Blatt Siebzehn: Kupang

23. Dezember 1990

Ich hatte mich schließlich entschieden, heute noch einmal zum Kantor Imigrasi zu gehen, um nachzufragen, wann unsere KIM/S denn nun endlich fertig seien, als der schon seit Tagen erwartete Anruf kam: Semua sudah selesai! hieß es, und ich könne jetzt vorbeikommen.

Im Kantor Imigrasi ging dann alles schnell. In die vor 14 Tagen ausgefüllten Formulare wurden weitere amtliche Bemerkungen nachgetragen, wie Körpergröße, Haar- und Augenfarbe, Gesichtsform und die unvermeidlichen, unveränderlichen Kennzeichen, von denen ich leider keine besaß. Abschließend wurde ich noch gefragt, ob meine Angaben den Umständen entsprächen. Ich bejahte schnell, da sie ohnehin aus den Pässen abgeschrieben waren. Mit den Bemerkungen Tuan boleh membeli rokok sekarang und tunggu di sana wurde ich entlassen. Warum sollte ich wohl Zigaretten kaufen, und warum gerade jetzt? Ich war mit meinen Gedanken ganz wo anders, und verstand erst nicht, was man von mir wollte. Also, erst einmal ignorieren. Ich hatte mich kaum wieder in der Warteecke niedergelassen, als ich erneut aufgerufen und in einen, durch Schränke abgeteilten Raum geführt wurde. Von einem höheren Beamten bekam ich, nachdem ich den Erhalt quittiert hatte, unsere KIM/S und die drei Buku biru ausgehändigt. Auf meine Frage, welche Verpflichtungen ich denn im Laufe unseres Aufenthaltes auf Timor in Bezug auf die Einwanderungsbestimmungen zu erfüllen hätte, bekam ich die Antwort: Keine. Besonders erfreulich: Ich muss beim Kantor Imigrasi erst wieder vorsprechen, nachdem die jetzt erteilte Genehmigung, gültig bis zum 29. November 1991, abgelaufen ist oder wenn ich unser Exit Permit beantragen will.

Der Kauf der Zigaretten war allerdings nach wie vor unerledigt. Ich hatte die seltsame Aufforderung schon wieder vergessen, und verließ auf Wolken schwebend die Einwanderungsbehörde. Auf der kleinen Umfassungsmauer vor dem Eingang saß mein Sachbearbeiter, und sprach mich auf die Zigaretten an. Erst jetzt dämmerte mir, was mit dem Zigarettenkauf gemeint war, konnte es nicht unterlassen, mich weiter dumm zu stellen, antwortete ihm: Saya orang asing, Saya kurang mengerti. Man hatte mich über zwei Wochen auf die mir zustehende KIM/S warten lassen, hatte meine Nerven, meine Zeit und mein Geld verschwendet, und wollte dafür auch noch ein Extra-Salär abkassieren. Also ließ ich mir bis ins Detail erklären, um welche Art von Zigaretten es sich handeln müsse. Schließlich gab ich nach, kaufte das Verlangte, da mir bewusst wurde, dass ich in einem Jahr wieder hier stehe, und auf diesen Sachbearbeiter angewiesen bin. Ich hoffe nur, mit Rp 10.000 nicht zu wenig gegeben zu haben. Mein Sachbearbeiter machte jedenfalls einen zufriedenen Eindruck.

Ganz zuletzt bin ich an Korruption doch nicht vorbei gekommen. Handelt es sich um Korruption nur dann, wenn ich Geld gebe, bevor die Dienstleistung abgeschlossen ist. Sind nachrangige Geldgeschenke nicht eher die Anerkennung für zufriedenstellende Dienste? Was hätte es geändert, wenn ich keine Zigaretten gekauft hätte? Ich hielt meine Aufenthaltsgenehmigung in Händen. Der Sachbearbeiter wäre enttäuscht worden, vielleicht nachtragend. Außerdem : Es ist kurz vor Weihnachten und Geschenke angebracht. Alle, mit denen ich über die zögerliche Bearbeitung im Kantor Imigrasi gesprochen habe, sagten mir, dass man dort auf ein Geldgeschenk warte. Viele boten sich an, mit mir hinzugehen, um die Angelegenheit zu klären.
Ich habe gewartet, nicht bezahlt und unsere Aufenthaltsgenehmigungen auch so bekommen. Ein Geschenk für eine zufriedenstellend abgeschlossene Arbeit ist ein Geschenk, hat mit Korruption nichts mehr zu tun. Bis auf die Erteilung des späteren Exit Permits sind wir mit dem Kantor Imigrasi hier fertig. Ich denke, ich habe mir mit den Rp 10.000 keinen Vorteil erkauft. Darauf kommt es an: Korruption erschleicht private Vorteile der Gemeinschaft gegenüber, führt zur Bevorzugung individueller Interessen vor dem Gemeinwohl, ist asozial. Geschenke bekräftigen einen abgeschlossenen Vertrag, drücken Zufriedenheit mit der Zusammenarbeit aus, und fördern zukünftige Kontakte, haben somit eine soziale Dimension. Ich zweifele allerdings, ob meine Spitzfindigkeit gerechtfertigt ist. Ich bin in diesen Dingen unerfahren, kenne die üblichen Rituale des Schenkens nicht. Weder beherrsche ich Anlass, den richtigen Zeitpunkt noch Art und Umfang eines Geschenks. Wieder stelle ich fest: Ich habe noch viel zu lernen.

Tage später erzähle ich Mikhael vom Zigaretten kaufen. Er war entsetzt über die Höhe des Betrags. Zwei Päckchen Zigaretten, so meinte er, seien ein angemessenes Geschenk gewesen. Gegenwert Rp 1.000. Außerdem sei dies kein korrektes Verhalten des Beamten gewesen. In seiner Dienststelle bei Sos Pol, sei so etwas verpönt. Man könne zwar nicht direkt von Korruption reden, da die Dienstleistungen schon abgewickelt waren, moralisch vertretbar sei ein solches Geschenk dennoch nicht. Und Mikhael ist Jurist, und muss es schließlich wissen.

Am Nachmittag suchen wir einen der Händler auf, dessen Adresse ich von August Flick bekommen habe: Okhatan, Jl. Tim-Tim 20. Ein kleiner Laden, ein abgetrennter Teil einer Werkstatt. Ein Autoservice. Auf den ersten Blick kaum als einer dieser typischen Antik-Shops zu erkennen. Die im Vordergrund stattfindenden Reparaturen, das herumliegende Werkzeug sowie die alten, rostigen Ölfässer lassen hier keinen solchen Laden vermuten.
Eine halbrunde, gleichzeitig auch als Ladentheke dienende Glasvitrine, zu beiden Seiten mit Glasscheiben verschlossene Regale. Pakaian adat aus Amanuban, Molo, Insana und Belu, in großen Mengen, säuberlich zusammengefaltet, und übereinandergestapelt. Es fällt auf, dass die Textilien aus Amanuban und Insana alle der gleichen Variation angehören, vielleicht aus eine Webmanufaktur stammen. Soweit ich im Dämmerlicht zuerkennen kann, technologisch ausgezeichnet, schöne Textilien. Es fällt mir auf, dass sich unter den Textilien keine aus Amarasi, Miomafo oder Amanatun befinden, obwohl alle anderen Variationen in großer Auswahl angeboten werden. Außer Textilien gibt die unterschiedlichsten Gegenstände: Silberschmuck, besonders Armbänder und Ohrgehänge, mit Gravuren verzierte Knochen- und Bambusköcher, Flechtwerk, Hornlöffel und Betelbesteck. Sirihtaschen fehlen ebenfalls im Angebot Okhatans.

Meine Absicht, Grüße von Flick zu bestellen, um mit dem Ladenbesitzer ins Gespräch zu kommen, lasse ich schnell fallen. Im Laden herrscht nicht die Stimmung für Small-Talk. Alle kommen gelaufen, begucken Kassandra, niemand fragt uns etwas, niemand scheint großes Interesse am Verkauf zu haben. Um viel zu sehen ist außerdem es zu dunkel und zu eng.

Trotz des bedeckten Himmels und der immer reichlicher aufziehenden Regenwolken ändern wir unseren Plan, heute nach Baun, Amarasi zu fahren, nicht. Die anstrengenden Tage bürokratischer Verpflichtungen, die mich täglich bis in den frühen Nachmittag in Anspruch nahmen, sind vorbei. Ich kann wieder frei atmen. Wir haben endlich Zeit, uns außerhalb Kupangs umzusehen. Endlich die Ruhe, etwas zu unternehmen. Raus aus der Stadt und in die Kampungs der Umgebung. Es wird Zeit, die urbane Atmosphäre, die Sicherheit, die die Stadt bietet, zu verlassen, und Eindrücke von Land und Leuten zu sammeln. Auf Timor wird es kaum anders sein als anderswo in Indonesien: Das Stadt-Land-Gefälle in Bezug auf Umwelt und Lebensweise wird groß genug sein um Überraschungen zu bieten.

Und wir bekommen unsere Überraschung in mehr als einer Hinsicht. Für unseren ersten Ausflug aufs Land wählen wir Baun aus. Der Ort liegt weniger als 30 km südöstlich von Kupang, und ist mit dem lokalem Bemotransport problemlos zu erreichen. Zuerst geht´s vom Terminal mit einem Bemo an den Stadtrand von Kupang nach Oepura.
Während wir dort warten, erklären wir Kassandra, wohin wir fahren. Sie versteht natürlich pura statt Oepura, und reagiert prompt mit ihrer Bali-Erfahrung: Männer tanzen. Sie freut sich, ist ganz aufgeregt und will im ersten Moment gar nicht begreifen, dass es ähnlich klingende Namen gibt, die nichts mit Gamelan und Tanz zu tun haben.

In Oepura wechseln wir nach kurzer Wartezeit das Bemo. Es geht hinaus aus der Stadt aufs Land. Die Sicht aus dem kleinen, überfüllten Mikrolet ist nicht besonders gut. Zuerst fahren wir durch waldartiges Gelände; es gibt reichlich Kokospalmen und Bananen und viele der hier typischen Bäume, deren Namen ich bisher noch nicht kenne. Dazwischen immer wieder, eher zu vermuten, als richtig zu erkennen, Gärten mit Nutzpflanzen. In den Gärten kleine, rechteckige Häuser mit Holzwänden auf Steinblöcken oder Betonfundament. Die Häuser besitzen entweder Stroh- oder Wellblechdächer. Zuerst nur sehr vereinzelte Häuser, von der Straße aus, im Schutz der Gärten, schlecht auszumachen. Die schmale, kurvenreiche Asphaltstraße führt stetig bergan, und bevor wir die Passhöhe erreichen durch zwei kleine Weiler. Die verstreut liegenden Häuser besitzen nirgends ein Zentrum, keinen Dorfkern. Alles was auf so etwas wie ein Dorf hinweist, ist die plötzliche Häufung von Wohnhäusern innerhalb eines begrenzten Gebiets, die schnell wieder dichterer Vegetation und nur noch vereinzelten Häusern weicht. Die nicht abreißende Kette von Gebäuden, die ineinander übergehenden Dörfer Süd-Balis findet man auf der Strecke zwischen Kupang und Baun nicht. Nicht einmal eine annähernd so dichte Besiedlung gibt es hier. Mir fällt ein, gelesen zu haben, dass die Inseln N.T.T.’s zu den dünnsten besiedelten Gebieten Nusantaras gehören. Wie es scheint, trifft dies auch auf die Insel Timor zu.

Kurz bevor wir die Passhöhe erreichen, wird die Straße schlechter: Zuerst ist die Asphaltdecke nur beschädigt, später ganz verschwunden, und der kleine Minibus holpert und schaukelt steil bergauf. Über die steinige Piste bewältigt er die Steigungen, die er vollbeladen oft mit riskant erhöhtem Tempo bergab bezwingen kann. Als Entschädigung für das durchschütteln und durchrütteln gewinnen wir eine phantastische Aussicht auf die Mittelgebirgslandschaft der Insel. Die Lücken in der bisher dichten Vegetation geben den Blick auf die wellige Hügellandschaft Amarasis frei. Oben auf dem Pass gibt es kaum noch Vegetation und die schnell wechselnden Hügel und Täler liegen offen vor uns ausgebreitet. Die Berghänge sind grasbewachsen, in den Tälern sehen wir einzeln stehende Bäume und Sträucher, die Landschaft bietet Bild einer parkähnlichen Anlage: unserer erster Blick auf die trockene, hügelige Savannen Timors.
Nachdem der Kleinbus den Pass schnaufend und rappelnd überwunden hat, werden die Steigungen, die jetzt hinab geht sanfter. Nach kurzer Zeit erreichen wir Baun. Endstation des Bemos ist ein großer, von Bäumen umringter Platz. Hinter einem steinernen Balai sehen wir abgeräumte Marktstände. Markt ist in Baun jeden Samstag. Im ersten Moment ist nicht auszumachen, ob wir uns im Zentrum oder am Dorfrand befinden. Ich vermute aber, dass der Markt im Dorfzentrum stattfindet. Häuser sehe ich im ersten Moment nur wenige. Hinter mir ein kleiner Warung, auf der linken Seite eine Schule, und weit hinten lugen einige Häuser, kaum sichtbar,zwischen den Bäumen hervor. Ich stehe ganz unter dem Eindruck dieses riesigen, freien, die Atmosphäre bestimmenden Platzes mit schattigen Streifen an den Rändern. Ein grüne Atmosphäre nach den stickigen, lauten und staubigen Wochen in der Stadt. Es ist die Landluft, nicht die der Stadt, die frei macht. Das von Zweigen und Blättern gefilterte Sonnenlicht, die üppige Vegetation, alles macht einen freundlichen und friedlichen Eindruck. Es ist nicht das kräftige Gürn des tropischen West-Indonesiens, wie Bali oder Sumatera, es ist eher ein silbernes, vielleicht auch graues Grün, das wie ein sanfter, wohltuender Schimmer die Atmosphäre in Baun verzaubert. Auf den ersten Blick ein angenehmes Gefühl, ein Dorf, mitten in der Natur.

Der Morgen ist schon weit fortgeschritten. Es sind nur wenig Menschen auf der Straße. Es fällt mir sofort auf, dass keine Autos oder Motorräder zu hören sind. Ob dies am Sonntagmorgen liegt? Oder ist das der Normalzustand. Einige Bemos, sonst nichts. Eine solche Ruhe, eine solche Idylle wie die, die mich beim Aussteigen aus dem Bemo umfängt, habe ich lange nicht mehr verspürt. Das gleiche Gefühl, erinnere ich mich, hatte ich an unserem ersten Tag in Kupang, als wir am späten Nachmittag noch einen kurzen Strandspaziergang in Oesapa machten. Die gleiche friedliche, auf mich wie ein lange entbehrtes Idyll wirkende, Atmosphäre dort unten am Strand. Was haben mir die Wochen des ermüdenden und erschöpfenden Behördenmarathons genommen?

Während wir noch orientierungslos und unschlüssig auf dem Platz stehen, spricht uns aus der Fahrerkabine des Bemos, mit dem wir aus Kupang gekommen waren, ein junger Mann an. Einleitend die üblichen Fragen nach dem Woher und dem Wohin, und ob er uns helfen könne. Was wir in Baun wollen? Er würde uns gerne zu sich nach Hause einladen. Wir sind natürlich überfordert. Gerade angekommen, stehen wir noch ganz unter dem Eindruck der berwältigenden, so ganz anderen Atmosphäre. Nur ganz schwach wehren wir uns gegen die Einladung, aber nicht sehr überzeugend und der junge Mann steigt aus, wohl wissend, dass er gewonnen hat. Kinder, einige andere Männer kommen hinzu, schnell hat man mich ausgefragt, erfährt unser Interesse an traditioneller Weberei. Agus heißt der junge Mann, die Kurzform von Augustinus. Er erzählt uns von seiner Mutter, die ebenfalls webt und uns gerne ihre Arbeit zeigen würde. Wir geben unseren ohnehin nicht überzeugenden Widerstand auf und gehen mit zu Agus zu ihm nach Hause.
Auf dem Weg zu Agus Haus ändert sich die Wirkung, die die Atmosphäre im Dorf auf uns ausübt nicht. Die vorherrschende, grüne Stimmung bleibt bestehen, allenfalls das Grün „ädert sich mit der Intensität des Sonnenlichts, je nachdem ob wir im Schatten oder in der Sonne gehen. Selbst Kassandra scheint diese Stimmung zu genießen, da sie ganz entgegen ihrer Gewohnheit den größten Teil des Weges bis zum Haus vom Agus selbst läuft. Es ist nicht weit bis zu Agus Haus, das ebenfalls inmitten eines Gartens liegt: Mais, Gurken sowie Kokos- und Lontarpalme sind auf den ersten Blick die dominierenden Pflanzen. Ein kleines, einfaches Haus, in dessen Eingang eine schon ältere Frau steht – Agus Mutter.

Ein kleines, rechteckiges und mit Wellblech gedecktes Holzhaus mit Steinfundament. Die Wände bestehen aus einem Holzgerüst, dessen Zwischenräume mit vegetabilen Materialien, in Form nebeneinander gelegter Leisten ausgefüllt sind. Wir betreten einen beinahe quadratischen Raum, mit einem Fenster, an dessen, der Eingangstür gegenüberliegenden Wand, eine Reihe der aus Metallrohr und Plastikschnur hergestellten Sessel steht. Links und rechts neben dem Eingang Holzstühle und zwei kleine Tische. Wir befinden uns in dem Raum, in dem die Familie zusammensitzt, Gäste empfangen werden, in dem die Mutter von Agus webt. An den Wänden sind bunte Kalenderblätter aufgehängt. Rechts vom Eingang ein weiterer, durch einen zweiteiligen Vorhang abgetrennter Schlafraum. Links neben dem Wohnhaus dient ein weiteres, rechteckiges Gebäude, fensterlos, als Küche.
Hier leben Agus, der trotz SMA-Abschluss arbeitslos ist, seine Frau und seine Mutter. Der Vater von Agus ist schon vor einigen Jahren gestorben.

Wir werden freundlich empfangen und hereingebeten. Eine kurze Erklärung von Agus und seine Mutter rollt sofort ein begonnenes Gewebe aus und beginnt mit der Demonstration. Eine Sitzmatte wird in der Nähe der Türe ausgebreitet, sodass das von rechts hereinfallende Tageslicht Arbeitsplatz und Gewebe ausreichend beleuchtet. Unmittelbar neben dem linken Türpfosten befindet sind eine Vorrichtung, die aus zwei miteinander verbundenen, ungefähr einen halben Meter hohen Gabelpfosten besteht, und deren Funktion darin besteht, den Kettbaum beim Weben zu halten. Längs zur Basis dieser Halterung legt Agus Mutter ein flaches Sitzbänkchen, das als Stütze für ihre Füße dient, während sie die Kette mit Hilfe eines Rückengurts aus Leder spannt. Das Gurtwebgerät von Agus Mutter besteht aus einem Brustbaum, der aus zwei, zusammengelegten Hölzern besteht, deren geschnitzte, spitze Enden nach außen weisen. Hinter dem Brustbaum folgt ein einzelner Litzenstab mit eingelesenen Litzen zur Fachbildung. Bei den verwendeten Litzen handelt es sich um weißes Baumwollgarn. Auf den Litzenstab folgt ein runder, hölzerner Trennstab. Drei flache und sehr schmale Hilfslitzenstäbe aus Holz dienen der Bildung der Musterfächer für die Zierkettentechnik, die in die Kette eingelesen werden. Mit Hilfe eines vierten Hilfslitzenstabes wird das jeweils benötigte Musterfach von einem der drei eingelesenen Hilfslitzenstäbe übertragen. Erst dann wird der Eintragsfaden eingelegt. Als nächster Bestandteil des Gurtwebgerts folgen zwei flache und breite, ebenfalls hölzerne Musterkreuzstäbe, wobei die Ikatpartien des Gewebes über den ersten und unter den zweiten gelegt waren, den Zierkett- und ungemusterten Partien (farbige Kettstreifenbündel) entgegengesetzt. Ein weiterer Teil sind die schmale, hölzerne Stäbe, deren Funktion darin besteht, die Ikatpartien mit Garn zu fixieren. Am Gewebeanfang befinden sich zwei runde, sehr schmale Holzstäbe, die wahrscheinlich dazu dienten, das Fadenkreuz des Gewebes zu fixieren. Agus Mutter erzählt, dass sie momentan an der Seitenbahn eines Männer-Hüfttuchs, an einem Tai muti, arbeitet. Sie zeigt uns das charakteristische Amarasi-Gewebe in kräftig rotem Farbton: drei Hauptmusterstreifen in Kettikat-Technik (futus) zeigen ein Vogelmotiv in einer Raute. Bisher dachte ich, dass dieses Motiv koroh heißt, erfahre aber von Agus Mutter den in Baun üblichen Namen: Korkase.
Sofort frage ich sie nach der indigenen Bedeutung des Namens. Sie erklärt mir frei heruas, dass es sich bei diesem Motiv um die Darstellung der orang-orang tua handele. Meine Frage, ob das diejenigen sind, die sudah meninggal dulu seien, bejaht sie lächelnd. Die Frage, ob es sich bei diesem Vogelmotim um die Seele der Verstorbenen handele, lag mir schon auf der Zunge. Gestellt habe ich sie nicht, da ich das Gefühl hatte, eine positive Antwort zu erhalten, und ich mir dann nicht sicher gewesen wäre, ob es ich eine Suggestivfrage gestellt hätte.

An den drei Querscheiteln des Gewebes Tumpalmotife, deren Spitzen auf die Vogelmotive gerichtet sind. Die Ikat-Hauptmusterstreifen werden durch schmale Nebenmusterstreifen getrennt, die in Zierkettentechnik (alit) gefertigt werden. Vor einem orangen Hintergrund hebt sich eine schwarze, einfache Spirale ab. Jede Spirale ist von der nächsten durch einen quer verlaufenden, ebenfalls schwarzen Streifen getrennt. Eingefasst sind diese Nebenmusterstreifen durch farbige Kettstreifen. An beiden Webkanten einer schmaler, weißer Streifen.

Ein auffallend kräftiges Rot üfr die Ikatpartien der Kette und den Eintragfaden. Ich frage Agus Mutter, ob sie die Baumwolle selbst anbaut, und ob es sich dabei auch um selbst gesponnene Baumwolle handelt. Nein, sie kauft die Baumwolle fertig im Laden. Auf die Frage, warum sie dies tue, antwortet sie, dass der Anbau von Baumwolle sich nicht mehr lohne, da seit ungefähr zehn Jahren eine Schneckenart aufgetreten sei, die die Baumwollsträucher so stark schädigt, dass der Ernteertrag nur gering sei. Alle Versuche, diese Schnecke loszuwerden, seien ihr bislang nicht gelungen, und die Schnecke nach kurzer Zeit wieder massenhaft aufgetreten sei. Auch die Maispflanzen sind vor der Fressgier dieser Schnecke nicht sicher. Agus demonstriert mir sehr überzeugend die Anzahl der Schnecken in seinem Garten. Noch während seine Mutter von der Schneckenplage berichtet, ging er für einen Moment hinaus, und kam mit einer dieser Schnecken zurück.

Außer der ungefärbten, weißen Baumwolle kauft Agus Mutter ebenfalls auch die Garne für die Zierkettentechnik im Laden. Während sie Garne für die die Ikatpartien noch selbst färbt, kauft sie die Garne für die Zierkettentechnik bereits farbig im Laden.
Um das kräftige Rotbraun der Ikatpartien zu erhalten, ist eine Färbedauer von bis zu 30 Bädern notwendig. Agus Mutter benötigt dazu ungefähr ein Jahr. Die abgebundenen Ikatstränge werden für fünf Tage in einer Beize aus der Wurzel des Morinda-Baumes, die mit Kemiri-Nuß und Salz gemischt ist, eingelegt. Danach werden die Stränge getrocknet. Nach einer unbestimmt gebliebenen Zeit wird der Färbevorgang mehrfach wiederholt.

Weitere notwendige Arbeiten am Gewebe benötigen viel weniger Zeit: das Abbinden der Kette für den Tai muti schätzt Agus Mutter auf eine Woche; für das Abweben braucht einen Monat.

Die weiße Mittelbahn des Tai muti webt Agus Mutter selbst.

Das Gegenstück des gerade in Arbeit befindlichen Tai muti zeigt uns Agus Mutter auch, ein Sarung, wie ihn die Frauen tragen. Der Name dieses Sarungs Tai koroh. In drei Teile gegliedert, die jeweils aus drei ikatgemusterten Hauptmusterstreifen, den dazwischenliegenden Nebenmusterstreifen und farbigen Kettstreifenbündeln bestehen. Keine weiße Mittelbahn. Die Musterung der Ikatstreifen ähnelt dem in Arbeit befindlichen Tai muti. Wiederum ein Vogelmotiv in einer Raute, wieder wird die gleiche symbolische Bedeutung, diesmal aber der Name koroh für das Motiv. Morphologisch ähnelt die Form dem Vogel, ist allerdings stark stilisiert ist, besonders im Vergleich zu dem korkase. Das dominierende Motiv der Ikatpartien des Sarungs ist eine abstraktere Variation des Motivs des Tai muti.

Mir drängt sich bei Nachdenken über die Namen dieser beiden Vogelmotive eine Hypothese auf:

  • die Motivnamen weisen ganz offensichtlich phonetisch eine Ähnlichkeit auf, die erste Silbe beider Motivnamen lautet ko- / kor-;
  • schreibt man den Motivnamen ko=roh, so könnte es sich um eine Vorsilbe, nämlich ko- und einen Stamm -roh handeln;
  • Bahasa Indonesia roh bedeutet Geist, Seele und würde zu der angegebenen Bedeutung für das koroh-Motiv passen. Die Bedeutung von ko- wäre so eine nähere Qualifizierung dieses roh;
  • der Motivname kor=kase, vollständig koroh kase, wäre dann ein Hinweis darauf, dass dem Motiv etwas Fremdes (kase) anhaftet.

Beide Textilien sind von ausgezeichneter technischer Qualität. Sorgfältiger Färbeprozess, der Sarung sei schon zehn Jahre alt. Immer noch zeigt er kräftige Rottöne, sorgfältig abgebundene und realisierte Ikatmotive mit klaren, präzisen Konturen. Möglicherweise ist die Einschätzung von Leo Nahak nicht richtig, in Amarasi werde nicht mehr traditionell gearbeitet.
Alle Garne, bis auf Rot, kauft Agus Mutter im Laden. Die uns vorgeführten Pakaian adat stellt Agus Mutter für Hari-hari besar, also für hohe Feiertage her. Für Rituale der Geburt, der Heirat der Totenfeierlichkeiten; für die kirchlichen Feste heute ohnehin. Nein, um Kleidung für den Alltag (Pakaian sehari-hari) handele es sich bei diesen Textilien nicht. Kleidung dieser Art werde auf keinen Fall von ihnen verkauft.

Etwa später holt Agus Mutter einen weiteren Bestandteil der traditionellen Kleidung hervor. Nach ihrer Auskunft handelt es sich dabei um einen Gürtel (Ikat pinggang), der dazu dient den Sarung der Frauen um die Hüfte zu befestigen. Männer verwenden dieses Kleidungsstück nicht, sondern binden einen zweiten Tai muti um Hüfte oder Schultern. Zwei kräftig gefärbte, rot-schwarze Ikat-Musterstreifen werden jeweils von einer Reihe farbiger Kettstreifenbündel getrennt. Der Ikat-Musterstreifen zeigt ein schwarzes, aus mehreren übereinanderliegenden Rauten bestehendes Motiv, auf beinahe scharlachrotem Hintergrund. Bei der Farbe für den Ikat-Musterstreifen handelt es sich um gekaufte, synthetische Farbe. Das Färben der Ikatpartien erledigt Agus Mutter selbst. Ein Textil aus vollständig gekauftem Material hergestellt. Lediglich für die Ikatpartien war ein Färbevorgang notwendig. Ich denke, Agus Mutter das Garn für die Ikatpartien ebenfalls gleich farbig kaufen können. Hängt diese Ausnahme mit einem besonderen Respekt des mustertragenden Ikat zusammen?

Meine eigenen Beobachtungen in Kupang, wo ich häufiger Männer mit Amarasi-Hüfttüchern gesehen habe, stehen im Widerspruch zu den Informationen von Agus Mutter:

  • Wenn es sich bei dem Tai muti von Agus Mutter um ein besonderes Textil handelt, das nur während der Lebenszyklusrituale getragen wird, warum sehe ich in Kupang immer wieder Männer mit diesen Textilien auf dem Markt oder beim Einkaufsbummel?
  • Kommen sie von einer Zeremonie, gehen sie zu einer Zeremonie oder sind die Grenzen zwischen Ritual- und Alltagskleidung weniger eng als Agus Mutter behauptet?
  • Machen sich die Männer stadtfein für den nicht alltäglichen Ausflug nach Kupang?

Gerade heute, während wir das ein Bemo von Baun zurück nach Kupang warten, treffen wir einen alten Mann aus Baun, der nach Oepura zum Markt fährt. Er trägt einen dieser Tai muti. Das Muster seines Tuch ist mit dem, dass Agus Mutter uns erläutert hat stilistisch verwandt. Über der linken Schulter trägt er lose einen der oben beschriebenen Gürtel. Ein weißes Hemd mit dunklem Nadelstreifen, ein Regenschirm und eine kleine Reisetasche vervollständigten seine Kleidung. Er geht weder, noch kommt er von einer Zeremonie, sondern fährt schlicht und einfach zum Markt nach Kupang.
Auch diesen Gürtel moderner Machart sieht man in Kupang häufig, bei Männern als auch bei Frauen, die diesen Gürtel lose über einer Schulter, als Schal um den Hals gelegt oder auf dem Kopf tragen. Keiner der Gürtel, die ich bisher gesehen habe, diente dazu, einen Sarung zu befestigen.

Agus erzählt mir, Pakaian adat der Art, wie sie uns von seiner Mutter gezeigt wurde, wie sie der alte Mann, den wir trafen trug und die ich häufig in Kupang gesehen habe, sind charakteristisch für die Region Baun. Es handelt sich bei diesen Textilien um die von mir in meiner Magisterschrift als Textiltyp 1 (Männer-Selimut) und als Textiltyp 3 (Frauen-Sarong) der Stilvariation 1 / Amarasi beschriebenen.
Als ich ihn nach dem Textiltyp 4 (Stilvariation 1 / Amarasi-Baun) frage, behauptet er, dass es in Baun keine andere Pakaian adat gebe. Meine Frage, ob die Raja-Familie anders gemusterte Textilien verwende, verneint er. Wer ist denn nun der „König aus Amarasi-Baun“, der die historische Abbildung in einem Ausstellungskatalog des Museum Mueller-Barbier in Genf zeigt? Welche Art Kleidung trägt er und welcher Herkunft sind die beiden identischen Hüfttücher im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln?

Agus weiß nichts von der Herkunft eines großen Teils der Bevölkerung von Baun. Auch nichts über die Raja-Familie aus Belu, und dies scheint in der Literatur gut belegt. Auch weiß er nichts von der Verwandtschaft des Amarasi-Dialekts mit dem der Tetun.

Die angenehme Atmosphäre, der lockere Rahmen, wird in dem Moment getrübt, als Agus Mutter den Gürtel hervorholt. Aus irgendeinem, später nicht mehr nachvollziehbaren Grund, hatte ich das Gefühl, dass uns dieses Textil zum Kauf angeboten werde. Agus hat zwischendurch immer wieder auf die Armut der Familie hingewiesen. Wir haben schon oft erfahren, dass diese Floskel einen Handel einleitet, Anlass ist für die Festsetzung eines hohen Verkaufspreises. Ich frage also direkt, ob uns dieser Gürtel zum Kauf angeboten werde. Beide lächeln verlegen, senken den Blick und entziehen sich einer klaren Antwort. Aber der Gürtel bleib wo er war, und für uns blieb die beklommene Atmosphäre im Raum.
Das Gespräch ging nur noch stockend weiter, und wir entschlossen uns, da Kassandra schon nach ihrer Milch und ihrem verpassten Mittagsschlaf quengelte, zu gehen.
Kaum aber hatten wir unsere Absicht mitgeteilt, hieß es, dass Mittagessen sei schon fertig, wir müssten unbedingt noch bleiben und mit essen. Jetzt fühlten wir uns erst recht verpflichtet, den Gürtel zu kaufen, und konnten, ohne Verletzung der Höflichkeit, nicht mehr gehen. Ich frage Agus ein weiteres Mal, ob uns wir Gürtel kaufen sollen, frage diesmal gleichzeitig nach dem Preis. Er sei doch schon alt und ob wir ihn denn wirklich kaufen wollen. Wenn dem so sei, dann koste er Rp 50.000. Das war natürlich ein stolzer Preis, für dieses hässliche Textil, der zwar gut gearbeitet war, für uns jedoch völlig uninteressant. Wenn wir den Gürtel kaufen, dann nur aus Gefälligkeit, der Etikette wegen und um uns irgendwie erkenntlich zu zeigen. Auch der jetzt genannte Preis von Rp 30.000 schien uns immer noch zu hoch. Wir hatten zwar keine Preisvergleiche für Timor-Textilien, aber dieser Preis für ein modernes Textil war doch reichlich überhöht. Rp 10.000 bis 15.000 erschien uns angemessen, doch bevor wir uns entschließen konnten, ein Gebot zu machen, wurde das Mittagessen aufgetragen. Makanan Timor hieß es: weißer Reis, gebratenes Ei und Sayur pepaya. Alles äußerst schmackhaft, pikant gewürzt, kaum die aus West-Indonesien gewohnte Schärfe. Wir wurden mehrmals zum Nachnehmen animiert, nahmen mehrmals, um nicht unhöflich zu sein und weil es wirklich köstlich schmeckte, bleiben jedoch, Agus Erwähnung der Armut der Familie eingedenkt, zurückhaltend in den Mengen die wir aßen. Die beiden Frauen der Familie aßen, obwohl anwesend, nicht mit, sondern saßen etwas abseits und schauten uns zu. Agus Mutter war sichtlich von unserem Appetit angetan. Sie erzählte aus ihrer Erinnerung an die Niederländer, die in Baun bis 1942 stationiert waren: Niederländer kamen nie in die Häuser der einfachen Leute; Niederländer aßen nie Reis, sondern nur kue-kue, mentega und keju. Bei näheres Nachfragen verwandelte sich kue-kue in roti, das mittlerweile auch in Timor überall zu haben ist. Weißes, labbriges Weißbrot – niederländisch eben.

Wohl um auf die besondere Situation, für die Familie und für uns hinzuweisen, erklärt uns die Agus Mutter nach dem Essen, dass der Amarasi-Dialekt zwei Begriffe für essen verwendet: bukai für das Essen, das Gästen serviert werde die yang terhormat sind und muhin für ein Essen, das nur biasa sei.

Nach dem Essen war der Gürtel, unbemerkt, verschwunden und niemand sprach mehr über die von mir als unglücklich empfundene Angelegenheit. Ich bin mir auch nicht sicher, ob mir meine Erwartung, mein Vorurteil einen Streich gespielt hat. Uneigenntzige Gastfreundschaft ist nicht gerade die Regel in der Welt, aus der wir kommen und auf Bali sind westliche Touristen inzwischen die Regel. Kaum einem werden dort die Häuser der Familie geöffnet, kaum jemand genießt dort unvergütete Gastfreundschaft. Auf Bali, und das ist uns wieder drastisch klar geworden, ist man zahlender Gast: dort zahlt man für Schlafen und Trinken, man zahlt für Informationen und man zahlt für Gastfreundschaft. Vielleicht eine Fehleinschätzung aufgrund eines Vorurteils, vielleicht eine enttäuschte Erwartung. Wir hätten uns gerne revanchiert, doch einfach Geld zu geben, denn anderes hatten wir nicht, schien uns eine Beleidigung für die Familie. Eine schwierige Situation, wahrscheinlich nicht das letzte Mal. Wir müssen uns da etwas überlegen.

Nach dem Essen wird zum zweitenmal Betel gereicht. Obwohl neugierig, bin ich noch nicht bereit für den Betelkonsum, weiß jedoch, dass ich langfristig nicht daran vorbeikommen werde. Der hygienische Zustand der Zutaten macht mir noch allzu sehr zu schaffen. Obwohl der angebotene Betel ein Zeichen der Gastfreundschaft und Ehrerbietung ist, lehne ich ab. Ich ziehe mich auf den Status des Ausländers zurck, was lächelnd quittiert und akzeptiert wird. Betelkauen ist in Timor ein Muss, und allgegenwärtig. Auf Bali oder in Jawa wird es immer schwieriger, betelkauende Frauen oder Männer anzutreffen, in Kupang und Umgebung kauen fast alle. Überall an den Straßenecken werden die Zutaten verkauft: flache runde, braune Scheiben, luftgetrocknete Pinangnuß, ungefähr 10 cm lange, grüne runde Zweige, frischer Sirih. Dazu gelöschter Kalk, den jeder in einer kleinen Dose mit sich führt. Überall auf den Straßen rote Flecken, Rückstände des durch Betel rot gefärbten Speichels, der ungeniert überall ausgespukt wird..
Aus einer kleinen, rechteckig geflochtenen Dose nehmen Agus, seine Mutter und ein inzwischen hinzu gekommener Nachbar eine Scheibe Pinang und einen Zweig Sirih; das Scheibchen wird in den Mund gesteckt, in die rechte Hand wird etwas Kalk gestreut, in den der Sirihzweig gewendet ebenfalls in den Mund gesteckt wird. Agus spuckt ungeniert auf den Fußboden, der Gast zur Tür hinaus. Obwohl Agus Mutter die ganze Zeit, als wir zu Besuch sind, Sirih-Pinang kaut, habe ich sie nicht ein einziges Mal ausspucken sehen. Ob es am Betelpfriem in ihrem Mund liegt, dass sie, die ständig wie ein Teenager kicherte, verschämt ihren Mund hinter der rechten Hand verbirgt?

Agus begleitet uns noch zur Straße und wartet, bis wir in ein Bemo gestiegen sind, um nach Kupang zurückzufahren. Während wir noch auf ein Bemo warten, kommen zwei junge Frauen mit ihren Kindern. Wie immer zieht Kassandra die Mütter an, die neugierig auf ein kleines weißes Mädchen sind. Besonders Kassandras blonde Haare haben es ihnen angetan. Einer der kleinen Jungen trägt ein hölzernes Instrument unterm Arm, das wie eine kleine Gitarre aussieht, und das ich zuerst für ein Kinderspielzeug halte. Ich lasse mich von Agus aufklären, dass es sich um ein einheimisches Instrument, eine reku handelt, die bei traditionellen Tänzen gemeinsam mit einem Gong besi den Ton angibt.

Wir verabreden uns mit Agus für den nächsten Morgen in unserem Hotel. Ich spüre gleicht, dass Agus seine Zusage nicht einhalten wird. Warum? Ist seine Zusage pure Höflichkeit oder fehlt ihm das Geld für die Fahrt nach Kupang? Bevor ich ihn einlade frage ich ihn, ob er öfter nach Kupang fährt. Täglich sagt er.

Von Baun sehen wir an diesem Tag nicht mehr. Wir werden noch einmal wiederkommen, da ich unbedingt einige Fotos machen möchte und auch einen Spaziergang durch den Ort. Baun gefällt mir einfach zu gut. Ein Tag, anders geplant, mit anderen Vorstellungen nach Baun gekommen und doch ein besonderer, erlebnisreicher Tag.

Am Abend beschließen wir, falls Agus morgen nicht bei uns vorbeikommt, noch einmal zu ihm nach Hause zu gehen. Heidrun hat die Idee, dass wir uns mit Baumwollsträngen revanchieren können. Außerdem habe ich noch einige Fragen an die sympathische Ibu in Baun.

24. Dezember 1990

Am Morgen zum zweiten Mal zur Bank Dagang Negara; unser Geld ist immer noch nicht gebucht. Ich bekomme erneut den Eindruck, dass unser Konto noch nicht eingerichtet ist, obwohl die Bankangestellte das verneint. Ich solle doch Mittags noch einmal anrufen. Vielleicht trifft das Geld heute ein.

Den ganzen Morgen warte ich mit Kassandra im Hotel auf Agus, der dann doch nicht kommt. Eigentlich hat er das gestern schon durchblicken lassen. Als wir uns mit Sampai jumpa lagi verabschiedeten, korrigierte Agus: Selamat tinggal. Ein längerer oder endgültiger Abschied also. Aber es war kein langweiliges Warten. Wir haben gespielt und uns gut amüsiert.

Heute Nachmittag habe ich in Deutschland angerufen, und wünsche meiner Mutter ein frohes Weihnachtsfest und ein glückliches Neues Jahr. Die Telefonverbindung ist ausgezeichnet, und ich habe den Eindruck, meine Mutter freut sich über meinen Anruf. Ganz sicher bin ich nicht. Sie machte einen sehr distanzierten Eindruck.

Nun sind wir schon fast zwei Wochen hier. Die telefonische Verbindung ist sehr schlecht und wir können Heidruns Eltern nur telegraphisch mitteilen, wie sie uns die Raten des Stipendiums nach Kupang überweisen. Wir rechneten damit, dssá die erste Überweisung aus Bonn innerhalb eines Monats auf meinem Konto eintreffen kann, hofften auch, dass Heidruns Eltern uns die DM 2000 vorstrecken können. Damit können wir uns ohne finanzielle Probleme in So`e ein Haus mieten, und uns einen Haushalt einrichten. Heidruns Eltern sind jedoch finanziell nicht belastbar, sodass sie unsere Bitte um eines kurzfristiges Darlehen an meine Mutter weiterleiten.
Ich wusste, dass dies für sie eine Katastrophe, da meine Mutter in ihrem Alter mit Bank- und Verwaltungsangelegenheiten völlig überfordert ist. Für sie ist eine solche finanzielle Transaktion ein Albtraum. Ich kann nur hoffen, dass sie keine Fehler macht, dass sich bei der nun dritten Übermittlung der Bankdaten kein Schreibfehler eingeschlichen hat.
Heute teilt mir meine Mutter mit, sie habe uns Montag voriger Woche DM 500 nach Kupang überwiesen. Ich diskutiere am Telefon nicht über den unzureichenden Geldbetrag, zu teuer die Gebühren. DM 500 sind einfach zu wenig, um uns in So`e einrichten zu können. Außerdem überweist der DAAD in den nächsten Tagen über DM 2000 auf mein Konto in Deutschland. Aber niemand kann uns für ein paar Tage diesen Betrag leihen. Wir warten weiter untätig auf eine positive Wendung. Schon jetzt reicht unser Geld nicht mehr, um Rückflugtickets zu kaufen. Heidrun und Kassandra können im Ernstfall nicht einmal mehr ein Ticket nach Denpasar bezahlen, um von dort ihren Rückflug nach Deutschland anzutreten. Auf mein Rückflugticket aus Deutschland muss ich in Kupang zwei Monate warten. Ich bekomme das Gefühl, unsere Interessen werden in Deutschland schlechter vertreten, als wir uns vorgestellt haben. In den nächsten Tagen werden wir ein weiteres Telegramm schicken, obwohl wir diese Ausgaben kaum noch leisten können.

Für indonesische Verhältnisse überpünktlich kommt Mikhael mit Familie, wie verabredet, gegen 17 Uhr in unser Hotel, um uns zur abzuholen. Es ist Heiligabend und wir wollen auf keinen Fall versäumen, wie Malam natal, die Christmette gefeiert wird.
Wir trinken zusammen Tee. Heute Nachmittag weht ein ungewöhnlich kalter und heftiger Wind über die Terrasse blies. Unsere Gäste fühlen sich schnell unwohl. Besonders Mikhaels Frau ist um ihre Tochter besorgt, die sie gleich bei der Ankunft in eine dicke Jacke hüllt, die Kapuze über den Kopf gezogen.
Womit wir gerechnet haben, Mikhael hat seine Kontakte nach So`e aktiviert. Er hat sich informiert, wo wir dort an Haus mieten können und war erfolgreich. Der ältere Bruder eines Freundes von ihm, hat dort ein leerstehendes Haus, das zu mieten sei. Wir können nach So`e fahren und es ansehen. Gefällt es uns, könnte wir schon ein paar Tage später einziehen. Der Mietpreis liegt zwischen Rp 650.000 – 700.000 für ein Jahr. Wann wir denn nach Soe umziehen wollen?, will Mikhael wissen. Wir verabredeten den kommenden Samstag oder Sonntag, je nach dem, ob ein anderer Freund von ihm, mit dessen Wagen wir den Umzug machen wollen, Zeit dazu hat. Wir haben es nicht besonders eilig, besonders da immer noch kein Geld aus Deutschland auf mein Kupang-Konto geflossen ist. Unsere finanziellen Verhältnisse sind schlechter denn je. Wir haben jetzt noch ungefähr DM 1000, ziehen wir Hotelrechnung und die Vorfinanzierung für die Hausmiete ab, bleiben uns noch DM 500. Nicht gerade viel, um eine Forschung ins Unbekannte zu starten.

Trotz unserer ungünstigen Situation entschließen wir uns, Mikhael und seine Familie, bevor wir zur Kathedrale Kristus Raja gehen, zum Essen einzuladen. Sie nehmen erfreut an und wir gehen, da wir nicht besonders viel Zeit haben, nach gegenüber ins Restaurant des gerade ein knappes Jahr alten Hotels Pantai Timor. Obwohl die Messe erst um 21 Uhr beginnt, ist es nach Mikhaels Meinung ratsam, schon um 20 Uhr dort zu sein, da mit großem Andrang zu rechnen ist. Die Qualität des Essens ist, trotz der netten Atmosphäre zwischen uns, wenig erfreulich und überteuert. Wiedereinmal die Erfahrung, dass es unsinnig ist, in Kupang im Restaurant zu essen. Kassandra und Jessika freunden sich immer mehr an. Kassandra realisiert, dass Jessika die jüngere ist und spielt sich ganz als großes Mädchen auf, zeigt der kleineren Jessika, was sie alles kann, und animiert sie dazu, sie nachzuhahmen. Jessika lässt sich natürlich nicht bitten.

Die Bevölkerung Kupangs bekennt sich mehrheitlich zum protestantischen Glauben, dennoch scheinen die drei katholischen Kirchen im Ort nicht auszureichen. Die Teilnahme an der Christmette in der Kathedrale ist für uns besonders attraktiv, besonders, da Mikhael uns einführt.
Gegen 19.30 Uhr sind wir vor der Kathedrale. Kristus Raja ist ein großes, rechteckiges Gebäude aus dem Jahre 1975. Ein deutscher Sponsor, ein niederländischer Pater als Initiator. haben sich um den Bau dieser Kirche bemüht. Da der Indonesier in Äußerlichkeiten sehr locker ist, zeigt die Fassade Verfallspuren , die keiner großen Reparaturen bedürften. Anscheinend stört sich daran niemand. Nur das schlichte Kreuz an der vorderen Breitseite weist dieses unscheinbare Gebäude als eine Kirche aus. Die Fenster der beiden Längsseiten, des mit Neonlicht hell beleuchteten Innenraums, sind mit schmalen, länglichen Bleiverglasungen geschmückt, die bunte, geometrische Muster zeigen, aber auch Motive aus dem christlichen Symbolismus. Im Inneren zwei Reihen breiter, hölzerner Kirchenbänke, wie man sie in christlichen Kirchen nicht anders erwartet. Über allem die mit traditionellen Timor-Textilien geschmückte Kanzel, ein Altar, und die zu Weihnachten unvermeidliche Krippe mit der Heiligen Familie. An der Wand über der Krippe hängt ein sehr großes, einfaches Holzkreuz mit dem Corpus Christi sowie ein weihnachtlicher Segensspruch. Bahasa Indonesia, nicht Uab Meto.
Die ganze Szenerie leuchtet in gleißendem Neonlicht, die sich langsam stauende Hitze im Raum wird durch mehrere Ventilatoren verwirbelt.

Zu unserer Entäuschung stellen wir fest, dass alle Plätze im Inneren der Kathedrale bereits besetzt sind. Also doch zu spät. Sitzplätze sind nur noch draußen vor der Tür reichlich vorhanden.
Eine Stunde später ist der Platz vor der Kirche brechend voll. Es herrscht ein chaotisches Gedränge und selbst Stehplätze sind knapp geworden. Vor den Haupteingang der Kathedrale hat man mehrere Reihen Klappstühle aufgestellt. Von hier aus kann man der Zeremonie im Inneren der Kirche gut folgen. An mehreren Stellen hängen TV-Monitore und Lautsprecher, die Videokameras aus dem Inneren mit Bildern versorgen.
Eine lange Wartezeit beginnt. Die Kinder verlieren schnell die Geduld und das Interesse. Als die Mette beginnt, sind beide schon so gelangweilt, dass sie quengeln und weg wollen. Jessika wird schon kurz nach Beginn der Messe nach Hause gebracht, Kassandra hält noch eine gute Stunde durch, ist aber immer weniger für das Geschehen zu interessieren. Ihr fehlen wieder einmal die tanzenden Männern, die sich hübsch gemacht haben, und nach denen sie lauthals in ihrem gebrochenen Indonesisch verlangt.
Die ganze Zeremonie findet sie zu steif, zu wenig dramatisch. Die gesungenen Lieder kommentiert sie lapidar als zu laut. Ihr haben die Zeremonien in den balischen Pura zu gut gefallen, um sich nun kurzfristig auf die christliche Liturgie einzustellen. Ganz offensichtlich fehlt ihr der Unterhaltungswert, die lockere Atmosphäre der balischen Zeremonien, das freie Umherlaufen in der Pura, die unmittelbare Nähe zu theatralischen Geschehens. Der TV-Monitor, den wir aus der ersten Reihe gut sehen können, findet nicht ihr Interesse. Das lange Ruhigsitzen, sich nicht bewegen zu dürfen, nicht zum zu Altar laufen zu können, das alles sagt Kassandra überhaupt nicht zu.

Gegen 21.00 Uhr beginnt die Christmette mit einer kurzen Ansprache in Indonesisch, in welcher die Anwesenden begrát, und zur Teilnahme an der Messe aufgefordert werden.
Bevor die Messhandlung beginnt, wird in Kostümen, und in theatralischer Geste eine Bühnenbearbeitung der Christnacht aufgeführt. Ein Krippenspiel in der naiven Manier der’Oberammergauer-Festspiele. Maria und Josef kommen zur Volkszählung ins überfüllte Nazareth, finden kein Zimmer und landen in einem Stall in der Nähe von Bethlehem. Jesus wird geboren, Komet und Engel treten auf, die Hirten machen ihre Aufwartung vor dem neugeborenen Kind, dessen Geburt durch mancherlei eigenartige Erscheinungen begleitet wird. Die erste Stunde vergeht mit dieser Spielhandlung, mit Rezitationen aus dem Evangelium und dem Singen der entsprechenden Lieder. Ein gemischter Chor singt die Strophen der Lieder, die Gemeinde stimmt in die Refrains ein.

Nachdem die Hirten ihre Aufwartung gemacht haben, ist das Krippenspiel beendet. Die Akteure treten ab. Maria und Josef holen die Priester, die die heilige Messe zelebrieren, aus der Sakristei ab, und führen sie an den Altar. Maria mit gesenktem Kopf und andächtig gefalteten Händen, der bärtige Josef hoch erhobenen Hauptes und auf seinen Wanderstab gestützt. Währenddessen stimmt der Chor weitere Lieder an, die ich nicht kenne. Das Liturgie der Christmette folgt dem bekannten Schema, reiht die einzelnen Höhepunkte aneinander: Lesung, Predigt, Wandlung, Kommunion und Abschlusssegen. Der Priester und seine Gehilfen zelebrieren in weißen, bodenlangen Gewändern. Die Lesung verkündet, ein monotoner Sprechgesang, wieder einmal die Frohe Botschaft. Die Predigt handelt von der Geburt Jesus di setengah-setengah kita, spricht von der notwendigen Solidarität unter den Menschen, die Jesus vorgelebt hat sowie von der Verwirklichung der Maxime der Panca sila durch aktives Christsein in der indonesischen Gesellschaft: seratus prosen Kristen, seratus prosen orang Indonesia lautet das Motto dieser Nacht, das der Bischof von Kupang, Piet Manehat SVD, dem Auditorium entgegenruft.

Die Sprache der heiligen Messe ist die Bahasa Indonesia. Für die Lesung.
Für die Predigt.
Für Lied und Gebet
Für die entscheidenden Stellen der Liturgie, das Messopfer und den Abschlusssegens wechselt der Bischof ins Lateinische, das der katholischen Kirche Jahrhunderte als Ritualsprache diente. Falsch verstandenes Modernisierungsstreben hat damit in Deutschland schon vor Jahrzehnten aufgeräumt.
Der Ablauf der Messe, ihre innere Struktur, unterscheidet sich kaum von Messen in Deutschland. Der Ablauf ist aber elaborierter ausgestaltet und völlig ritualisiert. Immer wieder wird die Messhandlung von Geschehnissen an Nebenschauplätzen unterbrochen, wird die Aufmerksamkeit der Teilnehmer an der Messe von der eigentlichen Handlung abgelenkt, auf weiteres Geschehen vorbereitet und emotional eingestimmt. War es zu Beginn das Krippenspiel oder der feierliche Einzug der Priester, sind es während der Messe, die mehrmals, und in verschiedener Form vorgetragenen Rezitationen der Ereignisse im Stall zu Bethlehem, die zuerst einer Frau von der Kanzel, dann von einem Priester im Sprechgesang und dann schließlich während der Lesung zum dritten Mal vorgetragen werden. Zwischendurch immer wieder Choreinlagen, gemeinsame Gesänge, die die Gemeinde emotional stark beteiligt aufgreift, gemeinsame Gebete, die die Messhandlung unterbrechen, den durchführenden Priester für kurze Zeit innehalten lassen.
Ein über Mikrophone ausgestrahlte Appell wird nicht müde wird, die Geburt von Jesus di setengah-setengah kita zu verkünden.

Schließlich der Höhepunkt der Christmette. Feierlich werden die Hostien hereingetragen, die in der Wandlung zu Jesus Fleisch (und Blut) werden sollen. Eine kleine Prozession, angeführt von weiß gekleideten Kerzenträgern, wie zur Erstkommunion gekleideten Mädchen, älteren Frauen und mehrere, in bodenlange weiße Gewänder gekleidete Priester, trägt die Behälter mit den Hostien zum Altar.

Die nun folgende Kommunion setzt mich einer skurrilen Situation aus. Mehrere Priester kommen mit den hostiengefüllten Kelchen, auch mit Plastikbehältern, nach draußen, wo sie sich vor die erste Sitzreihe aufstellen, in die mich Mikhael, ganz Gastgeber, untergebracht hat. Mikhael fragt mich überraschend: Sudah menerima hostie? Und mir, alle Augen auf mich gerichtet, bleibt nur ein Ja.
Spontan ein Adrenalinstoß. Schweiß aus allen Poren.
Im Zugzwang, weiß ich nicht, wie ich dieser peinlichen Situation entkommen kann.
In der ersten Reihe, der einzige Weiße. Ich befinde mich im Zentrum der Aufmerksamkeit.
Ich, Angehöriger einer Kultur, der diesen Glauben in der Welt verbreitet hat, die innig mit dem Christentum innig verbunden ist.
Mir fehlt der Mut, einfach sitzen zu bleiben.
Es schaffe es nicht, als einziger auf meinem Platz zu bleiben, während alle aufstehen und sich in die Reihe vor den Priestern aufreihen.
Ich fürchte die vielen Fragen, die ich doch nicht erklären kann.
Mikhael nicht kompromitieren denke ich, und will heuchlerisch in der Menge untertauchen.
Weit gefehlt.
Ich bin der weiße Tuan und der Repräsentant.
Ich gehöre an den Anfang.
Die erste Reihe lässt mir keine Chance.
Und so kommt es, dass ich, der Ungläubige, einer dieser Reihen der Gläubigen anführt.
Dem Priester, der die Hostien verteilt, die nun keine mehr sind, sondern göttliches Fleisch, Auge in Auge gegenüber, habe ich keine Zeit, zu beobachten, wie die anderen sich verhalten. Ich schaue genau hin, tue alles, was die anderen tun. Und natürlich mache ich es falsch.
Ich improvisiere den Empfang der Hostie, und improvisiere falsch, da meine Erinnerung an die wenigen Messen der letzten Jahre nicht reicht. Was ich noch weiß, ist die Hostie mit der Hand entgegen zu nehmen. Ich bin in Indonesien, wo die linke Hand unrein ist. Ich entscheide mich spontan für die rechte Hand.
Was nun mit der Hostie? Ich halte sie in der Hand, kehre an meinen Platz zurück und nehme sie erst dort in meinen Mund. Die Entgegennahme der Kommunion durch die Gemeinde dauert über eine halbe Stunde und ich habe in dieser Zeit reichlich Gelegenheit zu sehen, wie ich es richtig gemacht hätte. Natürlich wird die Hostie mit der linken Hand entgegengenommen, mit der rechten in den Mund gesteckt und zwar unmittelbar nachdem sie empfangen wurde. Erst dann kehrt man auf seinen Platz zurück.
Ich entlarve mich selbst, als jemand, der den Ritus nicht kennt.
Was noch folgt, sind weitere Lieder, der Abschlusssegen sowie eine Durchsage, die über die Messen der nächsten Tage informiert.
Jeder hat es gesehen, so Mikhaels Belehrung und Kommentar auf dem Nachhauseweg durch das dunkle und nach Mitternacht stille Kupang.
Das Innere der Kathedrale mit der dort aufgebauten Krippe bekomme ich an diesem Abend nicht zu sehen. Das Gedränge aus der Kathedrale heraus ist zu groß.
Zum zweiten Mal an diesem Abend gelingt es mir nicht, gegen den Strom zu schwimmen.

25. Dezember 1990

Pesta hari natal. Der 1. Weihnachtstag. Schon als wir aufstanden, wehte ein starker Wind, der die Benutzung der Hotelterrasse unbehaglich machte. Wir blieben fast den ganzen Tag im Hotelzimmer, faulenzten, spielten, feierten Weihnachten auf unsere Art. Als Heidrun dann am späten Nachmittag noch auf einen kurzen Spaziergang drängte, konnte ich mich schwer von der angenehmen Atmosphäre des Zimmers trennen. Aber Kassandra fing an sich zu langweilen, es verlangte sie nach Stadt gehen und Abwechslung.

Kupang bot am 1. Weihnachtstag kein vollständig anderes Bild, wie an gewohnten Wochen- und Sonntagen. Für die Uhrzeit, es war schon nach 17 Uhr, waren vielleicht nicht ganz so viele Leute unterwegs wie sonst. Viele Läden waren geschlossen, was nicht unbedingt eine Ausnahme ist. Auch an den Wochentagen zwischen 14 – 17 Uhr ist das der Fall. Von einer besonderen oder feierlichen Atmosphäre spürte ich nichts. Kupang zeigte sich gewohnt urban. Lediglich der Wind, der den ganzen Tag vom Meer her wehte, veränderte die Atmosphäre. Die Gicht der hochgepeitschten Brandung schlug bis hinauf auf die Hauptgeschäftsstraße der Stadt, die direkt am Strand entlang verläuft.

Am Abend besprechen wir unsere finanziellen Verhältnisse. Wir beschließen, die erste Geldsendung aus Deutschland in Kupang abzuwarten. Es ist uns zu riskant, uns bis auf einen kleinen Rest finanziell zu verausgaben. Wenn der Aufenthalt im Hotel Susi auch teuer ist, so bietet er uns doch die Möglichkeit, später zu zahlen. Die Miete für das Haus in So`e, sagt Mikhael, müssen wir für das erste Jahr im Voraus entrichten. Außerdem entfallen dann auch die Fahrten So`e-Kupang – 100 km in drei Stunden – zur Bank und zum Kantor Telepon.
Ich habe das Gefühl, beide Gebäude in den nächsten Tagen häufiger aufzusuchen.

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