicht, etwas wulstiger Lippen, eine etwas flachere Nase und mit etwas mehr Fettgewebe. In vielfältiger Variation kommen alle diese Merkmale in immer wieder neuer Mischung vor und tragen dazu bei, dass man in Kupang hellhäutige Melanesier, dunkelbraune Chinesen, Westindonesier mit gewelltem Haar oder Menschen findet, die unter Arabern, Nordafrikanern oder Schwarzafrikanern, wie unter australischen Aborigines aufgrund ihrer äußerlichen Gestalt nicht auffallen würden. Es ist ein bunte, multi-ethnische Gemeinschaft die Kupangs Straßen bevölkert, die lebendige Bestätigung der These von Ost-Indonesien als jahrtausendelangem, kulturellem Durchgangsgebiet. Alle waren hier, und sind es immer noch, ob durch äußere Gestalt, oder durch Namen vertreten: Austronesier, Europäer und schließlich die von den Portugiesen hierher verschleppten afrikanischen Sklaven, die späteren, sogenannten schwarzen Portugiesen.
Und alle haben ihre Spuren in der modernden Bevölkerung Kupangs hinterlassen.

Heute morgen versuche ich zum wiederholten Male Dr. August Benu, dem Leiter des Pusat Penelitian der UNDANA, zu treffen, da mich der bisherige Kontakt nicht zufrieden stellt. Außerdem weiß ich nicht, wie ich mich verhalten soll: Muss ich meinem Sponsor nachlaufen? Was will er von mir? Wie kann ich mit ihm zusammenarbeiten? Ist er an einer Zusammenarbeit überhaupt interessiert? Irgendwie brauche ich eine Lösung oder ich schließe die leidige Angelegenheit vorläufig ab.
Obwohl ich schon nach acht Uhr aufbreche, komme ich natürlich wieder relativ spät in UNDANA an. Alle Bemos, die nach Penfui fahren sind voll, ich warte weit über eine halbe Stunde; dann die knapp halbstündige Fahrt zum Kampus, die zwei Kilometer über das heiße, schattenlose Gelände zu Fuß. Erst nach 9.30 Uhr komme ich im Pusat Penelitian an. Dr. Benu ist nicht da. Schon wieder heißt es, er sei auf dem kampus lama in der Jl. Soeharto.
Ich schreibe einen Brief, versuche so vorsichtig und höflich zu formulieren, wie es mir die fremde Sprache zu lässt, und schildere meine Schwierigkeiten und Unklarheiten, wie ich mich meinem Sponsor gegenüber zu verhalten habe. Ich bitte darum, mich telefonisch zu informieren, falls ein weiteres Gespräch nötig ist. Ich teile Dr. Benu mit, falls ich nichts mehr höre, würde ich nach So`e umziehen, um mit meiner Arbeit zu beginnen. Meine Adresse in So`e werde ich ihm so bald wie möglich mitteilen, dann in einigen Monaten wieder vorbeikommen, um Bericht zu erstatten.

Während ich auf dem Kampus, im schmalen Schatten einer Hauswand hocke, und auf ein Bemo nach Kupang warte, spricht mich ein junger Mann an. Und, was kommt, ist das übliche mau ke mana. Natürlich mit dem Bemo nach Kupang. Das gibt es heute nicht mehr, teilt er mir mit. Freitags ab 10 Uhr finden keine Veranstaltungen mehr statt; tidak ada mahasiwa, tidak ada bemo lagi. Also wieder zu Fuß hinunter zur Straße, und inmitten von Dutzenden Studenten auf ein Bemo warten. Und das dauert, da alle Bemos, und das sind nur wenige, die aus Penfui zurückkommen, voll besetzt sind. Langes Warten. Und was lerne ich: Natürlich gibt es noch einige Bemos, die über den Kampus fahren, und Studenten einsammeln. Unten an der Straße sind die natürlich auch voll. Gegen 12 Uhr zurück in Kupang. Bilanz: 15 Minuten Aufenthalt im Pusat Penelitian, über zwei Stunden Warten auf ein halbwegs leeres Bemo.

weiter lesen

Copyright 1995. All Rights Reserved (Texte und Fotografien)

Die Texte der Indonesischen Tagebücher sind urheberrechtlich geschützt. Die Seiten und deren Inhalt dürfen nur zum privaten Gebrauch verwendet werden.
Jegliche unautorisierte gewerbliche Nutzung ist untersagt.

  1. Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: