Blatt Vierundzwanzig: So`e

28. Februar 1991

Heute über sechs Stunden an der Dokumentation der Lotis-Technik gearbeitet. Die soll in Oebesa üblich sein.
Sampai setengah-mati.
Die vorbereitenden Arbeiten haben wie gestern schon abgeschlossen. Heute haben wir mit der Musterbildung begonnen.
Gegen den Widerstand von Ibu Naomi setzen wir ein ´kaif-Motiv für die Kette durch. Allerdings, so Naoni, werde der ´kaif nicht paling halus sein. Dazu fehlten uns die Voraussetzungen. Also, wenn überhaupt ein `kaif, dann die Grundform. Keine der feinen Musterungen.
Den ganzen Vormittag immer wieder das Problem, das natürliche Fach des Webgeräts zu öffnen. Die Kette ist für das Webgerät zu breit geraten, die Kettfäden liegen zu eng und die einzelnen Elemente des Webgeräts passen nur mit Mühe in die Kette. Warum ließ Ibu Naomi Heidrun die Kette breiter als üblich schären? Vielleicht waren die weißen Garnstränge zu groß. Ibu Naomi hatte vor, vier weiße Kepala zu schären. Als vier schwarze aufgebraucht waren, war noch ein halbes weißes Garnknäuel übrig. Daraufhin entschloss sie sich, noch ein fünftes schwarzes Knäuel zu verwenden.
Wir schafften trotzdem vier Musterrapporte einzulesen und bekamen so den ersten Eindruck von der Komplexität des Musters so wie der Technik. Kompliziert und ausgetffelt.

Am Nachmittag mein zweiter Versuch mit Sirih-Pinang. Ging wieder vollkommen daneben. Eine Überdosis erwischt. Übelkeit und Kreislaufstörungen. Für den Rest des Tages hatte ich mich aus dem Verkehr gezogen. Aus unserem geplanten Entspannungsspaziergang am Nachmittag wurde nichts. Heidrun und Kassandra gingen alleine los, während ich auf der Matte lag und langsam wieder zu Kräften kam.
Ich hatte die doppelte Menge gegessen wie beim letzten Mal: eine ganze Pinangnuss, etwas mehr als eine halbe Sirihfrucht. Den ersten Speichel verschluckte ich versehentlich, den folgenden habe ich dann ausgespuckt. Die Wirkung des Alkaloids setzte beinahe unmittelbar ein. Sofort unangenehm. Obwohl ich die Betelmischung gleich wieder aus dem Mund nahm, war es zu spät. Meine Mundschleimhaut hatte in den wenigen Minuten schon genug Wirkstoff ins Blut transportiert. Ich schaffte es gerade noch, mich in eine ruhige Ecke des Gartens zu setzen, bevor mein Kreislauf schlapp machte. Die Welt drehte sich, mir war übel, und ich war in kaltem, klebrigem und übelriechendem Schweiß gebadet. Ich saß in der warmen Nachmittagssonne und fror. Ich blieb ruhig sitzen, spuckte vor mich hin, wagte es nicht aufzustehen oder gar den Kopf zu bewegen. Eine halbe Stunde saß ich da, und wartete vergeblich auf das Nachlassen der Wirkung. Zu allem Überfluss kam Hendirk Billik quer durch den Garten auf mich zu. Er war wohl zu einem Schwätzchen aufgelegt. Er hatte mich von seinem Haus aus im Garten sitzen gesehen. Mir blieb nur die hastige Flucht zurück ins Haus, murmelte ein sakit perut und ließ ihn einfach stehen. Heidrun, die dazu kam, erklärte.
Übelkeit und leichter Schwindel blieben mir den ganzen Abend. Alles nicht so angenehm, wie bei meinem ersten Versuch. Eine Flasche Korn, von mir alleine getrunken, hätte mich nicht mehr geschafft.
Ein absolut ekelhaftes Gefühl. Ich hatte die Grenze des für mich Verträglichen überschritten. Das nächste Mal werde ich die Menge reduzieren.
Eine Pinangnuss scheint für mich zuviel zu sein. Die Einheimischen essen alle paar Stunden eine. Marcelinus riet mir, nicht mehr als eine zu essen. Nun weiß ich es: Eine Pinangnuss ist für ein Greenhorn wie mich auf jeden Fall zu viel. Aber was bleibt mir übrig: Ich werde weiter experimentieren. Auf keinen Fall soll mir eine solche Panne öffentlich passieren. Ich muss lernen, die Menge richtig einschätzen.

Trotzdem abends die Lotis-Technik dokumentiert. In gereizter Atmosphäre. Mir war einfach zu übel, und ich konnte die Geduld für die kontroverse Diskussion nicht wirklich aufbringen. Aber unser theoretisches Verständnis wuchs. Heidrun und ich arbeiten wieder gut zusammen, ergänzen uns hervorragend; wie in alten Tagen macht mir die Zusammenarbeit Freude.

1. März 1991

Wieder ist ein Monat verbraucht. Die Zeit läuft schnell und wir kommen nicht mit. In ein paar Tagen arbeiten wir schon seit zwei Wochen am Lotis. Es scheint, dass zwei weitere nötig sind, um selbständig einen Lotis weben zu können. Teuflisch kompliziert und aufwendig, diese Verzierungstechnik.

Vierzehn Rapporte heute. Das ´kaif-Motiv, vom dem es viele Variationen gibt, nimmt in unserer Vorstellung Gestalt an. Das halbe Motiv ist nun in die Kette eingewebt.

Unsere Webdemonstration auf der Terrasse entwickelt sich zum sozialen Ereignis in Oebesa. Immer mehr Passanten kommen, manche auf einen kurzen Blick, andere bleiben Stunden. Wir müssen unseren Sirih-Pinang-Vorrat vergrößern, damit genug zu kauen da ist. In meiner Vorstellung komme ich mir inzwischen vor, wie unter dem Lopo im Dorf: es wird gewebt, Passanten kommen vorbei, machen eine kurze Rast, Sirih-Pinang bei der Ankunft, Sirih-Pinang vor dem Aufbruch. Besonders die alten Frauen bleiben lange und kommentieren das Weben. Ibu Naomi gefällt diese Aufmerksamkeit nicht. Sie drängt wieder mehr, im Haus zu arbeiten. Wir denken gar nicht daran, uns zu verstecken, zählen auf die Aufmerksamkeit, die wir erregen, versprechen uns weitere Kontakte und zusätzliche Indormationen, davon und eine Kontrolle des Webens.

Gestern der zweite, missglückte Versuch.
Ich versuche noch einmal, den Namen für das Webgerät aufzunehmen. Die einheimische Bezeichnung. Niemand der anwesenden Frauen versteht, was ich von ihnen will.
Ich kenne doch nun die Termini der einzelnen Elemente. Mühsam erkläre ich, dass ich den Namen für das komplette Gerät brauche. Das Alat-alat tenun, frage ich in der Bahasa.
Immer wieder die Bezeichnung für die einzelnen Bestandteile. Selbst als sich einer von Kassandras Jungs, der verstanden hatte, was ich will, einmischt, Unverständnis bei den Frauen. Schließlich die folgenden Termini: pab mese und huma mese. Das Zahlwort mese macht mich skeptisch. Aber ich komme nicht weiter.
Später stelle ich fest, dass die Antwort auf meine Fragen lautet: das Webgerät besteht aus verschiedenen Elementen. Aus acht einzelnen Teilen: huma mese.
Aber auch zwei ud sind huma mese, fünf sia sind huma mese, zwei liub sind ebenfalls huma mese und so weiter. Wieder in einer Sackgasse. Ich kann nicht glauben, dass man nur die Einzelelemente bezeichnet. Nicht das komplette Gerät. Ich muss anders fragen, komme mit dem malaiisch-indonesischen Begriff alat-alat tenun nicht weiter. Die Frauen glauben immer, ich frage nach den alat-alat, den einzelnen Teilen. Niemand schließt auf das ganze Gerät.

Heute vielleicht der Durchbruch. Oma Billik hat über mein beharrliches Fragen nachgedacht. Hat sie verstanden, worum es mir geht. Haben die Biliks mein Problem im Kreis der Familie diskutiert?
Hau banit, sagt sie, sei der Name für das komplette Webgerät. Und alle Anwesenden, einschließlich Ibu Naomi, bestätigen wie selbstverständlich.
Als ob es die leidliche Diskussion gestern nicht gegeben hätte.
Ich frage nach der Übersetzung ins Indonesische. Hau banit: saya punya kaya untuk kerja. Untuk tenun.
Banit bedeute kerja benang. Frei: hau banit bedeutet also kayu tenun. Und ich komme beim indonesischen alat tenun aus. Ist der Terminus ein Notbehelf auf mein beharrliches Fragen? Hatte Oma Billik einen Geistesblitz. Alat-alat tenun einfach zurück ins Uab Meto zu übersetzen.
Hau bedeutet also kayu oder alat. Banit übersetze ich mit kerja benang.
Tenu oder teun sind Verb oder Substantiv des Uab Meto für weben und Gewebe. Müsste das Webgerät dann nicht hau tenu heißen?
Vor allem, wenn man wie ich, inzwischen weiß, dass hau das Wort für Holz ist.
Die Einzelteile des Webgeräts sind aus Holz oder Bamubus.
Die Hölzer zum Weben!
Schließlich macht aber auch banit Sinn: Die Hölzer für die Arbeit. Mit Fäden. Warum nicht?
Alltagssprachlich sagt man aber auch: meop ab uat oder meop abas.
Die Arbeit mit Fäden. Mit Baumwolle.
Andrews Wörterliste enthält banit in der Bedeutung: weben.
Immerhin besteht auch die Möglichkeit, dass es keine indigene Bezeichnung gibt. Hat mein Fragen zu einem Neologismus geführt? Eine Innovation um meine Neugier zu befriedigen. Dem unersättlichen Forscher das Maul zu stopfen!

Ich werde die Termini mit Marselinus diskutieren. Nachdem er gestern kam, und ich keine Zeit hatte, mit ihm zu arbeiten, versetzt er mich heute wieder.

Am Nachmittag ein langer Spaziergang hinunter in eines der vielen Täler, die So´e umgeben. Ein steil abwärts führender, steiniger Weg.
Wir kommen nach Oeniubsae.
Der Ort heißt Wasser, das wie Wolken steigt. Sofort sind wir Mittelpunkt des dörflichen Lebens. Scharen von Kindern bilden unseren Geleitschutz durch die Straßen. Wir werden angehalten und ausgefragt: Tem on me?. Das übliche wir gehen spazieren ist nicht Legitimation genug.
Einfach irgendwo auftauchen geht nicht.
Wir müssen uns und unsere Absicht erklären, uns an einer unsichtbaren Zollschranke ausweisen. Erst wenn wir in ein soziales Koordinatensystem eingeordnet sind, erteilt man uns die Erlaubnis weiterzugehen: Mau jalan terus oder Silakan!
Sprachkompetenz ist auch hier ein Plus, schafft Vertrautheit. Wir haben einen festen Wohnsitz in Oebesa.
Irgendjemand hat Heidrun und Kassandra schon auf dem Pasar Inpre gesehen.
Wir sind keine Durchreisenden, die kurzfristig in einem Losmen wohnen.
Wir wohnen im Haus von Pak Billik. Der ist in So´e bekannt. Das übliche Frage-Antwort-Spiel nach dem Woher und Wohin geht in einen kurzweiligen Small-Talk über, endet in einer Einladung, die wir für heute ausschlagen.
Es ist spät. Ich erwarte Marselinus, der dann doch nicht kommt.
Begleitet von mindestens zwanzig Kindern spazieren wir noch ein Weile durch Oeniubsae, schwatzen und scherzen mit den Kindern und kehren dann um, da es Kassandra in der Masse wieder unbehaglicher wird.
Wir werden sicher wieder einmal nach Oeniubsae kommen. Herrliche Aussichten über die roaring hills Westtimors. Direkt gegenüber, ganz nah, der Faut Aob, ein bizarrer Kalksteinfelsen, denn man von jeder kleineren Erhebung aus sehen kann.

19. März1991

Tagebuch retrospektiv.
Inzwischen sind über zwei Wochen vergangen, in denen ich nicht dazu gekommen bin, unseren Aufenthalt hier zu beschreiben. Es gab nicht viel zu tun, sodass mein Tagebuch zurückstehen musste.
Ich habe die meiste Zeit krank im Bett verbracht.

Sonntag, 3. März
Wir waren gerade mit dem Frühstck fertig und wollten uns auf den Weg machen, uns in der Kirche sehen zu lassen. Besuch stand in der Tür. Zwei junge Österreicher, Ethnologiestudenten aus Wien, hatten im Bahagia von unserem Aufenthalt in So´e erfahren. Sie waren neugierig, uns kennenzulernen. Den ganzen Morgen über Small-Talk. Ausfragen nach unseren Erfahrunge.
Der große Alterunterschied, der unterschiedliche Erfahrungshintergrund, wirkte sich auf unsere Perspektiven aus. Die Österreicher befanden sich auf einer Orientierungsreise durch den Archipel:
Er, Roman, plante eine kürzere Feldforschung auf Lembata. An der Südküste in Lamalera, wo zwischen Mai und Oktober die alljährlichen Walfangsaison stattfindet. Ihn interessiert das Verhältnis der Bevölkerung zu ihrer Jagdbeute.
Erst einmal ein Orientierungsbesuch in Lamalera um die Möglichkeiten einer Untersuchung zu sondieren.
Sie, Vera, verfolgte ähnliche, kultur-ökologische Pläne auf Komodo. Sie interessiert sich die Beziehung der Bevölkerung für die dort lebenden Warane.
Beide noch unerfahren, naiv in Planung und der Durchführung ihrer Forschungsprojekte. Ob vier Monate ausreichen. Beide waren bereits das dritte Mal in Indonesien, in der Wahl ihrer Region noch unsicher. Sie erzählen von regionalen Alternativen in Indonesien, die sie sich vorstellen können. Das Wiener Völkerkunde-Institut, ein kleines Institut im Schattendasein. Ohne die Möglichkeiten entsprechender sprachlicher und ethnologischer Ausbildung, die sie auf eine Forschung in Indonesien vorbereiten könnte. Fehlende Literatur, fehlende Lehrer, fehlende theoretische Einbindung an der Wiener Universität. Sprachunterricht in der Volkshochschule in Wien. Eine groteske Situation, die den angehenden Ethnologen gleich zeigt, das Improvisation in unserer Wissenschaft lebensnotwendig ist.

Dienstag, 5. März
Mit der Dokumentation des Lotis kommen wir gut voran. Es fehlen noch Details, einige Korrekturen sind nachzutragen, Missverständnisse des Arbeitsprozesses auszuräumen. Lotis ist eine außergewöhnlich schwierige Webtechnik. Das Verständnis der technischen Abläufe erfordert unsere ganze Aufmerksamkeit.
Die zwei Stunden, die Ibu Naomi täglich vorbeikommt, reichen nicht, die vielen mit einander verbundenen Arbeitsschritte schnell zu verstehen.
Wir arbeiten uns Schritt zu Schritt weiter voran.
Wir erlernen die Technik fortlaufend. Versuch und Irrtum. Fragen. Korrigieren. Dokumentieren.
Heidruns Vorbildung erweist sich als unverzichtbar.
Ihr fällt es leicht, die Technik zu erlernen. Aber damit ist sie noch nicht beschrieben. Um diese technologischen Prozesse nachvollziehbar zu beschreiben, bleibt mir nichts Anderes übrig, als sie selbst zu lernen.
Gemeinsam bringen wir den Lotis aufs Papier. Technologisch und ikonopgraphisch.
Während unserer Arbeit in den Museen wurde uns bereits deutlich, mit welchen Techniken wir es in Amanuban zun tun bekämen. Den Arbeitprozess verrieten uns die Exponante in den Museen aber nicht.
Deshalb müssen wir nun selbst weben. Rekonstruieren.
Nun ist die Dokumentatiuon der schönen Musterung eines Gewebes in Kettentechnik fast abgeschlossen. Liegt publizierbar vor.
Zukünftig dürfte es über die Technologie dieser Variatiion eines Timortextils keine Zweifel mehr geben. Es ist nicht leicht zu verstehen, dass bisher niemand den Versuch unternahm, sich den technologischen Problemen zu stellen, und die Herstellungstechnik eines Lotis grundsätzlich festzuhalten.
Die meisten westeuropäischen Völkerkundemuseen bewahren solche Exponante auf, stellen sie immer wieder aus. Ohne ausreichende Informationen.
Als einziger hat sich Goslings, in den 1920 Jahren, eine kurze Studie dieser Technik gewidmet.

Morgens informiert uns Pak Billik über den plötzlichen Tod des Pak Lurah von Oebesa. Gestern Abend nach Kupang ins Militärhospital gebracht, eine Notoperation, die er nicht überlebte. Hinter vorgehaltener Hand erzählt man uns, es sei der Alkohol, der ihn ums Leben brachte. Kaum Mitte Fünfzig. Pak Billik, Ketua R.W., sammelt für die Geschenke an die Hinterbliebenden. Wir steuern unseren Obolus bei.
Wir haben den Eindruck, Familie Billik erwartet, dass wir uns an Beileidsbekundungen der Nachbarschaft beteiligen. Wir nehmen uns den Tag frei.
Stundenlang warten wir darauf, abgeholt zu werden. Obwohl drei Uhr vereinbart, wird es halb sechs als wir endlich zum Haus des verstorbenen Pak Lurah aufbrechen.
Obwohl in So´e vieles anderes ist, sind wir doch in Indonesien.

Mittags kommen Vera und Roman noch einmal vorbei. Sie wollen unsere Webdokumentation fotografieren. Wegen der Trauerfeierlichkeiten weben wir nicht.
Wir vertrösten sie auf den nächsten Tag.

Abends brechen wir gemeinsam mit der Nachbarschaft zum Haus des Pak Lurah auf.
Ein weiterer Treffpunkt in Oebesa, wir warten wieder.
Schließlich geht es mit dem Auto zur Jl. Diponegoro, zum Haus des Pak Lurah. Der Vorplatz vor dem Haus ist mit blauer Plastikplane überdacht.
Unter der Plane, zu beiden Seiten des Wegs zur Haustür, hölzerne Sitzbänk. Mehrere Reihen. aen ganzen Tag Kondulenzbesuche.
Vor dem Haus herrscht reges Treiben. Auf der linken Seite des Eingangs sitzen die Frauen, rechts sitzen die Männer. Plaudernde Gruppen.
Wir warten seitlich des Hauses bis alle Teilnehmer aus Oebesa eingetroffen sind. Dann erst gehen wir hinein.
Der Pak Lurah ist im linken Teil des Empfangsraums aufgebahrt. Im Raum die Klageweiber. Trauernde, schluchzende Frauen überfüllen das kleine Zimmer.
An der Kopfseite des Sarges stehen oder sitzen die Familienmitglieder des Pak Lurah.
Dort nehmen sie die Beileidsbezeugungen entgegen.

Der verstorbene Pak Lurah liegt im geöffneten Sarg auf dem Rücken. Er ist ganz mit dünner Gaze bedeckt. Seine Augen sind geschlossen, seine Hände sind im Schoß wie zum Gebet gefaltet. Der Sargdeckel steht hinter dem Sarg gegen die Wand gelehnt.
Schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarze Krawatte. Bis zu den Knien bedeckt ihn ein gelb-schwarz gemustertes Roti-Gewebe.
Der Pak Lurah ist Rotinese, das Tuch Zeichen seiner ethnischen Zugehörigkeit.
Wie ein Baldachin überspannt den Sarg ein großer Mau, der an sechs Punkten an der Decke befestigt ist. Die traurige Atmosphäre im Raum treibt mir die Tränen in die Augen.
Die Pietät hindert mich, mir den Mau an der Decke genauer anzusehen. Möglich Molo-Provenienz
Das Roti-Gewebe im Sarg, der Mau über dem Sarg. Eine Symbolik, die das Leben des Pak Lurah beschreibt.
Geboren in Roti. Gestorben in Timor Tengah Selatan!

Von dem gesammelten Geld wurde weißer Reis, ein Schwein und ein modernes, ikatgemustertes Gewebe – rotes Muster auf schwarzen Hintergrund – gekauft.
Das lebende Schwein, in Bananenblätter gewickelt, an einer Bambusstange hängend.
Der Reis in einem weißen Plastiksack mit aufgedrucktem Firmenlogo.
Das Gewebe liegt zusammengefaltet in einem grün-rot geflochtenen Korbdeckel.
Gekochter, weißer Reis mit gekochtem Schweinefleisch – sisi maka – ist das traditionelle Festessen bei allen offiziellen Anlässen.
Das Festessen der Lebenszyklusrituale. Die feiernde Gemeinschaft kommt dafür auf. Die Gaben der sozial und politisch Abhängigen.
Textilien, Reis und Schweinefleisch gehören in Amanuban zu den Gaben, die die Brautgeber während dieser Rituale an ihre Brautnehmer geben.
Mit den Frauen geht das Leben. Der Flow of Life, wie ihn James Fox genannt hat.
Die Brautgeber nähren ihre Brautnehmer, die deshalb von ihnen abhängig sind. Von ihren lebensspendenden Gaben.
Die Nachbarn zelebrieren ihre Rolle als politisch Abhängige.

Wir sitzen vor dem Haus auf den Bänken der linken Seite. Die Sitzordnung ist nicht ausschließend, wird aber sehr rigide eingehalten.
Eine ältere, traditionell gekleidete Frau, sehr indonesisch, dankt uns mit Handschlag für unser Kommen.
Unter ihrem Toko-Sarong blinzelt der Rand eines Amarasi-Sarungs hervor.
Eine jüngere Frau trägt ein sehr großes oko mama durch die Gäste. Trotz der Größe ist es zu klein, und muss mehrfach neu gefüllt werden, bevor alle Gäste Betel bekommen haben.
Aber nicht alle essen Sirih-Pinang. Wir sind nicht die einzigen, die ablehnen. Ich traue mich noch nicht an die Öffentlichkeit. Zu sehr erinnere ich mich an meinen gerade erst gescheiterten Versuche.
Die Frauen aus Oebesa gehen schon früh wieder nach Hause. Der zurückgelassenen Kinder wegen. Heidrun und Kassandra begleiten sie. Ich wechsele auf die Männerseite und setze mich zu Henrik Billik. Der ist aber ungewöhnlich wortkarg. Der alte Billik ging schon vor einer Weile hinters Haus. Jemand anderen kenne ich noch nicht.
Ohne zu wissen, wie es weiter geht, sitze ich vor dem Haus und beobachte die immer noch kommenden Gruppen neuer Trauergäste. Alle bringen die gleichen Geschenke für die Familie des Verstorbenen mit.
Die ganze Zeit kreist das überdimensionale oko mama. Die ganze Zeit plaudern und flanieren die Gäste vor dem Haus. Es heißt, man warte auf Kinder des Pak Lurah, die noch nicht aus Surabaya eingetroffen sind.
Plötzlich und unerwartet drängt der junge Billik zum Aufbruch. Ich ignoriere zuerst, er ist jedoch fest entschlossen, mich mitzunehmen. Wieder einmal unsicher, kann ich nach der dritten Aufforderung dann auch nicht mehr so tun, als verstände ich nicht, worum es geht.
So erfahre ich nicht, worauf alle vor dem Haus warten. Warten sie überhaupt?
Heidrun ermahnt mich dann am späten Abend, und erinnert mich an meine Ethnologen-Pflicht. Vor der Haustür wartet schon Marselinus, den ich nun nicht versetzen kann. Eine Revanche wäre angebracht gewesen. Marselinus kommt wie immer zu spät – oder zu früh – kommt nicht vergebens.

Mittwoch, 6. März
Früh morgens halte ich einen Bus auf der Straße an. Bestelle ihn für eine Stunde später.
Wir wollen nach Kupang. Wegen der Pakete und des Geldes.
Kassandra quengelt schon seit Tagen wieder. Eis essen!
Also beschließen wir, noch einmal zu dritt ans Meer zu fahren.
Diesmal kreisen wir nicht durch So´e, da wir den Bus vorbestellt haben. Als der Bus bei uns hält, ist er bereits voll besetzt.
Schon auf der Fahrt nach Kupang fühle ich mich zunehmend unwohl. Kopf- und Gliederschmerzen, ansteigendes Fieber.
In Kupang führt der erste Weg zur Post.
Ein guter Entschluss. Drei der vier Pakete sind angekommen. Allein wäre es schwierig gewesen, sie nach So´e zu transportieren.
Wir nehmen die Pakete, gehen gleich in die Apotheke um Aspirin zu kaufen. Mein Fieber ist weiter gestiegen. Das Aspirin soll es unterdrücken.
Auch auf der Bank Dagang Negara sind wir erfolgreich. Allerdings anders als erwartet. Eine telegrafische Geldsendung aus Deutschland ist eingetroffen. Aber weniger, als wir erwartet haben. Nur DM 1200.
Zu wenig für ein Motorrad.
Nachmittags ruft Heidrun erneut ihre Eltern an, bittet um eine Erklärung. Zwei Geldbriefe seien nach Kupang unterwegs. Insgesamt DM 3000.
Die DM 1200, heißt es, sind ein Vorschuss auf die Stipendienrate für den Moant März. Heidruns Mutter verspricht weiteres Geld zu schicken.
Wir brauchen dringend einen größeren Geldbetrag, damit ich das dringend benötigte Motorrad kaufen kann.
Ich komme sonst nicht auf die Dörfer. Die interessanten Orte sind sehr abgelegen. Mit Bus oder Bemo – keine Chance.
Es wird Zeit, weitere Kontakt- und Kommunikationsmöglichkeiten zu suchen. Die Ernte hat bereits begomnnen.
In ein bis zwei Monaten legt die Landwirtschaft ihre Ruhephase ein.

Die Stunden in Kupang sind anstrengend und hektisch. Ich sitze fast die Zeit fiebernd mit Kassandra im Karang Mas. Heidrun erledigt alle restlichen Besorgungen. Streit wegen der ausbleibenden Geldsendungen. Heidrun nimmt ihre Eltern vor meiner Kritik in Schutz.
Heute ist nicht mein Tag. Aber Kupang ist meistens unangenehm und anstrengend.
Die Rückfahrt ein Horror. Ich friere und schwitze abwechselnd. Im Sitz zusammengekauert und notdürftig in ein Tragetuch eingewickelt, versuche ich dem kalten Fahrtwind zu entkommen, der durch die Fensteröffnungen weht.
Hinter Camplong liegt ein umgestürzter Baum auf der Straße, der die Weiterfahrt blockiert. Fahrzeugschlange, ein auf dem Seitenstreifen liegengebliebener Bus. Menschenauflauf, abenteuerliche Abschleppmanäver. Nach einer halben Stunde fahren wir weiter.
Zurück in So´e bin ich völlig fertig. Mein Fieber ist auf Vierzig Grad gestiegen.
In einem der Pakete ist Kassandras kleines Holzdreirad. Ich will unbedingt sehen, wie sie sich freut, bevor ich im Bett verschwinde. Aber die eigentliche Attraktion sind zwei neue Bilderbücher, die sie für heute nicht mehr aus der Hand legen will.
Der größte Teil meiner Handbibliothek ist angekommen. Leider sind die Middelkoop-Aufsätze und seine Grammatik des Uab Meto ist dabei.

Donnerstag, 7. März bis Mittwoch, 13. März
Ich bin richtig krank. Die nächsten beiden Tage bleibe ich im Bett. Das Fieber bleibt auch, trotz reichlich Aspirin und kalten Wadenwicklen, bei neununddreißig bis vierzig Grad stehen.
Am Samstag ist mein Hals rot und geschwollen, mein Gaumensegel hängt mir wie ein Fremdkörper entzündet im Rachen.
Und immer noch hohes Fieber. Ich nehme nun Aspirin und Antibiotika. Hoffe auf schnelle Besserung. Apis D4, Bienengift, wäre nun gut um die unangenehme Schwellung zu heilen.
Ich habe starke Halsschmerzen, was sich auf meine Angst vor Malaria günstig auswirkt.
Am späten Nachmittag gehe ich zum Arzt. Er ist natürlich nicht da.
Ich setze mich in einen der Drahtrohrstühle, deren Sitz ein Netz aus Platikschnüren ist. Eine lange Wartezeit. Dann die gründliche Untersuchung: Streptokokken-Angina, so der Arzt. Völlig normal in dieser Jahreszeit, neuzig Prozent der Bevölkerung leiden jetzt darunter.
Und ich habe mich mal wieder angesteckt. Irgendwo!
Therapie: fünf Tage lang eine recht hohe Dosis Penicillin. Verschiedene andere Tabletten, mit denen die Halsschmerzen behandelt werden. Es dauert noch Tage, bis das Fieber ganz verschwunden ist, und noch länger, bis die Halsentzündung überstanden ist. Das Penicillin schädigt meinen Magen, nach drei Tagen kann ich kaum noch etwas essen, das Liegen im Bett bringt meinen Kreislauf durcheinander und ich nehme schon wieder ab.
Antriebslosigkeit. Schlechte Laune. Ich liege die ganzen Tage im Bett, grübele, denke über mein Leben nach, das mich nach So´e geführt hat. Mir erscheint Feldforschung immer undurchführbarer. Ich fühle mich überlastet. Die Verantwortung für Heidrun und Kassandra drückt auf meine Stimmung.
Ich zweifele und stelle mir vor, ohne Ergebnis zuürck nach Deutschland zu kommen.
Ich ziehe mich hinter meine Krankheit wie hinter einen Schutzschirm zurück, verliere jegliche Motivation. Ein psychisches Tief, das sich seit Wochen ankündigt, hat mit der Infektion zugeschlagen.
Die Vorstellung, abzubrechen, nach Hause zu fahren, scheitert an der Realität: Wo ist unser zu Hause, wenn nicht hier!
Zu endgültig haben wir uns auf dieses Unternehmen eingelassen. Die Rückkehr ist zu schwierig.
Ich leiste es mir, ein paar Tage schwach zu sein, um wieder zu Kräften zu kommen.
Ich denke an Almayers Wahn, die Lethargie des Europäers in den Tropen Ich weiß, dass ich meine Aktivität nur wieder bekomme, wenn ich sie mir nehme.
Es wird Zeit, dass ich mir ein Motorrad kaufen kann.
Ich muss raus aus So´e.
Alles andere entscheidet sich erst dann.
Zwei weitere Tage im Bett. Deprimiert. Genervt. Das Penicillin habe ich inzwischen aufgegessen. Mein Magen in der Revolte. Übelkeit und Schwindel bleiben mir noch Tage erhalten.

Montag, 18.März
Ich bin wieder gesund, obwohl mein Magen anderer Ansicht ist.
Ich fühle mich physisch und psychisch wieder im Gleichgewicht. Ein erholsames Wochenende ohne größere Aktivität und Bewegung. Heidrun hat inzwischen ein gutes Stück des Lotis abgewebt. Die Technik hat sie inzwischen restlos verstanden. Es bereitet ihr keine Probleme mehr, dass Muster umzusetzen.
Wir überarbeiten die Dokumentation erneut, korrigieren die Missverständnisse und Fehler der ersten Tage.
Uns gelingt eine gute, präzise Beschreibung der Musterbildung.
Jetzt, wo jeder einzelne Handgriff, die aufeinander abgestimmten Schritte, der gesamte Arbeitsprozess beschrieben und gezeichnet ist, wird uns wieder deutlich, mit welch komplizierter Technik wir es zu tun haben. Es scheint uns fraglich, ob Außenstehende den Arbeitsprozess aufgrund einer Beschreibung nachvollziehen können. Wir haben erst alles verstanden, nachdem wir selbst einen Lotis angefertigt haben.
Und das hat uns einige Wochen intensives Experimentieren, Befragen und Nachvollzug gekostet.
Trotz unserer Mühe, die Beschreibung und Erklärungen anschaulich zu gestalten, bleibt ein komplizierter, nicht weiter zu vereinfachender Rest.

Nona Sara ist immer wieder unsere Rettung. Sie hat inzwischen den größten Teil der Hausarbeit übernommen, was uns sehr entlastet. Wir gewinnen Zeit, um konzentriert zu arbeiten, gewinnen Zeit, uns mehr mit Kassandra zu beschäftigen, was unserer Beziehung gut tut.
Kassandra und Nona Ka, wie sie Sara nennt, verstehen sich gut.

Dienstag, 19. März
Die Krise ist bewältigt. Ich habe wieder eine klare Perspektive und neuen Mut gefasst.
Ich habe viele Ideen, wie ich meine Arbeit organisieren kann. Wo ich beginnen kann. Es fehlen zwar noch immer die richtigen Kontakte, die ich in So´e bisher nicht finden konnte.
Wo sind sie nur: Meine Informnanten!
Ich brauche das Motorrad.

Ich werde den Fehler die involvierten Behörden zu vernachlässigen, nicht wiederholen.
Ich werde zukünftig der jeweiligen Desa-Staff die Gelegenheit geben, mich einzuführen. Jedem Bürgermeister, jedem Kepala Desa, Rukun Wilayah, Rukun Tetangga und wie sie sonst noch alle heißen, werde ich meine Aufwartung machen.
Mein erster Kontakt.
Meine erste Anlaufstelle.
Die lokale Behörde, der ich meine Bitte um Unterstützung vortragen werde. Die entsprechenden Schreiben aus Jakarta und Kupang besitze ich.
Außerdem werde ich mich um einen Zensus kümmern. Ich will wissen, welche Kanaf in welchem Kuan lebt. Auch, welche Position, welchen Status, wer wo bekleidet.
Dann kann ich beurteilen:

  • Welche Namengruppe besitzt Kua-tuaf-Status? Welche Namengruppe siedelt in dieser Region am längsten, sodass sie bestimmte Rechte, Verpflichtungen und Privilegien besitzt?
  • Welche Kanaf ist zugewandert (Atoin-atokos-Status)? Woher ist sie gekommen?

.

Meine Hypothese lautet: Die Musterung der Atoin-Meto-Textilien bezieht sich auf die Zugehörigkeit zu einer Kanaf. Möglicherweise bringt ein Zensus etwas Licht in diese Zusammenhänge. Meine Fragen dazu lauten nämlich:

  • Verwenden kua tuaf und atoin atokos beziehungsweise atoin amnemat unterschiedliche Musterungen?
  • Worin unterscheiden sich diese Musterungen? Welche Elemente sind vom Wohnsitz, welche von der Zugehörigkeit zu einer der Kanaf abhängig?
  • Welche Musterung ist lokal, einheimisch (meto), und welche ist importiert (kase)? Und wenn ja, wo ist diese Kase-Musterung einheimisch?
  • Existieren inzwischen zusätzlich Mischformen der Musterung oder Musterungstechni?.

Meine letzte Frage bezieht sich auf die vielen Migrationen von Segmenten der Atoin Meto, die aus einem östlich liegenden, ursprünglichen Siedlungsgebiet aufgebrochen sind, und die entlang einer Nordost-Südwest-Wanderung westwärts – ins weite Land, ins breite Land – gezogen sind.
Diese Migrationsrichtung lässt sich aufgrund der eifersüchtig gehüteten Fatun-Namen einzelner Namengruppen rekonstruieren, deren Majorität in Ost-Zentral-Timor zu finden sind.
Ich vermute, dass bestimmte Musterungen mit einem bestimmten Fatun verbunden sind, der ihr Ursprungsort ist. Darüber hinaus sind sie das Eigentum jeder Kanaf, deren Segmente diese Musterungen in Westtimor verbreitet haben.
Grundsätzlich: Jede Musterung, in beliebiger Variation, kann heute überall angetroffen werden. Molo-Musterungen in Amanatun, Amanuban-Musterungen in Molo und so weiter in beliebiger Mischung.
Bestimmte Elemente scheinen allerdings konservativer zu sein, das heißt weniger veränderlich, da sie als Marker ethnischer Zugehörigkeit unverzichtbar sind.
Ob sich die Musterungen zum Fatun zurück verfolgen lassen?.
Wenn mir das gelingt, habe ich eine erste Ordnung in die Musterungsvielfalt der Atoin-Meto-Textilien eingeführt.

Bleibt die Frage nach der Bedeutung – nach der semantischen Dimension – der Musterungen. Keine der von mir gesammelten Informationen bestätigt im Entferntesten die Hypothesen meiner Magisterschrift.
Von Raute und Spirale als Basismotive der Musterung spricht hier niemand. Spreche ich diese These an, ernte ich erstaunte Blicke.
Es scheint, als ob das Uab Meto kein sprachliches Äquivalent für diese Formen besitzt. Niemand empfindet einen ‚kaif als rautenförmig oder aus Spirallinien aufgebaut.
Von Krokodil und Vogel habe ich bisher noch nichts gesagt, da ich sonst für verrückt gehalten werde. Trotzdem: Marselinus zählt Motivnamen auf, die in diese Richtung weisen.
Malul mee, malul teke, malul kolo. Auch der kol koroh, das Vogelmotiv aus Baun, gehört in diesen Zusammenhang.

In Oebesa kennt man nur Namen, die sich auf die formalen Aspekte eines Motivs beziehen: der große `Kaif (‚kaif naek), der rückwärts gebogene ´Kaif (‚kaif koti) oder der rückwärts, inwärts gebogene´Kaif (‚kai koti-‚kai nan).
Diese Motivnamen listet DEPDIKBUD 1989 für T.T.S. auf.
Es gibt andere Beobachtungen, die meinen Verdacht schüren. Das Lotis-Motiv ist ein `Kaif tola.
Der Tola ist keine formal-morphologische Bezeichnung. Der Tola ist der Opferpfahl der indigenen Kultur. Aus dem christlichen Amanuban inzwischen verschwunden; nicht vergessen.
Erst gestern hörte Heidrun beim Weben auf der Terrasse zwei Frauen, die unser Motiv ´kaif tola oder cikcak nannten.
Es ist ein vertrautes Phänomen, dass rituell Bedeutsames aus der alltäglichen Kommunikation ausgeklammert wird. Hinter Schutzbezeichnungen versteckt wird.
Die Gestalt des Cickak ähnelt der des Krokodils. Morphologisch!
Was verbergen die formalisierten Motivnamen: großer Haken (´kaif naek), nach hinten gebogener Haken (´kaif koti) oder nach außen und innen gebogener Haken (´kae koti-´kai nan).

Und überhaupt: Was soll das ganze Getue um diesen Hacken?
Was hat ein Hacken auf einem Kleidungsstück zu suchen?
Was bedeutet den Atoin Meto dieser Hacken?
Und worin liegt seine Symbolik?
Mit diesen Fragen befinde ich mich im Zentrum meiner Forschung zur Ikonographie. Dieser Haken wird in der Aufklärung eines mysteriösen Symbols eine wichtige Rolle spielen.

An dieser Stelle endet mein Indonesisches Tagebuch, das bereits in den letzten Kapiteln mehr und mehr in mein Feldforschungstagebuch übergegangen ist.
Während die Blätter des Indonesischen Tagebuchs größtenteils von privaten Erfahrungen und Erlebnissen aus den ersten Monaten meines Aufenthalts in Indonesien berichten, sparen die anschließenden Kapitel des Feldforschungstagebuch Privates aus. Dieses zweite Tagebuch enthält, Kapitel für Kapitel, die Ergebnisse meiner Feldforschung in unbearbeiteter Form, sodass der Entstehungsprozess meiner Daten für den Leser transparent wird. Ich hoffe, mit diesen beiden Tagebüchern, jedes auf unterschiedliche Weise, dazu beizutragen, dass das Subjektive und Persönliche einer wissenschaftlichen Forschung zukünftig immer weniger verschämt verschwiegen werden muss. Mein Wunsch ist, dass die Einstellung, das ehrliche Eingeständnis eigener Subjektivität, behindere eine wissenschaftliche Karriere, nun endlich der Vergangenheit angehört.

Copyright 1995. All Rights Reserved (Texte und Fotografien)

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